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Neue jüdische Presse · 1911-07-21 · Heft 29 (21.7.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Mt. 29 die — gegen den Grundsatz des Talmuds „Jisroel becheskas : kaschrns" — lehren: Jisroel, sofern er nicht die Autorität des bewährten Führers anerkennt ..und ihm folgt becheskas päslus. Bruderhaß („Sinas chinom") haben den zweiten Tempel , zerstört, — wie sollte mit Bruderhaß der Dritte erstehen? Der Zionismus, der sich zur Gründung einet. Heimstätte anschickt, muß — ob er will oder nicht —, sich! mit dem talmudischen Grundsätzen „Kol hakaufer beawaudoh soroh nikroh jehudi, ein jeder, der den Götzendienst leugnet, wird Jude genannt (Megiloh 13, S. 1)" und „Jisroel af al Pi schcchoto jisroel hn (Sanhedrin 44)" zufrieden geben. 9hm könnte man sagen, der Zionismus habe traditionelle Schulen zu gründen. Auch' wir würden es gesagt und sogar gefordert haben, wenn der Zionismus in derLage gewesenwäre, selbst Schulen zu gründen. Leider aber ist er noch nicht so weit; einstweilen befinden sich die großen Summen für Schulzwecke in Händen Reinachs, der — gewählt oder ungcwählt — im Sattel sitzt; einstweilen muß sich der Zionismus bloß auf Subventionen beschränken, und da er — wie gesagt — überall seinen Einfluß geltend zu machen gezwungen ist, so muß er jeder Schule, die seine Subvention nachsucht, eine solche gewähren, und zwar mit der Mindestforderung, daß die Schulen den Sabbat, der für einen jüdischen Staat von verbindender Kraft für alle Zeiten ist, beobachten, und daß sie den Kindern jüdisches Selbstbewußtsein, Kenntnis im jüdisch en Schrifttum und Achtung und Liebe zu diesem wie zum jüdischen Volke und jüdischen Lande beibringen. Aber auf mehr darf der Zionismus nich t b esteh en, da er es leider nicht kann. Der Zionismus, der ein „brennendes Hans" löschen und ,renovieren will, muß sich mit dem, womit Tausende von Orthodoxen in Hunderten von Groß- und Kleingemeinden sich abfinden, zufrieden geben, — und wenn der orthodoxe Jude in einer Großgemeinde sich schweren Herzens mit einer liberalen Schule in der Diaspora abfindet, so kann er dies viel leichteren Herzens mit einer liberalen, aber gut nationalen Schule in Palästina tun. In der Diaspora, wo alles eine für das Judentum Fremdes infizierende Luft atmet, wo alles das verfolgte Israel zu verkleinern sucht, kann von wahrer Achtung und Liebe für Israel und seine geistigen Schätze keine Rede sein. Anders aber Pa lästina! Dort in der unzivilisierten Umgebung, idort in der noch um ihre Existenz schwer kämpfenden Türkei, dort in der nationalen Schule kann diese Achtung und Liebe den Zöglingen mit Leichtigkeit beigebracht werden, — und Von einem Kinde, das seine Thora achtet und liebt, ist unter Umständen die Beobachtung der Gebote und Sitten Israels eher zu erwarten als von einem Kinde, dem zwar die Beobachtung der Gebote gelehrt wurde, das aber innerlich von einer Abneigung und Geringschätzung für Israel und seine Werte erfüllt ist. Wir vertrauen auf Israels Gott und Israels Kraft, daß es so kommen wird, mü> nur kühl denkende diplomatisierendc Skeptiker, die dieses Vertrauen nicht besitzen, können diesen unseren Glauben als ,,Alinus" und „Apikorsus" bezeichnen, und nur Gedankenlose, die ihnen blindlings glauben und sich chnen prüfungslos anschlicßen, können ihnen mit Ja und Amen zustimmen... Wir haben diesen unseren Weg nach reiflicher Ucberlegung von Anfang an eingeschlagen und gingen und gehen ihn ohne Rücksicht auf die Angriffe von rechts und links und ohne Rücksicht auf die Opfer, die wir auf den Altar unserer Überzeugung, daß einVvlk für die Dauer nicht die Existenz eines Seiltänzers führen kann, bringen. Was wir wollen ist: dem jüdischen Volke — in dcmuns vonunseren