Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-08-04 · Heft 31 (4.8.1911) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692747--06347-2701341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Nr. 31. sammenarb eiten unmöglich ist. Wlein der „Störenfried" Uschiskin verzichtet — wie es verlautet — freiwillig auf ein Amt int engeren Aktionskomitee, fetzt ist es wickeruM ein anderer aus dem Ostender nicht genehm sein soll, und mit dem ein gedeihliches Zusammenarbeiten zumindestens schwer sei, und merkwürdig, stets sind es die Tüchtigsten aus dem Osten, mit denen man nicht gut zusammenarbeiten kann . . Und doch, doch wollen wir nicht an der Loyalität Wolffsohns verzweifeln, denn wir hofffen, daß jttie Liebe Wolffsohns zum Zionismus sich stärker als seine Machtgelüste zeigen wird. Man mißverstehe uns nicht; wir haben nichM gegen Wolffsohn, wir wissen ihm Dank für seine bisherige Arbeit und sind überzeugt davon, daß sein Rat und seine Arbeitskraft der Partei auch fernerhin erhalten bleiben müssen. Was wir wollen, ist, die Leitung durch einen Einzelnen aufgrund einer ProgramMlosigkeit in eine Leitung durch ein Kollegium mit einem fest umschriebenenArbeitsprogramm, in dessen Rat auch, Wolffsohns Sümme mit bestimmend sein soll, umzuwandeln. In diesem Sinne und in dieser unserer Hoffnung begrüßen wir den X. Kongreß und wünschen, daß er ein Kongreß der Eintracht, der Einigung und der ganze» Arbeit werden möge, ein wahrer Jubiläumskongreß! Wir und Herzl. Bon Ben-Koheleth. (Schluß.) " Nichts ist dem Ruhme eines großen Mannes förderlicher als die Wahrheit. Uebertreibung seiner Größe bedeutet meist nur eine Herabsetzung seiner Persönlichkeit. Darum v ersuche man auch nicht, aus Herzl ,Mehr" zu machen, alÄ er war; versuche man nicht, chn, der im Begriffe war, voller Jude zu werden, und dem der Tod es nicht vergönnt hat, es zu werden, nun zum vollen Jdealjuden zu erheben. Alle Versuche, Theodor Herzls Gestalt zu „vergrößern", setzen ihn in Wahrheit nur herab. Darum aber versuche man auch nicht, den Zionismus Theodor Herzls anders darzustellen, als er war. Wozu sich schämen, cs offen zu sagen, daß unser Zionismus nicht mehr ganz sein Zionismus ist, warum sich scheuen, es aus'zusprechen, daß die Entwicklung, die er nicht mchr durchwachen konnte, von uns schon durchgemacht worden ist; dich wir auf dem Wege, den zu Ende zu gehen ihm nicht vergönnt war, weiter über chn hinaus gegangen sind? Wer darum heute kommt und uns den Ruf entgcgenschleudert: „Zurück zu Herzl!" (s. den Artikel von Dr. I, Klatzkin irt der „Welt"), der hat entweder den Zionismus von heute noch nicht erfaßt oder aber — was viel schlimmer ist —nicht erfassen wollen. Wer heute „Zurück zu Herzl" ruft, der wlll die zionistische Bewegung um Jahre zurückwersen, will den geistigen, kulturÄlen Zionismus von heute zum politischen Zionismus von 1897 wicher' werden lassen, wlll aus dem jüdisch-nationalen Zionismus einen westeuropäischen wieder Machen. Es war kein Zufall, daß derselbe Artsiel, der „Zurück zu Herzl" rief, auch einen Angriff griff gege den osteuropäisch en und eine Verherrlichung desi westeuropäischen Zionismus enthielt. Das eine muß notwendig aus dem änderen folgen. Wir wollen hier nicht Opzionismus gegen Westzionismus ausspielen. Äber wenn im Zentralorgan der Bewegung der Westzionismus gegenüber dem Ostzionismus erhoben wird, "Muß es doch gesagt werden, daß der Zionismus der osteuropäischen Juden unendlich tiefer, größer und jüdischer ist als der unserer westeuropäischen. Dies soll keinen Bor Wurf gegen diese enthalten. Denn es kann Frankfurter Israelitisches" Familienblatt. ja nicht anders sein.. Wie kann der Zionismus eines