Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ßerte 5 Nr. 33. Franksurier Israelitisches FanMenblatk. der Konstituisoung des Permanenzausschusses als zur Geschäftsordnung gehörend behandelt werden sollen. Dieser Vorschlag wird angenommen. Darauf nimmt der Kongreß das Organisationsstatnt an d 1 oc an, mit den von D r. W e i z m a n n v o r g e s ch l a g e n e n A e n d er n n g e n. Schluß der Vvrmittagssitzung l1/» Uhr. (Schluß in der Beilage). Aus aller Wett. Rußland. Petersburg. In seinem antisemitischen Wüten gegen die Juden, wodurch er sich am Ruder zu halten glaubt, geht S t o l y p i n. jetzt auch gegen die „Ira" vor. Die „Jca" habe nur die Ausgabe, die Auswanderung der Juden zu fördern, nicht aber durch die Gründung von Kreditgenossenschaften die jüdische Lage zu bessern. Die Regierung werde dafür sorgen, daß die „Jca" ihren Aufgabeukreis nicht überschreitet. Petersburg. ..Rjetlch" erzählt folgenden .charakteristischen Fall: Der jüdische Soldat Josef Warkbrot verrichtete im russisch-japanischen Krieg wahre Wunder von Tapferkeit, avancierte dadurch.zum Unteroffizier und erhielt eine Anzahl Orden. Dieser Warkbrot nun konnte jetzt eine gute Stelle in Sibirien erhalten, doch als Jude wurde ihm — das Wohnrecht verweigert. Warschau. 14% der 12 Millionen Seelen zählenden Bevölkerung Russisch-Polens 1% Millionen Seelen sind Juden. Infolge Zuwanderung aus Inner-Rußland, wo die Ausweisungen, und Lithauen, wo die Armut sie vertreibt, nimmt die jüdische Bevölkerung Russisch- Polens seit Jahren ständig zu, während in dem preußischen und österreichischen Polen eine fortwährende absolute und relative Abnahme der jüdischen Scelenzahl zu verzeichnen ist. Türkei. Konftantiuopel. Großrabbiner Haim N a h u m hatte eine Audienz beim G r o ß w e s i r. Er machte den Großwesir darauf aufmerksam, daß manche jüdischen Kolonien in Palästina durch Gewalttätigkeiten ihrer arabischen Nachbarn zu leiden haben, sowie ferner", daß manche Beamten in Palästina den Juden bei Bodenkäufcn und -Verkäufen Schwierigkeiten machen. Der Großwesir erklärte die Gewalttätigkeiten als gewöhnliche Rohcitsvcrgehcn, wie sie überall Vorkommen; bezüglich der Uebergriffe der Beamten werde er das Nötige veranlassen. Ohne Wohnrecht. Skizze aus dem jüdischen Leben Petersburgs von Leo Kadinsky-Petersburg. I. Das Abendessen war beendet. Das Fräulein verabschiedete sich von dem General rmd seiner Gemahlin und verließ, von den drei Kindern begleitet, den Speiscsaal. Unten im Vorzimmer half ihr der Diener in Pelzjacke und Gummischuhe. Dann trat sie vor den hohen Spiegel, um den Hut anfzusetzen und die Handschuhe über die Hand zu ziehen, dabei fortwährend mi: den Kindern plaudernd. Der Diener öffnete die Tür, die Kinder reichten die Hand zum Mschied, — und sie stand puf der Straße. Draußen tvar es schon ruhig geworden. Vereinzelt eilten noch Geschäftsleute nach Hause. Manchmal fuhr auch ein Wagen vorbei, der seine Insassen zu einem Konzert oder sonst einem Vergnügen brachte. Ein rauher Frost sank hernieder, stülpte die Kragen der Passanten hoch, bedeckte die Steine mit einer glatten Eisschicht und machte den Dworniks das Wegfegen des frischgefallenen Schnees nicht gerade zum Vergnügen. Der Himmel war stockfinster, und nur hier und da leuchtete ein Stern. Nadjeschda Jakowlewna Milmanowa 4mg, das Gesicht in ihren Pelz versteckt, die