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Neue jüdische Presse · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 32. Eeite 4. die mit' der O. C. C. zu kooperieren gedenken, zusammensetzen. Das eingetragene Bureau der O. C. C. befindet sich in London, City, 119 London Wall. - Berlin- Die R-gierun,i will endlich eine Revision des Gesetzes von 1847 — die Rechtsverhältnisse der Juden und der Synagogengemeinden betreffend — vornehmen. Das Kultusministerium ist schon seit längerer Zeit mit den Vorarbeiten beschäftigt. Oesterreich-Ungar». Wie«. Der diesigen „Arbeiter-Zeitung" wird aus Warschau geschrieben: „Die letzten hiesigen Verhaftungen von Mädchen- Händlern haben bewiesen, daß Warschau augenblicklich der größte Markt „lebender Ware" für die Ausfuhr nach Südamerika ist. Nirgends haben die Händler so leichtes Spiel wie hier, MÄchen der ärmsten jüdischen Bevölkerung zu der verhängnisvollen Fahrt nach Südamerika zu überreden. Die ungeheure Anhäufung des jüdischen Proletariats in den Städten und das auf Ausbeutung und Bettellöhnen beruhende Elend fördern die Geschäfte der Mädchenhändler, die überdies in ihrem Treiben durch die Tausende hiesiger Zuhäller, Banditen und Diebe unterstützt werden. Die Opfer sind meist jüdische Mädchen aus der Provinz, die nach Warschau kommen, um ihren Lebensunterhalt zu suchen. Es ist festgestellt worden, daß es in den jüdischen Stadtvierteln beinahe unmöglich ist, ein junges jüdisches Dienstmädchen länger als einige Monate .zu halten, ohne daß es den Mädchen- Händlern in die Hände fällt. Das gleiche Schicksal trifft die jungen jüdischen Arbeiterinnen, deren Tagesverdienst selten 30 Kopeken übersteigt. Die polizeiliche Kontrolle der Ausweispapiere bringt keine Abhilfe gegen diese schreienden Mißstände, denn erstens weiß man nie, inwieweit Polizeibeamte Freunde oder Feinde der Mädchenhändler sind, und zweitens erhalten auch unmündige Mädchen, wenn die Eltern ihre Einwilligung gebe», anstandslos Reisepässe ausgestellt. Ein zur Fahrt nach Südamerika überredetes Mädchen entfernt sich ohne Borwissen der Arbeitgeber und begibt sich nach irgend einem Grenzort, wo sie nach dem Ausland hinübergeschmuggelt wird. Die Treiberdienste versehen, wie gesagt, die Zuhälter und Diebe, die in manchen Stadtvierteln bandenweise wohnen. Die Händler selbst halten sich dabei im Hintergrund; sie zahlen bloß für die Lieferung. Sie wohnen meist in den besten Hotels und spielen sich als solide Kausleute auf. Die Geschäfte selbst werden allerdings in niedrigen jüdischen Spelunken abgeschlossen. Die Mädchenaussuhr nach dem Orient hat sich, im Gegensatz zur südamerikanischen Ausfuhr, in der letzten Zeit vermindert, da in den Hafenstädten, die Verkehr nach dem Orient haben, verschiedene jüdische Organisationen und vielfach auch die Schifssmannschasten Wachdienst üben. Auch ist die Nachfrage im Orient geringer als in Südamerika. Die Ausfuhr von Christenmädchen aus Warschau ist geringer als die der Judenmäöchen. Für die Christenmädchen gibt es eigene „Berussspezialisten", die meist mit Gesuchen nach Dienstpersonal in den Blättern arbeiten. Die Hauptsitze der Händler mit Christenmädchen sind Kiew und Odessa; die Vermittler sind die christlichen Zuhälter, die unbehelligt durch ganz Rußland reisen dürfen." Die Seuche des jüdischen Mädchenhandels dürfte einerseits auf das Schwinden jüdisch-traditionellen Lebens, zu