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Neue jüdische Presse · 1911-07-21 · Heft 29 (21.7.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 " Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Die Schließung der Jüd. Literar. Gesellschaft in. Petersburg, Alle Reaktion hat ihre Wurzel und ihre Basis in der Stagnation, im Stillstand, in der ertötenden Ruhe. Aller Fortschritt, alle Bewegung, alles Leben ist Todfeind der Reaktion und vernichtet sic. Was Wunder also, daß von scher, die Politik aller reaktionären Machthaber darauf ausging, alles Leben zn ertöten, allen Kulturfortschritt zn verhindern und alle Ausklärung unmöglich zu machen. Wer dies weiß, dem sind die Regeln der russischen Politik von heute von vornherein klar, dem sind all ihre Mittel und Methoden ohne weiteres von selbst verständlich. Es ist diese aus Ertötung alles noch irgcndwo pulsierenden Lebens hinzielende reaktionäre Politik, die die russische Regierung zur Schließung der Iüdisch -Litcrarisch en Gesell s ch a s t in Petersburg veranlaßt hat. Diese Gesellschaft, eine der bedeutendsten jüdischen in Rußland, die über mehr als 100 Abteilungen in den Provinzstädten verfügt hat, beschäftigte sich mit der Hebung der Bildung der russischen Judenheit. Sic gründete Bibliotheken, Lesehallen, richtete llnterrichtskurse ein, veranstaltete Borträge und Lehrgänge und hat sich in ihrer Arbeit Erhebliche Verdienste erworben. Es war ihr einziger Fehler, daß sic nicht auf ausgesprochener nationaler Grundlage basierte, und indirekt hat dies auch zu ihrer Schließung gcfiihrt. Denn unter den Mitgliedern, die meist Jargoniste» ivarcn, befanden sich auch eine erhebliche Anzahl alter Mitglieder des „Bundes" und der anderen revolutionären Verbände aus der Revolutionszeit. Naturgemäß ließ es sich nicht vernieibeit,' daß infolgedessen manche Zlvcigvcreine sich nicht nur mit literarischen sondern auch mit politischen Dingen befaßten, und dies hat denn der Regierung den Borlvand zur Schließung der Gesellschaft gegeben. In Wirklichkeit aber ist neben der.gekennzeichneten allgemeinen politischen Tendenz der Regierung der eigentliche Grund der, daß die Gesellschaft im Laufe der letzten Jahre zn einer starken Organisation sich entwickelt hat, und die russischen Behörden überhaupt jede starke Organisation unmöglich niachen wollen. Denn ohne starke Organisation ist ein Widerstand gegen die reaktionären Machthaber unmöglich. Die Schließung der „Jüdisch-Literarischen Gesellschaft"'bedeutet natürlich einen S ch l a g für die russische Judenheit. Der Vorfall zeigt aber von neuem, wie furchtbar die Lage der russischen Judeil ist, furchtbar wie noch nie. Denn bisher waren sie vorwiegend nur Verfolgungen physischer und materieller Art ausgesctzt; in ihrem inneren, geistigen, jüdischen Leben ließ man ihnen ziemliche Freiheit. In der Aera S t o l y p i n hat man ihnen auch diesen letzten Rest von Freiheit genommen. Physisch mißhandelt, rechtlich vergewaltigt und moralisch gedemütigt waren die russischen Juden immer gewesen, nun sind sie auch geistig geknebelt. Dies war das Schlimmste, was kommen' konnte. In der Tat, schlimmer kann das Los der russischen Judenheit gar nicht mehr werden. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Eine Leserin unseres Blattes schreibt uns: Sie brachten eine, Notiz über die Eröffnung des Kinderhauses der Weibl. Fürsorge in Nen-Jsenbnrg, vergaßen aber die intellektuelle Urheberin dieser wundervollen neuen Anstalt zu erwähnen, Frl. Bertha Pappenheim. Dieselbe hat als Vorsitzende der Weibl. Fürsorge dieses neue Kinderhaus gegründet und zwar ' aus der Notwendigkeit mangelnder religiöser nnd hygienischer Pflegestellen und in der Erkenntnis, daß nur in einem gesunden Körper sich ein gesunder Geist entwickeln kann. Frankiurt a. M. Das hiesige Büro des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus schreibt: „Es klingt gar paradox, wenn man von einer vornehm gehaltenen antisemitischen Zeitschrift spricht. Kat sie überhaupt schon je existiert? Wir wollen die Frage »»erörtert lassen und nur verraten, daß cs jetzt anders werden soll: Frankfurt wird nicht nur eine Universität als Pflegestätte der Bildung bekommen, sondern auch eine „ausgesprochen antisemitische, in vornehmem Ton g e h a l t e n e H a l b m o na t - schrift", dre