Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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&x*n&futtet Istuklitislhrs fnmiliralilott. .Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— mrd ch-fchäflsst-rr-: Frankfurt a. fyeCtfon 10507. AsraitsgsSsr: Kalg Gels. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile .100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. R. unter Ro. 4884. 9. Jahrgang. Freitag, Le« 8. Aw 5671 (28. Juli 1911) Rr. 39. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus England. — Der X. Zionistenkonkreß. — Wir und Herzl. — Aus den Ereigniffen des Tages: Die jüd. Jugendvereinsbewegung in Deutschland. — AusallerWelt. — Feuilleton: Hymen. — Tischoh-Beaw. — Kunst u. Literatur — Bunte Chronik — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten Brief ans England. Chief Rabbi Dr. Adler. Durch den Tod des Chief Rabbi hat das englische Judentum nicht nur fein geistiges Oberhaupt. sondern auch die Person, mit der es stets identifiziert 'wurde, verloren. Was das englische Judentum ist, ist die Schöpfung seines Geistes und seines unermüdlichen Lebens. Er allein ist verantwortlich fiir die Licht- und Schattenseiten,, die dieser Zweig des Hauses Israel auszuweisen hat. Er war der bedeutendste Chief Rabbi, der je an der Spitze des englischen Judentums gestanden hat. Waren seine Vorgänger bekannte talmudische Größen, so ist das auch alles, was von ihnen gesagt' werden kann, so essentiell dies auch sein mag. Dr. Hermann Adler vereinigte in sich großes talmudisches Wissen und strenge Gesetzestreue mit einem unermeßlichen Schatz profanen Wissens und einer staunenswerten Belesenheit auf allen Gebieten der modernen und alten Kultur. Dazu kam noch, daß er eine erstklassige Arbeitskraft war und ein hervorragendes organisatorisches Talent besaß. Diese Eigenschaft war der bedeutendste Zug seines Charakters, das Mittel, das ihm zu großen Erfolgen verhalf und seinem Anite ein Ansehen verschaffte, wie es noch nie vor ihm genossen hatte. Klein und unbedeutend, wie die englische Judentzeit war, so klein und unansehnlich war auch das Amt, das er .bekleidete, als er die Zügel in die Hand nahm. Und seine Macht und Autorität wuchs immer höher und höher in raschem Tempo mit dem jähen Anschwellen der jüdischen Bevölkerung Schritt haltend. Tie Tätigkeit war zwar mehr nach außen als nach innen gerichtet, aber sie war.stets aufrichtig gemeint, so verfehlt sie auch zuweilen gewesen sein mag. Die letzten zwei Jahre gehörten nicht zu den glücklichsten Zeiten des Chief Rabbi. Sein einziger Sohn, der unvergeßliche „Roder os his People", Red. S. A. Adler, fiel als Opfer der „Weißen Pest", und kaum erholte er sich von diesem furchtbaren Schlage, da starb sein älterer Bruder. Die Macht, die er geschaffen, und der er sein ganzes Leben gewidmet hatte, begann unter den schweren Schlägen der intelleki tuellen jüdisch-gesinnten Kräfte, die eine Vertiefung des Judentums verlangten, allmählich zu zerfallen. Diese Umstände zusammengenommen fielen schwer auf das von hohem Alter tief gebeugte I Haupt. Dr. Adler war in den letzten Wochen »stets krank. Hier und da strengte er noch seine letzten Kräfte an und trat noch öffentlich auf, um daun mit größerem Kraftverlust auf das Krankenlager nicderzufallen, auf dem er Dicnsrag -früh seine Seele aushauchte. Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzeseile in der Oeffentlichkeit. Tie jüdischen Zeitungen erschienen mit schwarzen Rändern, und die allgemeine Presse, sowohl konservativer als liberaler Richtung, widmete dem großen Toten spaltenlaugc Artikel und pries hoch seinen Takt und seine große Begabung, besonders aber seinen patriotischen Sinn. Der König, der noch am Montag Blumen geschickt hatte, entsandt« einen Adjutanten, uni der Familie des Verstorbenen sein Beileid auszudrücken. Beileidstelegramme liefen auch ein von der: Oberhäuptern der anglikanischen und katholischen Kirchen in England uüd von sämtlichen Vorstehern jüdischer Organisationen im Ausland, darunter auch von Herrn David Wolsfsohn inl Namen der zionistischen Partei. Donnerstag früh fand die Beerdigung statt, die sehr einfach war. Der Straßenverkehr wurde überall abgestellt. Sämtliche Synagogen und jüdischen Vereine Englands waren vertreten. Unter den Notabeln, die anwesend ivaren, hebe ich besonders hervor die Familie Rothschild, die