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Neue jüdische Presse · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. bcn richtigen Gebrauch ziehen könnte. Die Familie des Verstorbenen bot sic zum Verkauf an. Eine Million Mark beträgt die Verkaufssummc. Es wurde schon über den Verkauf an eine öffentliche Bibliothek verhandelt, da scholl von Jerusalem eine Stimme hinüber, eine Stimme, feurig, anspornend und ängstlich zitternd zugleich, und sie rief: Hier steht eine Bibliothek zum Verkauf, die jüdisch ist in ihrem Inhalt, jüdisch durch ihren Besitzer, jüdisch durch die Männer, die sie benutzten, mit Schätzen jüdischer Werke, und sic soll an Fremde verloren gehen. Hier ist ein Reichtum an jüdischen Gcistesschätzen, den ein großer Jude in mühevoller Arbeit und Aufopferung angehäuft hat, und dieser Reichtunt soll in die Hände der anderen, der Nichtjudcn übergehen! Tas jüdische Volk' wäre nicht fähig, die Million aufzubringen, die nötig ist, uni diesen Schatz sich zu erhalten; sollte es wirklich bei gutem Willen nicht möglich sein, die Bibliothek David Ginsburgs für die jüdische Ratio nalbibliothck zu erwerben? Und dieser Ruf blieb keine Stimme in der Wüste. Der große und treffende Gedanke stet auf fruchtbaren Boden; es hat sich gezeigt, daß das jüdische Volk schon für die Verwirklichung solcher Ideen reif ist, und dieser Tage geht eine Nachricht durch die Blätter, die, wenn auch noch nicht die volle Verwirklichung des Gedankens, so doch den ersten Schritt hierzu bedeutet: in London hat sich ein Komitee gebildet zur Erwerbung der Bibliothek David Ginsburgs für die jüdische Nationalbibliothck in Jerusalem. Dieses Komitee, und hierin beruht die Bedeutung dieser Nachricht, besteht nicht aus schwärmerischen Jünglingen und gutmeinenden Idealisten, die wohl Ideen schaffen und' propagieren können, aber sie nicht in die nackte Wirklichkeit umzusetzen vermögen; das Komitee setzt sich aus Männern zusammen, deren Namen eine Garantie bieten, daß sie das Werk, das sic unternommen, auch ausführcn werden; cs sind dies: Prof. Abrahams (Cambridge), Oberrabiner Dr. Adler (London), Chacham Dr. Saftet (London), Prof. Warbur g (Berlin), Israel Zangwill (London), Claude Montefiore (London), N. So kolow (London), Rabbincrsohn (Kiew), Prof. S ch e ch t e r (Newyork). Man darf zu diesen Männern soviel Vertrauen besitzen, um Voraussagen zu dürfen, daß sie sicherlich 'den Gedanken realisieren werden. Was noch ferner charakteristisch und bedeutsam ist, das ist, daß Männer wie Oberrabbiner Adler, Prof. Abrahams, I. Zangwill und — last ■not least — Claude Montefiore dem Komitee angehören, Männer, die wohl nicht im Verdachte stehen, .schwärmerische Zionisten zu sein. Hier zeigt sich wieder einmal — was wir immer gesagt haben —, daß all die Juden, die noch Liebe zum Judentum und zum jüdischen Volke empfinden, zur nationalen Bewegung kommen werden; denn — ob die vier genannten Persönlichkeiten es zugestehen oder nicht — cs ist eine bedeutsame nationale Tat, die sic da leisten. Für uns bedeutet cs einen großen Erfolg, fiir sie selbst einen Schritt näher zum jüdischen Nationalismus. Die Scheidung geht eben vor sich: ans der einen Seite bleiben die noch wirklich jüdisch empfindenden Inden, auf der anderen die nur äußerlichen Juden, die Rcinach .und die Geiger, die früher oder später — je schneller umso besser — ganz abfallen. Der erste Schritt ist getan. Es ist heiligste Pflicht der jüdischen Ocffentlichkcit, die Angclegcnhett einem schnellen Ende zuzuführen. Wir sind überzeugt davon, daß es nicht mehr so lange dauern wird, daß bald durch die Blätter die andere, noch freudigere Nachricht gehen wird: Die Bibliothek David Ginsburgs ist für die jüdische Nativnalbibliothek in Jerusalem erworben! Damit