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Neue jüdische Presse · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Str. 32 tei und meiner Gesundheit. Die Geschichte unserer Bewegung zerfällt in zwei Teile: 1. die Epoche Herzls in Wien; in ihr wurden die Fundamente zu unserer Arbeit gelegt; 2. die Periode Köln, in der die Fundamente verbessert und ausgebaut wurden. Jetzt beginnt die Periode Berlin. Möge sic Glück haben in ihrer Arbeit und uns alle zum Ziele führen: Ncuh Zion. Ich eröffne den X. Kongreß. Die Rede wurde oft von Beifall unterbrocheir und am Ende stürmisch beklatscht. Hieraus verliest der Präsident aus der großen Reihe der Begrüßungen einen Begrüßungsbrief der Baseler Regierung, die den Kongreß warm willkommen heißt, und eine Adresse einiger hundert Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die gleichfalls den Kongreß berußt. Der Präsident schlägt vor, der türkisch en Regierung das Beileid des Kongresses zum Brande in Konstantinopel auszudrücken uiid 5000 Frs. zu spenden. Der Antrag wird mit lebhaftem Beifall angenommen. Hieraus erhält das Wort, begeistert begrüßt, Max Nord au. Zum X. Kongreß geziemt es sich, eine Bilanz zu ziehen und unsere Lage zu, betrachten. Der Kongreß wird ein Jubelkongreß sein. Wir leiten das Wort vom hebräischen Jowel und nicht vom lateinischen jubilare her. Denn zum Jubeln haben wir wirklich, keinen Grund. Ueberall sind wir von Feinden umgeben. In Rußland geht man systematisch darauf hinaus, die jüdischen Massen langsam zu ertöten. Wenn man sagt, man wolle sie nur entrechten und proletarisieren, so ist es viel zu milde gesagt. Entrechten heißt da, sie vogelfrei erklären, proletarisieren — brotlos machen. Und Europa schweigt zu diesem Verbrechen. Hier ertappt man wicker die Lüge der modernen Gesinnung agf frischer Spur. Die europäischen Regierungen geben vor, sich nicht in die inneren Angelegenheiten fremder Länder einmischen zu können. Dieses Prinzip hat aber eine Voraussetzung: wenn die betreffenden Länder stark sind.. Bei schwachen setzt man sich über das Prinzip hinweg. Die Haltung der europäischen Staaten ist Heuchelei. Wir appellieren nicht mehr an d as europäische Gewissen, denn dieses ist ein sehr diskreter Mann, der wohl weiß, wann er schweigen soll. Wenn wir heute unsere Klagen herausschreien, so geschieht cs nur, weil wir den Heuchlern die Maske abreißen wollen. Die unterdrückten jüdischen Massen Rußlands haben nur ein Mittel: die Auswanderung. Und zwar haben sie nur noch ein Land: die Türkei. Die Methoden der bisherigen Emigration haben versagt. Alle Wege fiihren nur zur Türkei. Und dort treffen wir auf die häßlichste Erscheinung des heutigen jüdischen Lebens: Juden ^ind es, die durch Lüge und Verleumdung in der Türkei gegen uns Hetzen. Diese Strauchritter fürchten den offenen Kamps und bLienen sich wegelagerischer Mittel. Es ist kein Wunder, daß die Türken daher Mißtrauen gegen uns haben. Wir müssen die Lügen aufdecken und sie mit den wirklichen Tatsachen vertraut machen. Die Hetzer, die uns in infamer Weise verleumden, werden unterliegen. Dies mildert aber ihre Schuld nicht, und das ewige, unerbittliche Forum der Geschichte wird ihrer Stirn das Kainsmal des Brudermordes aufdrücken. (Stürmischer Beifall.) . Ich schaue die Lage durchaus nicht pessimistisch an. Wir müssen nur mutig arbeiten. "Dazu aber bedarf es der inneren Einheit. Der Zionismus beweist, daß das Mische Volk sich und seinem 2000jährigen Ideale treu bleibt. Vor dieser Treue verschwindet jedes Verhängnis. Die rhetorisch glänzende Rede, von der jeder Satz wie ein Hammerschlag aufschlug, übte einen ungemein tiefen und