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Neue jüdische Presse · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. FrainHurker. AsrüdlitischV KllM.enblatk. dir. 28. und Frau Bruchs'. tratein. Sie sagte: „Der Weine, "der sehr aufgeregt ist, lief mir fort: Entschuldigen .Sie bitte." Sie »ahnt ihn, der jetzt laut weinte, auf den stlrm und entfernte sich init ihm. Frau Weil blickte ihr unwillig nach und sprach: „Die Dame scheint doch nicht die rich- Äutorität zu besitzen! —, Fahren wir fort, meine Damen! Wir reden ja über die Aussichten der westlichen Jurabeflissenen." Frau Durch trug den kleinen Sünder ins Kinderzimmer, 'wo Klärchen friedlich spielte, und suchte ihn zu beruhigen. Da sie jedoch bemerkte, daß sein Köpfchen, seine Händchen heiß waren, entkleidete sie ihn und legte ihn ins Bett. Eine Stunde später, als die Sitzung beendet war, kam Frau Weil ins Zimmer, um Gericht abzuhalten. Taute Rosa führte sie ans Bettchen, wo der Knicke sich unruhig herumwarf. „Weiß Erich, daß er unartig war?" Das Kind reichte nach seiner Mutter und weinte. Sie fühlte flüchtig nach dem Kopf des Kleinen und sagte: „Dem Jungen fehlt nichts. Ich muß jetzt ausgehen, Frau Kollega. Sie können ihn toieBec ankleiden, «cker schürfen Sie chm bitte ein, daß sein Benehmen Rüge und Strafe verdiente. Adieu." Frau Bruch wußte, daß sie jetzt ungestört bleiben würde und zog vor, den aufgeregten Jungen, der jetzt über Kopfweh klagte und trinken wollte, im Bett zu lassen. Sie wartete nngeduldig auf Las Heimkommen des Doktors. Endlich hörte sie seinen Wagen Vorfahren. Nach wenigen Miauten kam . der Doktor seiner Gewohnheit nach ins Kinderzimmer. Klärchen spielte, vom Mädchen beaufsichtigt und lief mit einem Freudenschrei dem Älter entgegen. „Guten Abend Liebchen, wo ist Erich?" . Aber da öffnete Frau Bruch die Tür ulld bat, draußen stxhen bleibend, den Doktor heranszukommen. . ,Herr Doktor, Erich ist sehr aufgeregt, hat Fieber. Ich steckte ihn ins Bett, kommen Sie bitten zu ihm." Er folgte seiner Führerin ins Schlafzimmer und untersucht den Knaben. Er stellte sofort die Diagnose! „Erich hat die Masern. Bei der gewissenhaften Pflege, der ich bei-Ihnen sicher bin, wird die Krankheit einen .harmlosen Verlauf nehmen" „Soll Klärchen ans dem Hause?" „Nein, es ist nicht nötig. Wer meine Frau darf Ihnen die Krankenpflege und das Hauswesen nicht allein überlassen und ' Sie unterbrach ihn. ,„Herr Doktor, ich bitte Sie, bas Ihrer Frau Gemahlin nick mir zu überlassen. Sie dürfen versichert sein, daß ich auf dem Posten bin, es wird dem Meinen an nichts fehlen. Ich wünsche Ihnen von .ganzem Herzen, daß die Mutter von selbst ihre Pflichten erkennt, ober : wenn sie daran erinnert werden mühte, hätte ich keine Hülfe an ihr." Er antwortete mit gefurchter Stirn: „Sie htcken rocht, doch was finge ich an, wenn ich Sie nicht zur Seite hätte!" Sie lächelte. ,Herr Doktor, Sic vergrößern Meine Leistungen so ungemessen. Sie bieten mir ein Heim, und-ich habe die Kinder gern, also M mein Verdienst nicht so groß. Geben Sie mir VerhaÜungsmaßregeln, und feien.Sie beruhigt." Der Doktor strich! sich Wer die Stirn und gab Frau Bruch die gewünschte Belehrung. Als Frau Weil um zehn Uhr abends nach Hause kam, sah ihre Häuslichkeit anders ans wie gewöhnlich. Sonst sah ihr Mann im Wohnzimmer, rauchend und lesend, Frau Bruch meistens mit einer Handarbeit beschäftigt. Die getreue Schaffnerin fragte sie, ob sie noch Wendrot wünschte und .horte mit schweigender Höflichkeit zu, wenn es ihr gefiel, über besonders Interessantes . Bericht zu erstatten. Heute war das Wohnzimmer erleuchtet wie sonst, auf dem Tisch war für sie gebctft, <cker niemand war im Zimmer. Frau Weil ging befremdet durch! die Wohnung und fand ihren Gatten und Frau Bruch, im Schlafzimmer am Bettchen von Erich, der begierig Limonade trank. Sie trat naher und fragte: „Was hat der Junge, fehlt ihm etwas?" Ws der. Knabe die laute Stimme seiner Mütter hörte, die vor kurzem' strafend zu ihm geredet hatte, fing er an zu