westeuropäischen Juden, der in ftemdeM Milieu lebt, in fremdem Geist auferzogen, an uns ftemden Kulturen sich gebildet hat, ebenso jüdisch sein wie der Zionismus eines Juden Osteuropas, der in jüdischem Milieu lebt, in jüdischem Geist erzogen und die jüdische Kultur aufgesogen hat? Man darf vieles gegen die osteuropäischen Zionisten sagen, den osteuropäischen Zionismus anzugreifen, ist wahrlich. sehr kühn! Gerade aber, well sich diese Erkenntnis bereits in Westeuropa durchzusetzen beginnt, berührt es doch merkwürdig, daß das Zentralorgan der zionistischen Bewegung, einen Sturmlauf gegen den Ostzionismus reitet. Das eine folgt eben aus dem andere^ Wer „Zurück zu Herzl"" sagt, muß den westeuropäischen, noch nicht jüdischere Zionismus als den wahren preisen. Wenn der Zionismus auch die geordnete Arbeit, die Zusammenfassung der Kräfte, die Organisation, kurz die Form von Westeuropa gelernt hat, die Begeisterung, die leidenschaftliche Hingabe, die Stoßkraft, die Ideen, kurz den Geist, hat er von Osteuropa empfangen. Westeuropäischer Zionismus bedeutet nur den ersten Schritt zum Zionismus, kann nur Vorstufe seinzum osteuropäischen Zionismus. All dies sind Wahrheiten, die wir nicht mchr allein in Westeuropa vertreten. Die besten unserer westeuropäischen Zionisten erkennen sie auch bereits, erkennen, daß sie erst den Geist des osteuropäischen Zionismus in sich aufnehmen müssen, um volle Zionisten zu werden. Man sicht, es ist in der Tat notwendig, das Verhältnis zwischen uns und Herzl nochmals zu untersuchen. Denn noch gibt es manche, die wie Dr. Klatzkin dieses Verhältnis so bestimmen wollen, als ob wir uns keinen Schritt über Herzl hinauswagen dürfen, als ob Herzl nich!t den Anfang, sondern den letzten Schluß des Zionismus bedeutet, als ob unsere Aufgabe nur darin bestehen könnte, nur die Intentionen und Ideen Herzls auszuführen, ohne selbst neues hknzuzufügen. Gegenüber solchen Bestrebungen, zumal wenn sie an der Spitze unseres Zentralorgans zum Ausdruck kommen, ist es dringend notwendig, energischen Protest einzulegen und immer wieder auf das wahre Verhältnis zwischen uns und Herzl hinzuweisen. Und wenn man schon stets danach ftagen will, wer wirklich in Herzls Fußtapfen geht, — so machen wir den Anspruch, die wirklichen Erben, seines Geistes zu sein. Denn indem wir unsere» Zionismus über den seinen hinaus weiterführen, vollziehen wir nur das, was auch er tun wollte, aber nicht mehr konnte. Darum glaube ich auch, daß, wenn der große Führer noch lebte, auch er den Ruf unseres Zentralorgans mißbilligt haben würde; auch er, der heute ein anderer, neuer Herzl gewesen wäre, würde nicht zugestimmt haben, daß die Bewegung zum alten Herzl von 1897 zurückkehrte. Besonders aber jetzt, in einer Zeit, wo dieser Ruf geeignet ist, Spaltung und Gegensatz in die Organisation zu bringen, würde er, dessen großes fundamentales Prinzip die Einheit des ganzen Volkes war, diesen Ruf der „Welt" und Dr. Klatzkins doppelt verurteilt haben! . . . Herzls Ruhm dient man mit solchen unzeitgemäßen Rufen wirklich nicht! . . . Die Brände in Konstarrttuopel. Konstantinopel, 27. Juli. Das diesjährige Verfassungsfest vom 23. Juli nahm ein tragisch-komisches Aussehen an. Während die Straßen Konstantinopels in prachtvollem Schmuck erglänzten, das Mllitär im Festgewande bei der Parade seine erworbene und erprobte Tüchtigkeit zur Schau trug und Schulkinder aller Nationalitäten in langen Prozessionen „ patriotische Lieder erschallen ließen, brach im muselftchchrischen Viertel ein verhängnisvolles Feuer aus, das über 12 Stunden wütete und ganze Straßen einäscherte. Nicht weniger als 8000 Häuser wurden ein Raub der Flammen, und über 3000 Menschen