dessen Grundpfeilern absolute Sittenreinheit gehört, andererseits auf die unerträgliche wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung infolge der Ausnahmegesetze zurückzuführen sein. Der moralische und physische Niedergang des östlichen Judentums müssen jedem jüdisch fühlenden Juden das Herz abpressen. Leider scheinen aber die Juden des Westens, denen das Schicksal ihrer Brüder im Osten, in jenem Osten, der noch vor wenigen Jahrzehnten einen fest geschlossenen, einheitlichen Ring traditionellen jüdischen LÄens blldete, nahe geht, nur wenige zu sein, sonst müßten sich wenigstens Kraftanstrengungen zur Aenderung dieser Lage zeigen. Wie«. Dr. Straucher hielt im Reichsrate eine Ivette Rede über die Vorfälle in Drohobycz. Er stellte fest, daß die Erllärungen der Minister sehr enttäuschten, weil, sie der Untersuchung Vorgriffen. Die Minister lasen die Berichte jener Behörden vor, die in diesem Falle die Angellagten sind und gebrauchten Worte wie Pöbel, gewissenlose Agitatoren und Hetzer gegen die Drohobyczer oppositionellen Wähler. Budapest. In Moho ly ertrank vor den Augen einer großen Volksmenge der 13jährige Gymnasiast Mathias Ben, weil man ihn für einen Judenjungen hielt. An einem der unerträglich heißen Tage der vorigen Woche hatte sich der größte Tell der Dorfbewohner in das Wasser der Theiß geflüchtet. Einige Schritte vom Ufer entfernt badete auch der 13jährige Gymnasiast Mathias Ben, als ihn plötzlich eine Welle erfaßte und sortrrß. Der arme Junge rief Frankfurter JsraÄitischeA FamMenblaü. einigemale verzweifelt um Hilfe, aber der katholische Bolksschullehrer und Kantor Lorenz Simon, der beste-Schwimmer des Dorfes, hielt die Leute, die dem Knaben zu Hilfe eilen wollten, lachend mit den Worten zurück: „Das ist ja der Samt Weiß. Laßt doch den Judenjungen ein klein wenig Wasser saufen!" So geschah es, daß der Knabe im Beisein des ganzen Dorfes, das sich an seinen Todesqualen weidete, ertrank. Ws die Leiche dann ans Ufer gespült wurde, erkannte man in dem Ertrunkenen den 13jährigen Sohn des katholischen Landwirts Michael Den. Frankreich. ParlS. DaS Central - Comitö der Alliance Jsraälite Universelle hat von dem Mitglied des Zentral-Komitees I. Fernandez über die Brandkatastrophe in Konstantinopel einen Bericht erhalten, in dem es heißt: . . . Am Jahrestage der Proklamation der Verfassung, am 23. Juli, hat das Feuer in einem stark bevölkerten Teil von Stambul innerhalb zehn Stunden über dreitausend Häuser zerstört und hat Tausende von mohammedanischen, meist zur ärmsten Bevöllerungsllasse gehörende Familien obdachlos und existenzlos gemacht. Die zweite Feuersbruust ist am 24. Juli in der jüdischen Vorstadt Valuta ausgebrochen und hat von 1 Uhr mittags bis 9 Uhr abends gedauert. Das Feuer entstand im Waschhaus des Hospitals Or Ahajim, das selbst wie durch ein Wunder vom Unheil verschont wurde. Ein stürmischer Wind trieb die verzehrenden Flammen über den ganzen Stadtteil Balata am Goldenen Horn entlang, alle Holzbauten am Wege wurden im Nu vernichtet. Die amtliche Untersuchung hat ergeben, daß 485 Häuser, 72 Kaufläden, vier Synagogen und 5 Schulen verbrannt sind, darunter unsere Knaben- und Mädchenschulen. Die Regierung hat sofort vorläufige Maßregeln getroffen, um eine gewisse Anzahl der Betroffenen unterzubringen, die alle ihre geringen Habseligkeiten verloren haben; die jüdische Gemeinde bemüht sich ebenfalls, das unermeßliche Unglück der israelitischen Familien zu lindern, die gänzlich mittellos zurückgeblieben sind, aber die Summen, die wir hier an Ort und Stelle zusammenbringen können, werden nicht ausreichen, das Elend unserer so schwer betroffenen Glaubensgenossen wirksam zu bekämpfen.