Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Seite 5. Frankfllrker FsrvÄiüfrW FamAienblatk. lich' — wie er sagte und was kaum glaublich war — eine Tasse wärmen Kaffee oder ein Schnäpschen außer der Bezahlung von Frau Rifke bekommen. Einmal 'kam es sogar vor, daß dem schwarzen Schmul ein noch nicht zu schlechter Atlaskaftan vor Pesach spurlos verschwunden war und es beinahe zu einer Scheidung mit Rifken führte, als Schmul vernahm, daß Rifke ihn dem schwarzen Chajim geschenkt hatte. Aber Frau Rifke wußte, was sie tat. q- So ging es jahraus, jahrein. Chajini durfte seit der Kastanafsaire nur noch in Schmul's Mwesenheit kommen. Eines Tages bat Frau Rifke Chajim, für sie eine große Besorgung zu machen. Es war im Hochsommer zur Erntezeit. „Reo Chajim, ich geb' Euch 20 Gulden für Eure Mühe. Geht nach Sokolow zum Biehmarkt und kaust mir dort ein Arbeitspferd." Chajim traute seinen Ohren nicht. Zwanzig Gulden sollte er in Bar in einer Woche verdienen, und dann das ihm anvertraute Geld für das Arbeitspferd, an welchem er noch 'weitere fünf Gulden verdienen konnte. Er blieb stehen und sah die Frau ungläubig an. „Und Ihr Mann?" stammelte er. „Macht Euch nur keine Sorge darüber, das geht ihn nichts an,' ich habe jetzt mehr zu sagen als er." Chajim konnte annehmen was er wollte, aber er dachte mehr über sein Glück als über alles andere nach! Wenn das so weiter ging,. wenn er sich bei dieser wohlhabenden Frau, bei der kein Jude, kein Händler Zutritt hatte, das Vertrauen erwarb, konnte er noch in die Lage kommen, heiraten zu dürfen. Er zog ein noch ganz gutes Werktagskleid von Schmul an und machte sich auf den Weg, seinen Korb bei Frau Rifke lassend. Kaum war Chajim einige Zeit fort, da schrie Rifke Mord und Brand, .der Händler Chajim aus dem Städhcheu sei in ihrem Hause plötzlich gestorben. Sie schickte zur Chewre, man solle die LeWc nur ja schnell aus dem Hause schaffen lassen, sie wäre allein zu Hause, sonst ließe sie den Toten ins städt. Totenhaus schassen. Rifke schimpfte, als die Chewre kam, ob der Unverschämtheit, in ihrem Hause sich hinzulegen und zu stechen! Die Chewre könne froh sein, daß ihr Mann nicht zu Hause sei, sonst würde er die Leiche in den Pferdestall geworfen haben. Chajim erledigte währenddessen prompt seinen Auftrag und kam übernächsten Tag auf seinem Gaul angeritten zu Frau Rifken, die ihn noch reichlich bewirtete, nahm seinen Handelskorb und schritt selbstbewußt dem Städtchen zu, auf ein tveiteres Geschäft in dieser Woche verzichtend. Aber, was war das? —, Als er den Ringplatz betrat, schien das ganze Nest wahnsinnig geworden zu sein. Die Männer schrien: „Schema Israel!" die Markfrauen verließen schreiend den Platz, es war ein solches Getümmel, daß Chajim nicht wußte, was er eigentlich denken sollte. Er wollte sein Quartier aufsuchen, aber ver rammelt waren Tür und Tor. Er klopfte und bat um Einlaß, er habe doch immer pünktlich die Miete bezahlt. Statt ihn einzulassen, bekam er die Bitte um Vergebung für jede-Beleidigung und jedes Unrecht, das ihm bei Lebzeiten zugefügt worden war, und er möge sich doch in seine ewige Ruhe begeben, zur Antwort. Seine Wirtin versprach ihm, eine Z'dokoh in die Erez Israel-, büchse für ihn zu werfen. Hier ging ihm ein Licht auf. Man hielt ihn also für tot, deshalb das Schema Jsroel- Rufen. Das stimmte ihn heiter. „Das kann nur in meinem lieben Heimatsnest passieren", dachte er bei sich „in Lemberg z. B., wo ich so lange Zeit als Behelfer fungiert habe, hätte niemand einen Menschen für tot erklärt, wenn er 3 Tage verreist ist, dafür ist die Stadt zu groß und die Menschen sind zu aufgeklärt." Mer trotzdem lebte Chajim lieber in Kolbüszowa als in Lemberg. Wer hatte sich in Lemberg ' um ihn gekümmert, wenn er wirklich gestorben wäre? Daß er mit seiner Heimatstadt wie verwachsen war, dafür hatte er jetzt die besten Beweise; die Leute hatten ihn vermißt, und als ihnen die Zeit zu lang ward, glaubten sie gewiß, . er sei verunglückt und tot. Aber mochten ihn die guten Leute noch so fliehen, er wollte ihnen schon beweisen, daß er gerade jetzt, wo sich ihm eine so gut« Erwerbsquelle öffnete, mehr denn je lebte. Und er füllte sich seinen tandelskorb mit Semmeln, die herrenlos auf dem tarkte standen, den die Höckerinnen aus Angst vor dem vermeintlich Gestorbenen verlassen hatten, und ging nach der