Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Seite 3. sten Persönlichkeiten der Welt wurde' von drei berufenen Vertretern des jüdischen Volkes einmal die Judenfrage aufgeworfen und das zionistische Programm als ihre einzige Lösung gezeigt. Praktisch und politisch ist auch dies natürlich von sehr geringer Bedeutung; wohl aber ist es bedeutungsvoll in ideeller und ' ethischer Hinsicht. Man vergesse niemals, daß es nicht nur unsere Aufgabe sein muß, in erster Linie das jüdische Volk zum Zionismus zu bekehren, sondern auch die we^te Kulturmenschheit von seiner Richtigkeit zu überzeugen. Die Lösung der Judenfrage ist nicht nur eine rein jüdische, sondern eine a l l g e m e i n m e n s chl i ch e Frage, die alle Kulturvölker der Welt angeht. Wir müssen daher suchen, die öffentliche Meinung Europas für uns zu gewinnen und alle hervorragenden Kämpfer für Recht und Fortschritt in allen Nationen auf unserer Seite zu haben. Dieses zu bewerkstelligen, dazu hat der Rassenkongreß viel beigetragen, und daher war er in Ideeller und ethischer Beziehung für uns von guter und großer Bedeutung. Die jüdische Jupeudvereinsbeweguug in Deutschland. Bemerkungen zu dem unter obig. Titel erschienenen Artikel in Nr. 30 des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes". Von Dr. G. Löffler-Frankfurt a. M. Als langjähriger Mitarbeiter und derzeitiger Vorsitzender des größten jüdischen Jngendvercins in Deutschland, zugleich als einer der frühesten Befürworter des Zusammenschlusses aller neutralen jüdischen Jugendvereine in einem sich über Deutschland erstreckenden Verbände halte ich mich für berechtigt und verpflichtet, zu den unter obigem Titel in Nr. 30 dss. Blattes, veröffentlichten Ansichten Stellung.zu nehmen. . Ausschließlich im Interesse der historischen Gerechtigkeit möchte ich zunächst feststellen, daß die zur Schaffung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine führende Bewegung unter der jüdischen Jugend zu einer Zeit erfolgte und ihre ersten schönen Erfolge errang, da der Zionisnms noch, mühsam um die Anhängerschaft reifer Männer warb, an die jüdische Jugendvereine noch nicht dachte. Man dürste es in Frankfurt a. M. wissen, daß hier vor 14i/» Jahren in dem Verein „Montefiore" der älteste und augenblicklich größte jüdische Jugendverein ins Leben gerufen wurde. Ganz kurz danach erstand in Lörrachs eine gleichen Zielen huldigende Jugendorganisation. Ich erwähne diese Tatsache als Beweis dafür, daß. nicht etwa der „Montefiore" längere Zeit einzig in seiner Art geblieben ist; er darf es sich aber zum Ruhme anrechnen, daß sein Bestehen und Blühen fiir eine ganze Anzahl deutscher Städte Len Anstoß zu ähnlichen Zusammenschlüssen der jüdischen Jugend bedeutete. Daß in den letzten Jahren die national-jüdische Bewegung manchen jungen Juden sich auf sich selbst besinnen machte und die neutralen jüdischen Jugendvereine ihrer Wirkung manches wertvolle Mitglied zu danken hatten, — ß>as zu leugnen wäre unehrlich. Junge Zionisten waren und sind denn auch so lange willkommene Mitarbeiter in den dem Verbände angchörigen neutralen jüd. Jugendvereinen, als sie sich in diesen Vereinen zionistischer Propaganda enthaften, als in ihrem Bewußtsein die Ueberzeuguug fest und klar haftet, daß diese Vereine und ihr Verband chr stärkstes Bollwerk in dem Prinzip absoluter parteireligiöser und parteipolitischer Neutralität besitzen. Doch, gerade diese „Neutralität", die wir als unerläßliche.Vorbedingung für den Zusammenschluß großer Massen verschieden gearteter und denkender junger Leute und damit als einen der stärksten Pfeiler des jüdischen Jugendverbandes in Deutschland erachten, scheint dem Verfasser des erwähnten Artikels ein Dorn im Auge. Das sagt er freilich nicht,, sondern er kommt in der Maske des guten Freundes und gibt dem Berbands-Vorstande den gewiß von Herzen kommenden Rat, doch endlich die „mißverstandene" und Frankfürker ZsrwelrtrsHeZ FanMenblatk. „verwerfliche" Neutralftät