*) Rußland. Warschau. Der Berliner Korrespondent des hiesigen Tageblatts „Der Moment" hatte ein Interview mit Professor Schatz, dem Leiter der Jerusalemer jüdischen Kunstgewerbeschule „Bezalel". Schatz erzählte von der Ausstellung des Bezalel in Odessa. Die ganze zum -Verkauf ausgestellte Ware wurde dort und zwar hauptsächlich an Christen verkauft. Selbst die reaktionären Zeitungen sind voll des Lobes. Die Ausstellung wird in 3 Monaten von Odessa nach London übersiedeln, wo sich bereits ein Komitee gebildet hat, dem auch Lord Rothschild angehört. Schatz ging dann auf die Entwicklung der Bezalel-Jnstitution ein. Mehr wie 400 Familien in Jerusalem, die früher hungerten, haben heute durch sie ihren Erwerb. Das Kunstgewerbe werde durch den Bezalel in der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas ein bedeutender Faktor sein. Schatz äußerte sich auch über die Vorkommnisse unter den Arbeitern des Bezalel, die er Agitatoren der „Paualei Zijaun" zuschreibt. Die Arbeiter seien vorher stets zufrieden gewesen; ihre Stellung sei nicht die von Arbeitern, sondern gleichsam von Teilhabern an den: Unternehmen. Großbritannien. London. Wie bestimmt verlautet, ist man in den hiesigen maßgebenden Kreisen durchwegs der Ansicht, die Stelle eines Oberrabbiners von England schon in nächster Zeit zu besetzen. Man glaubt, daß Dr. Moses G a st e r, das Oberhaupt der hiesigen spanisch-portugiesischen Gemeinde, und Dajan Hyamson die beste Aussicht für diesen Posten haben. Palästina. Haifa. In der von amerikanischen Juden gegründeten Kolonie „Ach ns ah", für die 3500 Dunam aus der Anhöhe Dalaika gegenüber dem Genezarethsee angekauft worden ist, haben die Arbeiten schon begonnen. Die Kolonie grenzt an die bereits bestehenden jüdischen Ansiedlungen MUHamie, Jemma und Kinereth. Der Boden eignet sich insbesondere für Baumkulturen, das Klima wird als sehr gesund geschildert. Einstweilen sind einige Holzbaracken für die neuen Ansiedler errichtet worden, auch hat man mit der Pflügung des Bodens begonnen und trifft die notwendigen Vorkehrungen für die Bepflanzung größerer Par» *) Das deutsche Büro der Alliance Jsraölite Universelle, Berlin N 24, Oranienburgerstr. 42/43 nimmt Beiträge entgegen. zellen: mit Oliven, Mandelbäumen und Weinreben. Ferner wird ein großes Gebäude errichtet, das Wohnräume für die Arbeiter, Vorratskammern, Stallungen usw. enthalten wird.- Endlich sind auch die Arbeite» für die Erbohrung zweier Brunnen in .Angriff genommen worden. Marokko. Fez. Unter den im Ris ansässigen Juden hat die Nachricht große Freude hervorgerusen, daß der König von Spanien ein Edikt erlassen habe, demzufolge die Bestimmungen über die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden auch auf den spanischen Teil Marokkos ausgedehnt werden. Obwohl diese Maßregel im gegenwärtigen Zeitpunkt zweifellos nur getroffen wurde, um die Sympathien oer Juden für Spanien zu gewinnen, hofft man, daß das Edikt sür alle Zukunft gelten wird. G leuÜMon. 