Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. «r. 30 Denn hierin liegt der Schlüssel allesWcrden s und Entstehens auf den Gefilden Israels in den letzten vier Jahrzehnten. Ein Volk ohne Stolz und ohne Sclbstbewußtsein kann nichts Positives leisten und kann unmöglich eigene Werte schassen. Ter Prophet, der sich erhaben über die ganze Menschheit wähnt und sie richtet, der sich bisweilen zu schweren Anklagen gegen seinen Schöpfer »ersteigt, konnte es nur aus seinem stolzen Sclbstbewußtsein heraus, aus der Wertschätzung, die bis zum Glauben an die Unfehlbarkeit seiner von ihm erkannten Wahrheit ging, tun; ohne diesen Stolz hätte er nur in Demut klagen und beten, nicht aber Anklagen erheben können. Und ebenso wie man sich einen Goethe im Mittelalter, da der Wert des Menschen gleiche null war und den Völkern und - Menschen jeglicher Stolz fehlte, nicht gut denken kann, so kann man sich nicht einen Herzl, einen Bialik in einer Zeit des Anderen-Gcfallen-Wollcns und der Büiklingc vorstellcn. In einer Zeit der Stagnation und des Medergangs des jüdischen Schaffens und jüdischen Wissens in Westeuropa entstand der Zionismus. Die Abnahme des jüdischen Stolzes und dH jüdischen Selbstbewußtseins hatte die Abnahme der jüdischen Forschung und der jüd. Dichtung nach sich gezogen; aber sobald die blauweiße nationale Fahne hochgehoben wurde und der einstige jüdische Stolz - in die gedemütigten, geknickten Herzen Israels einzog, begann das Dichten und Forschen von neuem aufzublühen. Eine neue jüdische Literatur entstand ihn Osten, die allmählich ihre Zweige nach dem Westen entsendet. Diese Literatur, die fast alle Zweige einer modernen Literatur umfaßt, wäre noch weit, weit größer geworden, wenn nicht die russischen Wirren, die durch die Revolution und Kontrarevolution entstanden sind, die Schaffenskraft unserer östlichen Brüder teilweise gelähmt hätten. . . Auch eine ansehnliche jüdische bildende Kunst ist entstanden. Soweit die direkten und indireften Erfolge des Zionismus in der D i a spo r a. — Doch was hat der Zionismus zur Verwirklichung seines Hauptzieles, zur Gründung seines Heimes in Palästina im Laufe der neun Kongresse getan? In der Aera Herzl nichts, in der Aera Wolffsohn geschah etwas — wenn auch wenig. Was gegcnwärttg in Palästina an nennenswerten Errungenschaften vorhanden ist, haben zum' größten Teil andere geschaffen, sei es die „Chauwcwei Zion", sei es Baron Edmund von Rothschild oder einzelne Private. Daß Herzl zur Gewinnung des Landes und der Leute nichts unternommen hat, ist ja natürlich; war er doch durch seinen, großen Optimismus von dem Glauben beseelt, einen „Charter" in Bälde bekommen zu können. Aber auch an die Nationalisiermrg der türkischen Judenheit dachte Herzl nicht; ihm war der Zionismus für die in Not und Unkultur lebenden Juden etwas gar zu Selbstverständliches. Ein Mann wie Herzl konnte sich unmöglich in die Psyche eines Golusjuden versetzen. Und wahrscheinlich hiett sich Herzl bei seinen geringen Kenntnissen auf dem Gebiete der jüdischen Sprache und jüdischen Kultur für nicht berufen, die Erziehung seines Volkes zu betreiben. Und Wolffsohn? Wolffsohn glaubt, das große Erbe Herzls angetreten zu haben und sucht daher das „Warten" — das System Herzls. — zur geheiligten Tradition zu erheben. Noch jüngst hat seine „Welt" .