Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ ♦ i ——... -——' Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— tzedaLtt-il Md HefchLfisst-ller SrsnKfurt a. w.. P-refo« 10507. Kerattsgever: Aals ch-is. --" ■! . ■---— —— -— Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. ■ . . . . 25Psg. Die Reklamezeile ... . - MO „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. R. unter No. 4884. 9. Jahrgang. Freitag, de« 19. Aw 5071 (4. August 1911) Rr. 31. Inhalt des Hau-tblattes. Artikel: Der X. Zionistenkongreß. — Wir und Herzl. — Die Brände in Konstantinopel. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Die Wahlen der Alliance; 2. Das Emigrationsproblem. — Aus allerWelt. — Feuilleton: Jüdischkeit. — Wochen- Kalend er. — Familiennachrichten. F>er X. Zionisterrkorrgretz. — Rückblicke und Ausblicke. — (Schluß.) Bon den Leistungen des Zionismus in der Diaspora und in Palästina sprachen wir bis jetzt. Nunmehr wollen wir uns mit den Aufgaben des X. Kongresses beschäftigen. Das endgültige und gründliche Aufräumen Mit dem Systemdes „Wartens" dürste die allerwichtigste seiner Aufgaben sein, vor der alles andere zurücktritt. Um aber dem alten System ein für allemal ein Ende zu machen, um das zu erreichen, dazu muß die Leitung eine andere Gestalt bekommen. Es gab Zeiten, da wir glaubten, daß es über das Programm! der Zionistischen Arbeit k e i n e Differenz in der Partei Mehr gebe. Doch wir hatten uns geirrt, — und es ist Präsident Wolffsohn, der uns von unserem Irrtum geheilt hat. Denn was bedeutet die jüngste Parole der „Welt" „Zürück zu Herzl" anders, als der praktischen Arbeit in Palästina jene Rolle wieder zuzuwcisen, die sie zu Zeiten!Herzls . gehabt hat, und die Kulturarbeit völlig auszuschalten. Herzl aber war ein Gegner jeglicher Arbeit in Palästina. Ja, das war er, wenn er auch, der Not, dem Drucke des Kongresses gehorchend, Manche Aktion in Palästina vornehmen ließ. Weder wollte Herzl von der p r a k tischen noch von der Kulturarbeit etwas wissen. ■ Und wollte man noch irgendwelche Zweifel an der Abneigung Wölffsohns gegen die Kulturarbeit hegen, so kommt ein zweiter Artikel aus der Feder des Redakteurs der „Welt", „Die Kulturfrage", und ssagt uns in lapidarer Schrift: „Die kulturellen Aufgaben ' können von der ziouistischen Organisation als einer geschlossenen Einheit nicht übernommen und geleistet werden". Und weshalb nicht? Weil die leitenden Misrachisten — in unberechtigter Besorgnis, ja in Verkennung ihrer religiösen Interessen — es nicht haben wollen und man sich — wir sagen es offen — deren Gunst hart vor dem Kongreß sichern will! ... „Die bestehende Einheit darf nicht zerrissen werden." Doch was nützt eine Einheit,. die in Untätigkeit verharrt? ) . „Wir müssen uns darüber klar sein," heißt es wörtlich weiter, „daß der Kongreß die Kulturfrage weder praktisch noch auch theoretisch, beantworten kann, er ist dazu gar nicht befugt." Dies ist gewiß richtig. Aber handelt es sich darum, - die; „Kulturstage zu beantworten" oder nicht vielmehr nur darum, die Kulturarbeit zu leisten. Heißt es nicht bewußt Verwirrung in die zionistischen Reihen tragen, wenn man jetzt, da alle Welt nur von der praktischen Kulturarbeit .spricht, die rein theoretische Kultnrstage anschneidet? Oder will die „Welt" auch etwa damit sagen, daß der Kongreß nicht befugt äst, die Richtlinien, für die Kulturarbeit aufzustellen, der Zionismus nicht Befugt ist, sie zu leisten? Darf denn der Zionismus eine Arbeit, die seinen Lebensnerv aüsmacht und zu seinem Bestände unerläßlich ist, nicht verrichten? Weshalb kann der Kongreß die Frage 8er Kulturarbeit praktisch nicht lösen? Genügt nicht der na tionalen Partei diejenige Lösung, die die religiöse Gemeinde der Kulturstage längst gegeben hat? Handelt es sich überhaupt um die Neugründung von Schulen, bei denen der Zionismus zu entscheiden hat, ob er ste auf Basis der Religion und des Nationalismus oder des bloßen Nationalismus errichten soll? Würde.es sich darum gehandelt haben, dann wären wir die ersten gewesen, die für das erstere — Religion und Nationalismus — eingetreten wären. Aber von Schulgründungen ist doch gar nicht die Rebe; dazu fehlen ganz einfach die Mittel. Um. was es sich handelt» ist