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Neue jüdische Presse · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28. FrankfMer Israelitisches FamUienblatk. Oerte 3. Auch die Käuserbaugesellschaft „Arhusath Bajith" in Jaffa, die das prächtige füdische Wohnviertel Tel-Awiw hat erstehen lassen, zeigt solches gesundes soziales Empfinden. „Achusath-Bäjith" wird noch im Läufe des Jahres eine zweite Kolonie moderner Familie n.h ans er in Jaffa erstehen lassen. Der Jüdische Nationalfonds hat hierzu ein Darlehen von 130,000 Frcs. gewährt. Die Nachricht, ,daß die Berliner Gesellschaft für -Palästina er forsch nng eine Expedition zur Erforschung des Toten Meeres ausri'istct, haben wir mit großem Interesse aufgenommen. Ist doch das Tote Meer bisher so gut wie unerforscht, und liegt doch nun die Möglichkeit vor, daß /eine Schätze erkannt und ausgenutzt werden und dadurch das wirtschaftliche Leb eil Palästinas einen neuen Entwickluugszweig erhält. : Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Nicht wenige sind in und um Frankfurt die Wohltätigkeits--Institutionen, die ge rühmt zu werden verdienen; allein das Kinderhaus in Neu-Isenburg, das unter der Leitung von Frau Schwel m, Frau Rabbiner Dr. H o r o v i tz, Frau 'Adolf Ster n und anderer Damen steht, ist geradezu mustergültig in seiner Art. Bor kurzeiit besitchten ivir diese Anstalt. Was wir da sahen, begeisterte uns. Es ist gradezu ergreifend zu scheu, mit welch rührender Liebe, mit welch mütterlicher Sorgfalk die höher gestellten Damen vom Borstand die unglücklich-glücklichen Kleinen behandeln! Die Kleinen — 12 an Zahl — sehen alle frisch, inunter und wohlgenährt aus; ihre Kleidriug ist sauber und einfach, so daß nach ihrem Ansehen zu itrteilcn, inan vergißt, daß wir nur arme, schutzlose, verlassene Kinder vor uns sehen. Unter den Kleinen, deren Mütter entweder krank oder beruflich verhindert sind, ihre Mutterpflichten ausznüben, besinden sich drei Säuglinge. Die Verpflegung ist'rituell und die ganze Erziehung streng religiös. Wie inan uns seitens der Verwaltung mittcilt, soll die Erziehung ans Mangel an Mitteln bloß bis zum sechsten Jahre geführt werden. Doch die Verwaltung ist bestrebt, Mittel herbeizuschasfen, uni den im Heime befindlichen Kindern eine ganze Erziehung angedeihen zu lassen und bis zu ihrem 14. Lebensjahre die Zöglinge mit allem Nötigen zu versorgen. Es braucht nicht erst gesagt zu wer den, daß diese großartige, einzig dastehende An stakt zu unterstützen, Pflicht aller sozial denkenden Juden ist, damit sie in die Lage versetzt werde, nicht nur 12, sondern hunderte von Kindern zu unterhalten. Zum Schlüsse sei noch der Schriftführerin, der unermüdlich für die Anstalt sorgenden Frau A d o l i Stern ein doppelter Dank ausgesprochen: der der Allgemeinheit für ihre Verdienste um die Anstalt, und unser besonderer für die belehrende Führung durch die Räume des Hauses. Berlin. Nach dem soeben erschienenen Halbjahresbericht der Gcse llschaft z nr Fürder un g der W isscnschaft des Judentums, hat die Gesellschaft wiederum einen Zuwachs von 100 Mitgliedern zu verzeichnen. Von. der Talmudischen Archäologie von Pros. Dr. S-. Krauß-Wien ist der zweite Band erschienen; der dritte Band dieses Werkes sowie gleichfalls der dritte Band der Neuesten .Geschichte des Jüdischen Volkes, von Prof. M. P h i l i p'p s o h n - Berlin, der insbesondere hie Geschichte der Juden in Rußland behandelt, besinden sich unter der Presse. Eine Reihe von der Gesellschaft subventionierter Werke ist gleichfalls erschienen, von denen die Geschichte der Juden in Marokko von I. M. Tolidauo besonders genannt sei. Rabb. Dr. Klein-Dolnja Tuzla, der von der Gesellschaft init >,der Wfassung einer „historischen Geographie Palästinas" betraut ist, hat mit ihrer Unterstützung eine Studienreise nach dem heiligen Lande gemacht und ist von dieser mit mannigfachem Gewinn für seine Arbeit heimgekehrt.. Im Winter dieses Jahres Hofft die Gesellschaft den 4. Band der Germania Jndaica dem Druck übergeben zu können. Der Ausschuß der Gesellschaft hat am 26. Juni eine, kurze geschäftliche Sitzung abgehalten.' Nett kooptiert