Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692749--06371-2701368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IfrarrkfHrrter SftBflitifitirs finilicHtilutt. Frankfurt s. M.. 4Srt»taep;trrt]|e 7 «eCefon 10507. ^»eransgever: SalL ch-is. ■<r- ' Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Ml. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml. 1,50, sonstige Länder Ml. 2.— 4, —-- . . JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeile. . . - - 2S Psg. Die Reklamezeile.. - - MO Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4884. . - . 9. Jahrgang. Freitag, de» 24. Aw 5671 (18. August 1911) Nr. 33 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Achad Haam über den X. Zionistenlongreß. — Brief aus Oesterreich — Aus den Ereignissen des Tages: Der X. Zionistenlongreß. — Der X. Zionistenlongreß. — Aus aller Welt. — euilleton: Ohne Wohnrecht. — Kunst und iteratur. — Wochen - Kalender. — Familiennachrichten. Achad Haam über den X. Zionistenkongretz. (Ein Interview.) Achad Haam, der größte jüdische Denker, ist zum X. Kongreß gekommen; auch zum ersten Kongreß war er gekommen. Dem ersten Kongresse ivohntc er bei als Anteilnehmcr, dem zehnten als Journalist. Doch, er sitzt unten im Saale, zusammen mit den Delegierten. Alle sehen ihn, und bei jeder Gelegenheit bereitet man ihm -Ovationen. Auf deni zionistischen Bankett am Donnerstag trägt man ihn auf Händen; in der Volksversammlung für hebräische Sprache und Kultur am Samstag ruft' das Publikum unermüdlich: Achad-Haäm! Achad-Haam! Reden soll er, etwas sagen, und wenn es auch nur einige Worte sind ... . Achad - Haam aber schweigt. Alle wollen seine Meinung, seine Gedanken über den Kongreß kennen; er aber schweigt. Wahrscheinlich -hat er eine Ursache, zu schweigen. Vielleicht will er nicht reden, jetzt, vor aller Welt; man muß ihm die Möglichkeit geben, in Zwiegesprächen zu sprechen, nicht unter dem unangenehmen Lärm non Bradoklatschen. So habe ich mich denn an Achad-Haam mit der Bitte gewandt, mir seine Meinung über den X. Kongreß zu sagen. Nach einigen Unterredungen hat er zugestimmt; er hat mir eine Stunde bestimmt und erlaubte mir dann, Fragen an ihn zu richten. Ich frage, welches seine Meinung über die jetzige Lage des Zionismus ist. „Diese Frage," erwidert er, „ist zu allgemein gehalten. Mau kann darüber einen großen, sehr großen Artikel schreiben; aber in kurzen Worten kann man das nicht sagen. Es besteht dann die Gefahr, mißverstanden zu werden." j5d) muß also in meinen Fragen spezieller und bestimmter werden. So frage ich denn zuerst, was er über die Erklärungen Wolffsohns und Nordaus über die Notwendigkeit von kultureller Arbeit denkt. Achad-Haam: „Gewiß. Sie kommen zu denselben Anschauungen, die ich schon seit langem vertrete. Unbewußt beschreitcn sie denselben Weg, weil das Leben, die logische Notwendigkeit sie dazu treibt. 'Diesen logischen Konsequenzen können sie nicht entsliehen; sie wollen nur nicht gestehen, daß sic früher in einem großen Irrtum gelebt habeil . . . Mit geschlossenen Augen schreiten sie zum richtigen Ziel." Er bricht ab: .bald schwebt auf seinen Lippen ein ernstes Lächeln; dann fährt er fort' „Es ist sehr interessant. Mer es lvird gelviß noch eine gewisse Zeit vergehen, bis sie alles erkennen werden. Inzwischen spielt sich eine verborgene Komödie ab." Ich: „Und was denken Sie über die.Fragc der Leitung?" Er:'„Sie ist unter den jetzigen Verhältnissen nicht von so großer Wichtigkeit. Sie ist eine Erbschaft von jenen Zeiten, ivo man geglaubt hat, daß die Leitung zu Kaisern und Fürsten fahren muß. Man legt der Frage noch jetzt so viel Bedeutung bei, kraft des Trägheitsgesetzes, kraft der Gelvohllheit; aber in Wirklichkeit ist sic nicht sehr wichtig." Ich: „Wie gefiel Ihnen die Kulturdcbatte auf dem Kongreß?" Er: „Nicht, sehr. Die Debatten standen nicht auf der Höhe, und sogar Sokolows Rescrat enttäuschte mich znm Teil." I ch: „Aber in diesen Debatten haben wir doch gehört, daß der Redner des „Misrachi" auch Palästina als das znkiinftige geistige Zentrum des jüdischen Volkes betrachtet, genau wie Sic." Er: „Nun ja, auch der Redner der Poale- Zion hat es ausgesprochen." Ich: „Meinen Sic nicht, daß dadurch Ihr Ideal viel von seiner Bedeutung