Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurker Jsroelitisches FamAieMatk. Nr. 29. scheint jedoch hervorzugehen, daß die Aufforderung der Dcrbandsleitung nicht die gebührende Würdigung gesunden hat. —. Wieder einmal ein Beweis für die vollständige Assimilation des größten Teiles der italienischen Judenheit; — und noch vor einem halben Jahrhundert war Italien eine Stätte jüdischer Wissenschaft! Großbritannien. London. Gegen das von der Regierung vorgelegte Sonntagsruhegesetz fand in der Great Assembly Hall ein Riescnprotestmeetin g statt. Es sprachen: Lionel de Rothschild, Leopold de Rothschild, Königs. Rat D. Alexander, die -Abgeordneten L a w s o n, Glynn Jo »es,-Stuart Samuel B. S. Straus, Carl Stettancr tuid Dr. Salkind. Der große Saal war voll gepackt, und Tausende von Menschen mußten draußen bleiben, wurden jedoch von Lionel de Rothschild und Carl Stettauer addressiert. -— Es verlautet bereits, daß das Akeeting eine große Wirkung auf die Regierung ausgeübt hat und diese den Inden einige wichtige Konzessionen einräunien wird. — Amerika. Rew-Nork DieAntwortnote der russischen Regierung an die Regierung der Vereinigten Staaten in der Frage des AusenthaltsreHts amerikanischer Juden in Rußland gibt der Hoffnung Ausdruck, die Angelegenheit mit der Zeit in dem den Vereinigten Staaten erwünschten Sinne zu erledigen. Die vollständige Lösung dieser Frage sei indes nur auf legislativem Wege möglich; das Ministerium des Aeußern befürchte jedoch, daß eine entsprechende Gesetzcsvorlage in der den Inden gegenüber nnsrerurdlich gesinnten dritten Duma auf die stärkste Opposition »würde. Es stehe jedoch zu erivarten, daß uma einst bei einer andern Zusammensetzung einer günstigen Erledigung der Angelegenheit keinen Widerstand leisten würde. Das Unterhaus der Staatsle gis latur nahm einstimmig 'einen Beschluß an, der die Vertreter im Kongreß auffordert, für die Aufhebung des Vertrages mit Rußland zu stimmen, da Rußland amerikanische Bürger jüdischen Glaubens nicht zulassc. Palästina. Jerusalem. Aus Regierungskrcisen verlautet, daß, falls eine größere Anzahl ausländischer Juden das Ersuchen stellt, ihnen die türkischen Bürgerrechte zu verleihen, die Regierung zu jedem Entgegenkommen bereit sein wird. Der demnächst hier eintreffende neue Gouverneur wird die Frage der Ottomanisierung ausländischer Juden besonders ins Auge fassen. In Haifa haben die. aschkcnasischen und die sephardischen Juden wieder gemeinsam einen Gemeinderat (Waid Ha'Jr) gewählt. In ihm sitzen u. a. Dr. E. Auerbach, Direktor Kaisermann von der Anglo Palestine Company und der Direktor der Allianceschule. Hymen. Erzählung von Jacob Levy. (Fortsetzung.) „Seien Sie willkommen und lassen Sie sich vor allem den Kaffee gut schmecken." Bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange, und die alte Frau lächelte gutmütig zu manchem, dos sie hörte. Als Frau Weil einmal bezug ans eine Broschüre der Fräulein Dora über das Mutterrecht nahm, sagte sie: „Ich habe dies Buch meiner Tochter übel genommen, es kann Unheil anrichten. Doch habe ich einen Trost", meinte sie lächelnd, „die Frauen, denen cs schaden kann, lesen cs nicht." Frau