würde Jerusalem in der Tat begonnen haben, zu einem Zielpunkt jüdischer Gelehrten und einem Zentrum jüdischer Denker zu werden und wir wären um einen großen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schritt näher gekommen zu jenen Tagen, von denen die Propheten die stolzen, erhebenden, siegesbewußten und adlcrbeschwingten Worte gesungen haben: „Und von Zion wird die Lehre ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem!" * * * 2. Der Emigrationskongretz. Nach einigen Wochen findet in Wien ein jüdischer Emigrationskongrcß statt, der den Zweck haben soll, die jüdische Emigration zu organisieren. Der Kongreß sollte schon im vorigen Jahre stattfinden, mußte aber wegen ungenügender Beteiligung verschoben werden. Wir glauben, daß auch der diesjährige Kongreß nicht den Erfolg haben wird, den seine Veranstalter erhoffen. Denn , wie es bisher verlautet, haben cs die Jca und der Hilfsvcrcin abgelehnt, sich am Kongresse zu beteiligen, und damit allein ist schon eigentlich die Sache fast wie gescheitert. Der Gedanke, von dem sich die Veranstalter des Kongresses leiten lassen, ist durchaus richtig. Es ist dringend notwendig, daß die große jüdische Emigration endlich einmal in geordnete Bahnen geleitet wird und die Auswanderer nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden. Wir haben ja schon eine Anzahl von Organisattonen, die sich der Emigration annehmcn, aber teils können sic alle zusammen nicht' soviel leisten, als twtwcndig ist, und teils geht ein großer Teil der Kraft und des Erfolges durch die Zersplitterung der Kräfte verloren. Eine Einigung aller Organisationen, die sich mit k>cm Emigrationsproblem beschäftigen, ist nötig, eine Einigung, die am besten durch die Schaffung einer obersten Leitung bewerkstelligt werden könnte. Der Zweck also, den die Veranstalter des Kongresses im Auge haben, ist zweifelsohne gut. Fragt sich nur, ob sie den richtigen Weg gesunden haben zu seiner Erreichung. Dies möchten wir bezweifeln. Die Veranstaltung ciitcs großen öffentlichen Kongresses, bei dem viele Reden gehalten und viele Wiortc gesprochen werden, ist nicht gerade das geeignete.Mittel zur Realisierung dieses Planes. Was soll denn dabei hcrauskommen? Eine neue Wcltorganisatton zur Regulierung der Emigration soll geschaffen werden, sagen die einen. Dies halten wir für unmöglich. Eine neue jüdische Weltorganisation zu schaffen, ist^ jetzt weder möglich noch notwendig. Die öffentliche Meinung aus das Emigrationsproblem lenken, sagen die anderen. Nun, erstens wissen wir nicht, ob dies dem Emigrationskongreß in Wien wirklich gelingen wird, und zweitens glauben wir, daß selbst, wenn es ihm gelingen sollte, der praktische Erfolg sehr minimal sein wird, Also bleibt nur das dritte übrig, die Zusammenfassung und Eiiiiguitg .der jüdischen Organisationen, die sich schon mit der Emigration beschäftigen. Dazu aber 'ist kein Kongreß nötig. Dies kann viel einfacher, viel leiser und viel schneller durch Verhandlungen der Organisationen unter sich geschehen. Aus all diesen Gründen halten wir die Veranstaltung des Emigrationskongrcsses, ivenn nicht für direkt schädlich, so doch für wertlos. Unter Umständen kann er der Sache sogar schaden. Ein solcher Kongreß kann noch einige Wirkung erzielen, Ivenn er wirklich von allen hervorragenden jüdischen Organisationen uitd Gemeinden beschickt wird. Dies wird aber allen Nachrichten nach nicht der Fall sein. So ist es wohl möglich, daß der Besuch nur gering sein wird und der ganze Kongreß leise und klanglos verläuft. Sollte dies der Fall sein und der Kongreß tatsächlich zu einem Mißerfolg führen, so kann er der Sache nur von Nachteil sein,, und es wäre dann besser, er hätte nicht stattgefunden. Brief aus Rußland. Der Mord des Knaben