Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. den mehrerer junger Damen, die Töchter bezw. Angehörige von Mitgliedern der Zion-Loge sind. Die Damen haben sich zu ihrer, schweren Aufgabe durch einen Kursus im Fröbel-Pestalozzi-Hause in Berlin vorbereitet. Das Haus bietet Platz für die gleichzeitige Ausnahme von 86 Kindern. Der Betrieb ist zunächst für die 4 Monate vom Mai bis September vorgesehen. Sollten genügend Anmeldungen für eine Winterkur vorliegen, so könnte auch diese eingerichtet werden; die nötigen Heizungsanlagen sind vorhanden. Allen Eltern, denen es die Zeit nicht erlaubt, mit ihren Kindern gleichzeitig an der See sein zu dürfen, kann das Heim nur angelegentlichst empfohlen werden. Sie können ihm ihre Lieblinge in dem Bewußtsein anvertrauen, daß für dieselben mit größter Sorgfalt gesorgt wird, und haben 'außerdem die Gewißheit, ihre Kinder in einem streng rituell geleiteten Hause untergebracht zu wissen. Wie uns die Loge mitteilt, ist es nach den Erfahrungen dieser Saison dringend erforderlich, die Anmeldungen schon in den Frühjahrs-Monaten vorzunehmen. Alle Zuschriften find bis auf weiteres an die Adresse des vorgenannten Präsidenten der Loge, Dr. med. Heinrich Strauß, Hannover, Alte Cellerheerstr. 42, zu richten. Eines besonderen Hinweises bedarf der Vorzug, den dieses Heim dadurch hat, daß es auf einer Insel gelegen ist. Nach Ansicht der führenden Pcrsönlichteiten auf dem Gebiete der Kinderpflege ist das ein wesentlicher Vorteil gegenüber denjenigen Anstalten, welche, sich an den Küsten befinden. Großbritannien. Loudon. In seinem Vermächtnis vom 27. Februar d. I, drückt Chiefrabbi Dr. Adler den Wunsch aus, sein Nachfolger möge sich die große Ausgabe vor Augen halten, die englischen uno die eingewanderten Juden einander näherzubringen. Der erste Vizepräsident der Vereinigten Synagogen von England hat eine Bekanntmachung erlassen, daß im nächsten Herbst die Ernennung eines Chiefrabbis erfolgen wird. Es wurde ober bereits dafür Sorge getragen, daß auch bis dahin die Amtstätigkit des englischen Rabbinats in keiner Weise unterbrochen oder gestört werde. Zwei Rabbinatsassessoren lDajanim) werden in Gemeinschaft mit dem Rabbinat die ihm obliegenden Funktionen bis zum Herbst verrichten. Frankreich. Paris. Der berühmte Bildhauer Aronsohn, der gegenwärtig mit der Ausführung des Triumphbogens in Johannisburg zur Erinnerung an den Frieden zwischen den Mglandern und den Buren beschäftigt ist, ist bekanntlich in Rußland geboren. Er wurde nun jüngst von dem Komitee .zur Errichtung eines Feldmarschall Suborow - Denkmals aufgefordert, sich an dem Wettbewerb zn beteiligen, antwortete jedoch, daß er als^ Jude seine Beteiligung ablehne; erst wenn den Irden in Rußland statt Demütigungen und Bedrückuungen ihr Menschenrecht werde, erst dann werde er seine Zurückhaltung aufgeben. Rußland. Petersburg. Die Untusuchungsbrhördrn in der Mordaffäre Justschinsky > sehen sich durch die Macht der Tatsachen 'gezwungen, immer mehr Verwandte des hingemetzelten Knaben hinter Schloß und Riegel zu bringen. Nach dem .Stiefväter und .der Rabenmutter waren es zuletzt der Stiefgroßpater und eine Tante namens Njeschinskaja, die das Schicksal der Einsperrung