veruiutllch mehr noch als die Universität geeignet erscheint, das geistige und kulturelle Niveau der Antisemiten in unserer Stadt zu heben. Was wir berichten, ist eine Tatsache: Man hat sich nicht nur an hiesige Persönlichkeiten soirdern auch nach der Nachbarschaft — n. a. nach Offcnbach — gewandt, von wo uns das folgende Originalschreibcn des Herrn Architekten Otto Fischer, i. Fa. Otto Fischer' u. Co., Kvmmandit- Gcsellschaft, Frankfurt a. M., zur Verfügung gestellt ivird. Es' lautet: Frankfurt a. M., den 4. Juli 1911. Herrn Stadtverordneter Feistmann, Offenbach a. M. „Sehr geehrter Herr! In hiesigen antisemitischen Kreisen der besten Gesellschaft besteht die Absicht, eine ausgesprochen antisemitische in vornehincm Ton gehaltene Halbnionatschrift herauszügebcu und alle wichtigen Fragen unserer immer noch nicht ganz aussichtslosen Bewegung sowie die auf die wirtschaftliche und moralische Ansbeutnng der christlichen Genreinschaft durch das Judentum bezüglichen inkriminellen Erscheinungen einer besonnenen aber scharfen Kritik zu unterziehen. Hierbei erscheint mir auch der durch das Bankhaus Wolf bewerkstelligte Fall einer Schädigung Ihres Gemcindeeigentuins der Rede wert, nnd wünschen wir daher auch von Ihnen das zu einer objektiven Beleuchtung des Borkoinmens geeignete Begrüirdlurgsmaterial zu erhalteil, wodurch eine etwa gegen Sie anhängige Klage in das richtige Licht der öffentlichen Meinung gerückt werden könnte. Ich sehe einer geschätzten Antwort entgegen, selbst wenn Sie auf unsere Anregnng vorerst noch nicht einzugehcn ivünschen sollten. Mit Hochachtung ergebenst! (gez.): Otto Fischer, Architekt." Mer die edle Absicht der Antisemiten siel auf unfruchtbaren Boden. Der Mressat konnte im vorliegendeil' Falle „auf die Anregung vorerst noch nicht cingehcn", weit er, >vie er dem unternehmungslusttgen Bauunternehmer nritteilte, Jude ist. In der Tat eine Ironie des Schicksals, daß ein Bauunternehmer wertvolles Material für eine vornehm gehaltene antisemitische Zeitschrift von einem Juden erwartet und diesenr in Aussicht stellt, daß dadurch eine gegen ihn anhängige Klage in das rechte Licht der öffentlichen Meinung gesetzt lverden könne." Oesterreich-Uugaru. Wien. Der Justizminister hat bezüglich der Sonntagsruhe in Advokaturkanzlcien verfügt, daß Kanzleien, die S amst ags geschlossen sind, von der Sonntagsruhe a u s g e n o m m e il 'werden. Die Verfügung hat einen wichtigen Präzedenzfall geschaffen, der von uns Juden aufs freudigste begrüßt werden muß. Wien. Das Komitee zur Vorbereitung des jüdischen Emigrationskongresses beschloß in einer Sitzung, an der Advokat Dr. Mandel, Ingenieur Gnrewitsch und.Dr. Rappaport als Delegierte der Petersburger Emigrationskoferenz teilnahmen, die Verschiebung des jüdischen Emigration skongresses bis Frühjahr 1912. Man hofft bis dahin die Zustimmung der bisher noch abseitsstehenden Organisationen nnd Persönlichkeiten zu erlangen nnd die Vorarbeiten für den Kongreß, wie auch für die in Aussicht genommene Emigrantenbank soweit fertig zu stellen, daß der Kongreß dann auch tatsächlich jenes Ergebnis wird zeitigen können, welches von ihm erwartet wird. Krakau. Eine hier dieser Tage vorgekommene Taufe macht wegen der Person des Täuflings nnd wegen der sie begleitenden Umstände das lebhafteste Aufsehen. Der 83 jährige Bankier Ulbert Mendels bürg, früher Präsident unserer ehrwürdigen Kultusgemeinde — sein Bild hängt im Gemeindesaal —, ließ sich einen Tag vor seinem Tode taufen. Mendelsbnrgs Judentum war nie einen Heller wert, trotzdem wurde er —, wie das heute bei unseren jüdischen Großgemeinden leider üblich ist — infolge seiner sozialen Stellung zum Führer unserer Kultusgemeinde gewählt. Eine klare Erklärung für seinen Schritt hat die Oeffentlichkeit nicht, die einen sagen, -er sei nicht mehr bei Geisteskräften gewesen, nnd seine Frau wollte mit der Taufe bezwecken, daß er nicht neben seiner ersten Frau, neben.der auf dem jüdischen Friedhofe ezne Grabstätte für ihn frei gehalten ist, begraben werde, ändere, daß seine Söhne, von denen der eine Hofrat am Wiener Kassationsgerichtshofe, der andere Handelskammerrat ist, schuld daran seien. Sozsonyl-P' etzbnrg. Die unter der Redaktion Same Bettclheims erscheinende „Ungarl. Jüd. Ztg." hat unter der lleberschrist „Die