Well fragte die alle Dame, -b sie alles lese, was ihre Tochter schreibt „Selbstverständlich, obgleich ich alte Frau mich nicht in die neuen Ideen hineinversetzen kann. --- Darf ich Ihnen einmal meine Gedanken sagen, die Ansichten einer alten Judenfrau, die meine Tochter mir noch nicht widerlegen konnte?" „Ich bitte Sie dringend darum, liebe Frau Gutmann." „Der ganze Kampf taugt nichts für die jüdische Frau. Diese hat nur für den Fortschritt bei den materiell und geistig darbenden Glaubensgenossinnen *u sorgen, denn die Verbesserung der J-rauenstellung, so wie sie angestrÄt wird, komnkt nicht für Jüdinnen in Betracht. Ich fürchte, daß bei allen Gründungen, Stiftungen die jüdischen Frauen ausgeschaltet werden, für die Frommen kommen diese so wie so nicht zur Geltung. Für die allgemeine Frauenwelt sind wahrlich Streiterinnen genug aus dem Kampfplatz, die unsere Mitarbeit gern entbehren. Und wer kämpft denn für unsere Frauen, wenn diese cs nicht selbst tun? Bei uns ist Ihre Arena, dort können Sie segensreich wirken. Wenn Sie für geistige Ausbildung der bedürftigen Jüdinnen sorgen und ihnen dadurch neue Existenzmittel bieten, wenn Sie den armen Mädchen die Möglichkeit schaffen, sich Haushaltungskcnntnisse anz »eignen, . sie zu lehren, anr Krankenbette sich nützlich zu machen, dann erziehen Sie für die kommenden.Geschlechter gute Hausfrauen nnd gute Mütter, und die nicht heiraten, denen haben Sie eine Daseinsaufgabe geschaffen, die leben nicht umsonst. Und Sie setzen Ihrem Wirken die Krone auf, wenn Sie bei Ihrer Belehrung die Religion nicht ausschalten, denn, bedenken Sie das als Mutter, wo keine Ehrfurcht vor Gott ist, fehlt auch die Ehrfurcht vor den Eltern. Wenn Sie so arbeite», dann sind Sie ein Beispiel für die ganze Welt, dann iverden Sie, dann wird Ihre Mitarbeit verlangt und willkommen geheißen, wo Sie sich heute nur aufdrängen." Frau Weil hatte aufmerksam zugehört, daun sagte sie: „Mir wurde bereits fast dasselbe von einer anderen Dame gesagt. Ihre erneute Anregungen geben mir zu denken, sie fallen auf fruchtbaren Boden, glauben Sie mir das nur." Die alte Dame nickte beifällig, dann fragte sie: „Haben Sie Familie?" „Jawohl Frau Gutmann, Mann nnd zwei Kinderchen. Fräulein Dora, ich ließ mir Briese hierhin nachsende», wann kommt die Post?" „Der Briefträger wird bald erscheinen." Frau Weil sagte erklärend: „Mein Söhnchen ist von den Masern kaum genesen, und da lasse ich nttr jeden Tag über den Gesundheitszustand Bericht erstatten." Frau Gutmann schüttelte den Kopf. „Ich passe wirklich nicht in die moderne Welt, denn ich verstehe Sie wiederum nicht, meine liebe junge Frau. Doch schweigen wir hierüber, >vas sollen besmndig meine altmodischen Ansichten." Frau Weil, der die alte Dame vorzüglich gefiel, erwiderte lebhaft: „Bitte Frau Gutmann, es ist mir von großem Interesse, Ihre Meinung zu hören. Ich weiß, ich höre von Ihnen die Wahrheit, es ist mir, als ob meine Mutter zu mir redete." Frau Gutmann sagte freundlich, ihre Hand auf - den Arm ihrer Zuhörerin legend: „Frau Doktor, Sie gefallen mir, deshalb rede ich alte Frau, wie ich es meine. Nach meiner Ansicht ist Ihr Platz nicht auf Kongressen und Besuchen, sondern bei Ihrem kranken Kind. Sie waren Gattin und Mutter, bevor Sie Frauenrechtlerin wurden." „Liäbe Frau 'Gutmann, ich! 