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Neue jüdische Presse · 1911-07-28 · Heft 30 (28.7.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. SO Franksurker Israelitisches' Kamilienblatk. DeitK 3. wurde, hat er sich selbst gegeben; was wir alle empfangen haben, hat er selbst errungen. Wir alle sind ja mir Nehmer, er aber war Schöpfer. (Schluß folgt.) Ans de« Ereignissen des Tages. Die jüd. Jugendvereinöbewegung in Deutschland. Unter Len vielen neuen geistigen Errungenschaften, die die moderne Zeit uns gebracht hat, gibt es wohl wenige, die von solcher Bedeutung für das moderne Volksleben sind, wie die Erkenntnis von der immensen Bedeutung der I ng e n d im Leben eines Volkes. Wir wissen heute, daß die Zukunft eines Volkes im wesentlichen von deni Maße der Sorge abhängig ist, die dasselbe seiner Jugend' zuwendet; die neue Wissenschaft von der Sozialpädagogik wächst allmählich zu einer der Grundlagen jedes Volkes heran. Es gibt daher keinen schlagenderen Beweis für die ganze Anormalität, für den Verfall unseres jüdischen Volkslebens als die Indifferenz und Sorglosigkeit, mit' der wir bisher das jüdische Jugendproblem behandelt haben. Bis vor wenigere Jahren, existierte es siir die meisten von uns gar nicht, und auch unsere „Führer" sorgten siir alles andere, nur nicht für unsere Jugend. Und der Erfolg war — nun, um den Erfolg zu schildern, müßten wir hier wieder das ganze trostlose Bild vom Judentum des 19. Jahrhunderts entrollen. Seit einigen Jahren hat sich bei uns auf diesem Gebiete erfreulicherweise vieles geändert. Unter dem Enflusse des mächtigen Impulses, den die neuentstandene nationale Bewegung dem modernen Judentum verliehen Hat, ist auch eine jüdische Jugendbewegung entstanden, die bei uns in Deutschland zur Gründung des „V e rb a n d e s der j ü d i s ch e n I n g e n d v e r e i n e" geführt hat. Dieser Verband ist n c n t r a l, d. h. er nimmt zu allen politischen, religiösen und sozialen Fragen des modernen Judentums keine ausgesprochene Stellung ein und läßt hierin seinen Mitgliedern völlige Freiheit. Das Prinzip der Neutralität wurde von manchen Vereinen so verstanden und gehalten, daß sie in ihren Versammlungen überhaupt keine Debatte über all diese Fragen zuließen, ein Standpunkt, den wir hier wiederholt verurteilt und verworfen haben. Wie bekannt, hat sich ja auch der Verband in seiner letzten Tagung gegen diese mißverstandene und verwerfliche Neutralität ausgesprochen. Nun hat sich aber im letzten Jahre in Berlin ein separater Jugcndverein gebildet, der auf dem Boden des „liberalen" Judentums steht und daher naturgemäß nicht dem Verbände, der nur neutrale Jugendvereine mlfnimmt, angehört. Wir brauchen wohl hier nicht nochmals nachzuweisen, daß der liberale Jugcndverein von vornherein eine Fehlgeburt war, der einen eigentlichen positiven Standpunkt ebensowenig wie das gesamte liberale Judentum habeil kann; wir haben darauf schon wiederholt verwiesen, und den pathetisch geschriebenen, aber logisch unhaltbaren Ausfiihrungcn eines der feurigsten Verfechter dieses Vereines, des Herrn A. Philippsborn in der Monatsschrift „Liberales Judentum" können wir wirklich' nicht soviel Bedeutung zuerkennen, um auf die ganze Angelegenheit nochmals einzugehen. Worauf wir hier eingchen wollten, ist etwas anderes. Schon der erwähnte Herr und nach ihm das Kölner „Israelitische Gemeindeblatt" beklagen sich darüber, daß es innerhalb halb des Verbandes Jugcndvereine gibt, die dem Namen nach neutral, in Wahrheit aber zionistisch sind. Wir kennen diese Vereine nicht selbst, aber lvir wollen annehmen — und wir tun es gern —, daß dem wirklich so ist. Es ist nicht etwa ungesund, weil — wie Herr A. Philippsborn und der Leitartikler des „Jsr. Gemeindeblattes" meinen — diese Vereine zionistisch sind; es ist auch nicht ungesund, weil — wie der Verfechter des liberale?! Jugendvereins recht naiv meint — die nichtzionistischen Mitglieder der betreffenden Vereine in die Gefahr kommen, vion den zionistischen Rednern „verführt" zu werden, da es — wie trefflich das Argument — doch unmöglich ist, antizionistisch gesinnte Diskussionsredner kommen zu lassen. All diese Gründe sind lächerlich und können nur dem Hirne von Menschen