wurden die Professoren Kali scher, M i t t w o ch und S o b e r n h e i m - Berlin und Rabbiner Dr.. Poznanski-Warschau. Ms Termin der nächsten Ausschußsitzung und der Generalversammlung wurde der 2. Januar 1912 bestimmt,und Dr. I. Elbogen-Berlin. mit dem Vortrag in der Generalversammlung beauftragt. Oesterreich-Ungar«. Wien. „Blochs Wochenschrift" wird aus Drohovycz gemeldet: Dr. Löwenstein hat sich „mit Rücksicht aus die Aufforderung der polnisch-demokratischen Partei und mit Rücksicht auf die zahlreichen ihm zugegangenen Kertraueiislundge-ungen"^ entschlossen, das Reichstagsmandat von Drohobycz zu behalten. „Blochs Wochenschrift" bemerkt hierzu: „Offenbar unterliegt hier Dr. Löwenstein einer Preston der Negierung, welche den Ausgang einer Neuwahl unter der jetzt vorherrschenden Stimmung der Wähler fürchtet. Er dürste, sich indes bald überzeugen, daß er mit dieser Nachgiebigkeit übel beraten war. Allerdings heißt es: „Er solle das Mandat bloß behalten, nicht ausüben." Auch das ist. nicht ohne Bedenke». Solche Wahlvorgänge wie in Drohobycz, haben ihre unerbittlichen Konse quenzen." Budapest. Im Abgeordnetenhaus sprach ein Ab geordneter der Kossuth - Partei sein Bedauern über die antisemitische Behandlung der Jnfien aus. Die Juden seien der einzige nicht ungarische Bolksstamm Ungarns, der sich dem Ungarin in vollständig assimiliert hat, der für die ungarische Sache vielleicht noch mehr 'chwärmt, noch chauvinistischer ist als der chauvinistische Ungar. Rntzland. Petersburg. In den letzten Tagen sind wiederum Ausweisungen ergangen. Aus dem Amur-Gebiet werden jetzt alle dort wohnenden Juden ausgewiesen. In dem Dorf L a s a r e w k i bei Gluchow, das von Inden als Sommeraufenthalt gewählt wird, hat die Polizei sämtliche jüdischen Sommergäste aufgefordert, sofort den Ort zu verlassen. Petersburg. Unter den 48ÜÜ Matrosen der amerikanischen Eskadre, die Petersburg besuchte, befanden sich 440 Juden und zwar — mit geringen Ausnahmen — Emigranten aus Rußland. Von den Offizieren waren nicht weniger als 20 Juden. Die jüdischen Matrosen besichtigten die Hauptsynagoge. Sie äußerten ihr Verwundern darüber, daß die jüdische Gemeinde nicht die Gelegenheit ergriffen habe, ihnen einen offiziellen Empfang 511 bereiten. Brest - Litowsk. Spät in der Nacht wurde hier ein Haus des Herrn M. H. an allen vier Ecken in Brand gesteckt. Die Einu.ndAusgänge waren verbarrikadiert und mit Drähten beschlagen worden, um den Einwohnern die Möglichkeit zu nehmen, den Flammen zu entrinnen. Durch den .Lärm der herbcreilenden Menge erwachten die Einwohner, konnten aber nicht heraus, da alle Türen gesperrt waren. Endlich gelang es doch, ein paar Fenster zu öffnen und die Einwohner zu retten. In demselben Hofe stand auch «in Haus, wo ein ^Minjan" war. Alle Mühe, die darin stehenden 5 „Sifre-Torah" zu retten, war vergebens, und alles wurde ei» ppfer der Flammen. Ich wendete mich an den Hausbesitzer M- H., und .dieser erzählte mir folgendes: „Bor Einigen Tagen erhielt ich einen Drohbrief von einigen Steinhauern, die mich aufforderten, einer armen Witwe, die nach deni Tode ihres Mannes das gleiche Handwerk treibt, .und die ich seit längerer Zeit unterstütze, nicht mehr zu unrerstützen, damit sie gezwungen werde, ihr Handwerk zu verlassen. Sollte ich ihrem Ersuchen nicht Nachkomme», dann würden sie .„auf meiner Asche tanzen". . Der Untersuchungsrichter hat heute morgen die verdächtigen Steinhauer^ verhaften lassen. B. S Schweiz. Zürich. Die 1995 gegründete Israelit. Toleranzkommission, die schriftenlosen ausländischen Glaubensgenossen die Niederlassung (die sogenannte Toleranzbewilligung durch Stellung einer 'Kaution von 1500 Frcs. für die Person, bezw. 3000 Frcs. für die Familie ermöglicht, hielt dieser Tage ihre Generalversammlung ab». Sie ist bisher 486 .Bürgschaften eingegangen und hat jetzt zum ersten Male größere Zahlungen zu leisten und zwar für zwei irrsinnig Gewordene, die in die städtische Irrenanstalt verbracht werden mußten. . Frankreich. Paris» 12. Juli. Am 13. Juli wird int Büro der Alliance Jsr aelite Universelle das Resultat der Wahlen, festgestellt. Nur Mitglieder