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Neue jüdische Presse · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite i Zahl der aus Spanien vertriebenen Juden. Für uns kannes nur eine Emigrationsfrage geben, nur eine Jmmigrationsfrage: nach Palästina! Die Auswanderung der Juden aus Rußland geschiehtnicht lediglich aus ökonomischen Gründen, vielmehr hat sie ihre Ursache in den politischen Verfolgungen. Der Prozentsatz der auswandernden Kinder hat in der jüdischen Emigration die höchste Zahl erreicht. Auch zeichnet sich die jüdische Emigration dadurch aus, daß sie zu einem großen Teile aus intelligenten, gelernten Arbeitern besteht. Der Referent appelliert an die jüdischen Organisationen, sie möchten die jüdische Auswanderungsfrage tiefer behandeln und für die Regelung der jüdischen Emigration mehr Sorge tragen, als bisher der Fall war. Er stellt den Eintrag: Der zehnte Zionistenlongreß stelll fest, das die bisherigen Versuche zur Regulierung der Emigration ungenügend sind, undbaß cs Aufgabe der Zionisten ist, sich mit der jüdischen Auswanderung zu befassen, insbesondere mit der Einwanderung in Palästina. Der Antrag wird angenommen. L. Motzkin hält ebenfalls ein Referat über die Emigrationsfrage und führt u. a. folgendes aus: Die bisherige Methode der jüdischen Auswanderung führte nur zur Zersplitterung unserer Kräfte. Diese Methode hat dem jüdischen Volke große Schäden gebracht, selbst wenn sic einzelnen oder Gruppen zu Gute kam. Die Auswandererfrage ist nur ein Ausdruck der allgemeinen Judcnfrage. Ferner kritisiert der Referent das Verhalten vieler großen jüdischen Korporationen zu der jüdischen Auswandcrungsfragc, die nicht in ihrer ganzen Größe und Tiefe aufgeworfen wird.. Er bemängelt das Fehlen eines Prinzips bei der Auswanderungstätigkeit dieser Korporationen und bemerkt, daß dort, wo sie ein solches Prinzip aufgestellt haben, dieses ein. cntnationalisierendes war. Deshalb sollten die Zionisten sich umsomehr gegenüber dem. Plane einer Gesamtorganisierung der Arbeit in Form eines Emigrationskongresscs nicht gleichgültig verhalten. Motzkin stellt den Antrag: Der Zionismus ercrblickt in der jüdischen Auswanderung nicht nur ein Resultat allgemeiner wirtschaftlicher Verhältnisse, sondern in erster Reihe eine Folgenerscheinung der historischen Judennot. Wenn auch die endgültige Losung der Emigrationsftage mit der Lösung der Judenfrage, das heißt, mit territorialer Konzentrierung in Palästina verknüpft ist, erblickt jedoch der Zionismus in der Regelung der Emigration eine temporäre Lebensfrage der bedrängten jüdischen Massen und sieht in jedem Bestreben, das auf die Zerstreuung dieser Massen ausgeht, eine antinationale Tendenz. Der Zionismus schließt sich daher allen Bestrebungen nach Gcsamtorganisierung der Auswanderungshilfc an, begrüßt mit Freude die Idee eines Emigrationkongresses, an dem die zionistische Organisation vertreten sein soll. Die Parolen des Zionismus sollen dabei folgende sein: a) Allgemein jüdische -Organisierung nnd Regelung der Auswanderung; b) Konzentration, nicht Zerstreuung; c) Ausforschung aller Arbcitsmöglichkeiten im Orient. Davis Trietsch meint, die Emigration nach Nordamerika, ebenso wie die nach Argentinien, habe uns zur Genüge gezeigt, daß die Juden mehr der städtische,,- Ansiedelung als der ländlichen zugetan sind. Die Auswanderung nach Palästina ist für uns mit bedeutend weniger Kosten verbunden als wie nach Nordamerika. Während die Aiiswanterungskosten nach Nordamerika pro Familie ca. 1000 jL betragen, reichen für die Auswanderung einer FamiliL nach Palästina ca. 200 M aus. Die Türkei ist auf die Einwanderung aus Europa