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Neue jüdische Presse · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 83 und Karlsbad beim alten geblieben ist und die Juden dorthin unentwegt weiter ihre Moneten hinbringen, um so für das Gedeihen ihrer antisemitischen Logis- und Gastgeber zu sorgen. Seine Feinde füttert man: — vielleicht platzen sic dann eines Tages! Seine Freunde aber läßt man . hungern. Hunger erzieht zur Bescheidenheit, Sanftmut und Anspruchslosigkeit. Deshalb handeln unsere jüdischen Millionäre auch nur zuin Besten der Judenheit, wenn sie in chren Unternehmungen keine Juden anstellcn. Und wir können cs verstehen, wenn das dankbare jüdische Volk seine fürsorglichen Erzieher sich zu Leitern wählt. Leider verderben die Zionisten, die bösen Volksverderber, dieses harmonische Verhältnis; ja, cs bat den Anschein, als ob diese aufwieglerische Propaganda gerade in Galizien von Jahr zu Jahr weitere Kreise, ergreifen wird. Vielleicht kommt dann auch einmal ein vernünftigerer Zug in das galizische Schulwerk der Baron Hirsch-Stistimg. Denn für die 600,000 Kronen, die hierfür jährlich verausgabt werden, könnte wahrlich mehr und Besseres geleistet werden. Freilich solange ein Notabler wie Ritter David von Gutmann in Wien an der Spitze dieser Stiftung steht, wird es schwerlich anders werden. Tenn um für Juden zu wirken, ■ bedarf es mindestens jüdischen Gefühls und jüdischen Interesses, und dicscin Herrn küinmt seine jüdische Tätigkeit wie eine Seile seines Hauptbuches vor: man bucht Zahlen auf der rechten und man bucht Zahlen aus der linken Seite und hat damit seine Pflicht getan. Aus deu Ereignissen des Tages. Der X. Zionistenkongretz. Ein Jubclkongreß sollte der X. Zionistenkongreß werden; nicht etwa nur darum, well er der zehnte seiner Reche war, dieser Grund wäre nur äußerlich, auch nicht darum, well wir Ursache hätten, zu jubilieren. Dieser Grund wäre sogar falsch gewesen; aber darum, weil er Aufgaben zu erledigen hatte, deren Tragweite ihm die Bedeutung eines Jubelkongrcsscs verleihen sollte. Jetzt, da der Kongreß vorbei ist, da man die Arbeit, die er geleistet hat, überschauen kann, darf man sichftagcn, ob er in der Tat ein Jubelkongrcß geworden ist. Was sollte er leisten und was hat er geleistet? Bier Ausgaben, von denen eine jede von vllalster Bedeutung für die zionistische Organisation ist, standen chm bevor: die Organisationssrage, die Fiuanzsragc, die Kultur frage und — last not least — die Frage der Leitung. Sehen wir zu, wie her Kongreß sich jeder einzelnen dieser Fragen cnlledigt hat. Die Organisationssrag e, die seit vielen Jahren ein akutes Problem geworden war, die mehrere Kongreffe beschäftigt hat, ohne zu einer Lösung gebracht zu werden, hat endlich auf diesem Kongresse ihre cndgiltigc Erledigung gefunden. Das von der au dem Hamburger Kongresse gewählten Organisations- Tommission ausgcarbeitcte Statut wurde vom Kongrcffc angenommen: im Zusammenhang damit wurde and)' eine neue Geschäftsordnung für den Kongreß mit einigen Aendcriuigen angenommen. Durch dieses neue Statut wurde der Bewegung ein festes Fundament verliehen, wurde chr der feste Rahmen gegeben, der für eine jede Organisation äußerst iwtwendig ist, der aber doppelt iwtwendig ist ftir eine Organisation, die so sehr über alle Länder zerstreut ist wie die zionistische, dreifach und hundertfach notwcndig aber für eine Bewegung, in der die Geister oft so" heftig auseinanderplatzen wie in der zionistischen. Die Finanz frage, für die Arbeitsfähigkeit der Bewegung nicht minder wichtig, vielleicht nod) wichtiger .als die Organisationsftagc, wurde leider auf diesem Kongresse nod) nicht gelöst. Bekanntlich leidet die Bewegung seit Jahren an Geldnot; die Sdickcl- und freiwilligen Beiträge reichen nicht für den immer wachsenden Geldbedarf aus. Seit Jahren verlangt man schoy von verschiedenen Seiten eine Besteuerung des Natioimlfonds zur Deckung der Geldnot. Ter vorige Kongreß lehnte jebocfj diesen Antrag ab und. aus dem diesjährigen kam er gar nicht zur Verhandlung, weil er von vornherein aussichtslos war. Das Budget ist zwar gedeckt, aber eine radikale Abhllse ist nock) nid)t gesd)affen; die Finanzsrage