Straße, welche zum Newsky Prospekt mündet, hinunter. Sie -sah nicht, was um sio herum vorging, sie war in Gedanken vertieft. „So ist denn der Tag schon wieder vorbei", sprach sie zu such selbst, „und eine endlose, qualvolle Nacht beginnt wiäier. Seit drei Tagen schon habe ich fast gar nicht geschlafen, denn nur wenn die Kinder ohne meine Hilfe arbeiteten, ging ich ins benachbarte Zimmer und legte mich aufs Sopha. Heute Nacht aber muß ich, wo es auch sei, ausruhen. — Gott, wie lange wird das noch dauern! . . ." Ztvei große Tränen rollten über ihre Wangen. Sie war auf dem Newsky Prospekt angekommen. Große Gaslaternen auf hohen Pfosten erleuchteten die breite Straße. Auch das Trottoir, auf dem Nadjeschda Jakowlewna schritt, war sehr belebt. Pärchen schritten per Arm daher, geheimnisvoll flüsternd.. Einzelne Gruppen von Offizieren und Studenten spazierten, laut sprechend und lachend. Junge Leute deren Gesicht vom Pelzkragen und von der Pelzmütze ganz bedeckt war, so daß nur die Augen und die rot gefärbte Nase heraussahen, drehten sich von Zeit zu Zeit um und gafften die vorbeigehenden Mädchen an. Gegenüber dem Gostinyi DworH war das Leben am lebhaftesten. Vor dem Eingänge des Kaffee Quisisana standen junge Mädchen mit erfrorenen Gesichtern und riesengroßen Hüten. Sie packten, vom Hunger getrieben, in dem Gedränge junge Leute am Arm und rissen sie mit sich fort: Schreien und Lachen erfüllte das Trottoir. Oft mußte man sich mit Gewalt einen Durchgang erkämpfen. Nadjeschda ging in dem Gedränge still und auf nichts achtend. All das Menschengemenge existierte für sie nicht, und nur wenn jemand es wagte, sie anzuhalten, hob sie die Augen empor und sagte i „Machen Sie, daß Sie wegkommmen!" Ein .Sturm der schaurigsten Gedanken wirbelte in ihrem Gehirn: „Ist mein Leben etwa besser als das einer Dirne? Ist xs denn keine geringere Entehrung, sich ewig zu verbergen, als sich jedem Begegnenden zu verkaufen? Jene haben wenigstens einen gelben Paß und können, wie abscheulich ihr Leben auch ist, doch leben. Sie können leben, wenn nicht als Menschen, so tvenigstens gls Tiere; sie können essen, trinken, atmen, schlafen und spazieren gehen. 'Aber ich! Wenn ich esse, fürchte ich, ich werde Verhaftet. Wenn ich ausgehe, zittere ich beim Anblick eines Schutzmannes. Und schlafen muh ich entweder am Tage oder in einer verborgenen Straßeneckc." Es wurde inimer kälter. Nadjeschda fühlte, daß sie stark erkältet war. Sie hustete unaufhörlich, und ein stechender Schmerz bohrte im Halse. In Gedanken vertieft, war sie von dem Newsky in ein Gewirr enger Gassen eingebogen. Welchen Kontrast bildeten diese zunr Nelvsky Prospekt! Kaum eine Mcnschenseele Ivar zu sehen, außer den- Schutzleuten, die an den Ecken standen und den Dworniks, die vor den Haustoren auf kleinen Bänken schnarchten. Ein grünliches Schild über hell erleuchteten Fenstern verriet von Zeit zu Zeit einen Traktir-). Es war fast Mtternacht. Nadjeschda hatte nicht gemerkt, daß sie schon drei Stunden guf den Straßen herumirrte. Unaufhörlich quälten sie die schrecklichsten 'Gedanken. „Ach meine Mutter, meine arme Mutter! Sie weiß nicht, wie ihre Tochter leidet. Wüßte sie es, sie würde es nicht ertragen. Und sie darf es nicht wissen. Doch wenn ich sterbe und dann die alte, unglückliche Frau kein Stückchen Brot mehr haben wird? . . . Gott, wo ist die Gerechtigkeit auf Erden! In