entgegengesetzten Richtung ins Dorf, eine lustige Melodie vor sich hinflötend. Dies dauerte einige Tage, bis er des Spasses überdrüssig ward. ' Er ging zum Rabbiner, um ihm zu erzählen, wo er die 3 Tage geweilt hatte. Aber nachdem der Rebbe die Mesuses nachgesehen hatte, ließ er ein Bethdin zusammenkommen, und Chajim wurde aufgefordert, seine ewige Ruhestätte aufzusuchen mit der Zusicherung, daß, obwohl er ledig gestorben sei, ein Kaddisch für ihn gesagt werden würde. „Wer ich bin doch gar nicht tot", schrie Chajim, „seid Ihr denn alle meschugge geworden?" Chajim begann nun zu erzählen von der Besorgung für Frau Rifke, und hierbei klärte sich der verhängnisvolle Irrtum endlich auf. Nicht der schwarze Chajim, sondern der schwarze Schmul war von der Chewre kostenlos 'begraben worden! Die Listige wurde vor das strenge Rabbinatsgericht gefordert. Rifke erklärte in aller Seelenruhe, daß sie der Chewre keinerlei Schaden zugefügt habe, es könne ihr doch gcmz egal sein, wen sie begraben hätte. „Den Schaden habt Ihr ja nur gehabt, Red Chajini, fordert, und ich entschädige Euch!" Chajim kratzte sich verlegen hinter die Ohren und blickte zum Rebben, der ihm ermunternd zunickte. „Ihr ließet mich für Euren Mann sterben, so laßt mich für Euch leben, Rifke, wollt Ihr?" Frau Rifke besann sich nicht lange, „Na, meinetwegen, Ihr seid ja doch meines Seligen Doppelgänger." „Fit-sure" Pincenez double, 14 k Goldauflage. Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst, nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons. Brillen, Pincenez: Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik. Elektrotechnik. Physikalische Lehrmitttel. „I. W. Albert, Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt 1/ Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. Georg Aniemlt, Nachf. Bleidenstrasse 10. Bunte Chronik. Hermann Struck als Radierer. In einer Besprechung Strucks jüngsten Buches „Die Kunst des Radierens" schreibt Dr. Oskar Rosenfeld (Wien) in einem Budapester Blatte: Als Selbstschaffenber zählt der fünfunddreißigjähriger Hermann Struck zu den markantesten Persönlichkeiten der deutschen Kunst. Daß er sich neben gelegentlichen Ausflügen ins Malerische auf das Gebiet der Radierung beschränkt, beweist seine tiefe Einsicht und die Strenge seiner künstlerischen Aufgaben. Gerade darin ruht seine Kraft, daß er das Begrenzte in seinem Radiernaturell organisiert, zu einer geschlossenen Einheit macht und die objektive Fülle, der Natur durch die subjektive Fülle seiner Linien ersetzt. So gelangt er zu einer Form, die für sich selbst üasteht, die nicht Szene, sondern Bild bedeutet und die gerade wegen ihrer unkonventionellen, von allen Vorgängern unabhängigen Struktur zu seinem Typus wird. Darum wird man Strucks Blätter, weim man sein Wesen einmal erfaßt hat, auf den ersten Blick erkennen: Die Grunewaldlandschaften, die neben den ornamentalen Leiflikowes und * dem luministischen Lesser Urys ihre oft bizarre Kontur erkennen lassen; die zarte Architektonik der italienischen Lagunen: die verwitterte Jemenitenkopie und die sonndurchtränkten, in flimmerndem Lichte badenden Silhouetten Jerusalems, so daß man diese Panoramen mit seinen Äugen sehen muß, wie Benedig wit den Augen Whistlers; und nicht zuletzt die lange Reihe seiner radierten Porträts, von denen einige so populär sind wie die Originale, wie die Köpfe von Hauptmann, Herzl, Bebel. Man kann sie Dokumente der Radiernadel nennen, wenn man bedenkt, daß die Vorstellung der Zeitgenossen von diesen Menschen sich in seinen Blättern erschöpft. Die Berliner jüdische Gemeindebibliothek. Der Gesamtbestand der jüdischen Gemeinde- Bibliothek an Druckwerken ist von 19549 Bänden auf 21 357 Bände gestiegen. Die Kandschriftenabteilung zählt 307 Nummern. Die Abteilung für Zeitungsausschnitte umfaßt 320 Mappen. Die Bücher und Handschriften der Wolfschen Sammlung sind hierbei nicht mitgerechnet. Aus den Bücherankänfen seien besonders hervorgehoben: Kommentar des Nächmanides zum Pentateuch. Neapel 1490; Machsor zum römischen Ritus, Fano 1504 bis 1505; Machsor nach griechischem Ritus, Venedig 1574 bis 1575; Averroes: Paraphrasis de Partibus animalium, herausgegeben von Jakob 'Mantinus, Rom 1521; Ugolinus: Thesaurus antiquitatum sacrarum, Venedig 1744 bis 1769 in \34 Bänden; Löws Zeitschrift, Ben Chananjah für jüdische Theologie in 11 Bänden: Katholisches Kirchenlexikon ed. Wetzer und Welte, 2. Auflage in 13 Bänden; Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 3. Auflage in 21 Bärchen. Bon dien hinzugekommenen 30 Handschriften bilden 29 eine Sammlung von halachischen, poetischen, literaturhistorischen und historischen Kodizes, die von der Buchhandlung Schwager und Fränkcl in Husiatyn erworben wurden. €. jStrubberg & Co. 25 Nene Mainzerstrasse 25. Spezial-Geschäft für elegante Damen- Wäsche. ■ Kunst und Literatur. Kirchners Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. 