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Neue jüdische Presse · 1911-07-21 · Heft 29 (21.7.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ter „bewährte Führer" der Orthodoxie und E e b p ti chter der sinaitischen Gesetzgebung ist ein gar zu großer Stratege; schier unzählig sind seine strategischen Züge und noch unzähliger die Waffen, die er in seinem Arsenal aufgespeichert hat, um sein von ihm in Pacht genomnienes Gut vor den vielfältigen Widersachern in- und außerhalb der Orthodoxie zu schützen, die seine große „Autorität" zu bestreiten wagen. Gar verschieden sind die Waffen, die er gebraucht, so verschieden seine Gegner sind; für die Widersacher aus dem liberalen Lager grobes Geschütz, für die aus dem konservativen Lager kleineres Kaliber, für die aus dem orthodoxen Lager nur hohle Schreckschüsse . . . Und der Erfolg? Bei den Liberalen, trotz der Schwere der Waffen — gleich Null. Bei den Konservativen ganz minimal— auf die Ursache soll hier nicht eingcgangen werden —. Die Gegner verharren in ihrer Gegnerschaft, und der Kampf geht weiter. Aber dennoch ist das Feuern nicht ganz vergebens; ans gewisse Leute, die gar zu ängstlich sind, übt es einen mächtigen Eindruck aus. . . . Allerdings sind es Leute, die z u m „großen Führer" halteir und seine Autorität anerkennen. Allein der „bewährte Führer" iveiß, was er tut; ganz überflüssig find die Schreckschüsse doch nicht . . . Die Zeiten, da man blindlings den Großen zu folgen pflegte, sind vorbei, die Menschen beginnen zu untersuchen und zu prüfen . . . und wer weiß, ob die willige Gemeinde von heute nicht morgen widerspenstig wird. Daher von 'Zeit zu Zeit die Raketen, daher die Schreckschüsse . . . x,Minus" und „Apikorsus" sind die .Laute, die von dem Knall weithin . vernehmbar sind, und welcher gesetzestreue Jude will i n d e n Verdacht von „Minus" und „Apikorsus" oder deren 'Beschönigung kommen? 'Man sieht also: der Führer ist ein praktischer Mann — gar zu praktisch ... Eben wurde gegen uns alte Zweifler an der Bewährtheit hes „bewährten Führers" scharf geschossen (siehe Artikel „Neutralisiertes Judentum" in der vorigen Nummer des „Ccntralvrgans für das orthodoxe Judentum"). Das Ge- . schoß wurde hart vorbei am „Misrachi" abgeschossen — er hatte nämlich! die schwere Sünde begangen, sich dem Zionismus anzuschließen—. und nach unserer Richtung geschleudert; allein wie im mer das Ziel verfehlt . . . und doch : gerade auf den Misrachi, an dem das Geschoß. nur vorbeifuhr, machte es Eindruck, . Worin besteht unser Vergehen? Anhänger des Zionismus waren wir stets gewesen, und Zweifel an der Bewährtheit und dem Weitblick des „großen Führers" haben wir stets gehegt. Was also hat sich ereignet? Freilich sind wir direkt und indirekt von deni sich „Zcntralorgan des orthodoxen Judentums" nennenden Organ des ^großen Führers" gar oft verdächtigt worden; doch in so offener Weise uns „Minus" und „Apikorsus" vorzuwerfen, dies ivahrlich.bedeutet den Gipfel derAnmaßnng. Und weshalb der Vorwurf von „Minus" und „Apikorsus"? Man höre .und staune! Wir sagten, „daß auch iv i r eine Nation wie alle anderen Nationen sind, und iveil wir ivissen, daß eine Nation für die Dauer nur bestehen und n o r m a l leben kann in eigenem Lande, deswegen wollen Ivir Palästina als Heimstätte des jüdischen Volkes erlverben". Soll etwa dies „Minus" und „Apikorsus" sein? Wo gibt es in aller Welt einen vernünftigen, ehrlichen 'Juden, der dieses nicht unterschreiben wird?' „Wir haben so lange bestanden", halten uns die Gegner entgegen. Doch auf w e l ch c Weise? Saßen wir nicht im Ghetto? Waren wir nicht mit einer Mauer umgeben? Waren nicht auch die Völker um uns fromm? „Wir bestehen auch noch jetzt", sagen sie iveiter. Aber w i e ist cs nrit unserem Bestehen bestellt? Kracht es nicht an allen Ecken und Enden? Gibt es nicht eine Flucht aus dem Judentum? Wäre diese Flucht nicht noch viel, viel größer gewesen, ivenu der Zionismus nicht da wäre? Ist in der Orthodoxie alles echt? sind alle Orthodoxen von wah rem Glauben, von echtem Gottvertraucn, hon echter Regelst c r u n