angewiesen. Wir müssen alle Mittel ergreifen, um die jüdische Einwanderung nach dem Orient zu fördern. Zu diesem Zwecke stellt Trietsch folgenden Antrag: Der Kongreß beschließt die Schaffung eines zionistischen Emigrationskomitees mit dem Sitze in Berlin, und mit folgenden Zwecken: 1. Sammlung informativer Materialien über alle Möglichkeiten jüdischer Einwanderung nach Palästina und andere,: (vorzugsweise den nächstgelcgenen) Gebieten des Osmanischen Reiches; 2. Verbreitung dieser Information. Realisierung (resst Beihilfe zur Realisierung) der gefmidencn Möglichkeiten. Die Anträge Motzkin und Trietsch werden einer Lgliedrigen Kommission — Dr. Katzenelsohn, Motzkin, Zuckermann, Dr. Pasmanik, Dr. O. Thon, Brutskus, Lubarsky und Trietsch — zur Prüfung überwiesen. - Schluß der Vormittagssitzung gegen iy» Uhr. * 8. Sitzung, Sonntag, den 13. August, Nachmittag. Ussischkin eröffnet die Sitzung gegen 4 Uhr in hebräischer Sprache. Diese Sitzung wird der Frage der geistig-kulturellen Renaissance gewidmet und in hebräischer Sprache geleitet. N. S o k o l o w, stürmisch begrüßt, nimmt das Wort zu -einem Referat über diehebräischeSprache. Er führt u. a. folgendes aus: Es gab eine Zeit, in der die hebräische Sprache die lebendige. Sprache unserer Nation war. Und wie lebte diese Sprache! Frankfurter Israelitisches FamAienblatk. Sie zeigte, daß sie alles vermöge, eine unversiegliche Quelle von Kraft und Lust für jedes Gebiet geeignet, für jedes Zeitalter passend, dein Heiligen dienend und das Alltägliche umfassend, klar deutend und farbenreich, zart und blühend in junger Liebe in Schir-Haschirin,, herzerschüttenid und wehklagcnd mit Jcremjahu. Die urewigen Wege der Vorsehung erforschend mit Jjob, in unvergleichlicher, keuscher, naturreiner Bescheidenheit erzählend mit Ruth. Andere' Zeiten kamen, schlaff hingen die Harfen an den Trauerweiden an den Bächen Babylons. Die Lewiten wollten das Lied Gottes auf fremdem Boden nicht mehr anstimmen, — sie stimmten es aber doch an! Die Sprache trieb die herrlichsten Blüten weiter. Und wie erblühte diese Sprache wieder im goldenen Zeitalter der Juden Spaniens! Me hatte in der Weltgeschichte eine solche Renaissance einer Sprache stattgefunden. Sind tausend Jahre nach Homer, Ovidius und Cicero neue Homer, Ovidius und Cicero erstanden? Aber mehr als tausend Jahre nach Jeschajahu, Jirmijahu und Jcchezkel sind neue gottbegnadete Seher erstanden, die Halewi, die Gabirol, die Jbn-Esra — weil der Genius unserer Sprache nicht gestorben ist. Kein Volk in der Welt hat es so tief verstanden, wie das unsrigc,. welche Bedeutung die Sprache für die Erhaltung und die Entwicklungder Nationalität hat. Die Sprache ist eine Hochburg des Volkstums. So oft unser Volk seine Sprache^ aufgegeben hat, ist ihm der wahre Quell seines Seins abgeschnitten, worden. - Die Restauration des Volkes unter Esra und Ncchemia begann mit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache; die Ncttnngstat R. Jochanan Ben Säkkais für die Erhaltung des Volkstums nach de», Verlust der politischen Selbständigkeit war bekanntlich die Gründung einer Schule für -jüdisches Wissen. Ohne Hebräisch sind wir nichts. - Referent stellt folgende Anträge, (L:. Der X. Zionistenkongreß anerkennt die Notwendigkeit, einen hebräischen Schulverein zu gründen, der die Wiederbelebung der hebräischen Spracheals gemeinsamer Nationalsprache des jüdischen Volkes bezweckt. 2. Der Kongreß möge die Initiative ergreifen zur Gründung eines Allgemein hebräischen Schnlvereins ,md einer Sprachakademie. 