die Subventionierung von Schulen, um sich Einfluß zu sichern, — und da genügt es, die Beobachtung des Sabbats und die Hochhaltung und Förderung der nationalen Güter zu fordern. Man sieht also: die Kulturarbeit kann vom Zionismus geleistet werden; nur muß man dazu den nötigen Willen besitzen und nicht „Zurück zu Herzl" predigen .... Deni X. Kongreß fällt also die Aufgabe Di, in erster Linie die Kulturstage und die Frage der praktischen Arbeit in Palästina zu lösen. „Die praktische Arbeit iw Palästina", — ist diese Frage nicht schon so oft von den Kongressen gelöst worden? Theoretisch und prinzipiell wohl; praktisch aber noch nicht ganz. Denn noch haben die vorigen Kongresse nicht dafür gesorgt, für die Ausführung 8er Beschlüsse eine Leitung zu wählen, die fähig wäre, sie in ihrer ganzen Konsequenz ' zu realisieren und in der praktischen Arbeit in Palästina das Maximum des Erreichbaren zu leisten. Will der X. Kongreß ganze Arbeit machen, so muß er die geeigneten Männer ausfindig machen, die willens sind, seine Beschlüsse voll und ganz auszuführen! In der Führung müssen auch Männer sitzen, die etwas von jüdischer Kultur verstehen; wir denken dabei besonders an unsere Brüder aus dem Osten. Was die Zahl der Mitglieder des Engeren Aktionskomitees anbetrifft, so halten wir 7 Männer für notwendig: 2 Vertreter der russischen Zionisten, 3 der deutschen inkl. Wolffsohn, 1 aus Oesterreich und ein letzter, der mit den Verhältnissen in der Türkei und Palästina wohl vertraut ist. Alle Männer der Leitung, zumindestens aber fünf, müssen ihr Domizil in einem Orte, in .Berlin, aufschlagen, damit die Arbeit intensiv und ungestört fortgeführt werden kann. Am praktischsten würde es sein, wenn die Arbeit in Ressorts zerlegt joird, wodurch wir die Möglichkeit erhielten, >zu erfahren, wer tüchtiges zu leisten imstande ist. Die zionistische Arbeit ist riesig, das Aktionskomitee hat nicht nur die große und schwierige Arbeit, die praktische wie die kulturelle, in Palästina zu leisten, sondern es muß auch die zionistische, materielle wie geistige Arbeit in der Diaspora inspirieren und beseelen, es Muß ein offenes Auge für alle Vorgänge in der großen Welt, die direkt und indirekt uns angehen, besitzen, — und, so gibt cs wahrlich reichlich genug Arbeit für sieben Männer! Wir resümieren kurz: Der Kongreß hat in erster Linie eine richtige tatkräftige Leitung zu wählen und zwar mit dem festen Programm einer ganzen materiellen wie kulturellen Arbeit in Palästina; aber auch in der Diaspora muß eine kulturelle Arbeit veranlaßt und überwacht werden. Alle anderen Fragen treten gegenüber diesen Aufgaben zurück und hängen mit ihnen zusammen. Nur noch wenige Tage trennen uns vom Kongresse. Ein Jnbiläumskongreß soll die-- ser Kongreß werden, denn er ist der zehnte an 8er Zahl. Wie ist der Himmel, 8er ihn begrüßt? Gar manche Wolken trüben ihn. Wolffsohn ist der Mann, — wozu die Umschweife! ,—, der in der Lage ist, dieseWolken zu verscheuchen und einen reinen, klaren Himmel den Vertretern der zionistischen Welt zu bieten. Geht er auf unser Programm, das Programm der wirklichen zionistischen Mehrheit, ohne Vorbehalte, ohne besondere Bedingungen ein, dann ist der Friede, der volle Friede, da, dann kann der Kongreß sich wirklich zu einem imposanten Jubiläumskongreß gestalten. Bleibt Wolffsohn aber seinem bisherigen Programme treu, dann stehen dem Kongresse schwere Stunden bevor. Wolfffohn kann sich den ungünstigen Ausfall der Schekolimsammlnng der Oestler, die nur mit Gefahr für ihre persönliche Freiheit sammeln konnten — die ständigen Verfolgungen der Brüder Goldberg- Wilna, der Führer der russischen Zionisten, bestätigen dies zur Genüge —, zunutzen machen und mit den südafrikanischen Mandaten, die zum Teil in den Händen von Unberufenen und Unerfahrenen in zionistischen Dingen liegen, ohne Programm aufmarschieren . . Er kann es; — doch was ist das Naheliegende, das Wahrscheinliche? Gar manche Zeichen sprechen für das letztere, die Haltung der „Welt" und andere Anzeichen legen die Vermutung nahe, daß der „stiedensliebende Präsident^' wiederum uns zu überraschen gewillt ist . . "Es hat stets geheißen, Nschiskin sei derjenige, welcher den Frieden stört und mit dem ein Zn-