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Neue jüdische Presse · 1911-08-11 · Heft 32 (11.8.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IlranLfrtrter Zstarlitisihks familiruHatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreis Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. m.. JEartaefltraß*: 7 P-r-fo« 10507. Hera«sgever: Halg cheis. JnfertionSpreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. R. unter Ro. 4884. 9. Jahrgang. Freitag, den 17. Aw 5671 (11. August 1911) Ar. 32 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der X. Zionistenkongreß. — -Aus den Ereignissen des Lages: Der Raffenkongreß. — Die jüdische Jugendvereinsbewegung in Deutschland. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Doppelgänger. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Briefkasten. — Familiennachrichten. — Vereins- Kalender. Der X. Zionistenkongreß. (Bon unserem Korrespondenten.) -1. Bor dem Kongreß. Basel, Dienstag, 8. Aug. Schon auf der Fahrt nach Basel merkt nian etwas voni Kongreß. Im Zug trifft man auf Zionisten mit Mogen-dowidnadeln. Je mehr man sich Basel nähert, umsomehr merkt man von: Kongreß. Auf den Stationen von Karlsruhe ab sieht man Delegierte umhergehen, russische mit langem Barte, deutsche mit dem typischen Juristcngesicht, und eifrig die Kongreßsrageil besprechen. Kommt maii endlich auf dem Zentralbahnhof in Base l a n, so glaubt man, schon mitten im Kongreß drin, zu sein. Hebräisch in sephardischcr und aschkenasischer Aussprache, russisch, französisch, englisch, alles tönt durcheinander. Bex sonders oft vernimmt man die Laute: „Wolfffohn, Berlin, Jahreskonferenz"" uitd erhält schon so einen Vorgeschmack von den kommenden Debatten. Ich. fahre zum Kasino: der ganze Barfüßerplatz davor, die Kolonnade, das Büro, alles wimmelt von Kongreßdelegierten und Gästen. Man sitzt an den Tischen, trinkt Eiskaffee und debattiert: Für Wolfssohn, gegen Wolfffohn, für Kultur, gegen Kultur, nsio. Die Stimmung ist eine sehr gespannte. Man empfindet, daß der Kongreß von entscheidender Bedeutung fiir das Schicksal der zionistischen Organisation sein wird. Alle sind sich bewußt, daß der Kampf in der Organisation aufhören muß, daß endlich Friede und Eintracht herrschen müssen. Hunderterlei Gerüchte und Nachrichten schwirren durch die Luft, und es ist in der Tat schwer, die Klarheit über die Situation sich zu bewahren. Die russischen Delegierten tagen schon seit Sonntag: sie sind in einer Stärke von 125 Mann erschienen. Ihr Programm ist klar und bekannt: Verlegung der Zentrale nach. Berlin, 7gliedriges E. A. C. (Engeres Aktions-Comits), Wahl des Präsidenten durchs das E. A. C., Wolfffohn eines der Mitglieder. des E. A. C. Die anderen Landsmannschaften beginnen Montag ihre Sitzungen. Es handelt sich um die Wahlen zum P e r m a n e n z a u s s ch u ß. Diese sind überaus wichtig, weil dieser ja die Mitglieder des E. A. C. vorschlägt. Jede Landsmannschaft und Fraktion entsendet für je 10 Mitglieder einen Vertreter. Montag früh 8 Uhr beginnt die erste Sitzung der deutschen Landsmannschaft Diese nimmt eine besondere Stellung ein, weil sie ja bisher die Kerntruppe der „Regierungspartei" bildete. Es verlautet schon vor der Sitzung, daß' ein großer Teil derselben für die Durchführung der Beschlüsse der Jahreskonferenz ist, also für die Russen. In der Sitzung beantragt Dr. Ko ll en scher-Posen, vorerst eine Debatte über die Frage, ob die Wahl des Präsidenten durch den Kongreß oder das E. A. C. erfolgen soll, vorzunehmen, damit man die Stellung der einzelnen Delegierten zu dieser Frage, die er für die wichtigste hält, kennen lerne und danach die Wahlen zum Permanenzausschuß vornehme. Während der Debatte betritt, mit großem Beifall begrüßt, David Wolfffohn den Saal. Davis T r i c t s ch erhebt sich und bittet ihn, kategorisch zu erklären, ob es wahr sei, daß er keine Wahl zum Präsidenten niehr annehme. Wolfffohn ergreift das Wort zu einer längeren Rede. Er ermahnt die deutschen Delegierten, als Vertreter für den Permanenzausschnß nur Männer zu wählen, die ihre Anschauungen wirklich vertreten. Die Wahl des Präsidenten muß unbedingt durch den Kongreß geschehen. Es wäre einfach wahnwitzig, sic dem E. A. C. zu überlassen und so dem Präsidenten von vornherein die Autorität zu. nehmen. Er für seine Person