3. Der Kongreß beschließe die Schaffung eines hebräischen Ressorts am Zentralbureau. > Der Vortrag wird mit stürinische», langananhaltendcnr Beifall angenommen. Dr. Nacht -(Misrachi) betont die Nvttvendigkeit, „eben der Förderung der hebräischen Sprache, als der Form unseres nationalen Seins, den historisch nationalen Inhalt des Judentums, der vornehmlich in der jüdischen Religion zu finden ist, nicht zu vernachlässigen. Er rügt daher manche antireligiösen Ausfälle seitens einiger hebräischer Schriftsteller. Dr. Daiches gibt der Freude darüber Ausdruck, daß man schließlich dazu gelangt ist, den Kongreß in, Zeichen der hebräischen S p rache und Kultur abzuhalten. Der X. Kongreß habe gezeigt, daß die Kultur frage die erste, die ledeutendstc Frage des jüdischen Volkslebens ist. Redner fährt fort: Am ersten Kongrcfitage haben wir aus den Lichtbildern unseres Freundes Loewe ersehen, was für große Fortschritte die Entwickle,,g des palästinensischen Bodens gemacht hat. Am 2. Tage sahen lvir die Zeichen des neuen Pulsierenden jüdischen Lebens; unsere Brüder und Schwestern aus Palästina sangen hebräische Lieder, die voll waren des Erdgeruchs Erez Israels, — und Tränen der Freude füllten unsere Augen. Freitag hatten wir die Kultnrdebatte, und wir sahen, daß alle Fraktionen, daß die Misrachisten wie die Poale Zion eine friedliche Diskussion gehabt haben. Und lvcnn auch nur noch der leiseste Zweifel bestanden hätte, ob der Misrachi Sinn für die Kulturfrage hat, so war dieser Zweifel durch die Versammlung vom Samstag beseitigt; der Misrachi hat durch die Bildung eines Kultnrvereins gezeigt, daß er Verständnis für die hebräische Kultur hat. Neben der Pflege der modernen hebräischen Sprache und Literatur müssen 'wir uns dessen bewußt werden, daß lvir unsere alte Literatur nicht mehr verstehen. Ob orthodox oder Reform, wir dringen nicht mehr in die W a h r - heilen und Schönheiten unserer Bibel ein; wir können den Geist unserer Gesetzgebung, Propheten und Seher nicht voll und ganz erfassen. Wieso? Weil wir uns von unserem Lande zu sehr entfernt haben. Wir müssen wieder zum Bibelvolke werden, und das ist nur möglich im Lande unserer Väter. Dr. Daiches beantragt: Der Kongreß möge beschließen, daß die zionistischen Vereine die Gründung von.hebräischsprechenden Gruppen anstreben und die Jugend dazu heranbilden sollen, das Hebräische als Umgangssprache zu benutzen. Mit Genugtuung hebt er hervor, daß Sokolow die Bibel als bas Fundament der hebräischen Kultur bezeichnet hat. Darauf werden vier Generalredner gewählt. Ar. 33. Berlin spricht im Namen des Misrachi seine Freude darüber aus, daß der Kongreß endlich die Bedeutung des Hebräischen anerkennt. Er teilt mit, daß es gelungen ist, das Grundkapital für die Tachkemonischule in Jaffa auf 125 000 JL zu erhöhen. Er beantragt: Der Kongreß möge es allen Zionisten zur Pflicht machen, für die hebräische Sprache und -Literatur zu 'wirken. Diese Arbeit könne aber nur von den Förderationcn gemäß ihrer Anschauungen geleistet werden. Syrkin hebt die- Notwendigkeit hervor, im engeren Aktionskomitee ,ein Kultur re ssort zu bilden. Zlatopolsky spricht ebenfalls über die dringende Notwendigkeit, die hebräische Sprache und Kultur innerhalb der zionistischen Organisation mit allen zu Gebote stehenden und noch zu schaffenden Mitteln nach verschiedenen Richtungen hin zu fördern. Chasanowitsch spricht sich gegen die von Sokolow vorgeschlagenen Resolutionen aus, da dieselben nicht den Anschauungen aller Parteien der zionistischen Organisation entsprechen. Im Namen der P.oale Zionisten erklärt er, daß sie wohl die hebräische Sprache als die nationale Sprache der jüdischen Vergangenheit und Zukunft anerkennen und zu fördern bestrebt sind, jedoch der jüdischen Umgangssprache (dem Jargon) die Bedeutung eines volkstümlichen Bindemittels für die großen jüdischen Massen der Gegenwart beimessen. Daher könne nicht das Prinzip her Ausschließlichkeit des Hebräischen als der einzigen nationalen Sprache vom Kongreß ausgesprochen werden. Er beantragt, die Kulturarbeit soll als eine autonome Angelegenheit der zionistischen Vereine anerkannt werden. Es wird eine Kulturkommission gewählt, die die Aufgabe hat, dem Kongreß Vorschläge zu unterbreiten. Gegen 0 Uhr wird die Sitzung geschlossen. - * 9. Sitzung, Montag, 14. Ang., vorm. 10 Uhr. Vorsitzender Vizepräsident Dr. Bodcnheimer eröffnet die Sitzung. Frl. Prof. Schach hält ein Referat über „Fr a u e n a r b e i t im Zionismus". Sie führt u. a. folgendes aus: Die Frau hat immer eine große Rolle in der jüdischen Geschichte gespielt. Diese Rolle muß auch den -zionistischen Frauen z,»gewiesen werden. Für die zionistische Frauensache braucht man kein Ricsengeld, sondern vielmehr Gemüt und Verständnis. Man muß de», Mißstande ak helfen, da selbst die zionistischen Herren ihre Frauen nicht zur Mitarbeit am zionistischen Ideal heranziehen, während die jüdische Frau am Besten dazu geeignet ist, national erzieherisch zu wirken. Es ist beschämend, wenn jüdische Kinder des Hebräischen nicht mächtig sind. Die jüdische Frau soll dahin bestrebt sein, das jüdische Haus zu nationalisieren und zu hebraisieren. Sie soll das -Familienleben im echt jüdischen Stil zu gestalten versuchen. Auch bei der Agitations- und Propagandaarbcit des Zionismus kann die Frau große Dienste leisten und manches erreichen, was oft den, Manu unzugänglich ist. Die Refercntin weist auf den in Haag begründeten Francnvcrband für jüdische Kulturarbeit in Palästina hin und bczeich.net als die nächste Aufgabe den Zusammenschluß aller zionistischen Frauen. Sic beantragt: DerKongreßhältfürdringend wünsch.enswertden Zusammenschluß der zionistischen Frauen und die Errichtung einer Zentralstelle für zionistische Frauenarbeit. Das Referat findet allgemeinen Beifall. Der Antrag wird fast einstimmig a n g e n o m m e n. Dr. Emil Margulies, Referent der Orgaganisationskommission, erstattet einen Bericht über das neue Or g an i sa ti on s sta tu t. Er bespricht die verschiedenen Versuche einer Verbesserung des Statutes und weist auf die Schwierigkeiten hin, die infolge der verschiedenartigen Verhälttiisse und Organisationsbegriffe in verschiedenen Ländern zu überwinden waren; dann behandelt er die Frage der Landesorganisationen und Sonderverba,,de. Das leitende Organ der Bewegung soll ein Kollegium von 5 oder 7 Mitgliedern bilden, deren Mehrzahl an demselben Orte wohnen soll. Dieses Organ soll einem Aktionskomitee von 25 Mitgliedern verantworttich sein, diese Mitglieder sollen die Möglichkeit haben, öfters zwecks Beratung zusammenzukommen, und ein Zentralkomitee aus Vertretern aller Landesorganisationen bestehend soll einmal im Jahre zw sannnentreten. Dr. Weizmaun, stellvertretendeer ' Vorsitzender des Permanenzausschusses, macht einige Abänderungsvorschläge, nämlich, daß das Aktionskomitee aus 25 Mitgliedern bestehen und das große Aktionskomitee vom engeren Aktionskomitee einberufen werden soll, ferner, daß die Bestimmung, wonach der Vorsitzende des Aussichtsrates der jüdischen Kolonialbank und der Vorsitzende des Aktionskomitees im Präsidiun, Sitz und Stimme haben, gestrichen werde. ES entspann sich eine Geschäftsorbnungsdebatte in Bezug auf den Modus, wie über das Statut zu diskutteren und abzustimmen sei. Im Name,, der vereinigten Landsmannschaften verlangt- Dr. Marmoreck,- daß die. Bestimmungen bezüglich

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