in corpore erschienen war, Lord Swaythling, die jüdischen Mitglieder des englischen Kabinetts: Lord Chancellor, Sir Rnsns Isaacs, der Minister für das Post- und Telegraphen-Amt Herbert Samuel, The Hon. Montagu, der jüngste Sohn Lord Swaythlings s. A. und Bizcminister für Indien, und Sir M a t h i e u Nathan, der neue Chef des Inland Redemre Departements und früher General-Gouverneur von Natal. Die Leiche wurde auf dem Willesden - Friedhof, dem aristokratischen Friedhof der Gemeinde, beigesetzt, in der nächsten Nähe des Grabes von Chief Rabbi Dr. Nathan Adler. Hermann Adler war ein Frankfurter sowohl väterlicherals mütterlicherseits. Die Adlers waren eine bekannte ehrwürdige Familie in -Frankfurt, die durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit zugleich berühmt war. Auf dem alten Friedhof zu Frankfurt ruhen die Gebeine mehrerer Mitglieder der Familie, die durch ihre große Talmudgelehrsamkeit sich auszeichneten und an der Spitze ihrer Gemeinden standen. Dr. Adlers Mutter war die Schwester des Baron von Worms und eine Tochter von Jeanette, der ältesten Tochter von Mayer Amschel Rothschild, des Begründers der Rothschild-Dynastie. Er sah das Licht der Welt 1839 in Hannover, wo sein Vater und Großvater als Oberrabbiner fungierten. In 1845 wurde er zum Chief Rabbi von England erwählt, obwohl der Gegenkandidat fein Geringerer als S. R. Hirsch s. A. war. Der alte Chief Rabbi war der Typus eines alten deutschen Raws und blieb es bis zu seinem Tode trotz der Jahrzehnte, die es ihm vergönnt war, an der Spitze der englischen Judenheit zu stehen. Er fand es nicht einmal für nötig, sich die englische Sprache gehörig anzneignen. Seinem! Sohne ließ er jedoch eine englische Erziehung angedeihen. Der junge Adler besuchte zuerst die University College School, hierauf University College, wo er sich als klassischer Philologe und Kenner der englischen Literatur anszeichnete, und wo er Lord Herrschell, Lord Morley, Sir George Jessel, Louis Kossuth, Professor Jevons und andere berühmte Männer zu seinen intimen Freunden zählte. Mit seiner jüdischen Ausbildung befaßten sich sein Vater, der bis zu seinem Tode sein Lehrer blieb, Rev. B. Abrahams, der gelehrte Tajan der Sephardischen Gemeinde in London, Dr. Ascher und der bekannte englischjüdische Bibelkommentator Dr. Markus Kalisch, der der englische Sekretär des Chief Rabbi gewesen war. 1860 begab sich Hermann Adler zwecks iveiterer Ausbildung nach Prag, wo er mehrere Jahre zu Füßen seines Onkels, des berühmten Predigers Dr. Michael Sachs und des bekannten Gaon und Gelehrten Rabbi S. L. Rappoport saß. Er promovierte im Jahre 1862 zum Doktor der Philosophie an der Leipziger Universität und erhielt auch im gleichen Jahre die Hatoraß-hanrooh von S. L. Rappoport. Nach London zurückgekehrt, wurde er zum Leiter des Neugcgründeten englischen Rabbiner-Seminars ernannt. Er wurde auch zugleich zum Rabbiner der vornehmen West-End-Synagoge in Bayswater ernannt. Im Jahre 1879 beschloß die Gemeinde, ihn zum stellvertretenden Chief Rabbi zu ernennen, da der' Vater zu alt und zu schwach war, das Amt allein zu verwalten. Mit diesem Jahre begann die Tättgkeit Dr. Adlers als Chief .Rabbi, obwohl er cke jure cs erst im Jahre 1890 ward, nach dem Ableben seines Vaters. Er war die passendste Person für dieses schwierige und verantwortungsvolle Stint, das er gewaltig ausbaute, und dem er großes Ansehen nach außen und nach innen verschaffte. Leider sind die Verhältnisse jetzt ganz anders gestaltet. Die Gemeinde befindet sich jetzt in einer großen Krisis und steht vor einem Problem, von dem die ganze Zukunft der englischen Judenheit abhängt. Die Schwierigkeit wäre vielleicht nicht so groß, wenn Dr. Adler einen Sohn hinterlassen hätte, der mehr oder weniger für dieses Amt paßte, aber leider ist mit dem Ableben Dr. Adlers auch die Adler-Dynastie von der Szene der jüdischen Geschichte abgetreten. Ueber die Krisis werde ich in meinem nächsten Briefe sprechen, wo ich zugleich eine genaue Schilderung der Adlerschen Regierung geben und die Licht- und Schattenseiten derselben beleuchten werde. Dr. I. M. Salkind. Der X. Ziouistenkougretz. — Rückblicke und Ausblicke. — (Fortsetzung.) Vom Gefühl der jüdischen Ehre und des jüdischen Stolzes sprachen wir in unserem ersten Artikel, und von diesem Gesichtskreis aus wollen wir unsere weiteren Betrachtungen fortführen.