Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ar. 31. Franksurker Israelitisch^ FaMienLlatk. Seite 8. Ernst gesprochen: cs besteht kein Zweifel, daß die Wahlen in der Alliance vont Pariser Zentralkomitee aus in der schlimmsten Weise — sagen wir recht milde — beeinflußt worden sind, daß Machinationen vorgcnommcn worden sind, die notwendigerweise die Ungültigkeit der Wahl bewirken müssen. Dazu bedarf es jetzt nicht mehr vieler Beweise; die Nachrichten aus dem Orient beweisen es zur Genüge. Nur die eine Tatsache sei angeführt, daß nach den Pariser Angaben 21,000 Stinnnen abgegeben worden sind, während die Alliance bisher stets nur 26,000 Mitglieder gezählt hat, sodaß — La in Deutschland und den anderen westeuropäischen Ländern etwa 60—70»/« abgcstimmt haben — im -Orient 100°/o der Mitglieder . abgestimmt haben müssen, ivas natürlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es ist wohl fiir jeden klar, daß die Deutsche Konfercnzgenlcinschaft und die übrige Opposition gegen Paris sich nun nicht mit dem Ansgang der Wahlen zufrieden geben kann .und wird. Zu unserer großen Freude ist auch die 43. K.-G. fest entschlossen, den begotmenen Kampf energisch fortznsetzen. Den Anfang hat sie schon gemacht. Wie die „Hazesirah" von gut unterrichteter Seite erfährt, hat das Präsidium der D. K.-G. in Paris Protest gegen die Wahlen eingelegt und das dortige Zentralkomitee ersucht, mit der offiziellen .Verkündigung des Resultates zu warten, bis in einer gemeinsamen Sitzung des Zentralkomitees die deutschen Mitglieder ihre Beschwerden und Proteste vorgcbracht haben werden. Das Zentralkomitee jedoch — man höre und staune! — fand es nicht für nötig, diesem Ersuchen Folge zu geben, berief vielmehr in aller Eile eine Sitzung der in Paris wohnenden Mitglieder, worin beschlossen wurde, unbeschadet der Wünsche der deutschen Mitglieder, das Resultat offiziell zu verkündigen. Dieses Verhalten seitens des Pariser Komitees setzt der ganzen Wahl die Krone auf. Weiter konnte .es in seiner zynischen Berach-!tung alles Rechtes und Anstandes wahrhaftig nicht gehen. jEin solches Verhalten legt die Bcr- -Mutung, die schon vorher hier und da ausgesprochen jwjirde, recht nahe, daß man in Parisauf den >A u s t r i t t der deutschen Mitglieder der Alliance hinarbeitet und durch eine rücksichtslose Behandlung diese dazu provozieren will. Eine solche Absicht wäre in der Psychologie der Pariser Herren recht wohl be gründet. Daß die Alliance in einem solchen Falle vernichtet wäre — denn die holländischen, italienischen und amerikanischen Alliancemitglieder stehen ja bekanntlich auf Seite der deutschen kümmert diese Herren recht wenig.. Für sie — sie sind in Wirklichkeit der konfessionslose Rei nach und sein gefügiges Instrument Bigart - ist das Wohl des Jrcdentums und der Alliance schon längst kein Faktor mehr, den sie berücksichtigen sollten; fiir sie wäre in einem solchen Falle die Arbeit nur leichter und bequemer; die Millionen blieben in ihren Händen, und die Angriffe und Kontrolle seitens der jüdischen Oeffentlichkeit. wären sie los. Vorlänfig jedoch, dürfen wir mit diesem allerschlimmsten Falle nicht rechnen. Für jetzt ist es heilige Pflicht der Opposition, unenttvegt an dem großen Gedanken der Alliance festzuhaltcn und zu retten suchen, was zu retten ist. Die Leitung der D. 5k.-G. muß vor allent eine genaue Zusammenstellung aller rechtswidrigen Wahlmachinationen seitens des Pariser Komitees .veröffentlichen und auf Grund dessen die Anullierung der Wahl verlangen. Einer solchen Zusammenstellung gegenüber wird denn das Pariser Komitee doch nicht stumm bleiben können und irgendwelche Erklär- .ung abgeben. Oder wer weiß, vielleicht ist das Geivissen Jacques Bigarts so „rein", daß er auch dann dieselbe eisige Stille bewahren wird, die er bisher an den Tag legte, — fand er - es doch nicht für nötig, der jüdischen Presse die Resultate zu melden. In-diesem Falle-wird man eben zn energischeren Mitteln greifen müssen. Vorläufig aber muß dieses geschehen: Von Seiten der D. K.