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Neue jüdische Presse · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Rr. 33. nröglW galten, sich ulit Landespolitik abzicgeben. Sie ° müssen in erster Linie für die zionistischen Ideen arbeiten nnd nicht ihre Kräfte zersplittern. Auch sei zu beachten, - daß, die Landespolitik in den verschiedenen Ländern verschieden sei nnd so könne 'es Vorkommen, daß Zionisten gegeneiander kämpfen. Er geht dann auf die Angelegenheit Kann- Warburg ein. Es sei Kami daraus ein Vorwurf gemacht worden, daß er Kritik an einem Kollegen geübt hat. Da müsse er bemerken, daß er den Standpunkt des'Herrn Kann teile; auch seine Meinung sei, es wäre besser, Prof. Marburg nicht mit kaufmännischer Arbeit zu belasten. Indem er die Leistungen des Herrn Kami, insbesondere seine langjährige Mitarbeit an den Finanzinstitutcn der Bewegung herhebt, richtet er an den Kongreß die Bitte, mit der neuen Leitung milder zu verfahren als mit der alten (Stürmischer minutenlang anhaltender Beifall.) Samuel Da ich es (London) beantragt die Erteilung des Vertrauensvotums. D r. O s i a s Thon stellt folgenden Antrag: „Der Kongreß spricht dem engeren Aktionskomitee für seine vierjährige fruchtbare und erfolgreiche Arbeit sein Vertrauen undDankUus, danktaber insbesondere Herrn Präs. Wolsfsohn, daß er das große Erbe Herzl's nicht nur erhalten, sondern gemehrt habe." Der Antrag wird unter stürmischein Beifall und nicht endenwollendem Jubel angenommen. Schluß der Sitzung um 7 Uhr. * Freitag, 11. August, Vormittagssitzung um 10 Uhr. Vorsitzender: zuerst Dr. Nord au, dann Dr. Tschlenow. Der Vorsitzende gibt Kenntnis von einem Telegramm des Grohvesiers Hakki Pascha an den Präsidenten Wolfssohn, in welchem der Chef der türkischen Regierung für die Sympathiekundgebung aus Anlaß der Brandkatastrophe in Stainbul sowie für die Geldspende von frs. 5000.— de» Dank ausspricht. Dr. Bodenheimer, der Präsident des jüdischen Nationalfonds, berichtet über die Sammlungen und die Verwaltung des Nationalfonds. Die Sammlungen bewegen sich in einer aussteigenden Linie und haben den höchsten Stand im vorigen Jahr erreicht. Die Verwaltung habe die Siedelungsgenossenschast, welche vom vorigen Kongreß beschlossen wurde, ausgebaut und habe die Hoffnung, hierdurch ein großes soziales Problem Md gleichzeitig die wichtige Frage der Schaffung eines jüdischen Arbeiterstandes in Palästina der Lösung näher zubringen. Die Verwaltung sei bestrebt, -die gegenwärtigen EinrichtMgen auszubauen, ehe man an neue Unternehmungen herantrete. Der Grundzweck, auf dem man bestehen müßte, sei die Erwerbung von Boden in Palästina für das jüdische Volk zum Zweck der 'Ansiedelung einer jüdischen Bauernschaft. Hiervon dürfe man nicht abgehen, und deshalb spreche er sich gegen eine etwaige Besteuerung des Nationalfonds aus, durch welche ein Teil der Mittel dieses großen nationalen Fonds seinem Zweck entzogen iverden könnte. Zum Schlüsse geht Dr. Bodenheimer auf die Beschwerden des Misrachi ein, die in keiner Weise begründet seien. Wenn auch der Nationalfoud keine.religiöse Polizei über seine Arbeiter ausüben könne, da dieses dem Prinzip der Gewissensfreiheit widerspreche, so sei er doch bestrebt, alle Einrichtungen so zu schaffen, daß auch der allerfrömmste Jude ohne Beeinträchtigung seiner Ueberzeugung auf den Ländereien des Nationalfonds arbeiten könne. Redner schloß mit einem Appell, indem er darauf hinwies, daß der Fonds, wenn überall so eifrig und energisch gearbeitet würde