entspringen, die im Zionismus eine „Gefahr für das Judentum erblicken. Wir halten den Zustand für ungesund, weil wir es für einen Schaden ansehen, wenn Jugendvercine, die zionistisch sind und doch dem Gesamtverbaude angehören wollen — und dieser Wille ist nur zn loben —, ihre zionistische Gesinnung verbergen müssen. Fragt sich also, was tun? Der ideale Ausweg wäre natürlich der, wenn der Gesamtverband sich ans den Boden des nationalen Judentums stellen würde. Da aber vorerst nicht daran zu denken ist, muß ein anderes Mittel gesucht werden. Der Verband muß — wie die Verhältnisse heute sind — neutral bleiben; dies stimmt. Folgt aber daraus, daß auch die einzelnen Vereine neutral sein müssen? Durchaus nicht. Im Gegenteil, wir halten diesen Zustand gar nicht für immer gesund. Es muß Herr einzelnen Parteien im Judentuin die Möglichkeit gegeben werden, sich zu bckänlpfeu. Wo dies innerhalb der einzelnen Vereine geht, — gut! Wenn aber die Gesamtheit der Mitglieder eines Vereins zufällig auf demselben Boden steht, warum sollen sie es nicht offen erklären dürfen? Oder: wenn eine Anzahl gleichgesinüter junger Juden einen eigenen Verein bilden wollen, warnnr soll es ihnen verwehrt sein? Freilich, die liberalen Heißsporne werden — mit Recht — befürchten, daß in diesem Falle den zionistischen Mitgliedern des Verbandes mehr Spielraum siir ihre Agitation geboten ist und werden daher unseren Vorschlag ablehnen. Ein solcher Gesichtspunkt darf aber nicht für den Vorstand des Verbandes maßgebend .sein. Er hat nur den Vorteil des Verbandes im Auge zu behalten; und von diesem Gesichtspunkt aus nmß er sich für diesen Vorschlag erklären. Tut er es nicht, so zeigt er, daß auch er von der Zionistenfurcht beherrscht wird, daß auch er unbedingt einen Fortschritt des Zionismus unterbinden will, und zeigt dadurch, daß er in Wahrheit gar nicht neutral ist. Wir hoffen, ' daß die nächste Tagung des Verbandes -— oder der Vorstand noch vor derselben — über unseren Vorschlag beraten und ihn auch akzcptteren wird. Denn der Zustand, wie er jetzt herrscht, ist unhaltbar und auch für den Verband verderblich. Unser Vorschlag aber ist nicht nur logisch und gerecht, er ist auch voni größten Vorteil für den Verband der jüdischen Jugcndvereine selbst! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der verantwortliche Redakteur der „Staatsbürgcrzeitnng" Willi Buch-Buchow war wegen des Satzes: „Die talmudische Lehre ist die zur Religion erhobene Unsittlichleit und geheiligte Verbrechen gegen die nichtjüdischc Menschheit", der eine schwere Beschimpfung der jüdischen Religion darstellt, zur Anzeige gebracht worden. Der Erste Staatsanwalt hatte ein Einschreiten abgelehnt, und es jvar erst der Beschwerdeweg nötig, damit das Verfahren eröffnet werde. Am 19. dss. fand nun die Verhandlung statt und endete mit Freisprechung, „da der Angeklagte als überzeugter Christ und nach seiner politischen Parteirichtung nicht das Bewußtsein gehabt habe, daß in dem Artikel eine Beschimpfung der jüdischen Religion enthalten sei." Die jüdische Oeffentlichkeit kann sich unmöglich mit diesem Urteile beruhigen. Es ist Pflicht des „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", die Sache weiter zu verfolgen, und er wird hoffentlich dieser Pflicht mit aller Energie Nachkommen. Die Gegensätzlichkeit in den Aussagen der beiden Sachverständigen, Prof. Dr. Beer und Prof. Dr. Strack, hätten das Erricht nicht sofort zn einem Urteile kommen lassen dürfen. Freilich dürfte bei dem Urteile nicht nur die rein antisemitische Aussage Beers, sondern auch die Aussage Stracks, der den Talmud wohl ein wirkliches Sittengesetz nannte, aber andererseits betonte, daß der Talmud heute für die Juden ohne Bedeutung sei, da sich die jüdische Religion nur auf dem Alten Testament aufbaue, mit bestimmend gewesen sein. Daß diese Ansicht Stracks von der Bedeutung des Talmuds für die jüdische Religion eine falsche ist, darüber bedarf es ja für uns Juden keine weiteren Worte. Berlin. Nach den dem Hilfsverein der Deutschen Juden zugegangenen Nachrichten sind bei,dem Brande in dem Konstantinopler Stadtteil Balat 2000 meist jüdische Häuser niedergebrannt, darunter mehrere Synagogen und Schulen. Das Elend der nach