0 Der Doppelgänger. Von Frau Therese Pomeranz -Elberfeld. Schmul Lipnizer, genannt der schwarze Schmul, war der verschrieenste Geizhals der Stadt- und Dorfbewohner. Nicht einen Trunk llaren Wassers gewährte er den durchziehenden Schnorrern oder Handelsleuten. Die Leute mieden Schmul auch wie ein Frommer die Sünde. Viele behaupteten, er sei dem „Bösen" verpflichtet und habe keine Macht über sein Eigentum, denn sonst wäre es unmöglich, daß ein Jude so hartherzig sein könnte. Der ärmste Schnorrer mochte mit dem schwarzen Schmul nicht ' tauschen. „Lieber arm sein, als von seinen Glaubensgenossen so verachtet!" Aufgerufen wurde Schmul überhaupt nicht; nicht einmal am Simchastauro, wo der kleinste Junge eine Mizwoh bekommt, bekam der schwarze Schmul eine. Und wofür auch-, kostete ihn denn die jüdische Gemeinde das ganze Jahr einen Heller? Der Parneß bemühte sich vor Pesach in höchst eigener Person zu ihm, um ihm ins Gewissen zu 'reden, er möchte doch von seinem großen Kartoffelvvrrat etwas sür Arme ab geben. „Wir sind doch eine kleine Gemeinde und haben so viele Arme zu versorgen, und Ihr zählt zu den Wohlhabendsten und seid 'kinderlos; — habt Ihr denn kein Herz im Leibe, Reb Schmul!" Wer Schmul blieb hart wie Eisen, er habe nichts zu verschenken, er müsse sich auch plagen. Die faulen Stadtbewohner täten nichts und meinten, der Dorfsmann müsse sie alle füttern und verlegten sich auf Bettel. Sie sollten, die der Parnes arm nennt, zu ihm zur Feldarbeit in Tagelohn kommen; er wolle ihyen, wenn sic dieselbe leisten, ebensoviel wie den andern Feldarbeitern bezahlen, und sie brauchten nicht zu. betteln. „Ihr seid ein ganz herzloser Bauer", schrie ihn der Parneß an, „wer soll denn zu Euch, in Tagelohn gehen, Reb Leiser Dajon oder Reb Salme Melamed? Narr, der Ihr seid!, kennt Ihr denn keinen Unterschied, wißt Ihr denn nicht, daß man solche Leute unterstützen muß und sie nicht in Tagelohn schickt? Wer wartet nur, wenn Ihr es nicht bei Eurem Leben geben wollt, einmal wird der Tag für Euch schon kommen, aber dann." Hier schlug Reb Schmelke Rubin die Tür hinter sich zn und verließ das Haus des Geizhalses. Der schwarze Schmul war bei seiner mangelhaften Tugendhaftigkeit auch kein allzu zärtlicher Gatte, machte sich daher kein allzu großes Kopfzerbrechen über' die Drohung des Parneß. Er sagte sich, was nach seinem Tode geschehe, darüber könne sich seine bessere Hälfte Kopfschmerzen machen, und sollte sie eher sterben und die Chewre ihn dann rupfen wollen, so sei er fähig, sie, selbst auf seinem Grundstück zu begraben. Im übrigen waren Hierfür keine großen Aussichten, denn Rifke war 10 Jahre jünger als er und kerngesund. Anders gings Rifken, ihr hatte die Drohung Anlaß gegeben, über Reb Schmelkes Worte nachzudenken. Sie wußte, daß beim Tode ihres Mannes ihr ein beträchtlicher Tell ihres Vermögens sür die Beerdigung abgezwungen werden wird; das war ja die einzige erlaubte Waffe, welche die jüdische Gemeinde solchen Leuten gegenüber führen konnte. * . Der schwärze Chajim aus dem Städtchen glich dem schwarzen Schmul wie ein Zwillingsbruder mit dem Unterschiede, daß Schmul ein wohlhabender Dorfbewohner und Chajim ein armer Städter war und sich damit ernährte, jeden Morgen mit einem Hvrbe frischer Semmel und etwas Kurzware aufs Dorf zu gehen und bei den Bauern gegen Lumpen, Kaninfelle und dergl. einzutauschen: Auch Frau Rifke zählte zu Chajims Kunden. In letzter Zell hatte Chajim sogar verschieden!-

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