„Zurück zu Herzl" proklamiert . . . Und dabei vergißt er wie auch Nordau, daß bei den gegenwärtig gegebenen Verhältnissen höchstwahrscheinlich auch Herzl zum Handeln geraten hätte. Auch für die Kulturarbeit in Palästina hat Wolffsohn nichts übrig, auch darin will er Herzl gleichen und in seinen Fußtapfen gehen; — »oder entspringt feine Stellungnahme allzugroßer Bescheidenheit, in der Annahme, — trotzdem er über größere Kenntniffe in geistig-jüdischen Dingen als Herzl verfügt — der Kulttrraufgabe nicht gewachsen zu sein? . . . Wie dem auch sei, es ist eine Taffache, daß auf dem kulturellen Gebiete in Palästina nichts, rein nichts von Seiten der Führung geschehen ist. Freilich ist auch auf dem geistigen Gebiet manches vonzionistischer Seite geschehen; so wurde ein Mädchengymnasium in Jaffa von Seiten der „Chauwewei Zion" in Odessa, ein zweites für Jungen und Mädchen seitens Bogratschows begründet, das viel angegriffene Jnstttut, das den Namen „Jaffaer Gymnasium" führt, ebenso die „Tachkcmonischule" seitens des Misrachi. Man sagt, diese Institutionen, — abgesehen vom „Gymnasium" in religiöser Beziehung — seien gut geleitet. Aber sie hätten auch schlecht sein und manche Gefahren für den Zionismus in sich bergen können; auch ist es sicher, daß das Gymnasium in religiöser Hinsicht pekuniär vom Aktionskomitee abhängig gewesen wäre; ebensogut wäre es möglich gewesen, daß diese Schulen überhaupt nicht dagewesen wären, und die Erziehung' der palästinensischen Jugend wäre dann ausschließlich in den Händen Reinachs gewesen, in den Händen desselben Reichnach, den unsere Leitung in dem von uns begonnenen Kampf so tapfer mit zu bekämpfen geholfen hat . . Und wie ist cs mit der politischen Lage des Zionismus bestellt, wie ist das Verhältnis der türkischen Regierung zuni Zionismus? Was hat die zionistische Leitung hierin erreicht? Leider ist das Verhältnis der türkischen Regierung zum Zionismus kein g ü n st i g e s. Und wer trägt die Schuld? Direkt die Feinde aus dem eigenen Lager, die Verräter der Assimilaffon; die Umtriebe der Alliance sind ja zur Genüge bekannt. Indirekt aber die zionistische Führung, die cs versäumt hat, die türkische Judenheit, die S e s a r d i m, in ihren Bannkreis zu ziehen, und die cs unterlaffen hat, die öffentliche Meinung der Türkei zu beeinflussen. Letzteres hängt vom ersteren ab; wäre die türkische Judenheit stir unsere Sache gewonnen, so wären die Türken, sofern sie Muselmanen sind, dem Zionismus gewogen; kann doch die zionistische Sache nur von Segen für die Türkei sein. Auch hierin zeigte es sich, wie schädlich das System des „Wartens" ist. — „Wir haben Zeit, zu warten", verkündete man stolz. O nein! Wir haben keine Zeit, das Warten dezimiert die zionistischen Scharen, stärkt die Assimilatton und beschleunigt den Prozeß der Auflösung rapid! Wir haben genug gewartet, leider viel zu lange! (Schluß folgt.) Wir ««- Herzl. Bon Ben-Koheleth. Jetzt, in den Tagen, da das Andenken Theodor Herzls in uns in neuer Lebendigkeit er wacht, da das Bild seiner großen Persönlichkeit wieder vor unsere Augen tritt, ist es gut, ist es iwtwendig, das Verhältnis zwischen ihm und uns von neuem zu untersuchen. Man sage mir nicht, daß ja erst sieben Jahre verstrichen sind, seitdem er von uns geschieden; gerade weil erst sieben Jahre vergangen sind, ist eine solche Untersuchung notwendig. Denn noch ist uns Theodor Herzl nicht zu einer toten Persönlichkeit geworden, die der Vergangenheit, der Geschichte angehört; noch ist Theodor Herzl in unserem Leben ein Faktor, der uns beeinflußt und bestimmt, noch ist er in unserem Bolksdasein eine Kraft, die lebt und wirkt und schafft. Drum ist es für uns iwtwendig, darüber klar zu sein, was uns diese Kraft heute ist, was sie uns noch ist. Doppelt notwendig wird aber diese Klarheit, rvenn man sieht, wie der geheiligte Name Theodor Herzls in den lleinlichen Zank politischer Personenkämpfe hineingezerrt wird, wie mit ihm Verwirrung und Unklarheit in unsere Reihen hineingetragen