sind dadurch obdachlos geworden. Dieser schreckliche Brand, allem Anschein nach von gewissen Elementen angelegt, da er in ganz auffallender Weise in verschiedenen Gegenden zu gleicher Zeit anfing, wirkte schon auf die gesamte Bevölkerung, die noch halb im Festesrausche war, im. höchsten Grade deprimierend. Noch größer aber wurde die Panik, als tags darauf um dieselbe Stunde ein ähnlicher Brand in dem fast ausschließlich von Juden bewohntem Viertel Balat ausbrach, Das Feuer entstand in der Küche des jüdischen Hospitals,/Or-hachajim", verbreitete sich dann über die angrenzenden, von der Hitze ausgetrockneten Holzhäuser, griff auch dann Steingebäude an, und nach einigen Stunden, während welcher die Feuerwehrmannschaft und das Militär trotz Aufbietung ihrer letzten Kräfte das Feuer nicht bewältigen konnten, lag Balat in Schutt und Asche. Das die Juden Balats betroffene Unglück ist unermeßlich groß. 450 jüdische Häuser, vier Synagogen und die beiden Allianceschulen sind abgebrannt. Rührend war die unter Einsetzung . des Lebens erfolgte Rettung der Thorarollen. Herzzerreißend wirkte der Anblick der Greise und Frauen wie der verwahrlosten Kinder, welche die ganze Nacht unter freiem Himmel an ihrer mit Mühe geretteten Habe wachten. Die Stadtverwaltung versorgte sofort die Unglücklichen mit Brot und sonstigen Lebensmitteln. Anerkennenswert sind auch die Leistungen des Turnvereins „Makkabi", der sich ganz in den Dienst. der guten Sache stellte. Die Turnhalle beherbergt noch, heute eine Anzahl Obdachloser. Auch der „Hllfsverein der Deutschen Juden", telegraphisch benachrichtigt, stellte den Abgebrannten, auch Nichtjuden, seine Schulen zur Verfügung und erklärte sich bereit, eine größere Hilfsaktion einzuleiten. Als man dem Sultan die Nachricht vom Brande in Balat überbrachte, sagte er: „Man hat es darauf abgesehen, Muselmanen und Juden zu schädigen". Dieser Ausspruch jst charakteristisch. Bei der jetzigen kritischen Lage der Türkei, wo man, wie es. scheint, vor einer neuen Umwälzung steht, ist die Annahme von der Existenz einer gut organisierten Brandstisterbande gar nicht unberechtigt. Hat man doch bei dem Brande in Balat Leute erwischt, die Petroleum ins Feuer gossen oder mit Petroleum getränkte Lappen in die Feuersbrunst schleuderten. Es hat auch schon nach den geschilderten Bränden trotz der strengen Bewachung der Behörden einigemal gebrannt, wenn das .Feuer auch nicht den Umfang der früheren erreichte. Ohne Zweifel ist es die Pflicht der Berfassungsfeindlichen, Lurch Brände zur herrschenden politischen auch eine wirtschaftliche Krisis zu schaffen, damit sie umso leichter im Trüben fischen können. I. K. Ans den Ereignissen des Tages. 1. Die Wahlen in der Alliance. Das Resultat ist also endlich einmal da; die Wahlzählung ist beendet, und das Ergebnis ist der „Sieg" der Pariser Liste mit Reinach. Das Pariser Zentralkomitee hat in der Tat seine Pflicht glänzend erfüllt; es hat die Wählen in einer Weise „durchgeführt", wie sie prompter und pflichttreuer gar nicht sein könnte. Der „Erfolg" ist denn auch nicht ausgeblieben, und wenn man ihn genauer betrachtet, gelangt man unwillkürlich zur Erkenntnis:' Jacques Bigart ist ein tüchtiger Mann! Ob er auch so vorsichtig wie tüchtig ist, bleibt noch in Frage. Denn die Mittelchen, imtt denen er die Wiederwahl seines Meisters und Herrn durchgesetzt hat, sind wirklich etwas plump. Wenn Man schon „das Glück korrigieren" -wlll, dann nicht so offen. Oder sucht man in Paris durch die verblüffende Unbefangenheit zu wirken? Manch naiver Mensch kann in der Tat über den in Paris an den Tag gelegten Zynismus sprachlos bleiben!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.