wuchtigen Eindruck aus. Ihr fotzte ein nicht endenwollender Beifall. Der Kongreß erhebt sich und bereitet dem -Redner eine begeisterte Ovation. Präsident Wolffsohn schlügt die Annahme der neuen Geschäftsordnung vor. Dr. Mossinsohn, Kaplan-Kaplansky und L. Rosenthal-Byalystok widersprechen, indem sic darauf verweisen, daß man die Geschäftsordnung erst nach Annahme des neuen Organisationsstatuts akzeptieren :tamu Dr. Boden he im er spricht für den Antrag. Angenommen wird der Antrag Rosenthal, bis zur Beratung des Organisationsstatuts die alte bisherige Geschäftsordnung zu benutzen. Der stellvertretende Vorsitzende des Permancnzausschusses, Prof. W e i z m a n n, stellt namens des Ausschusses folgende Anträge: zum Präsidenten des Kongresses Dr. Max Nordau; zu Vizepräsidenten Dr. Bodenheim er, Dr. Marmorek, Ad. Stand, Dr. Tschlenow und Ussischkin; zu Beisitzern: Ad. Böhm, Florentin, I. L. Goldberg, Prof. Gottheil, Keßler, Jak. Moser, P i n e l c s, Rabb. Reines und W e y l - Basel. Zu Schriftführern: für hebräisch Dr. Sch. Lewin, Dr. Mossinsohn, für rumänisch: Leo Motzkin, englisch: N. Bentwich, jüdisch: Ing. Syrkin, deutsch: Dr. Friedenrann, Prof. Kellner, Prof. L ö w, für polnisch: Dr. Waldmann. Die Anträge werden en bloc angenommen. Der Vorsitzende schließt die Sitzung. Die Nachmittagssitzung tvird um 4 Uhr von M ax Nord au eröffnet, der den Verstorbenen des letzten Jahres einen warmen N a chr u f widmet. Gold re ich-Köln erstattet den Bericht des Legitimationsausschusses. Es sich» 428 Delegierte gewählt. Bor Beginn der Generaldebatte verliest Wolffsohn einen Brief des Mitgliedes des E. A. C., I. Kann, der nicht zum Kongreß erscheinen konnte. Er ist Gegner der „überstürzten" Palästinaarbeit Marburgs und erklärt, nicht mehr eine Wahl in das E. A. C. annehmen zu können, da er mit seinen Anschauungen im Gegensatz zu der Majorität des Kongresses steht. Prof. Marburg erstattet sodann das Paläst in arcferat, das im wesentlichen im gedruckten Bericht des E. A. C. enthalten ist. Es setzt dann die Generaldebatte ein. Diese verläuft, der Stimmung der großen Majorität der Delegierten entsprechend, sehr ruhig und friedlich. Der erste Redner der Opposition, A. B ö h m- Wien, kritisiert in erster Linie den Mangel einer belebenden Kraft in der Leitung und' verlangt, daß der Zionismus wieder eine ideelle und moralische Kraft werde. Auf Antrag von Dr. P a s m a n i k wird dem Pcrmanenzausschuß die Wahl einer 33gliederigen Palästinakommission übertragen, die alle Fragen der Paläftinaarbeit untersuchen und evtl, dem Kongreße Vorschläge unterbreiten soll. Dr. Da ich es ermahnt nachdrücklich zum Frieden. Man möge die Kritik beschränken. Er fordert, daß die Schulen in Palästina in jüdischem Geiste geleitet werden. Dr. Hantke beschäftigt sich mit den Aufgaben der .künftigen Leitung. Politisch muß man arbeiten, die türkischen Kreise über den Zionismus aufllären. Die türkische Judenheit muß in zionistischem Sinne erzogen werden. Die Leitung der zionistischen Institutionen muß dem E. A. E. übertragen -werden. Die Propaganda muß zentralisiert werden. Die Leitung muß nach Berlin kommen, und alle Mitzliedcr außer dem Präsidenten des I. E. T. müssen in Berlin wohnen. Erst dann wird die Leitung .segensreich wirken können. Die Rednerliste wird geschlossen, die Redezeit auf 10 Minuten festgesetzt. Dr. Nacht spricht hebräisch in erregten Worten gegen das Heraustragen des Kampfes über das Gymnasium' in die Oeffentlichkeit seitens des Misrachi. Die Erziehung in Palästina muß religiös sein; aber der Kampf darf nicht zur .Trennung und Schädigung des Zionismus führen. Während seiner Ausführungen