werden soll . . . * Wenn man Herzl als Zionisten, als Juden beurteilen und wertschätzen will, soll man niemals vergessen,. daß Herzl nicht Zi onist war, sondern Zionist wurde, daß er den Weg zum Judentum nicht von Jugend an gewandelt ist, sondern ihn erst spät entdeckt hat. Man vergesse niemals, daß Herzl bis ins reise Mannesalter hinein, bis zu einer Zeft, da seine Bildung, seine Erziehung, seine Entwicklung beendet war, der Typus des westeuropäischen Assi milationsjuden war, der vom Judentum nichts wußte, den die Judenheit nichts anging, und dessen Ziel es war, in sein Wirtsvolk aufzugehen. Erst dann wurde er Zionist, wurde es kraft einer jener radikalen Weseitsanwandlnngen, wie sie nur den ganz Großen unter uns beschieden sind, wurde .es kraft einer jener gigantischen Willensanstrengungen, >vie sie nur Titanen des Charakters vollbringen können. Wodurch wurde er Zionist? Nicht aus der allmählichen Erkenntnis der geistigen Judennot, nicht aus der Erfassung der kulturellen Judenfrage, auch nicht aus Mitleid mit dem furchtbaren Schicksal seiner osteuropäischen Brüder; nein, er. wurde Zionist aus Reaktion gegen die Demüttgungen seitens der Judenfeinde, aus Empörung über die Beschimpfungen durch die Nichtjuden, aus persönlichem Stolzgefühl. Was war ihm also der Zionismus, was denn konnte er ihm nur sein? Das Mittel, den Beschimpfungen und Demütigungen.ein Ende zu machen, der Weg zur Lösung der politischen Judenfragc, — denn nur diese kannte Herzl, als er Zionist »vurde. Als Herzl Zionist wurde, war er aus einem assimilatorischen Juden zu einemst o l z e n Juden geworden, aber nicht zu einem bewußten Juden. Tenn um bewußter Jude zu sein, genügt es nicht, den Willen zum Judentum zu haben, muß man vielmehr die Kenntnis des Judentums besitzeni, muß den jüdischen Geist in seiner Eigenart erfaßt mrd die jüdische Kultur in ihrer Größe sich angeeignet haben. Als Herzl .Zionist wurde, warsein Zionismus nicht jüdisch-geistig-kultnreller, sondern w e st e u r o-- päisch-politischer Zionismus. Efft in den Jahren seiner zionistischen Arbeit, da er in enge Berührung kam mit den Juden des Ostens, da erst begann er wirklich Jude, bewußter Jude zu werden. Er vernahm da von denk Dasein einer jüdischen Kultur, von dem Vorhandensein einer jüdischen Eigenart und von der Existenz einer geistigen und kulturellen Judenfrage. So begann er, bewußter Jude zu werden; begann, ist es aber nicht ganz geworden. Dazu haben die wenigen Jahre nicht hinreichen können, dazu hat ihn der Tod zu früh entrissen. Dies mag man beklagen, und ich beklage es tief; mag es für ein Unglück halten, und ich halte es für ein furchtbares. Die Tatsache aber bleibt dieselbe; am Faktum wird dadurch nichts geändert. * Erst jetzt, wenn wir uns den Werdegang Theodor Herzls klar gemacht haben, können wir erst sagen, was er uns ist: Uns ist Theodor Herzl das Ideal des Juden, der bewußter Jude lverden will, aber nicht das Ideal des Juden, der bewußter Jude geworden ist; uns bezeichnet Theodor Herzl den Weg zum Judentum, -aber nicht das Judentum; uns bedeutet Theodor Herzl den Willen zum Zionismus, aber nicht den Zionismus. Dies bedeutet keine Herabsetzung Theodor Herzls, keine Schmälerung des Verdienstes. Im Gegenteil. Hundertfach mehr verehre und bewundere ich den Theodor Herzl, der nicht Jude war und aus tiefster Seele Jude werden wollte, als einen Theodor Herzl, der von Jugend auf schon Jude gewesen wäre; hundertfach höher steht der Theodor Herzl, der vom Zionismus nichts wußte und den Weg zu. ihm aus sich selbst heraus fand, als ein Theodor Herzl, dem der Zionismus mit der Muttermilch eingeimpft worden wäre. Was uns änderen gegeben