orthod. Landeskanzlei in der öffentlichen Meinung" eine Artikelserie begonnen. Wir entnehmen den beachtenswerten 'Ausführungen folgende Stellen: „Die letzten Jahre des politischen Lebens Ungarns waren gänzlich von dem harten Ringen der Unabhängigkeitspartei mit der bisherigen Regierung ausgefüllt. Beide Streitkräfte waren von ziemlich gleicher Stärke und reflektierten auf jede kleinste Chance des öffentlichen Lebens, um das Uebergewicht erlangen zn können. Die orthodoxe Landeskanzlei mit der geschlossenen Arniee von vielen Zehntausenden von Wählern repräsentierte in diesem politischen Kampfe eine hochwichtige Position, deren Besitz mit den weitgehendsten Konzessionen nicht zn teuer bezahlt war. Es wäre ein Leichtes gewesen, der Schlange der Konsumgenossenschaften, welche den jüdischen Zwischenhandel mit ihrer Umschlingung erdrückt, ihre Schädlichkeit zu nehmen, nnd den sabbathfeiernden Kaufmann eine liberale Konzession in der Frage der Sonntagsruhe zn verschaffen. In solchen Zeiten hätte eine von der Größe und der Heiligkeit ihrer Aufgabe getragene Leitung die orthodoxe Landeskanzlei zu einer über die Grenzen des Landes weithin sichtbaren, stolzen Feste des Judentums gestalten können. Die Epoche eines Jbn Schaprut hätte in Ungarn ihre Wiederholung sinden können! Die Unfähigkeit und Unaufrichtigkeit der gegenwärtigen Leitung der Orthodoxie hat es möglich gemacht, daß die außerordentlich großen Dienste, welche das orthodoxe Judentum der Regierung geleistet hat, mit dem bescheidenen Trinkgelde einiger Titel entlohnt lvurden." Rußland. Odessa. Der Gouverneur von Tonnen benachrichtigte zirtularisch die ihm unterstehenden Polizcichcss, daß die jüdischen Winzer ihren Wein nur im jüdischen Ansiedlnn gsrayon ab setzen dürfen und zwar muß das Hcnrs und der dazu gehörige Platz, wo der Verkauf geschieht, volles Eigentum des Betreffenden sein. Außerhalb des Ansiedlungsrayons dürfen Juden auch keine Weinpflanzungen in Pacht nehmen. Petersburg. Die hiesige Jüd. - Literarische Gesellschaft mit ihren 100 Abteilungen in der Prov inz ist plötzlich von der Regierung aufgelöst worden, eine Maßnahme, zu der der Grund nur der sein kann, daß die Regierung das geistige Leben der Juden mit Gewalt Niederdrücken will. — In den transb alkalischen Kurorten hat die Ausweisung der jüdischen Kranken, die sich über ihr Wohnrecht nicht auswcisen können, begonnen. — In dem Badeorte Karatschi sind sämtliche jüdischen Kurgäste — und es sind sehr viele — ansgewkesen Worden. Petersburg. Als ein Pedant zu den Gerüchten über neue Rechtseinschränkungen für die Juden auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, — die, wie verlautet, in der Sitzung hes Ministerrats vom 17. Juli bestimmte Formen erhalten sollen —, wird berichtet, daß die Reichsüank bereits einen symptomatischen Anfang gemacht hat. Seit einiger Zeit wird nämlich den jüdischen Kauflenten und Diskonteuren ihr Kredit in der Reichsbank bedeutend herabgemindert, bzw. ganz entzogen. Diese Maßnahme bleibt natürlich auch nicht ohne Wirkung ans das Verhalten der Privatbanken den betreffenden Klienten gegenüber. In Warschauer Handelskreisen wird versichert, daß dieser Umstand bereits schwerwiegende Folgen für den Kreditmarkt gezeitigt hat. Die Zahl der Bankerotterklärungen nimmt mit 'jedem Tage enorm zu. Selbstverständlich ziehen all diese Stockungen nnd Fallissements auch die ausländische Handelswelt in Mitleidenschaft. Italien. Rom. Jüngst fand auch in Italien eine Volkszählung statt. Die Zählbvgen enthalten auch eine Rubrik über die konfessionelle Zugehörigkeit. Die Zahl der Juden in Italien dürfte kaum 50600 übersteigen. Viele italienische Juden haben jedoch die Rubrik über die Konfession nicht ans gefüllt, zum Teile weil sie daraus eine geschäftliche Beeinträchtigung für sich befürchten, andernteils weil sie als überzeugte Freigeister prinzipiell dagegen waren, daß die Volkszählung zn einem konfessionellen Zensus benützt werde. In Kenntnis dieser Tatsachen hat der Vorstand des vor einiger Zeit gegründeten Verbandes der Judengemeinden Italiens an sämtliche Juden des Landes einen Ausruf gerichtet, im Interesse der jüdischen Gemeinden die Rubrik über die Konfession unbedingt auszufüllen. Aus den Berichten aus Sen ^einzelnen Gemeinden

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