werde keine Wahl mehr annehmen. Er vertveist auf die zwei Richtungen im Zionismus : die politische und praktische und erklärt sich als Anhänger der politischen Richtung. Nach seiner Rede, die mit großem Beifall ausgenommen wurde, setzt eine lange Debatte ein. Anfangs scheint es so, als ob die Anhänger der Wahl des Präsidenten durch den Kongreß in der Majorität sind. Ihre Haüptvertreter sind G r o n e m a n n, L ö w c und Köllen sch e r. Die Gegenseite vertreten in sehr wirksamen und überzeugenden Ausführungen H a l p e r n, Blumenfeld und Simon. Bei der Wahl zeigt sich, daß diese Richtung in der Majorität ist. Es werden gewählt: H e y m a n n, Simon, H a lpern und Blumenfeld. Diese Wahl ist von großer Tragweite, denn sie bedeutet , eine S ch wenkung der M a j o r i t ä t der deutschen Sandsmannscf) aft und macht, als solche großen.Eindruck. Auch die russische, galizische und westösterreichische Landsmannschaft stehen auf diesem Standpunkt, und so ist anzunehncen, daß derPermanenzansschuß in seinen Vorschlägen auf der Basis der Beschlüsse der Jahreskonferenz volle Einigkeit erzielen wird und die Schlußsitzung des Kongresses in vollster Harmonie verlaufen wird, eine Tatsache, die nicht fteudig genug begrüßt werden kann. Mittwoch, den 9.'“91 u g u st. Je mehr man näheres von den Beschlüssen der einzelnen Landsmannschaften erfährt, umsomehr wird es wahrscheinlich, daß der X. Kongreß in der Tat ein Jtchiläumskongreß werden und in Eintracht und Frieden verlaufen wird. Fast sämtliche Landsmannschaften von Bedeutung (russische, deutsche, englische, galizische, westösterreichische) haben den Beschluß gefaßt, auf der Basis der Beschlüsse der Jahreskonferenz zu verbleiben und danach die neue Leitung zu wählen. Es kann schon als sicher gelten, daß der Sitz nach Berlin kommt: ob der Präsident vom E. A. C. gewählt wird oder vom Kongreß, ist nach nicht ganz sicher. Tie Meinungen der Delegierten gehen da auseinander. * 2. Ter Kongreß. Basel, Mittwoch, 9. Aug. Heute früh wurde der Kongreß eröffnet. Es hat sich eine ungewöhnlich große Zahl von Gästen eingefunden und etwa 400 Delegierte. Die Stimmung war eine sehr gehobene. Um 10(4 Uhr betrat Präsident Wolfffohn, zu seiner Seite Max N o r d a u und das engere und große Aktionskomitee, den Saal, von langanhaltendem, stürmischem Beifall begrüßt. Wolfffohn begann seine Eröffnungsrede hebräisch und fuhr dann deutsch fort: 19 Jahre sind vorbei, seitdem der erste Kongreß znsancmenberufen wurde. Wenn wir zurückblicken, dürfen wir sagen, daß wir ein gutes Stück vorwärts gekommen sind. Bor 19 Jahren war der Zionismus eine Sensation, heute ist er eine Tatsache. Die Lage des jüdischen Volkes ist heute noch trostloser als vor 19 Jahren. Die einzige Besserung erfolgte in der Türkei! Der Zionismus kann und wird der Türkei nur nützen. Diese Erkenntnis muß sich Mit der Zeit auch dort durchringen. Es ist eine Lüge, daß wir einen Staat gründen wollen. Wir sind ftei von irgendwelchen messianischen Tendenzen. Man sagt uns, Herzls „Judenstaat"" sei die Basis unserer Bewegung. Dies stimmt nicht. Als Herzl seinen „Judenstaat" schrieb, kannte er noch nicht den Zionismus. Auf dem ersten Kongreß war schon von einenr Staat keine Rede. Wir wollen mir eine Heimstätte für das jüdische Volk gründe,^ .wo es sich national ausleben kann. Wir verlangen daher das Recht, in der Türkei eine Nation gleich anderen zu sein. In dieser lleberzeugung treten wir an die Arbeit. Der Kongreß hat viele Aufgaben vor sich. Er muß das Organi sationsstatut endlich verabschieden, denn es bildet die Grundlage unserer Partei. Er muß die Finanz frage regeln. Er wird sich auch mit der Emigrationsfrage beschäftigen. Die Arbeft auf diesem Gebiet ist keine direkte Aufgabe der Partei, aber wir haben stets regen Anteil an ihr genommen. Wir haben nach den Pogromen die Brüsseler Konferenz einberufen, die nur durch die Schuld der Alliance gescheitert ist. Wir werden uns diesmal genauer mit der hebräischen Sprache beschäftigen. Wft können die Arbeit auf diesem Gebiet nicht selbst leisten, sondern nur anregen und fördern. Wir freuen uns, daß die „Histadrüth iwrith" gegründet ist und werden sie freudig unterstützen. Der Kongreß muß eine neue L eitung wählen. Ich muß zurücktreten im Interesse der Par-

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