-Gdarf nichts unterlassen werden, das zn tun ihre Pflicht ist. Die Pariser Herren müssen erkennen, daß man mit zweifelhaften Machinationen die jüdische Oeffentlichkeit nicht um die Nase führt, und daß der Kampf durch die „vollzogenen" Wahlen nicht ctiva beendet, sondern mur in ein neues, schärferes Stadium eingetretcn ist. * 1. Das Emigrationsproblem. Unter den inatericllen Problemen des jüdischen Volkes von heute gibt es tvohl keines, das tvichtiger, brennender und schwieriger zu lösen wäre, wie das E m i g r a t i o n s p r o b l e in. Seine Bcdctung tvird schon dadurch gekennzeichnet, daß von all den hochherzigen jüdischen Philanthropen Westeuropas, die bestrebt waren, der Not ihrer osteuropäischen Brüder abzuhelfen, die meisten ihre Sorge diesem Probleme zugewandt haben. Unzählig ist der Kreis der Männer, die, jeder nach seinen Kräften und an seinem Wirkungsplatze, fiir die Linderung der furchtbaren Not der Emigrautcu wirken und schaffen. All dies ist gewiß schön, edelmütig und lobenswert. Das Emigrationsproblem selbst aber wird dadurch nicht im geringsten seiner Lösung nähergebracht. Denn von all diesen Philanthropen haben nur sehr wenige erkannt, daß es ein solches Problem überhaupt gibt. Was sie kennen und wofür sie wirken, ist das Emigrantenproblem; das Emigrationsproblem ist aber etlvas ganz anderes. Jenes ist ein Problem, das die einzelnen Emigranten angeht, dieses ein solches, .das das ganze Volk berührt; jenes ist ein individuelles Problem, dieses ein nationales. Dieser Verschiedenartikeit der Probleme entspricht auch der Unterschied, in den Mitteln zu ihrer Lösung. Dem Emigrantenproblem könnte man zur Not durch private Wohltätigkeit zchhelfen — wenn cs' auch äußerst schloierig ist —, das Emigrations- Problem kann nur durch große nationale Taten gelöst werden; jenes zu lindern, ist Sache där einzelnen Philanthropen, dieses zu ltzsen, Aufgabe des g a n z c n Volkes oder zumindestens einen' großen e i n h e i t l i ch e ch Organisation. Man braucht nur eine Vorstellung vom Wesen des Emigrqtionsproblems zu haben, um zu erkennen, daß die bisherigen Methoden unmöglich z u ni Ziele f ü h r e n können. Methoden! das Wort ist falsch; wenn wir nach Methoden arbeiten ivürden, >väre es schon gut. Das Unglück ist, daß wir hier — wie bei den nieisten Problemen der modernen Jndenheit — o h n e Methoden arbeiten; ziellos, bewußtlos, planlos, dies ist das Charakteristikum fast des gesamten modernen .jüdischen Schaffens. Was lvir leisten, ist Flickwerk, nur fiir die Stunde berechnet. Unsere „Methode", das Emigrationsproblem zu lösen, besteht gegcnivärtig darin, daß wir überall, wo die Not besonders furchtbar entgegentritt, Pflästerchen anfzulegen suchen. Und jeder „Helscr" legt andere Pflästerchen auf. Den kranken Körper radikal zn heilen, versucht niemand. Nun ist es klar, daß eine völlige Lösung des Emigrationsproblems heute unmöglich ist. .Solange es eine „Jndenfrage" gibt, solange das Problem des jüdischen Daseins noch nicht gelöst ist, kann von einer Lösung des Emigrationsproblems nicht die Rede sein. Denn worin besteht es eigentlich? Einfach darin, daß jährlich jsoundsoviele osteuropäische Juden emigrieren müssen und die geeigneten Stätten fehlen, wohin sie emigrieren können. Solange also das Gros der Jndenheit in Osteuropa verbleiben wird, solange ihre Lage dort nicht über Nacht zu einer günstigen wird und solange uns ein Territorium fehlt, wohin wir unsere Emigranten entsenden können, kann, das Emigrationsproblem nicht völlig gelöst werden. Wohl aber kann es gemildert, gebessert, seiner Lösung näher gebracht werden, wenn. imr eben eine große Organisation