wie in Belgien und Südafrika, eine Jahreseinuahme von mindestens 12 Mill. Mk. ergeben müßte. Dr. N. K a tz e n e l s o h n, Vorsitzender des Direktoriuins der Jüdischen Nationalbank, erstattet einen Bericht über die Tätigkeit der Kolonialbank und ihrer Töchterinstitntionen: Anglo-Lcvantine Banking Company und Anglo Palästine Company. Die Entwicklung dieser Banken sei recht befriedigend. Die Operationen auf verschiedenen Gebieten haben gute Erfolge erzielt. Die Investierung des Kapitals in Palästina erreicht bereits ca 8 Mill. Fr. Im allgemeinen fei die Tätigkeit der Banken nach vielen Richtungen hin erweitert worben, die Aussichten für die Zukunft seien günstig. Hermann Struck spricht im Namen des Misrachi und fordert im Hinweis auf ein Schreiben des Oberrabbiners Kuk in Jaffa, baß die religiösen Gebote des Judentums auf den Ländereien des Nationalfonds respektiert werden sollen. Dr. Thon-Jaffa erklärt, daß auf den Besitzungen des Nationalfonds kein Fall der Entweihung des Sabbats oder der jüdischen Feiertage bekannt sei. 9 Zuckermann verlangt Toleranz in religiöser Hinsicht. Rabb. Schmelkes mahnt zur Rücksichtnahme auf die Religion und die religiösen Elemente im Judentum. Der Zionismus bedeute die Einheit Frankfurter Israelitisches Familienblatk. des ganzen Israel und müsse bestrebt sein, keinen Anlaß zu geben, der dieser Einheit Abbruch tun könnte. U s s i s ch k i n spricht unter lebhaftem Beifall. Ich spreche.wenig auf dem Kongreß. Die Zeit ist knapp. Aber cs handelt sich jetzt um eine der w i ch t i g st e n und brennendsten Fragen im Zionismus. ES ist heilige Pflicht, daß jeder klar und deutlich seine Antwort auf diese Frage gibt, damit kein Mißverständnis aufkoinmt. Ich stehe meinen Gefühlen nach dem Misrachi sehr nahe. Wenn in jedem Volke die Religion mit dem Volkstum aufs e n g st e verknüpft ist, so ist dies ganz besonders bei uns Juden der Fall; sie war uns viele Jahrhunderte hindurch das einzige Moment unserer Erhaltung. In religiösen Fragen kann man durch Beschlüsse und Resolutionen keine Stärkung bringen. Hier gibt cs nur eins: zu suchen, seinen Einfluß a,! s z u n b e n. Nach dieser Richtung hin möge der Misrachi arbeiten. Seit 200 Jahren gibt es wieder Inden in Palästina; — wo sind aber die großen Rabbiner, wo die hellen Geister in Israel? Ist es denn nicht eine Schande, daß, wenn inan im Orient einen Großralbincr nötig hat, man ihn importieren muß? Und wenn nun junge Kräfte, die alles für ihr Ideal aufopferten, die mit Begeisterung nach Palästina gingen, gekommen sind nnd eine Schule gründeten, so taten sie es selbstredend in ihrem Geiste, mit bau ich durchaus nicht einig gehe; aber sie "suchen die Wahrheit, sie sind auf dem Wege zur Wahrheit!! Auch die Misrachisten mögen Schulen gründen! Dr. Tschlenow erinnert an die feierliche Erklärung Hcrzls: Der Zionismus unternehme nichts, was das religi-se Gewissen verletzen könnte, welche Worte der Leitung ein heiliges Vermächtnis seien. Er fährt fort: Mit der Thora sind wir aus P a l ä st i n a w e g g e g a n g e n, mit der Thora werden wir znrückkommejnü Aber um sie zu ihrer alten moralischen Kraft zu bringen, inüss en wir als erste Bedingung das beobachten, daß wir volle Toleranz zwischen uns üben. Dr. Zweig spricht der Verwaltung des jüdischen Nationalfonds für ihre ersprießliche Tätigkeit den Dank aus und wünscht, daß man der systematischen Arbeit der Sammclstellen für den Nationalfond mehr Ausnlerksamkcit schenken inöge. Schluß der Vormittagssitzung gegen 1 