aufzugeben und einer Anzahl von Vereinen innerhalb des Verbandes, die „in Wahrheit zionistisch" und „nur dem Namen nach neutral" seien (kl. ft. uM in dem Verbände bleiben.zu können!), doch gütigst zu gestatten, dieses meiner Meinung nach höchst bedenfliche Spiel nach zwei Seiten aufzugeben und sich offen innerhalb des Verbandes als zionistische Bundesvereine zu bekennen und zu verhalten. Allein ich muß es als eine von keinerlei Tatsachen begründete Behauptung bezeichnen, wenn man sagt, in den Reihen des Verbandes ständen manche nur dem Scheine nach „neutrale" Vereine, und ich halte alle unsere Bundesvereine für so ehrlich, daß sie selbst ihr Ausscheiden aus dem Verbände ankündigten, falls einigen von ihnen die Wahrung der parteipolitifchen oder parteireligiösen Neutralität aus irgend einem Grunde nicht mehr opportun erschiene, falls sie in ihren Reihen etwa liberale oder orthodoxe oder zionistische Propaganda zu machen wünschten. Also — der „Verband Ler jüdischen Jugendvereine" hat bis zu dieser Stunde nach unserer festen Ueberzeugung nicht nur als solcher an dem Prinzip der „Neuttalität" auf diesem Gebiete festgehalten, sondern auch den einzelnen Verbandsvereinen gegenüber deren strenge Wahrung als stillschweigende Voraussetzung ihres Verbleibens im Verbände bettachtet. Und er lvird und muß diesem Prinzipe in alle Zukunft tteu bleiben. Er kann keine zionistischen Jugend- Vereine in seine Reihen aufnehmen, wird nicht der zionistischen Propaganda in den neutralen jüdischen Jugendvereinen Tür und Tor öffnen; denn das wäre fiir ihn der Anfang vom Ende. Der „Verband" nimmt diesen Standpunkt ein, eben weil er in der Richtlinie der von ihm auf den ^Schild erhobenen „Neuttalität" liegt, und ist dabei von keinerlei Abneigung oder Neigung für die Sache des Zionismus geleitet. Es nrutet darum eigenartig an, wenn der ftagliche Arttkel den „Verband der. jüdischen Jngendvereine" der Neutralitäts-Verletzung zeiht, falls er auf seinen Vorschlag nicht einzugehen gewlllt sei. Wünscht die zionistische Organisation die jüdische Jugend fiir ihre Ideen zu erobern, so möge sie dies außerhalb des Verbandes der. jüdischen Jugendvereine tun. In deren Gremiimt kann der Werbearbeit für den Zionisurus nicht Raum gegeben werden. Und dies nicht etwa, weil die Nichtzionisten fürchten, ihr Arsenal zur Widerlegung der nationaljüdischen Strebungen sei nicht ausreichend, und der Zionismus werde daher nach leichtem Siege die gesamte jüdische Jugend „verfügen", sondern weil wtt überhaupt innerhalb der jüdischen Jugendvereine keinen Kampf wünschen noch dulden, und., weil nun einmal der Zionismils zu einer Quelle leidenschaftlichen Kampfes wird, wo immer Anhänger und Gegner dieser Bewegung in eine Erörterung zionistischer Tendenzen eintteten. Doch ich. vergaß ja völlig, daß der Arttkel den K a m p f innerhalb der jüdischen Jugendvereine als etwas Gesundes und .geradezu wünschenswertes propagiert, wenn er sagt, „den einzelnen Parteien im Judentum müsse die Möglichkeit gegeben werden, sich zu bekämpfen". Der Arttkel sang an. seinem Anfang der Sozialpädagogik ein Loblied. Aber gerade sie verlangt, daß der Jugend im allgemeinen und unserer jüdischen Jugend' ganz im besonderen Picht Anlaß zu gegenseitiger Bekämpfung geboten «werde. Die jüdische Jugend muß vielmehr zusammengeschweißt werden, um zu lernen, gar viel zu lernen, von jüdischen Gesetzen und jüdischer Weltanschauung, von der rühm- und leidensreichen Geschichte unserer Ahnen und der Kulturarbeit der Juden inmitten der übrigen Völker, von allem Großen und Erhabenen, das die übrige Menschheit geschaffen hat. Kurzum, die Mischen jungen Leute sollen in unserer Jugendorganisation in all dem unterrichtet werden, was sie zu guten Juden und reifen Menschen macht, und mit diesem Bildungssystem verträgt sich nicht die Anzüchtnng von einseitigen Auffassungen, von BorurMen, son- . .