'hinterließ mein Haus in Ordnung und in guter Hut. Eine der witwete Kollegin ist Stütze bei uns, die Dame ist sehr tüchttg und hat die Kinder gern, es wird an der Pflege nichts verabsäumt. Wenn ich nicht gut entbehrlich wäre, hätte ich auch die Reise nicht gemacht." Frau Guttnann erhob sich. „Desto schlimmer Sie geben also zu, daß Sie im Hause Ihres Gatten überflüssig sind. Wissen Sie, was es heißt, einer Fremden alle Pflichten zu überlassen! Je mehr diese ihre Pflicht tut, desto fremder werden Sie Ihrem Mann nnd Ihren Kindern." Ihre Tochter sagte: „Aber, Mutter!" „Lasse mich Dora. Denken Sie nach Frau Doktor, was kostbarer ist, der Ruf als Frauen rechllerin oder das Wirken als Gattin und Mutter im Heim." Sie 'streckte der Frau Weil ihre Hand entgegen, die diese lebhaft ergriff. „Ich danke Ihnen, Frau Guttnann, ich werde über Ihre Worte Nachdenken, mein Herz sagt mir, daß sie viel Wahres enthalten. Ich' fahre mit dem nächsten Zug heim." Die alte Dame sagte freundlich': „Sie kennen meine Ansichten. Wenn Sie mich einmal ernstlich und aufrichtig einladen, besuche ich Sie. Ich überlasse Sie jetzt meiner Tochter, leben Sie wohl. Und sic küßte die Frau Doktor auf die Stirn Fräulein Dora spracht „Ist es Ihnen wirllich ernst mit Ihrer Abreise, wir hätten doch noch einige wichtige Konferenzen." „Nein, Fräulein Dora, ich reise nach Hause Ihre verehrte Frau Mutter hat den Nagel au' den Kopf getroffen, man überlaßt ein krankes Kind keiner Fremden. Ich arbeite selbstverständlich für unsere Bestrebungen weiter, vielleicht au' anderer Grundlage. Wer jetzt — es treibt mich etwas in meinem Innern heim." i Und nach einigen Stunden reiste Frau Weil ab, nicht ohne für alle Lieben zu Hause einige Geschenke eingekaust zu haben. Vor ihrer Wreise hätte sie noch eine 'Ueberraschung. Auf dem Bahnhof erschien Frau Gutmann und reichte ihr ein Büchlein mit den Worten: „Nehmen- Sie dies als Reiselektüre. Es ist etwas Altmodisches, jedoch wird cs Ihnen des Gegensatzes wegen vielleicht über die Iangweiligc Eisenbahnährt hinweghelfcn.." VI. Als der Zug sich' in Bewegung gesetzt hatte, öffnete Frau Weil das Büchlein. Es war ein Bändchen Rückert, wo das Buchzeichen lag, war ein Vers mit Rotstift angestrichen. Er lautete: „Unseliger ist nichts, als wenn Dir's .immer ist, Als seist Du nicht zu Haus, wo Du zu Hause bist." Frau Weil, die noch-Dora vorhin versicherte, 'ie sei als künftige. Präsidentin des Kongresses bestimmt, rümpfte die Nase und dachte, die alte Dame inache sich zu viele Sorgen um nichts. Sie hatte de» ihrigen nichts von ihrcr rühercn Ankunft mitgeteilt und freute sich auf )ie frohe. Ucberraschung ihres Mannes und der Kinder, iveim sie unerwartet ankänic. Jetzt war ie fünf Tage von Hause fort, der Zug traf vorchristsmäßig um 9 Uhr ein. Sie Nahm eine Droschke und fuhr durch die erleuchtete Stadt nach ihrein Hanse, das in einer ruhige», feinen Straße lag. Sic eilte die Treppe hinauf ins Wohnzimmer, nnd da bot sich ihr ein gciitütliches, aber ihr befremdliches Bild. Frau