Uhr. Nachmittagssitzung, 1 Uhr, Freitag, den 11. August. Dr. T s ch l e n o w, der Vorsitzende, teilt eine Reihe Eintragungen ins goldene Buch und eine erste Zahlung von 1000,.des Dr. Felix Teilhaber für eine Stiftung für Arbeiterwohl f a h r t in P a l äst in a mit. Es wird sodann die Debatte über N a t i on a lf o n d s und Jüdische Kolonialbank fortgesetzt. B. Goldberg betont die Notwendigkeit, die modernen Methoden des Bankwesens' auch für die Jüdische Bank anzuwenden. Insbesondere müsse man den internationalen Geldmarkt mehr berücksichtigen, der auch der jüdischen Kolonialbank zugänglich gemacht werden soll. S ch w i f f stellt einige Anfragen und macht den Vorschlag, die jüdische Kolonialbank möge der mehrfach vorgeschlagenen Gründung einer jüdischen Gesellschaft für Lebensversicherung endlich näher treten. Dr. Pinkus hebt hervor, daß die zionistischen Banken gute Unternehmungen seien, doch müsse er rügen, daß sie noch immer nicht den Weg zum internationalen Geldmarkt suchen wollen. Dr. K a tz e u e l s o h n, Vorsitzender des Direktoriums der jüdischen Kvlonialbank, gibt verschiedene Aufklärungen und weist darauf hin, daß die Bank ihrein Statut gemäß nicht berechtigt sei, Operationen einer Versicherungsgesellschaft zu machen. Hermann Struck erklärt im Namen des Misrachi, daß dieser nie beabsichtigt hätte, irgend einen Druck auf die persönliche Freiheit der zionistischen Beamten in religiöser Hinsicht auszuüben. Er fordere aber, daß die jüdischen Gebote auf den Ländereien des Nationalfonds respektiert werden. Dr. Lcvh regt an, eine Kontrollkommission in P aläst ina einzusetzen, die die Tätigkeit der zionistischen Organisation überwachen soll. Hinsichtlich der Forderungen des Misrachi führt er aus: Wir wollen den Juden, die wir nach Palästina fuhren, nicht nur Brot geben, sondern auch jüdischen Geist, jüdisch e K u l t u r. In die persönliche Freiheit des Einzelnen mischen wir uns nicht ein. Aber es gibt auch Grenzen für die individuelle Freiheit, und gerade die Vertreter der Poale Zion sollten bedenken, welche hohe Bedeutung das jüdische Gesetz für die Arbeiterschaft hat durch seine Sabbatruhe und seine sozialen Reformen. Sozialismus bedeutet keineswegs, daß jeder tun kann, lvas er will. Wir können verlangen, daß alles, was vom Kongreß aus geschieht, mit den Traditionen des jüdischen Volkes übercinftimnit. Wenn mau auf die Opfer der Arbeiter in Palästina hinweist, so soll man auch die Opfer nicht vergessen, die die unterdrückten russischen Juden gebracht haben, um sich ihr Judentum zu erhalten. Ben-Zwi (hebräisch) ist der Ansicht, daß es für die Misrachisten viel dankbarere Aufgaben in Palästina gibt als die Bekämpfung der nichtreligiösen Arbeiter. So wäre es zweckmäßig, in der Nähe von Jerusalem und Safed jüdische Kolonien zu gründen. Er fragt auch, warum der Misrachi nicht dagegen protestiert, wenn die religiösen K o l o n i st e n nur n i ch t j ü d i s ch e Arbeiter beschäftigen. Berlin (hebräisch) wendet sich gegen die Vorivärfe, die dem Misrachi gemacht werden, und rügt au der Leitung des Jüdischen Nationalfonds, 'daß sie das Schemitah-Gebot zu umgehen suchte. Dr. L e w i n (hebräisch) spricht in begeisterten Worten über die Kolonisten, insbesondere über die junge Generation, die in den jüdischen Kolonien entsteht. Palästina sei der beste Schutz gegen alles U ng ü d i s ch e. Während in den Ländern der Zerstreuung ..ach die größten Bemühungen der Juden, jüdisch zu leben, auf die Dauer nicht gelingen könne, wird in Palästina