zu lösen bleibt, dem nächsten Kongresse Vorbehalten. Da chr ist endlich) einmal die Kulturfrage gelöst worden, g c l ö st w o r d e n ganz in unserem Sinne. Wie unsere Leser aus unserem Berichte über den Kongreß ersehen, ist ein Antrag auf Organisierung der Kulturarbeit in Palästina angenommen worden. Dieser Beschluß bedeutet den Beginn einer neuen, unabsehbar wichtigen Tätigkeit der zionistischen Bewegung auf dem Gebiete der Kulturarbeit. Es ist erfreulich), daß der Kongreß sich mit erdrückender Majorität, darunter orthodoxe Autoritäten wie Reines und Rabinowitz, ans diesen Standpunkt gestellt hat. Welck)c Konsequenzen der „Misrack)i" daraus ziehen wird, ist nock) nick)t bekannt. Hoffentlich) wird er cinschcn, haß die Lösung der Kulturfragc, wie sic geschehen ist, keine Schädigung seiner Interessen bedeutet. Und nun gelangen wir zur Frage der Leitung. Ist sie gelöst worden? Gewiß! Befriedigend gelöst worden? Nicht ganz. Wir haben seit Jahren gefordert, ldaß die russischen Zionisten eine Vertretung im E/A. C. erhalten sollen, und trotzdem diese Forderung diesmal im weis testen Maße erfüllt worden ist, können wir die neue Leitung demwch nicht als ideale bezeichnen. Denn es fehlt in ihr der Mann, der in keiner zionistischen Leitung heute fehlen darf: David Wolfs so hn. Uns. könnte eine ideale Leitung nur eine solche sein, in der sowohl David Wolffsohn als auch die russischen Zionisten vertreten wären. Diese Synthese herzustclleu, ist diesmal nicht gelungen; aus inneren Gründen, die hier darzulegen zn weit führen würde. Abgesehen nun davon, daß damit eine Kraft von der direkten Leitung ausgeschaltet ist, ist damit der wirkliche, endgültige Friede noch nicht hergestellt. Doch wir wollen heute keinen trübenden Ton in die äußere Harmonie des Friedenskongresses hineinbringcn. .Wir wollen hoffen, daß ftir die nächsten zwei Jahre dieser Friede unbedingt erhalten bleibe, und das; auch, alle die, die 'nicht voll und ganz mit der neuen Leitung zufrieden sind, einig und unentwegt sic in ihrer schwierigen Arbeit unterstützen werden. Daun werden die nächsten zwei Jahre von Erfolg ftir die zionistische Bewegung sein, dann wird der X. Kongreß auch, in dieser Beziehung in der Tat als ein Jubclkongreß bezeichnet werden können. Der X. Ziouistenkougretz. Vormitta gs sitzun g: Donnerstag, 10. August, 10>,', Uhr. Vorsitzender: Dr. M a x Norda u. Es werden zahlreiche Begrüßungsschreiben verlesen. Ferner wird die Mitteilung gemacht, daß Ingenieur I. Kremeuezkh (Wien), 1000 Kr. sür das Mikrobiologische Institut, Barbasch, (Odessa) 500 Mark zur Eintragung des X. Zionistenkongrcsses ins Goldene Buch gespendet haben. Präsident Wolffsohn gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß man <ms Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand die .Kritik .der Leitung cinschränken zu müssen glaubt. Er bittet um eine ungezwungene, würdige Kritikübung. Dr. I. Zolls ch a n erstattet einen Bericht über seine Teilnahme an dem vor kurzenr in London stattgefundcnen Rassenkongreß, zu dem er von der zionistischen Organisation in Gemeinschaft mit Rabb. Dr. Ga st er und Sir Francis Moutefivre entsandt worden war. Der Kongreß habe zum ersten Male die IudAntrag e vom wissenschaftlichen und nationalen Standpunkte aus vor der Gelehrten-Welt behandelt. Die von ihm auf dem Kongreß vertretenen Anschauungen, die er für den theoretischen Unterbau des zionistischen Gedankens als grundlegend betrachtet, seien mit Beifall ausgenommen worden. Dr. Mang »lies beantragt, daß die Organisationstornmission die Prüfung des neuen Organisaitonsstatuts noch heute vornehmen möge. T r i c t s ch bedauert gleich Wolffsohn die Einschränkung der Kritik. D r. Reich betont mit Genugtuung, daß die galizischen Zionisten sowohl in jormalcn Angelegenheiten der Organisation als auch in den prinzi- ' piellen Anschauungen über die zionistische Bewegung, einig sind. Ju seiner Kritik über die Leitung hebt er besonders l)ervor, daß man durch praktische Arbeit in Palästina das Mißtrauen der maßgebenden türkischen Kreise am besten zerstreuen könne. In begeisterten, ergreifenden Worten spricht er über die Opfer der Wahlen in Drohobycz. Die Versammlung, erhebt sich zum Zeichen der Ehrung der Toten. D r. B o d e n h e i in c r teilt mit, der Nationalfond habe Vorsorge getroffen, daß der gestrige Lichtbildervortrag über Palästina und die Bilder allen Nationalsonds-Kommissaren und Vereinsvorsitzcnden zur Verfügung gestellt werden. Ferner teilt er mit, daß Herr K a h a n e 35,000 Mark für jüdische Ansicd ein n g szwecke in Palästina gespendet hat. Dr. Strauß .