diesem Frost, wo die Menschen mit einem leichten Schnupfen hinauszugehen fürchten, muß ich ganze Nächte wandern, — und meine Kraft ist jetzt hin." Sie brach zusammen und sank ohnmächtig in den Schnee. Mit Mühe erhob sie sich wieder, ging einige Schritte weiter, doch sie .fühlte von neuem einen Zusammenbruch ihrer Kräfte. Sie sah sich um. Im Winkel der Straße stand eine Bank. Niemand konnte sie da sehen, überhaupt war das Gäßchen wie ausgestorben. „Aber Diebe, Mörder! Des Nachts allein! Einschlafen! — Doch ich kann nicht mehr, mag kommen, was da will, ich kann nickst mehr! . . ." Sie sank auf die Bank nieder, und die Augenlider fielen ihr zu. * * * Nadjeschda Jakowlewna Milmanowna wurde in Pinsk, einer jüdischen Stadt in Weißrußland, als einziges Kind eines armen Schneiders geboren. Russisch lesen und.schreiben hatte sie, die glänzende Fähigkeiten zeigte, bei der Mutter und später bei Freundimien gelernt. Anfangs suchte sie mit christlichen Genossinnen zu verkehren, aber diese verhöhnten sie als eine Jüdin. So mußte sie sich Freundinnen in den jüdischen Häusern, in denen ihr Vater bekannt war, suchend Die. fröhlichsten Stunden ihrer Jugend tvaren die, welche sie aus den Wiesen und in den Wäldern mit ihren Freundinnen verbrachte, wo sie zusammen lasen, Blumen und Beeren pflückten, Schmetterlinge singen und spielten. Und kam sie wieder heim, sah sie den bekümmerten Vater, die weinende Mutter, und da hieß es weiter hungern, hungern. . . Ms Nadjeschda 15 Jahre alt war, traf ein entsetzlicher Schlag die Familie. Ihr Vater wurde von der ewigen Sorge um ein Stück Brot krank und starb, die Mutter und sie in der verzweifelsten Lage zurücklassend. Die Milmanows hatten ein kleines, hölzernes Häuschen, das im ganzen vier Zimmer faßte, besessen. Dieses Haus wurde jetzt verkauft, und der geringe Ertrag konnte der Mutter und der Tochter für einige Monate zum Leben reichen. Die Mutter wurde Weißnäherin und quälte sich von früh bis spät, die Tochter aber hatte Glück, eine bedeutende Putzmacherin aus Paris, die ihren Geburtsort Pinsk besuchte, nahm sie mit.!) Ein großes Gebäude auf dem NÄVski Prospekt mit Hallen, in denen sich die ersten Geschäfte Petersburgs befinden. 2) Eine Wirtschaft, wo die Bauern und Arbeiter Schnaps trinken. . . Anfangs fühlte sich Nadjeschda in der Fremde sehr unglücklich. Die Sehnsucht nach der Mutter, nach den Freundinnen und nach den heimatlichen Fluren quälte sie Tag und Nacht. Jin Arbeiten war sie äußerst geschickt. Was man ihr einmal gezeigt hatte, verstand sie, sodaß die Dame an ihr Gefallen fand. Allmählich schwand das Heimweh. Sie wurde des' Französischen mächtig und konnte in ihrer freien Zeit ihr hervorragendes musikalisches Talent ansbilden. Fünf Jahre hatte Nadjeschda in dem Hutgeschäst verbracht. — Da geschah etwas, was ein Wendepunkt in ihrem Leben werden sollte. Die Dame, die ein großes Vermögen erworben hatte, gab ihr Geschäft auf und Nadjeschda mußte sich umsehen, wie sie jetzt ihr Brot verdienen konnte. Siemußte jetzt nicht nur für sich allein, sondern auch für ihre Mutter, die alt und krank geworden war, verdienen. Das Leben in der Fremde aber war ihr überdrüssig geworden, sie sehnte sich nach Rußland zurück, noch mehr aber nach ihrer Mutter. So beschloß sie denn, pach Petersburg zu fahren. Dort hoffte sie ins Konservatorium einzutreten und gleichzeitig französischen