und seinem Inhalt verliert? Bedauern Sie es nicht?" Er: „Gewiß bedaure ich es. Aber es muß so sein. Was da geschieht, muß mit jedem Ideal geschehen, wenn es viele Anhänger gewinnt und beginnt, ein Teil vom lvirklichen Leben zil werden. Dies ist ein historisches Gesetz, und niemand kann etwas dagegen tun." Ich: „Aber im allgemeinen sind Sie mit dem Ergebnisse ches Kongresses zufrieden?" Er: Nicht sehr! aber ich bin zufrieden, daß ich zum Kongreß gekommen bin. Ich habe da meine alten Kameraden getroffen, die die ganze Zeit über geglaubt haben, daß sie sich weit von mir entfernen, sehr weit . . . jetzt sehe ich, daß sic nahe bei mir stehen! Indessen merken sie es nicht. Sie gebrauchen noch die neuen Phrasen; aber nach einer kurzen Zeit werden sie verstehen, daß nran nicht in ein- und demselben Moment in zwei verschiedenen Richtungen gehen kann, nach Ost und nach West . . ." I ch: „Werden Sic jetzt in die zionistische Organisation eintrcren?" Er: „Vorläufig noch nicht. Aber ich sehe voraus, daß ich bald die Möglichkeit haben werde, ein Mitglied der zionistischen Organisaion zu werden." I ch: „Im Gegenteil. Von Ihrem Standpunkte aus wäre es vielleicht besser gcivcsen, wenn Sie schon jetzt in die Organisation eintreten würden. Sie hätten dann mehr wirken können und dazu beitragen, däß diese Entwicklung, von der Sie sprechen, schneller kommen soll!" Er: „Nein. Es ist noch nicht der richtige Zeitpunft. Jetzt hätte ich noch für Kleinigkeften kämpfen müssen, und dazu fühle ich in mir nicht die Kraft." Damit endete das Interview. Ich. gehe von dannen mit dem Eindruck, daß Achad-Haam sich ans diesem Kongreß als Zufriedener, als Glücklicher fühlt. Er ist der Sieger geblieben. Ist es da ein Wunder, daß dieser Mann mit dem feinen Taktgefühl nicht hat reden wollen, als eine große Versammlung es von ihm ungestüm forderte?*) Basel. M. F. S e i d m a n n. Brief ans Oesterreich. Kreditbeschränkung der Juden. — Antisemitismus in den Bädern. -— Was sagen die Jude» dazu. . — Das galizische Schulwerk der Baron Hirsch-Stiftung. Während man in Rußland den Juden mit der Kreditbeschränkung droht, ist in Galizien diese Kreditbeschränkung bereits Tatsache. Von den 20 Millionen Kronen, die die galizische Landesbank den Kreditgenossenschaften kreditieren, will, werden laut Verftigung ihres Direktors Sagurski die. jüdischen Kreditgenossenschaften nur l°/o, also etwa 200,000 Kr. erhalten. Und das, — trotzdem in Galizien 12°o Juden wohnen, 90°o der Kaufleute Juden jiub und von den Genossenschaften mehr als die Hälfte jüdisch ist. Die Reichsratswahlen sind ja vorbei, und bis zu den nächsten Reichsratswahlen haben die Juden sich auch an diese Entrechtung gewöhnt und können dann wieder mit neuen Verspreche ungen geködert werden! Das Vertrauen der Christen zur Knechtesseele der jüdischen Bourgeoisie ist ein so großes, daß sie es ruhig wagen, den Bogen bis zum Zerspringen zu spannen,— er springt doch nicht! So hatte dieser Tage die Kurverwaltung von Grasenberg, welches Bad zu drei Vierteln von- Jriden besucht ' wird, die Unverschämtheit, eine Verftigung zu erlassen, die Juden mit Kaftans das Betreten des Kurparkes untersagt. In jeder Kleidung darf inan in Gräfenberg herumspazieren, nur »nicht im Adamskpstüm, weil dies nicht sittlich, und nichr im Kaftan, weil dies jüdisch ist. Protestieren? Juden — und protestieren! Boykottieren? Nur das nicht, denn Selbsthilfe macht nach der merkwürdigen Logik vieler Juden Antisemitismus. Also bleibt's beim alten, wie es auch in dem antisemitischen Marienbad *) Wir werden noch Gelegenheit haben, auf den X. Zionistenlongreß zurückzukvmmen; vorläufig begnügen wir uns mit der kurzen Würdigung unter der Rubrik „Ans den Ereignissen des Tages". Wir erachteten es für zweckmäßig, die Ansichten Achad Haams über die Resultate des Kongresses an leitender Stelle zu geben, einerseits, weil cs Achad Haam ist, andererseits, weil die Ergebnisse des Kongresses bezüglich der Kulturfrage das Wesentlichste dieses Kongresses bedeuten und im gewissen Sinne eine Bekehrung zu den Ansichten Achad Haams über die Aufgaben des Zionismus sind. Es ist klar, daß den höchsten Ansprüchen eines Achad Haams nicht alles, was auf dem Kongresse vor-- ging, genügen konnte. Die Redaktion.