hierfür vorhanden wäre oder aber — da diese zu gründen gegenwärtig unmöglich ist —, wenn die bestehenden jüdischen Organisationen sich in ihrer Arbeit auf diesem Gebiete vereinigen würden. Dies zu bewerkstelligen, war die Aufgabe des E m i g r a t i o n s k o n g r c s s c s, der im August in W i e n stattfindcn sollte. Wir sind bereits an dieser Stelle ans diesen .Kongreß cingegangcn und haben die Befürchtung ausgesprochen, daß er zu einem Mißerfolg führen werde. Unsere Befürchtung hat sich insofern bereits er- - füllt, als der Kongreß nun überhaupt vcrs ch oben worden ist, angeblich für das Frühjahr 1012. Ob er dann wird stattsindcn können und dann zu einem Erfolge führen wird, bleibt jetzt dahingestellt. Die Aufgaben, die der Einigrationskongreß erfüllen sollte, hat sich zum Teil ein anderer 5lv»greß jetzt gcstelllt, der X. Z i o n i st e n k o ngreß in Basel. Das Engere Aktionskomitee hat einen Vormittag fiir die Beratung der Emigrationsfrage angesetzt; es werden zwei Referate darüber gehalten, beide von guten Kennern des Problems, Dr. K a tz e n e l n s v h n - Liban und Leon Motzkin-Berlin. Daß der Zionistenkongreß über das Emigrationsproblem beraten wird, ist freudig zn begrüßen. Denn cs kann kein Zweifel darüber herrschen, daß das Emigratio ns Problem in eminenter Weise den Zionismus a n g e h t und b e r ü h r t; ja man kann es fast ein zionistisches Problem nennen. Betrachtetendoch in den ersten Jahreir der zionistischen Bewegung viele feiner Führer es als seine eigentliche, manche als seine einzige Aufgabe, die jü- Emigration nach Palästina zu leiten. Ist heute für uns der Zionismus mehr als Emigrationsorganisation, hat er nach un- Ansicht auch viele geistigen und kulturellen Aufgaben zn lösen, so halten wir seine Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Emigration doch noch nach wie vor fiir eine seiner vornehmsten Pflichte n. Drum ivar es dringend notlvendig, daß der Kongreß sich auch einmal mit deni Emigrationsproblem befaßt. Man darf nicht hoffen, daß der Kongreß etwa eine Lösung des Problems herbeifiihren wird und kann; dazu hat er leider noch nicht die nötige Kraft. Aber zweifelsohne wird er seine Lösung um ein gutes Stück fördern. Selbst wenn er nicht zu Beschlüssen kommen sollte oder aber seinen Beschlüssen noch nicht Taten wird folgen lassen können, schon die ö f f e n t l i ch e B e h a n dt u n g und Beratung der Frage allein ist nutzbringend und zu begrüßen. Große Probleme müssen erst als solche von der öffentlichen Meinung erkannt werden, bevor man an ihre Lösung denken kann. Sollte cs dem X. Zionistenkongreß auch nur gelingen, das Emigrationsproblem der großen jüdischen öffentlichen Meinung näher und in seiner ganzen Größe und Bedeutung, zum Bewußtsein zu bringen — und dieser Einfluß darf dem Kongresse wohl zngeschriebcn werden —, dann wird er die Lösung des Problems wesentlich gefördert und sich damit ein historisches Verdienst erworben Haben. dische auch eine serer Aus crkker Welt. Deutsches Reich. Köln. Im Repräsentanten-Kollegium der Israel. Gemeinde erstattete Sanitätsrat Dr. A P f e l ein einseitiges Referat über den D c n t sch- Jsraelit. Gemeindetag, so daß Max Goldreich Veranlassung nehmen mußte, seinerseits die Gründe der Opposition auf dieser Tagmig zu würdigen. Hierauf ergriff der Vorsteher Lorcis Eliel das Wort zu Ausführungen, die es verdienen, festgenagelt zn werden, da sie ein recht treffendes Bild auf das Denken des „liberaleil" Leiters unserer Gemeinde werfen. Er sagte nämlich nach dem „Israel. .Gemeindeblatt" : „Es ist eine eigeiitümliche Erscheinung, die man allerorts und zu jeder Zeit beobachten kann: Es mag den Juden politisch noch so schlecht gehen, zanken und streiten müssen sie sich immer und zwar vielfach um Dinge, über die man sich, bei allseitigem guten Willen, leicht verständigen könnte.