des Zentralkomitees sind berechtigt, der Handlung-beizuwohnen. Es werden sich auch einige deutsche Mitglieder des Zentralkomitees zu diesem Zwecke nach hier begeben. Gültig sind-nur die Stimmen der am 1. April eingeschrieben gewesenen Mitglieder Demnach müssen zahlreiche Stimmzettel aus dem Orient fiir ungülsig erklärt werden: - - - ... Rumänien. Plojefti. Im hiesigen Sommertheater veranstalteten die Zöglinge des Mädchen-Lyzeums eine Wohltätigkeitsvorstellung. Als die jüdische Schülerin Franziska Rosen die Bühne betrat, kam es zu großen Exzessen. Ein Teil des Publikums protestierte in erregter Weise gegen das Auftreten einer Jüdin im Theater, während der andere Teil energisch Ruhe forderte, damit die Vorstellung zu Ende geführt werden könne. Es entstand eine Prügelei, in deren Verlauf mehrere Personen verletzt wurden, und Militär mußte geholt werden, um die Ordnung wieder herzustellen. Spanien. Madrid. Durch einen königlichen Erlaß werden die Juden in M e l i l l a (Marokko), die bisher davön ausgeschlossen waren, zur Beteiligung an der Lokalverwaltung ermächtigt. Canalejas, der kürzlich von diesem anachronistischen Ueberbleibsel erfuhr, hat seine Abstellung veranlaßt, unb die. liberale Presse zollt ihm deswegen Beifall. Bulgarien. Sofia. Dank der Parteiwirtschast des Groß-- rabbiners Dr. Ehrenpreis befindet sich die bulgarische Jndenheit seit Jahren in einer Krise. Sowie ein Synagogenkomitee demissioniert, ersetzt es der Großrabbiner mit seinen Leuten. Gegen dieses System kämpfen von jeher die Zionisten, und sie verlangten die Einberufung eines Gemeindekongresses zur Ausarbeitung eines organischen Statuts. Das gesiel jedoch dem Herrn Großrabbiner, der besonders die ihm unbequemen Zionisten mit 'einem Hasse verfolgt, keineswegs, und er sorgte rafür, daß der Kongreß vereitelt wurde. Infolge dieser Mächination hat das Ansehen des Großrabbiners noch mehr gelitten. Amerika. Rew-Aork. Der bekannte Rabbiner Dr. Pereira Mendes erläßt eine Aufforderung an die Bortände der Refor msynagoge, mit der Institution christlicher Sängerinnen aufzuhören, denn die Mitwirkung christlicher Sängerinnen an dem jüdischen Gottesdienste sei höchst unwürdig; die Sängerinnen verkaufen sür Geld ihren Glauben, der im Gegensatz zum jüdischen Monotheismus steht. — Die hiesige jüdisch-französische Gemeinde leistet ich eine eigenartige Spezialität, ie baut Synagogen und verkauft sie in einigen Jahren als Kirchen; aus ihrer ersten Synagoge ist eine lutherische Kirche, aus ihrer. zweiten und ihrer dritten Synagoge ist je eine methodistische Kirche geworden, und ihre letzte Synagoge hat sie jetzt an eine katholische Gemeinde verkauft. Hymen. Erzählung von Jacob Levy. (Fortsetzung.) V. Die kluge und taktvolle Frau Bruch, die das. Zutrauen ttnd die Liebe der Kinder rasch erworben hatte, hielt sich zurück, sie übte nur das aus, was die Hausfrau angeordnet. Bon Frau Weil - ließ sie sich über den Umfang ihrer Pflichten unterrichten, der nicht klein war, und die Hausfrau überließ ihr gerne die ganzen Haus-- haltungs- und Erziehungssorgen, .. 'sie war zufrieden, lvenn die Kinder sie einigemal im Tag begrüßten, und daß deren Aussehen nnd Benehmen keinen Anlaß zu Tadel bot. —i Fran Weil hatte ein Kränzchen eingerichtet, in dem die neueste Literatur über die Frauenfrage und auch die politische Lage besprochen wurde. Sie hatte an einem Nachmittag die Damen des Vorstands zu einer Sitzung gebeten, nnd als die Damen feierlich beieinander saßen, stürmte das Söhnchen ins Zimmer und kletterte seiner Mutter, die präsidierte, auf den Schoß. Sie rief empört: „Erich, wie kannst Du Dir erlauben, uns hier zu stören, wo ist denn Tante Rosa!" —- so hieß Frau Bruch bei den Kindern. Der Knabe, der mit Weinen kämpfte, sagte: „Ich bin aus dem Kinderzimmer gelaufen, ich wollte zu Dir, Mama." Die Damen scntden den Kleinen süß, reizend» wollten mit ihm plaudern, aber er war nngeb erdig und stampfte mit den Füßen aus. Seine Mutter, in größerer Verlegenheit und Unwillen, als nötig war, sägte: ,Hch will ihn hinüber bringen,"' - aber da klopfte es an,

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