ereilte. Kenner der lokalen Verhältnisse verstehen es nicht, wie auch nur eine Zeitlang ber Verdacht von der verhafteten Verbrechersippe abgewandt werden, konnte; die Inhaftierten sind schon seit langem als ein verbrecherisches Gesindel bekannt und gefürchtet. Weit schuldbeladener aber noch als die festgenommene Verbrechergesellschaft ist die Schar jener Ritualmordhetzer, die angeblich nach Bestrafung der Schuldigen riefen, die aber einerseits viele Spuren verwischen ließen, andererseits beinahe eine Mordepidemie .hervorgerufen hätten. Die entsetzliche Panikstimmung der Kiewer Juden war nur zu berechtigt. Denn eine solche unverhüllte Mordpropaganda ist nur in Kischinew immittelbar vor den berüchtigten Massacres und später abermals erst in den Oktobertagen 1905 tu ganz Rußland betrieben worden. Petersburg. Der Schriftsteller Bikermann schildert im „Rjetsch" die Unannehmlichkeiten, . die selbst ein dipllomierter Jude, der überall Wohnrecht hat, beim Reisen in Rußland dnrchmachen muß. In Kiew wurde ihm sein Paß «^genommen, und nur mit großen Schwierigkeiten erhielt er ihn wieder. In der Sommerfrische bei Kiew wollte man ihn wohl ohne weiteres, aber nicht seine Familie wohnen lassen üsw. FvcmHurEer ZsraeAischetz! ZawAienblaÜ. Rumänien. Jassy. Die hiesige jüdische Bevölkemng befindet sich; in lebhafer Erregung. Ein Schaffner hatte eine alte jüdische Frau aus der Trambahn herausgestoßen, und als darauf Passanten in ihrem Unmut die Fenster der Trambahn zerschlugen, erschien eine Abteilung Gensdarmen und verprügelte alle Jude», deren sie habhaft werden konnte und verhaftete mehrere Juden. Der Vorgang rief in der Stadt eine solch,' gehässige Stimmung gegen die Juden hervor, daß diese.aus Furcht ihre Läden schlosse». Türkei. Saloniki. Der Klub „Einheit und Fortschritt" veranstaltet am 6. August im .Einvernehmen mit der Zentralleituug eine Vergnügungsreise nach Syrien, Palästina und Aegypten. An dieser Reise, beteiligen sich 350 Personen, darunter viele Juden. Durch die Veranstaltung wird vielen Jungtürken auch, Gelegenheit gegeben, die Verhältnisse der jüdischen Kolonien kennen zu lernen und sick; von den großen Vorteilen zu überzeugen, die das ottvmanische Reich von einer jüdischen. Ansiedlung in Palästina zu erwarten hat. Palästina. Jaffa. Aufblühendes Leben. — In dem Dorfe En Ganim, einer Landarbeiter-Gründung des Odessaer Komitees der „Chowewe Zion", stehen jetzt 27 fertige Häuser zu 1, 2 und 3. Zimmern, Küche und Korridor, deren Köstenprcis '1000 Frs. (1 Zimmer), 1500 Frcs. (2 Zimmer) und 2000 bis 2500 Frcs. (3 Zimmer) beträgt. Brunnen, Gasmotor und Wasserleitung .nach allen Häusern sind vorhanden. Die Arbeiter sind in der Kolonie Pethach Tikwah beschäftigt, haben aber bei ihren Häuschen je 15 Dunam Land in eigenem Besitz. — Nicht weit vom Dorfe P e k i j i m sind Steinkohle und Petroleum entdeckt ivorden. Amerika. Montreal. Man wird in Europa schon manchmal nach den Ursachen des Antisemitismus in Kanada gefragt hüben. Kanada ist doch ein demokratisches Staatengübilde und hat nur in wenigen Orten eine nennenswerte jüdische Bevölkerung! Die Ursache ist sehr einfach: die Bevölkerung der Provinz Quebec zeichnet sich durch sehr konservativen