Weisenvorgezeichneten Wege — einen fcsten Boden unter den Füßen zu geben, und somit der Orthodoxie nicht nur eine gesicherte Existenz tzu schaffen, sondern auch ^hre normale Entfaltung zu ermöglichen; was die „Alleinseligmachende n", trotz des besten gegenteiligen Willens, erreichen: ist die Einengung und Einzwängung der Orthodoxie. Ob wir den richtigen Weg gehen, ob auf unserer Seite der Gott Israels steht, möge die Zukunft entscheiden. Daß aber der Gott Israels nicht auf der Seite des Zentralorgans steht, dies hat „Elijahu", guf den die Reaktion dieses Zcntralorgans sich, so gern stützt, längst entschieden, denn nachdem der Prophet in seinem eifernden Zorn die „uewich habaal" (falschen Propheten) hingeschlachtet hatte, vernahm er die Stimme Gottes, daß „Lau boraasch welau boeisch Haschern", sondern im „Kaul dmomoh dacko", daß nicht im Sturm und Brand Gott ist, sondern in .der leisen Stille. Ans Ven Ereignissen -es Tages. 1. Der Todes Oberrabbiners Adler. Was so lange befürchtet wurde, was niemand so schnell zu erwarten wagte, ist eingetroffen: Oberrabb^ner Adler ist.nicht' mehr. Es ist uns in der Kürze der Zeit nicht möglich, schon jetzt unseren Lesern ein Bild von dieser bedeutenden Persönlichkeit zu zeichnen und einen Rückblick zu werfen auf sein tatenrciches Leben; wir werden es in einem besonderen Artikel in der nöchstwöchentlichen Nummer tun. Doch neben der T r a u e r um das Tahinscheiden Adlers stellt sich bei allen, denen das Wohl und Wehe der englischen Judenheit am Herzen liegt, die bange Frage ein: Wie soll es nun werden? Denn Oberrabbiner Adler war nicht nur seiner Stellung nach, sondern in Wirklichkeit das Oberhaupt der englischen Judenheit, und nun, nach seinem Hinscheidcn, steht diese führerlos. da. Man sendet vergebens nach allen Seiten suchende Blicke nach einem geeigneten, ebenbürtigen Nachfolger aus: man findet ihn nicht. Diese bange Sorge um die Zukunft des englischen Judentums muß doppelt stark sein bei all jenen Juden, die auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen.- Denn daß das englische Judentum bis' heute vorherrschend traditionell geblieben ist, ist eines der hauptsächlichsten Verdienste Oberrabbincr Adlers gewesen. Und schon fehlt es nicht auch in England an solchen, die nur darauf warten, an Stelle des traditionellen ein reformiertes Judentum zu setzen.: Es röcht sich jetzt, daß die leitenden Kreise der englischen Judenheit nicht schon früher sich die Frage vorgclegt haben, wie cs werden soll, wenn Adler nicht mehr da ist. Die letzte Konferenz der englischen Prediger, die erst vor einigen Wochen stattfand, hat sich allerdings schon mit dieser Frage beschäftigt und auch eine spezielle Kommission hierfür eingesetzt. Aber leider war es schon zu spät. Allzuschnell hat der Todcsengel sein Werk getan. Die Wahl des Nachfolgers des Oberrabbincrs Adler wird naturgemäß nicht so schnell erfolgen können, und wir werden noch des näheren auf die Angelegenheit eingehen. In diesen Tagen wird noch nichts darin geschehen können. Denn noch ist die Trauer um den großen Verlust zu frisch und zu groß . . . 2. Eine Lehre für unsere AssimUationsjuden- In Oesterreich hat sich dieser Tage etwas ereignet, das geeignet wäre, jeden stolzen, nationalen Juden mit Freude zu erfüllen, könnte er. sich über die Tragik hinwegsetzen, die darin liegt: der Nationalverband der deutschen Abgeordneten im Parlament hat die Aufnahme der deutschnationalen Abgeordneten „mosaischer Konfession" verweigert. In der assinchl latorischen Presse dieser Abgeordneten hat es darüber natürlich große Verwunderung und Entrüstung gegeben. Uns hat der Vorfall wirklich keine Aufregung verursacht, einmal, weil wir ihn seit Jahren als eine notwendige Folgeerscheinung kommen sahen und