jüdisch gelebt, selbst w e nn nr an auch manches nnj üd isch zu g e st a 1 t e n sucht. Er führt ferner aus, der richtige Weg sür die Lösung dieser Streitfrage könne nur gesunden werden, wenn auch die M i s r a ch i st e n Inst i t ut e sür jüdische K ulturzw e cke in Palästina einr ichten, den Kamps mithin in ganz anderer Weise führen würden. Dr. Bodenheimer,- Vorsitzender des Nationalfonds, erklärt in seiner Erwiderung ans die Kritik der verschiedenen Redner, warum der Rationalfonds seine Tätigkeit zu Gunsten der Palestine Land Development Company für eine kurze Zeit eingestellt hatte nnd teilt mit, daß diese Tätigkeit bald wieder aufgenommeil wurde. Es sei für den Nationalfonds unmöglich, eine religiöse Aufsicht ans die Leute auszuüben, die ans seinen Ländereien beschäftigt sind. Was die Anklage betrifft, daß der Sabbat entweiht wurde, ist nur ein Fall vorgebracht worden, nnd zwar einer, der in einer Kolonie st a t t g e f und e n hat, die nicht dem Nationalfonds gehört. Er beweist dokumentarisch, daß das Direktorium des Nationalfonds die Erledigung der Schemjtahfrage nicht verschleppt hat, rind fordert die Orthodoxen auf, ihre jungen Söhne nach Palästina zu schicken, damit sie ein gutes Beispiel geben können. Dr. Tschlenow erklärt im Namen des Kongresses, daß Vorsorge sür die Beobachtung des jüdischen Gesetzes auf den Ländereien des Nationalfonds getroffen w e r d e. Er .glaubt, daß Struck mit dieser Erklärung zufrieden sein wird und seinen "Antrag zurücknehmen werde. Struck nimmt seinen Antrag zurück. Mit einem Dankesvotum an Herrn Dr. Bodenheimcr für seine ersprießliche Leitung des Nationalsonds, das mit großem Beifall angenommen wird, schließt die Sitzung kurz vor 7 Uhr. Vierter Tag, 7. Sitzung, Sonntag, 13. Ang., Borm. . Vor Beginn der Sitzung wird unter stürmischem Beifall die Fahne des Vereines „Ah avath Zion" in St. Gallen auf der Estrade angebracht. Die Fahne war morgens durch eine 60 gliedrige Abordnung, welche vom Bahnhof aus in Reih und Glied zum Stadtkasino marschiert war, überbracht worden. Präsident Dr. R o r d a u eröffnet die Sitzung um lOVi Uhr. Er macht dein Kongreß die tiefbetrübende Mitteilung, daß gestern in der Nacht der Maler Josef Israels verschieden ist (Das Haus erhebt sich zum Zeichen der Ehrung.) Dr. Nordau gedenkt in ergreifenden Worten des großen Toten und führt u. a. aus: Josef Israels war einer der hervorragendsten Künstler der zeitgenössischen Malerei. Sein Verlust trifft die gesamte gesittete Menschheit, uns aber geht dieser Verlust noch ganz besonders nahe, denn Josef Israels war nicht nur das HaMt der holländischen Maler- Schule, er war auch ein jüdisches Künstlertemperament. Wir findeic in seinen Malereien die Intensität des Gefühls, die Energie des Ausdrucks, die hohe sittliche Weihe des emotionellen Gemütsanteiles, die wir als Eigentümlichkeiten der höher gezüchteten Exemplare unserer Rasse ansprechen. Nach Verlesung einer großen Anzahl von Begrüßungsschreiben, darunter auch eines von 100 christlichen Bürgern der Stadt Genf nnd von Pa stör Dardier unterfertigten Begrüßungstclegrannns, hält Dr. M. Katze nelsohn ein Referat über die jüdische Emigrations- , rage. Er führt u. a. folgendes aus: Die Auswanderiurg der Juden aus Rußland übertrisft die Auswanderung aller anderen Völker. Wenn die jüdische Auswanderung ans Rußland sich weiter in demselben Maße entwickeln wird, so wird die Zahl der jüdischen Auswanderer größer sein als die

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