~.. " ' Lern die Gewöhnung, den Kameraden, ja jedem Nebemnenschen von vornherein mit Achtung und dem Wunsche, ihn zu verstehen, entgegenzukommen. Erst wenn wir so die uns anverttaute „Hoffnung der Judenheit" in mühsamer Arbeit zu einer gewissen Reife des Urteils erzogen haben, dann können wir ihr schließlich auch von modernen Partei-Meinungen und -Kämpfen in der Welt und — leider auch unter den Juden berichten, mft viel Taft und unter Beschränkung auf tatsächlich Feststehendes. Ob man gerade an solche Referate über parteipolittsche oder -religiöse Fragen Aussprachen („Diskussionen") in Jugcndvereinen sich anschließen läßt, vielmehr ob diese zweckmäßig sind, da es sich ja um strittige Dinge handelt, — das wird davon abhängen, welchen Wert man in den einzelnen Vereinen solchen Diskussionen zumißt und welche Erfahrungen man damit machte. Der „Montefiore"- Verein hat bei einer Reihe von zufälligen Anlässen konstaüeren müssen, daß in hiesiger Stadt die Berührung parteipolitischer oder -religiöses Fragen stets zu unerquicklichen Szenen führe, seine Mitglieder keinen Gewinn und der Verein höchstens Schaden hat; er hält darum freudig an der Grundbestimmung seiner Statuten fest, die derlei Diskussionen im Verein verbietet. Andere jüdische Jugendvereine behaupten, mit solchen zeitweiligen .Aussprachen günstigere Erfahrungen gemacht zu haben. Diesem .Umstande ttug man auf der letzten Verbandstagung in Hannover Rechnung, indem man zu der Resolution kmn, daß derarttgc Erörterungen mit dem Prinzipe der Neuttalität sich vertrügen und daher den Berbandsvereinen nicht verwehrt sein sollten. Für jeden, der das Wesen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine, seine Auffassung von „Neutralität" aber auch nur einigermaßen kennt, kann es auch nicht dem leisesten Zweifel unterliegen, daß der Verband jede Verquickung von parteipolitischer oder -religiöser Propaganda mit solchen Diskussionen nicht nur verpönt, sondern als eine Verletzung des die Wahrung der „Neuttalität heischenden Verbands- Statutes erachten und ahnden würde. Nach diesen Erwägungen wird man es verstehen, daß wir die „Neuttalität" der im „Verbände der jüdischen Jugendvereine" zusammengeschlossenen Jugendorganisattonen nicht als etwas Entbehrliches oder gar als Stagnation und Schwächlichkeit betrachten, daß wtt vielmehr in chr eine Kraft sehen, die imstande sein wttd, die große, heute noch recht zerrissen anmutende Masse der jüdischen Jugend Deutschlands zu einer gewaltigen Phalanx zusanrmenzuschließen.*) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Das von der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations - Organisation vorbereüete kommerzielle Bodenkanf- und Agrarttedit-Jnstitut ist soeben unter dem Namen „The Orient Colonising Company Limited" mit einem Kapttale von 50000 Pfund in das Register der englischen Kompagnien eingettagen worden. Der statutengemäß zur Konstituierung der Gesellschaft erforderliche Teil des Kapttals ist gezeichnet. (Wie groß ist diese Summe? Da das nominelle Aktienkapital nur 1 Million Mark beträgt, so darf angenommen werden, daß vorläufig höchstens einige hunderttausend Mark vorhanden sind, ein Nichts für eine derartige Organisation. Die Redaktion.) Der Berwaltungsrat wttd sich aus Mitgliedern der Zenttale und des Londoner Komitees der A. I. K.-O., sowie aus Vertreter von Landerwerbsgruppen, *) Trotz vorstehender Ausführungen sehen wir nicht ein, was sich.gegen unseren Vorschlag, daß der Verband auch Vereine mit bestimmter religiöser oder polittscher Tendenz aufnehmen möge, einwenden läßt. Wo sollen denn Kämpfe entstehen? Verbandsleittmg und Verbandstag haben ja neuttal zu sein und müssen daher Fragen von religiöser oder polittscher Tendenz auSscheiden! Und welchen Schaden kann denn der Verband von der Umfassung aller Jugendvereine, also der ganzen jüdischen Jugend Deutschlands, haben? Wird es ihm im Gegenteil nicht schaden, wenn sich neben ihm noch andere- Jugendorganisationen entwickeln? D. Redakt.