Bruch saß am Tisch mit Schreiben beschäftigt, nnd Doktor Weil schritt int Zintmcr langsam auf und ab, diktierend. Der Doktor streckte seiner Frau die Hände entgegen. „Du kommst ja früher als erwartet." Frau Bruch erhob sich und sagte, die Hausfrau freundlich begrüßend: „Ich will für Abendbrot sorgen, eine Tasse Tco wird Ihne» wohl tun." Und sie verließ bas Zimmer. Frau Weil sagte ihrem Mann: „Ich hatte Verlangen nach Dir nnd den Kindern, deshalb kürzte ich meine Reise ab." Sie blickte iir die Bogen, die ans dem Tische lagen. Auf der ersten Seite stand die Aufschrift: „Uebcr die Trigemitmskoiitraktioii." Sie fragte beftenidet ihren Matur: „Was ist das, ist Frau Brttch Deine Sekretärin?" „Ja Berta. Früher wärst Dir so liebensivürdig, denn Du Ivnßtest, das; .ich nicht zugleich denke» und schreiben kann. Frau Bruch hörte einmal, toie tvir uns darüber unterhielten tmd bot mir ihre Dienste an, da Deute Zeit zu sehr in Anspruch genommen ist. Jetzt widmet sie mir abends eine Stunde, nnd ich' bin mit meinem weiblichen Famulus sehr zufrieden, sie schreibt rasch irnd sehr deutlich." Das Mädchen kam ins Zimmer und legte ein Gedeck auf. Frau Weil ging ins Nebenzimmer. „Ich will eben nach den Kindern sehen!" Frau Bruch folgte ihr. Im Schlafzimmer lag Erich in seinem Beüchen und schlief ruhig, .—, aber vergebens suchte die Mutter das Lager des Töchterchens. Frau Brttch sagte leise: „Die Kleine hat auch die Masern. Da Ihr Herr Gemahl seine Nachtruhe .nicht entbehren darf; nahm ich sie in mein Zimmer. Ich habe keinen festen Schlaf, mir entgeht keiner ihrer Atemzüge." Frau Weil drückte ihr die Hand und ging langsam ins.Wohnzimmer zurück. Sie fragte ihren Mann: „Weshalb hast Du mir nicht geschrieben, daß Märchen krank ist?" .Er erwiderte: „Ich hielt es nicht für nötig, Dich' der einfachen Kinderkrankheit wegen Deinen wichtigeren Pflichten zu entziehen." In seiner Sttmme war keine Spur von Spott oder Ironie, Wohl aber Kälte —> .Kälte. Sie errötete. „Ich wäre doch sofort zurückgekommen, wenn ich gewußt hätte, daß mein Kitid krank ist." „Wie bereits gesagt, ich durfte Dich nicht stören. Wenn ich Dich veranlaßt hätte, einer gutartigen Kinderkrankheit wegen höhere Pflichten zu versäumen, ich' darf nicht an die Folgen für meine Ruhe Lenken. Und daß in der Pflege nichts versäumt wurde, brauche ich Dir wohl nicht zu versichern." „Und Deine Pstege, litt sie nicht?" (Schluß folgt.) „Fit»snre" Pincenez doublö, 14 k Goldauflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Öperngl., Feldst., nur beste. Fabrikate in großer Auswahl, Lorgnons, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel. „I. W. Albert, Juh. Paul Wandere-, Haus Neptun. Ecke Neue Mainzerstr. u. Weißftauenstt. 11. Tel. 7254, Amt I." Hais er Friedrich Quelle - Offenbach a. H. —— Gegen Gicht and LhenwaUsmng bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich 8tahl( Frankfurt a. tfStallburgstr.9. TeL 259 n. 714. Dentscbes ---- Beobachtungen pr. 8t. 1 Mt Ermitnfnplnr. telongen, Recherchen n. Auskünfte- JlvlvUUf v. 5 Mk, an. Gewissenhafte Aus- WW Institut führtmg n. strengste Diskretion als Fraiä-Hf,St?" mehrjähriger Polizeiu. Kriminal*