g, von e ch t e in jüdischen Stolz getragen? „Wir sind ein „Mamlcches kanhanim wcgauj kodausch", ein Reich von Priestern und ein. heiliges Volk", sagt mau uns in der Redaktion des Zentralorgans. Was will dies sagen? Schließt e t w a das eine das andere aus? Darf ein heiliges Volk keinen Boden unter den Füßen haben? I st nicht d i e g a n z e Thora für das auf seiner eigenen Scholle sitzende heilige Volk gedacht? War nicht das erste, 'was Gott Abraham zusicherte, der Besitz des „Erez Kenaan"? Warum darf der einzelne noch so fromme Jude nach Besitz, nach gefestigtem Boden streben und die gesamte Nation nicht? Gilt nicht vielmehr auch bei der Gesamtheit der Grundsatz des als Axiom festgelegten Prophetensatzes: ■ „Weroaw, wekizef bemal kan uweelanhoiv, — wird er hungrig, so wird er zornig und flucht alsdann seinem König und seinenr Gott .—?" Würden nicht Tausende und abermal Tausende gern den Sabbat heiligen, wenn die heutigen sozialen Verhältnisse in der Diaspora dessen Beobachtung nicht so sehr erschwert hätten? Hat Gott nicht auch den Auszug aus Aegypten beschleunigt, weil die Not zu groß wurde? . Nun sagen sie, daß wir erst dann, wenn alles „kulau sakkäi" — a l i es gerecht oder fromm sein wird — unser Land wieder beanspruchen dürfen. Abgesehen davon, daß hier durch Verschweigung der z w c i t e n H ä l s t e des Satzes „kulau ch ajow, alles schuldig" eine ellatante Entstellung begangen wird, abgesehen davon, daß laut Gemoroh Jumoh ,10 die Erlösung nach der Ordnung der „Schmaune-Esre" zunächst die Urbarmachung des Landes („boruch oleinu") und alsdann tzje Ankunft des Erlösers („es zemach dovid") stattfinden wird, abgesehen davon ist es eine geschichtliche Unwahrheit, daß die Erlösung. >der vorhergehenden Läuterung des -ganzen Volkes bedürfe Moses führte Israel aus; Egypten in seiner tiefsten Bersumpfuiig. Scrnbabel führte Israel aus Babylon trotz seiner größten Verwahrlosung; und als sie dann wieder ini Lande saßen, auch dann »ahmen sie noch fremde Frauen. Und Nehemia 8, Vers 17, bezeugt, daß von Josuas Zeit an das Gebot der Sukkoh nicht gehalten worden ist. Es ist mithin klar bewiesen, daß wir gleich allen a n d c r e n N a t i o n e n ein eigenes Territoriunl besitzen .müssen und zwar ohne Rücksicht darauf, ob ganz Israel die Gebote der Thora übt oder nicht. So, nur so. sahen unsere Weisen die Vollziehung der „Genloh"; und so auch haud e l t e n unsere wirklichen Großen, Rabbi Hirsch Kalischer, Rabbi Josna Kutner, Rabbi Eliasar Greiditzer und Rabbi Samuel Mohilcwer s. A., ohne die Gefahr von „Minus" und „Apikorsus" zu besilrchten, denn fiir sie wie für uns galt nur Tauras Mansche, nicht aber die „Thora", die die Redaktionsstube des Zentralorgans direkt vom Himmel in Monopol genommen hat . . . Nun bliebe noch die Frage zu beantworten, w i e wir zu dem uns gestellten Ziele gelangen. Wenn wir diese Frage beantwortet haben, wird sich auch unsere Stellung zur Kulturfrage ergeben. Es waren Zeiten, da wir glaubten, die Kulturfrage aus dem Zionismus ausschalten zu können; wir dachten, die Kulturarbeit sei etwas kleberflüssiges. Doch .die Erfahrung hat uns von unserem Irrtum befreit; wir haben kolonisiert, diplomatisiert, die Hauptsache aber vergessen: nämlich die «Erziehung und Organisier tung der türkischen Judcnheit, das Fundament unseres Baues. Während wir kolonisierten, verrichteten das Werk der Erziehung andere: Reinach erzog die Juden auf s e i n e Weise, die Mission,,auf ihre Weise und die anderen auf ihre Weise, und der Erfolg war, daß fast alle türkischen Juden, Fromme und Neologe, Sefardim wie Aschkenasim gegen den Zionismus sind. Nun, versuche, wer es kann, eine Heimstätte mit Juden, die von einer Heimstätte nichts hören wollen, zu gründen! Ein -Zeder, der sehen will, sieht, daß die Kulturarbeit fiir den Zionismus unerläßlich ist; die Kulturarbeit muß geleitet werden und zwar von niemandem anders, als vom Zionismus selbst. Denn für den Zionismus könnte eine ebenso große Gefahr entstehen, wenn die Erziehung von Männern verrichtet wird.

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