vielen Tausenden zählenden «obdachlosen jüdischen Bevölkerung ist außerordentlich groß. Zu einer Beratting über die Mittel und Wege, wie der .schweren Not wirksam abgeholfen werden kann, treten am Mittwoch, den 28. Juli, unter denr Vorsitz des Großrabbiners sämtliche > jüdische Vereine Konstantinopels zusammen. Infolge eines dringenden Appells aus Konstantinopel hat der Hilfsverein der Deutschen Juden angesichts des großen Unglücks eine öffentliche Sammlung eingeleitet, um gemeinsam mit den übrigen jüdischen Institutionen eine rasche und zweckmäßige Hilfsaktion zu ermöglichen. Berlin. Das Deutsche Büro der Alliance Jsraölite Universelle teilt mit, ■ daß das Zentralkomitee in Paris an die durch Brandkatastrophen besonders schwer h e i m g e s u ch t e n r u s s i s ch e n O r t s ch a f t e n, und zwar an die Gemeinden Mir (Gouv. Minsk), Janischki (Gouv. Kowno), Vorotynstschina (Gouv. Mohilev), Karelitschi (Gouv. Minsk), Olita (Gouv. Souwalki) Dwine (Gouv. Grodno), Jagory (Gouv. Kowno) Beihilfen im Gesamtbetrag von 12000 Francs geschickt hat. Für verschiedene russische I e s ch i b o t h hat das Zentralkomitee den Betrag von 2000 Francs bewilligt. Berlin. Am 4. August werden die Leiter der Organisation für hebräische Sprache und Kultur und der Verlagsgesellschaft H a kch i j a h in Basel eine Konferenz veranstalten; u. a. sollen Beschlüsse betreffs Einberufung eines Kongresses gefaßt werden. Norderney. Das von der „Zion-Loge"- Hannover hier ins Leben gerufene Kindererholungsheim wurde am 9. Juli eingeweiht. Viele Brüder der Zion-Loge unter Führung ihres Präsidenten, ebenso viele Mitglieder anderer Logen waren erschienen. Die Großloge des U. O. B. B. hatte einen Vertreter in der Person des Landtagsabgeordneter Dr. Cohn-Dessau entsandt. In dem Speisesaale der Anstalt, welcher für diesen Zweck besonders geschmückt worden war, hatten sich ca. 200 Personen eingefunden, um' an der Feier teilzunehmen. Nach dev Uebergaberede des bauleitenden Architekten, . Baurat Mackensen -Hannover, begrüßte der Präsident, Dr. Heinrich Strauß- Hannover, die Anwesenden und dankte zunächst Herrn Mackensen für die großen Dienste, die er der Loge bei Ausführung des Baues in selbstloser Weise unter Verzicht auf jede materielle Vergütung geleistet hatte. Ein besonders herzlicher Dank wurde den Brüdern de» Komitees sür kur- und pflegebedürftige Kinder zuteil, die in elfjähriger rastloser Tätigkeit das Werk zu dieser Vollendung geführt haben. Neben der jährlich nach Salzhemmendorf zu entsendenden Ferienkolonie von 80 Kindern hat das Komitee es verstanden, nur aus den Kreisen der Loge die großen Mittel, welche zur Errichtung des Kindererholnnzsheims auf Norderney erforderlich waren, zu beschaffen; aber, so führte der Präsident aus, der Grundgedanke, den jüdischen Kindern, die zum Teil unter ungünstigsten Verhältnissen in der Großstadt aufwachsen, eine Erholungsstätte zu schaffen, sei doch aus der großen Ordensidee heraus geboren. Mit deni Wunsche, daß das Heim seinen Insassen, der Zion-Loge und dem ganzen Orden zum Segen gereichen möge, schloß der Redner, welchem Rabbiner Dr. Freund, da Landrabbiner Dr. Gronemann wegen dienstlicher Geschäfte verhindert war. mit einer tief empfundenen religiösen Weiherede folgte. Als erster der Gratulanten sprach namens der Regierung der Königl. Badekommissar Gras v. Oeynhausen. Für die Gemeinde Norderney gratulierte Bürgermeister Dr. U h d e. Sodann kam der Vertreter der hochwürdigen Großloge zu Worte, t«m sich noch fünf Redner anderer Logen und Logenverbände anschlossen. Nach einem Schlußworte des Herrn Dr. Katzen st ein - Hannover schloß die Feier mit dem von einem Teile der Kinder vorgetragenen Choral „Lobe den Herren", um lVi Uhr. Ein Teil der Gäste unterzog' nunmehr das Heim einer eingehenden Besichtigung. Die geräumigen Schlafsäle, in welchen für jeden Insassen in die Wand ein Schrank eingelassen ist, die außerordentlich praktischen Waschvorrichtungen, der große Spielplatz mit den Liegestühlen, sowie die vorzüglich angelegten Küchenräume zeigten den Besuchern, daß für die Kinder in jeder Beziehung bestens gesorgt ist. Die Leitung des Hauses liegt in den Hän-

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