6. Auflage. 3. Neubearbeitung von Dr. C. Michaelis. Philosophische Bibliothek. Band 67. Leivzig 1911. Verlag Felix Meiner. 1124 S„ drosch. 12,50 JA, geb. 14.—. JA. „Kirchners Wörterbuch der Philosoph. Grundbegriffe" darf wohl unbestritten als das beste existierende Wörterbuch der Philosophie bezeichnet werden. Die hohe Zahl der Auflagen zeugt schon rein äußerlich dafür. In der Tat, man braucht nur ein paar Mal das Wörterbuch benutzt zu haben, um seine Vorzüge, die es über alle anderen Werke seiner Art stellen, zu erkennen: llare Darstellung, äußerst reiches Material, präzise Darstellung und — bei alledem — völlig erschöpfende Behandlung der einzelnen Themata. Man braucht sich aber nur vor Augen zu halten, wie weitverzweigt das Gebiet der Philosoph. Begriffe ist, wie schwankend oft die Bedeutung grade der wichtigsten Begriffe bei den verschiedenen Denkern ist, wie äußerst schwierig eine llare, verständliche und dabei Präzise Erllärimg eines Philosoph. Begriffes ist, um zu verstehen, warum das Kirchnersche Wörterbuch trotz seines ziemlichen Alters noch unerreicht dasteht. Es haben sich hier Vorzüge vereint, die sich nicht so leicht wieder treffen. Eine, besondere Empfehlung des berühmten, jedem, der sich mit der Philosophie befaßt, bekannten und vertrauten Buches ist überflüssig. Hervorgehoben sei nur, daß die Neubearbeitung durch Dr. C. Michaelis die Vorzüge des Buches noch an manchen Stellen gehoben hat. baiser Friedrich Quelle ■ Qffenbach a. X. Gegen Gicht und Bheomatismns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrleh Stahl« Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 n. 714. DDeutsches Beobachtungen pr. St 1 Mk. Ermit- PlPPIlV- Gelangen, Recherchen n. Auskünfte v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Aus Institut führang u. strengste Diskretion als Ftazeli,58?t* mehrjähriger Polizeiu. Kriminal- -Tel. 11391. — beamte gesichert Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Loacb.) Samstag, den 12. August (= 18. Awi: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 20 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 40 Min., in Berlin 8 Uhr 30 Min. Wochenabschnitt: Ekew. — Gott verheißt Segen im Haus, . im Feld und Hände - Erwerb für die Treue gegen sein Gesetz. Wiederholt wird eingeschstrft, die heidnischen Gräuel im gelobten Land nicht fortbestehen zu lassen, furchtlos zu sein gegenüber den Ureinwohnern. Es wird erinnert an den Zug durch die Wüste, an die wunderbare Versorgung des Volkes mit Nahrung, Kleidung und schützender Wohnung. Aufzählung der 7 Früchte, die Kanaans Stolz und Ruhm bilden. (Dabei der Satz: Und du wirit essen und satt werden, dann sollst du loben den Ewigen usw., woraus bekanntlich die Pflicht, das Tischgebet zu verrichten, abgeleitet wird.) Einen großen Teil des Wochenabschnittes bildet die Geschichte ,des goldenen Kalbes. Sie ist hier zum zweiten Male erzählt Moses inbrünstige Bitte für Israel. Gott verzecht und gibt nochmals zwei steinerne Tafeln. Die Auserwählung Israels; Zweck dieser Auserwählung. Im Schlußteil wird die zweite Parscho von „Schema" angeführt. ONendaever Druckluft-Anlage Telefon 123. Offanbacll a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tapplchralnlu-np. Briefkasten. Orthodoxer. Sie irren! — Der Zionismus hat zu seiner Grundlage nie etwas anderes gehabt als das reine Nationalitätsprinzip: es umfaßt die Anhänger' aller religiösen jüdischen Anschauungen auf dem gemeinsamen Boden des jüdischen NatiouoBSmus. Der jüdische Nationalismus aber verlangt, so man ihn -konsequent erfaßt hat, Achtung jüdischen Gesetzes und jüdischer Sitte und Studium des jüdischen Schrifttums, denn ein Nationqljudeutum, das' sich nicht aus der Tradition des jüdischen Volkes gufbaut, ist ein Unding. Wenw zahlreiche