Justschinski. — Pogrompropaganda. — Neue Beschränkungen? — Chikanen. Endlich ein Resultat in der Kiew er M o rd aff ä r e; der Stiefvater und ein Nr. 28 Verwandter des ermordeten Justschinski) sind v erh a f t et w o rd eit! Der Verdacht war sofort auf die nächste Verwandtschaft des Ermordeten gefallen, aber unbekannte Personen von hohem Einfluß bewirkten die Freilassung der verbrecherischen Gesellschaft, — und die Ritualmordhetzc, die Aufreizung zu Pogromen .. auf die Juden konnte beginnen. Wochenlang bildete der Kiewcr „Rittialntord" täglichen Stoff für alle antisemitischen Zeitungen Rußlands. Es wäre sicher zu Judenmetzeleien gekommen, wenn nicht die ausländische Presse den Schwindel festgenagelt hätte. So sah sich denn die Regierung gezwungen, die wirklichen Mörder verhaften zu lassen. Eine Pogromgefahr ist für die russische Judenhcit vorüber, andere tauchen auf! Nachdem die P o g r o m p r o p a g a n d a ein paar Jahre geruht hatte, hat sie wieder mit aller Macht eingesetzt. Flugblätter werden zu vielen Tausenden in die Masse geworfen, um sie gegen die Juden aufzuhetzen. Auch der bekannte Mönch I l i o d o r, der sich der allerhöchsten Gunst erfreut, hält wieder seine Brandreden gegen die Juden. Zu dieser Pogromfurcht wird die russische Judcnheit noch von Gerüchten über neue Einschränkungen auf dem Gebiete, ihrer Erwerbstätigkcit beunruhigt. Es verlautet, daß man die Banken und die Aktiengesellschaften judcnrein machen will. Es scheint das nicht glaubhaft, denn wenn auch alles, was gegen die Person der Juden möglich ist, geschieht, so wird die Regierung sich sehr wohl hüten, durch Maßnahmen gegen das Kapital der Inden das Wirtschaftsleben zu schädigen. Eine neue Art Chikanen: In Groskur o w . hat die Gendarmerie den Befehl erlaffen, daß Juden erst kurz vor der Abfahrt ihres Zuges den Wartesaal betreten dürfen. Infolge Nichtbeachtung dieser Verordnung sind dieser Tage 29 Juden zur gerichtlichen Bestrafung vorgemcrkt und einige, ’ die keinen Paß bei sich hatten, verhaftet worden. Wie in Westeuropa herrscht auch hier.gegenwärtig die Hitze. Aber die Flucht aufs Land ist unseren Juden sehr erschwert. In den Dörfern haben Jic kein Wohnrecht. Tausende von Aktenbogen sind im Laufe der Jahre über das zeitweilige Wohnrecht der Juden in Sommerwohnungen schon beschrieben worden. Innerhalb des Ansiedlungsrayons hat das Ministerium ihnen endlich den zeitweiligen Sommeraufenthalt in den Dörfern gestattet; aber außerhalb des Ansiedlungsrayons herrscht darin heute noch die Willkür der Gouverneure, und diesen Herren liegt, wenn sie ihrem Antisemitismus freien Lauf lassen können, häufig nichts daran, daß hunderten rechtgläubigen Bauernfannlien eine gute Einnahme genommen wird. Brief aus Palästina. Mädchenhändler. — Gesundes soziales Empfinden. — Expedition nach dem Toten Meere. Die M ä d ch e n h ä n d l e r scheinen auch Palästina zum Felde ihrer verruchten Tätigkeit machen zu wollen. Jüngst wurde in Pcthach- Tikwah und in Jaffa je ein Mädchenhändler verhaftet. Der letztere war bereits im Begriffe, sich mit einem jüdischen Mädchen zu verheiraten und wcgzufahren. Palästina hat bisher diese Seuche nicht gekannt, und die Juden Palästinas werden sie nicht aufkommen lassen. In einer von mehr als 300 Personen besuchten Versammlung des Jaffaer Arbeiterklubs wurde der Beschluß gefaßt, eine Mädchcnschutz-Organisation zu gründen. Der Wert des Organisierens ist unserem neuen Geschlechte sehr wohl bewußt, ein Beweis des ihm eigenen frisch pulsierenden Lebens. So hat sich jetzt wieder eine tteue Organisation gebildet; die landwirtschaftlichen jüdi-- s ch e n A r b e i t e r P a l ä st i n a s haben sich! nämlich zusammengeschlossen.

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