ferner, weil wir ihn als eine heilsame Lehre für diese Herren und ihren Anhang betrachten. Uns erscheint die ganze Sache — wie gesagt — als etwas durchaus Natürliches. Seit Jahren sahen wir, sahen alle Nationaljuden es voraus, daß der Tag einmal kommen wird und muß, da die verschiedenen Nationalitäten jene Trabantenschar von , Assimilationsjuden, die ihnen nachlaufen >nnd unbedingt ihnen gleichen wollen, von ’ sich abstoßen werden. Tenn so sehr diese Angehörige der „mosaischen Konfession" es auch wünschen, in ihrem nationalen Wesen den anderen Nationalitäten sich anznpassen, es wird, es 'kann ihnen nicht gelingen. Ihre Rassen- und nationale Eigenart können sic nicht aus der Welt schaffen. Naturgesetze sind eben mächtiger als Sklavenwünsche. .Eine vollständige Assimilation, das völlige Aufgehen von Juden in andere Nationalitäten kann nach: zur Not in Ländern geschehen, wo es auf der einen Seite nur eine große Nationalität, auf der anderen eine verschwindend kleine Minorität von Juden gibt, in Ländern wie Frankreich und Italien. Ueberall da aber, wo die Juden in größerer Anzahl vorhanden sind, wird die Assimilation unmöglich, hundertfach unmöglich aber dort erst, wo es nicht eine große Nationalität, sondern eine Anzahl verschiedener Nationalitäten, wie in Oesterreich, gibt. Dort in Oesterreich müssen die Juden, ob sie wollen oder nicht, jüdischnational werden, müssen es nicht nur aus logischen, ethischen und jüdischen Gründen sondern auch aus rein ..praktischen Nützlichkeitsinteressen. Für. die österreichischen Juden gibt es nur ein Entweder — Oder: entweder sie taufen sich oder sie werden jüdischnational. Ein drittes gibt es nicht. Es wird eine Zeit geben, wo dieses Entweder — Oder für die Juden aller Länder eintreten wird, Für die österreichischen ist diese Zeit heute schon gekommen. Dies zeigt der erwähnte Vorfall. Dadurch aber, daß er dies mit solcher Klarheit gezeigt hat,' ist er geeignet, der Judenheit im allgemeinen und der österreichischen im besonderen eine heilsame Lehre zu erteilen. In erster Linie den Betroffenen selbst und ihren: jüdisch-liberalen-assimilatorischen Anhang. Wem: diese Leute noch einen Funken Ehre im Leibe haben, müßten sie jetzt einsehen und erklären, daß sie bisher einen Weg beschritten haben, der zur geistigen (Knechtschaft und zum moralischen Ehrverlust führt, '.und ihn verlassen und den anderen, einzig möglichen einschlagen. Denn ein schlimmerer Peitschenhieb konnte ihnen gar nicht versetzt werden als durch den Beschluß des Nationalverbandes. Freilich, man muß großer Optimist sein und die Psyche dieser Menschen sehr verkennen, um nun ihre Rückkehr zn ihrem Volke zu erwarten. Ein Knecht bleibt Knecht, und wird er hundertnial getreten und gepeitscht. Diese Herren werden vielleicht versuchen, einen neuen deutsch-nationalen Verband zu gründen, vielleicht versuchen, die anderen noch an Patriotismus zu übcrbieten, sie werden alles tun, nur nicht Judcn werden. An ihnen ist alles verloren. Die einzig mögliche günstige Folge, die der Vorfall' haben kann und wird, ist seine Wirkung auf die große Zahl jener Juden, die ihr menschliches Ehrgefühl und jüdisches Selbstbewußtsein noch nicht ganz verloren haben, und die nur aus Jndisserentismus, aus Bequemlichkeit, aus Irrtum zu den Anhängern dieser „deutschnationalen" Abgeordneten gehören. Sie können und werden zum Teil durch den Beschluß des Nationalverbandes aufgerüttelt werden, ihren Irrtum erkennen und wieder Juden ^werden. Dadurch wird aber die Entscheidung beschleunigt. Wer rroch irgendwie zu uns gehört, kommt zu uns, die anderen fallen ganz ab, und Klarheit wird geschaffen. Da- Entweder — Oder muß sich eben entscheide». Je früher, desto besser!

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