Sinn aus und ist daher gegen alles, was nicht französisch und nicht katholisch ist. Aus politischer Rücksicht auf diese Bevölkerung sieht sich die kanadische Regierung veranlaßt, sie wenigstens durch antisemitische Behandlung der Juden zufrieden zustellen. Der Jude, ist eben immer der Knochen, der dem Hunde vorgeworfen wird. Hymen. Erzählung von Jacob Levy. (Schluß). „Auch hierüber kann ich Dich beruhigen. Ich entbehrte wirkliche nichts. Frau Bruch ließ sich nicht nehmen, das Kind zu sich zu holen, damit mein Schlaf, nicht gestört wird. Die Ordnung im Hause, in meinen Gewohnheiten war wie immer mustergültig, und .trotz der vielen Beschäftigung konnte Frau Bruch! abends nach meinem Diktat schreiben. Meine wissenschaftliche Arbeit fördert dadurch sehr, die Dame versprach mir, das ganze Merkchen zu schreiben." Seine Frau sagte leise: „So bin ich ja eigentlich überflüssig geworden." Er entgegnet« in eisigem Tone: ■ „Du hast Dir eine Welt außerhalb Deines Hauses aufgebaut. Soll Dein Gatte über das Verlorene tatenlos, trostlos jannnern? Die Kinder sind klein und hülslos, ich sorgte für mütterliche Pflege, da ihre Mutter sie den Dienstboten überlieh. Ebenso bemühte ich mich für Erhaltung des Hauswesens, damit wir nicht durch Unordnung leiden inüßten. Ich danke Gott, daß ich, die pflichtgetrcue, gewissenhafte Frau Bruch gefunden habe, wahrlich, ohne diese wäre ich verzweifelt, während Du die Frauenwelt beglücktest. Ich störe Dich nicht mehr in Deiner Sphäre, bitte Dich aber, solche Unterredungen wie diese nicht mehr zu veranlassen, wenn Du nicht willst, daß ich meine Abende in tneinem Ziminer zubringe." Die unbehagliche Pause wurde durch Frau Bruch unterbrochen, die mit dem Tee erschien und nicht nur der Frau Weil, sondern auch deren Mann eine Tasse reichte. „Frqu BiyW Sie nehinen ein Täßchen mit uns?" „Nein, Frau Doktor, ich sehe nach der Pattentin." „Aber das ist meine Sache, bleiben Sie!" Und Frau Weil erhob sich rasch * Nr. 30. Frau Bruch sagte freundlich: „Ueberlassen Sie die Kleine heute noch mir. Sie haben eine Mehrstündige Eisenbahnfahrt hinter sich und bedürfen der Ruhe, vor <ulem einer Stärkung." Und damit war sie aus dem Zimmer. Der Doktor, der das blasse Gesicht seiner Frau betrachtete, sprach gleichfalls: „Du, Berta, mußt jetzt . etwas zu Air nehmen und diese Nacht gut schlafen, damit Du morgen gekräftigt bist. Dann magst Du' tun, was Du für richtig St. Damit sDeine Ruhe ungestört bleibt, soll chen noch diese Nacht bei Frau Bruch bleiben." Seine Frau senkte den Kopf und erwiderte nichts. Nach einer Stunde herrschte Ruhe im Hanse, alles war schlafen Legangen. Frau Weil konnte keinen Schlummer finden, sie mußte immer an Frau Gutmann denken. Sie. bedachte, was sie der alten Frau hätte erwidern sollen, und alles was ihr cinfiel, dünkte ihr so gezwungen, so phrasenhaft. Sie erhob ihr Haupt. Sie hörte die ruhigen Atemzüge ihres Mannes und stand leise auf. Sie warf den Morgenrock um, schlüpfte in die Pantoffeln und ging ins Nebenzimmer, wo Erich fest; schlief. Der Junge hatte sich bloß gesttampelt, sie hüllte ihn gut in die Decke und küßte ihn, der im Schlaf sein Uermchen um den Hals seiner Mutter schlang. Sie machte sich vorsichtig