herrscht Aufregung und Unruhe im Saal. Es zeigt sich wieder, wie erregt viele Delegierte werden, wenn sie nur das Wort „Kultur" hören. Die Kultnrfrage bildet in der Tat die einzige Frage, die zu Aufregungen führen kann. Nichtsdestoweniger muß sie behandelt werden, wenn auch natürlich mit möglichst viel Takt, politischen! Verständnis und gegenseitiger Pücksichtnahmc. Wie verlautet, sucht man über die Knlturfrage zu vermitteln. Sollte dies gelingen, so würde der Kongreß in ungetrübter Harmonie verlausen. Und dies ist im Interesse der zionistischen Bewegung und des Judentums dringend zu wünschen. A«s de« Ereignissen des Tages. Der Rassenkongretz. - Vorige Woche hat in London der Rasse nkongreß stattgefunden. Schon seit vielen Wochen wurde er in der jüdischen Presse besprochen, und manche setzten große Hoffnungen auf ihn. Es hat sich gezeigt, was' man bei einiger politischer Einsicht schon vorher wissen konnte, daß der Kongreß politisch und praktisch nur von sehr geringer Bedeutung war. Es darf dies nicht verwundern. Die heutige Polittk ist für die Verwirklichung solch hoher ethischer Bestrebungen, wie sie der Kongreß darstellt, noch nicht reif. Politische Wirkungen durfte man vom Kongreß aber auch nicht erwarten. Sein Wert konnte nurauf ethischem und geistigen! Gebiete liegen. Sehen wir zu, welche Bedeutung er in dieser Beziehung für uns Inden hat. Es war schon vor allem zu begrüßen, daß wir Juden uns als besondere, selbständige Rasse .an diesem Kongreß beteiligt und so nochmals dokumentiert haben, daß wir denn doch nicht nur Angehörige der „mosaischen Konfession" sind, sondern eine eigene, den Ariern wesensftcmde Rasse bilden. Die jüdischen Vertreter waren Israel: Z angwill, und als Delegierte der zionistischen Organisation Haham Gaster, Zollschan und» Sit Francis Montcfiore; alle Vertreter der jüdischen Rasse waren mithin Nationaljuden, eine zweite erfreuliche Tatsache. Das Referat über „Die jüdische Rasse" erstattete Zangwill. Es liegt in dem vom Kongreß herausgegebenen Sammelband gedruckt vor und bildete nach den übereinstimmenden Urteilen aller den Glanzpunkt des Kongresses und des Bandes. Außer dieser gedruckten Rede hielt Zangwill noch ein kürzeres^ ergänzendes Referat über die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes und die Mittel zur Besserung. Er entwarf ein getreues Bild von der furchtbaren Not unserer heutigen Lage, das aus den Kongreß einen -tiefen Eindruck machte. Err wandte sich dann in scharfen Worten gegen die jüdischen Reichen, .die sich um ihr Volk nicht: kümmern und ihr Ideal nur in der Assimilation erblicken. Man meint, sagte Zangwill, daß die jüdischen Massen sich auch assimilieren müßten, weil sich die jüdischen Reichen assimilieren. Der Schluß ist falsch. Die jüdischen Reichen können sich assimilieren, well sie moralisch ttefer stehen als die christlichen Reichen; die jüdischen Massen können sich nicht assimilieren, well sie moralisch höher stehen als die christlichen Massen. Als einzigen Weg zur Lösung der Judenfrage bezeichuete er die Schaffung einer jüdischen Heimstätte, und zwar am besten — und dies ist bemerkenswert und erfteulich — in Palästina oder Mesopotamien. Es sprachen nach ihm in glänzender Rede Haham Gaster und Zollschan, die gleichfalls die Verwirklichung des zionistischen Programms als einzige Lösnng der Judenfragc nachwiesen. Diese Debatte über die Judenfrage mit den drei Sieben Zangwills, Güsters und Zollschans bedeutet eine große, nachhaltige und' wirkungsvolle Demonstratton des nationalen Gedankens. Vor einem Forum von zum Teil den bedeutend-

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