und musikalischen Unterricht zu erteilen. Auch war ihr so ja Gelegenheit geboten, von Zeit zu Zeit ihre Mutter in Pinsk zu besuchen. Nadjeschda, die nunmehr 20 Jahre alt loar, hatte ein Aeußeres, das keine besondere Aufmerksamkeit erregen konnte. - Sie war nicht groß und nicht klein, nicht schön rmd nicht häßlich. Ihr Gesicht ioar mager, bleich, mit einem Anstrich von Melancholie, den Spuren ihrer Kindheit. Ihr schioarzbraunes Haar machte ihre Gesichtsfarbe noch auffallender. _(Schluß folgt.) „Fit-sure" Pincenez double, 14 k Goldauflage. Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst. nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons. Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmitttel. „I. W. Albert. Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun. 'Ecke Neue Mainzerstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt 1." Kunst und Literatur. The J e wish S our c es of the Sermon no the Mount by Gerald Friedlander, Minister of the Western Synagogue, London 1911. Dieses Buch ist sowohl eine Erwiderung auf die Irrlehren Claude Montefiore's, wie sie in seinem dickbäuchigen „The Synoptie Gospels" dargelegt sind, als eine selbständige Arbeit auf dein Gebiete der Quellenforschung des neuen Testaments. Es ist das letzte Wort gegen die Originalität der Bergpredigt, die die Quintessenz des Christentums und somit der gesamten menschlichen Kultur ansmachen soll. Der Verfasser, der ein enormes jüdisches Wissen mit einer erstaunenden Belesenheit in der christlichen Literatur aller Zeiten in sich vereinigt, hat den Gegenstand vollständig erschöpft. Es gibt keinen Satz in der Bergpredigt, von dem der Verfasser nicht beweisen kann, daß er von dieser oder jener hebräischen oder hellenistischen Schrift nicht abgeschrieben .wäre. Er operiert nicht mit nervösen Sentimenten, wie es Montefiore und seine Genossen in der hebräischen Literatur tun; was er sagt, ist llar und deutlich' und durch unzählige Belege und Zitaten ans den Apokryphen ufw. bewiesen. Rev. Friedlander ist auch der erste auf dem Gebiete der neutestamentlichen Kritik, der von den Schriften Philo's einen ausgiebigen Gebrauch macht, was zur Zeit, als English sein Buch schrieb, noch nicht geschehen konnte, da der große Jude aus Alexandien damals noch als ein Vorläufer von Christus, toie Johannes der Täufer, betrachtet wurde. Es ist ein großes Buch, das .mir vorliegt, und noch mehr als das, es ist ein Kidduschhaschem. Ein getaufter Jude, der dieses Buch gelesen hatte, kehrte zum Judentum zurück. Das Organ der anglikanischen Kirche pries das Buch, drückte aber die Hoffnung aus, daß es wenig gelesen iverde. Wir wollen das Gegenteil hoffen. D'r. I. M. S—d. üalser Friedrich Qaelle — Offenbach a. M. Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl( Frankfurt a„ M., Stallburgatr. 9. Tel, 259 n. 714. Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermit- AfPPlnr. telangen, Recherchen n. Auskünfte ■JblvUlll v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ans- Mw Institut führung u. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminalbeamte gesichert._ Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag» den 19. August (— 25. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 25 Min., in Setltn 8 Uhr 10 Min. Wochenabschnitt: Re-ei.. Einleitend wird von den Segnungen,- die vom Berge Gerisim aus, und