(Bradsord) spricht seine Freude über den reichhaltigen Bericht des Aktions-Komitees aus. vcr hält es für notwendig, daß die zionistische Organisation eine osfizielle Erklärung abgibt, daß der Zionismus keinen Staat in Palästina gründen will, sondern die Ansiedelung der. Inden als oltomanischc Bürger erstrebt. R a b b i n e r s o h n (Kiew) unterbreitet dem Kongreß mehrere Vorschläge: 1. Mittel für die National- Bibliothek in Jerusalem bereit zn stellen. 2. Ter Jüdischen Kolonialbank oder dem Nationalfonds möge eine gewisse Summe zwecks Ankauf eines Dampfers für Personen- und Warcntransport in regelmäßiger Route Jaffa-Alexandrien, Kvnstantinopcl-Odessa und zeitweise nach Triest zur Verfügung gestellt werden. Ferner Empfiehlt er den Bau eines -sanatoriuins am Tibcriasee. Lastar (Toronto) macht eine Reihe von Vorschlägen für die praktische Arbeit in Palästina. D r. S. Werne r wendet fick) gegen die Ausführungen des Herrn B ö h m, Die Leitung habe nie die Vertiefung des Zionismus verhindert, Kulturarbeit müsse von jedem einzelnen Zionisten geleistet werden, ohne daß er zuerst auf die Initiative der Leitung ivartet. Kap laus ky verlangt informative Aufklärung, tit Bezug auf den Zionismus nicht nur für die türkische, sondern auch für die arabische Oeffcntlichkeit. Er fordert auch mehr Rücksichtnahme auf die jüdischen Arbeiterorganisationen in Palästina. Auf Antrag .von G o l d r c i ch wird beschlossen, vier Generalredner mit 15 Minuten Redezeit zu bestimmen. Schluß der Voriuittagssitzuiig um 123/i Uhr. Nachmittagssitzung, Donnerstag, 10. Aug. 4 Uhr. Vorsitzender D r. B o d c n h e i m e r. D r I. Thon (Jaffa) verteidigt das Palästina-Ressort gegen die erhobenen l)lngriffc. Man habe mit den Arbeiterorganisationen verhandelt, das Palästinaamt sei bereit, den jüdischen Arbeitern 'eine möglichst weite Selbstverwaltung zn gewähren, die aber nicht in eine 'Anarchie ausarlen dürfe. Ferner nimmt er die Oelbaumspende gegen die verschiedenen Vorwürfe in Schutz und -bespricht die Arbeiten der Palästina Land Development Company lvic auch der anderen zionistischen Unternehmungen in Palästina. D r. P a s m a n i k fragt, ob der an den Kongreß gerichtete Brief des Herrn Kann dem großen Aktionskomitee vor der Veröffentlichung Vorgelegen hat. Er verlangt, daß die Leitung auf allen Gebieten der zionistischen 'Arbeit die Initiative ergreife und betont die Notwendigkeit der Vertiefung des' zionistischen Gedankens. Auch müsse man dem jüdischen Proletariat mehr Aufmerksamkeit schenken. Der politische Zionismus sei die Schaffung 'von Volksmittcln für. Volksbcfreiung. Prof. Dr. W a r b u r g erwidert auf die seitens der poalc-zionistischcn Gruppe gegen das Palästinaamt vorgebrachten Beschwerden und wendet sich gegen, die Anklagen, die Herr Kanu in seinem an beit Kongreß gerichteten '-schreiben gegen manche Unternehmungen des Palästi n a-- Ressorts erhebt. Er verteidigt den Bezalel, die Oelbaumspende, die Jmmobilicngejcllschaft und teilt mit, daß vor einigen Tagen ein Bericht seitens des Palästinaamts ein gegangen sei, der, insbesondere was die Oelbaumspende anbetrifst, höchst befriedigend sei. Präsident Wolffsohn, stürmisch begrüßt, nimmt das Wort zur Erwiderung auf die am Berichte des 'Aktionskomitees geübte Kritik. Es sei vor allem unrichtig, daß die in Palästina geleistete praktische Arbeit der Leitung.abgetrotzt wurde. Man habe gesagt, man müsse den Akut haben, auch schlechte Arbeit in Palästina zn machen. Dagegen erkläre er, inan müsse vielmehr den Mut haben, die Arbeiten, die sich als schlecht erweisen, einznstellcn. Lieber wenig und gut, als viel und schlecht. Wolffsohn wendet sich auch dagegen, daß manche zionistische Landcsorganisationen. es für

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