los, um ihn nicht zu wecken. Dann schlüpfte sie auf unhörbaren Sohlen an das Zimmer der Frau Bruch. Sie hörte Worte und horchte. „Klärchen, trinke! Wenn Du morgen a»fwach,st, kommt Mama und bringt Dir etwas Hübsches mit." „Nein, Tante Rosa, Mama kommt nicht. Ich bin das Kind von Tante Rosa." Frau Weil trat ins Zimmer iind sah, tvie die getreue Frau Bruch, über das Bettchen des Kindcs gebeugt, es trinken ließ. „Klärchen, Liebling, hier ist Mama wieder. Manra geht vom Kind nicht wieder fort." Und sie herzte ihr Kind fast zu Tode. Frau Bruch sah vergnügt zu, dann sagte sie aber doch: „Frau Kollega, das Kind muß schlafen." Die Mutter legte die Kleine in die Kissen zurück. „Klärchen, sei artig und mache die Guckäuglein zu, ich! bleibe bei Dir." Sie setzte sich ans Bettchen. Bald deuteten die tiefen, ruhigen Atemzüge des Kindes, daß es fest eingeschlafen war. Frau Bruchs flüsterte: „Sie hatten sich nicht zu bemühen brauchet, denn Sie bedürfen jauch der Ruhe." Frau Weil zog sie an der Hand ins Nebenzimmer. „Liebe Tante Rosa, ich wußte gar nicht, daß ich solch Verlangen nach den Kindern hatte. Wie konnte ich sie verlassen!" Frau Bruch lächelte. „Die Sache ist ja nicht so tragisch. Sie wußten sie ja gut behütet. Aber — Sie sind so leicht gekleidet, -vollen Sie nicht wieder zu Bett gehen. Sie brauchen keine Sorge um die Kleine zu haben." „Das habe ich auch nicht. Aber lassen Sie mich noch etwas hier." Mit unwiderstehlicher Freundlichkeit bat sie: „Mr wollen Freundinnejn werden. Nennen Sie mich Berta, ich sage Rosa zu Ihnen. Wollen Sie?" Frau Bruch legte ohne Zögern ihre Hand in die der Frau Well und sagte: „Sei es. Auf gute Freundschaft. Wer nicht mit der Frauenrechtlerin. sondern mit der Hausfrau und Mutter." „Rosa,' eine alte Dame gab mir ein Bändchen Rückert und bezeichnet« mir einen Vers darin. Ich fürchte, daß dieser Vers leider nicht schlecht auf mich paßt." Sie nahm aus ihrer Tasche das Bändchen und schlug die Stelle auf. Frau Bruch; las aufmerksam, dann xntgegnete sie: ^Sobald .Sie die Wahrheit dieser Zeilen anerkennen, Paßt der Inhalt nicht mehr auf Sie. Wer ich will Ihnen auch einen Vers von Schiller zeigen." Sie nahm aus dem Schrank ein.Auch und schlug „Die berühmte Frau" auf. Fra» Weil las und errötete tief bei den Strophen: Was ist von diesem Engel mir geblieben? Ein starker Geist in einem zarten Leib', Ein Zwitter zwischen Mann und Weib, Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben. ,4?at mein Mann Sie auf dies Gedicht aufmerksam gemacht?" „Nein, Ihr Herr Gemahl hat' keine Zeit, die Klassiker wieder zu lesen, und ich habe dies Gedicht zufällig entdeckt, als ich in dem Band blätterte. Ich wollte das Gedicht „Die Künstler" wieder lesen, dies steht gerade vor der berühmten Frmu" „Rosa, wir Mollen über das Vergangene schweigen. Ich Iverüe nicht vergessen, daß wfj; Frau und Mutter bin, und daß diese Pflichten allen anderen Vorgehen. Ich werde, ich kann mich von der Bewegung nicht ganz zurückziehen, aber werde nur teil daran nehinen, soweit sie für Inden in Betracht kommt und es meine Zeit erlaubt. Diese Zeit wird 'sehr gering sein. Ich sehe es ein, wenn jede Frau so wäre, wie ich gewesen ' bin, der Staat könnte nicht bestehen,