weinen. Der Dollar sagte ' seiner Frau: „Erich hat die Masern." „Die Masern! ist es schlimm?" Sie kniete am Bettchen nieder und saßte die Hand des Kindes. „Erich, mein Kind, Du Mußt nicht weinen. Schlafe jetzt ruhig. Du bist bald wieder gesund und stehst auf, dann gibt's viele Schokolade." And sie legte ihre Hand auf diefieberglühende Stirn des Knaben, der sich! in die kühle Hand einkuschelte und bald einschlief. Der Doktor und Frau Bruch hatten sich auf den Fußspitzen entfernt. Bald kam ihnen die Mutter ins Wohnzimmer nach. - „Er schlaft sanft und fest. Ich habe Thekla ins Nebenzimmer placier^ um. uns sofort zu benachrichtigen, tvemr er wach I»erden sollte. Ist cs gefährlich, lieber Mann?" Er erwiderte zögernd: „Ich hoffe, daß die Krankheit normal verläuft. Der Junge bedarf einer gewissenhaften Pflege und einer großen Beaufsichtigung nach seiner Genesung, damit die Krankheit kein schweres Leiden nach sich zieht. Sie - ist erst ' int Entstehen." Ste dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie: „Wir können der lieben Frau Brich den kleinen Patienten anvertrauen. Wenn ich nicht fest davon überzeugt wäre, würde ich mich der Pflege widmen, aber so ist cs in der Tat nicht nötig. Ich muß binnen kurzem zum Kongreß reisen und habe die nächsten Sage zu meiner Vorbereitung nötig. — Oder —i Frau Bruch — können Sie die Pflege nicht übernehmen?" Ihr Mann sagte im scharfen .Tone: „Sei unbesorgt, Berta. Ich/ der Vater, bin der behandelnde Arzt, und Frau Bruch ist meine pflichtgetreuc Assistentin. Der Junge soll seine Mutter nicht entbehren." Sie entgegnetc schmollend: „Das alles Hättest Du mir auch etwas verbindlicher sagen können. Du weißt, daß ich pslichtgetren bin, aber eine einfache Kinderkrankheit darf mich nicht von größeren Pflichten zurückhältcn, wenn ich eben —> bei dem Kranken zu eirtbehren bin und gut ersetzt werde." Und so blieb es. — Frau Bruch konnte den kleinen Pattcnten pflegen und ihn'unterhalten, was gar nicht so leicht war. Klärchen wurde gleichfalls nicht vernachlässigt und im Hauswesen nichts verabsäumt. Frau Weil hatte keine Veranlassung, sich ihren höheren Pflichten zu entziehen. Wenn sie zu Hanse war und die Kinder geherzt hatte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und studierte,, bereitete ihren Borttag für den Kongreß vor. . Erich war wieder hergestellt und nach Anordnung seines Vaters soviel wie möglich im Freien. Die Kinder spielten den ganzen Tag im Garten; wenn cs regnete, ging Frau Bruch mit ihnen auf die Straße. —■ Und eines schönen. Tags bat Frau. Berta ihren Mann nur acht Tage Urlaub, sie wollte vom Kongreß aus einige berühmte Mitstreiterinnen besuchen, mit denen sie in schriftlicher Verbindung stand. „Ich werde mit Frau Bruch sprechen, und Du wirst in. meiner kurzen Wwesenheit nichts entbehren, Du nicht und die Kinder nicht." Der Doktor gab müde seine Zustimmung. Frau Weil reiste ab, und — es muß gesagt sein — sie hinterließ keine Lücke. Sie empfing jeden Tag eine Postkarte von ihrem Mann, so wie sie es gewünscht hatte, die in wenigen knappen Worten Bericht über das Befinden der Kinder brachte. Sie schrieb über ihre Erfolge und behielt sich eingehenden mündlichen Bericht, über ihre Triumphe vor. Ihr Vortrag beim Kongreß wurde gebührend appplaudiert. Eine Mitstteiterin, Fräulein Dora Gutmann, eine ältere Dame, .mit der sie in lebhaftem Briefwechsel stand, mid die in einer benachbarten Stadt wohnte, lud sie auf einige Tage ein. „Frau Doktor, wir müssen uns in Ruhe aussprechen können. Ich wohne bei meiner Mutter, Sie werden der alten Frau ihre Ansichten nicht übel deutett." „Dann wird mein Besuch Ihrer Frait Mutter nicht willkommen sein." „Wer gewiß Außerdem sind Sic bei-mir zu Gast, meine Mutter freut sich sehr mit Besuchen und unterhält sich gern mit jüngeren Leuten. Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie die alt« Dame gar nicht zu sehen; aber ich möchte sie nicht des Vergnügens bcraicken, sich mit Ihnen ausznsprechen." Utck Frau Weil reist« mit Fräulein Dora Gutmann vom Kongreß zu später Stunde ab und schlief in deren altem, großem Hanse vorzüglich. Anderen Morgens geleitete sie Fräulein Dora ins Wohnzimmer, wo deren Mutter, eine alte, Keine Dame, auf dem Sophä saß. Diese wartete nicht, bis Frau Weil ihr vorgestellt wurde, sondern streckte ihr srenndlich die Hand entgegen. . _ (Fortsetzung folgt.) . . _ „Fit-sure" Pincenez doublö, 14 k Goldaüflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5 50. Operngl , Feldst., nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel. „I. W. Albert, Aich. Paul Wanderey, Haus Neptun, Ecke Neue Mamzästr. u. Weitzftauenstr. 11. Tel. 7854, Amt L" Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Belt-Wäsche. Georg Amendt, Nacht Bleidenstrassc 10. 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Nun ist es zweifellos, daß man, um in einer Streitfrage Klarheit zu schassen, auch den Angeklagten hören mutz, aber-- — das Urteil kann nicht vom Angeklagten atisgesprochen werden, dazu bedarf man des Richters. In dein genannten Artikel aber, räumt man dem Angeklagten die Rechte des Richters ein, dessen Urteil maßgebend sein soll. Jeder, der den Versammlungen am 2R Juni und 6. Juli mit dem Thema „Das neue jüdische Leben in Palästina' veigewohnt hat, weiß, daß bei diesen Gelegenheiten von nrisrachistischer Seite authentische, von unparteiischer Seite herrührende Beweise vorgebracht worden sind, 'daß das hebräische Gymnasium in Jaffa nicht nur „keine traditionelle Schule,", wie man cs recht schonend im betrefjcnben Artikel nennt, sondern' direkt eine antireligiöse Schule ist. Am Schlüsse des erwähnten Artikels wird anerkannt, daß das Gymnasium „völlig existenzberechtigt" ist. Wer hat aber je dem Gymnasium di« völlige Existenzberechtigung abgesprochen? Der Misrachi hat nur dagegen gekämpft, daß dem hebräi- Gymnasium aus den Parteimitteln der zionistischen Organisation Unterstützungen gewährt werden, mit Recht oder mit Unrecht, das wollen wir an Hand des letztgenannten Artikels (Aus den Ereignissen des Tages, Die Knlturfrage im Zionismus) bcantworten. Es soll in ihm nämlich mit strenger Logik bewiesen werden, daß der Zionismus verpflichtet ist, „all die kulturellen Unternehmungen zu fördern und 'zu unterstützen, die auf dem jüdischen Nationalismus basieren." An und für sich läßt sich hiergegen schon einwenden, daß zwar her Zionismus jüdisch-national ist, aber der jüdische. Nationalismus nicht unbedingt zionistisch zu sein braucht und sogar anti-zionistisch sein könnte, heißt es doch im selben Artikel, daß es (das neue nationalkultürelle jüdische Leben in Palästina) sich in einer Richtung entwickeln könnte, die gegen den Zionismus gerichtet ist. Doch der ausschlaggebende Gegengrund ist der, daß der Zionismus von der Voraussetzung ausgeht, daß es möglich ist, alle Juden, ungeachtet' ihrer vielen Differenzierungen, infolge ihrer gemeinsamen Nationalität zu einer gemeinschaftlichen Tätigkeit zusammenznführen, und er daher sich selbst gegenüber verpflichtet ist, eine Plattform zu bilden, ans der sich a II e begegnen können. Nimmt er aber innerhalb seines Arbeitsprogrammes Betätigungen auf, - die ein gemeinsames Wirken afller absolut ausschkießen, so begeht er Selbstmord! Will er seinem Prinzip nicht tintteu werden, so kann er nichts tun, was ein Teil seiner Anhänger fiir sich als einen Ausweisungsbefehl ansehen müßte. Untersttitzt der Zionismus aus dem Geld« aller Besttebungen, für welche die Gesetzestteuen aus prinzipiellen Gründen sich nicht berechtigt achten, auch nur einen Pfennig zu zahlen, so stößt ex dieselben aus. Gleichzeitig würde der Zionismus dann Herzls Versprechen,, nichts zu tun, was gegen das jüdische Religionsgesetz verstößt (die Unterstützung von gewissen kulturellen Unternehmungen, deren Förderung das jüdische, Religionsgesetz verbietet,' ist doch ein Verstoß gegen das Religionsgesetz!), brechen. Der Zionismus, will er nicht mit sich selbst in Konflikt kommen, kann nur eine absolute Neutralftät wahren, die darin besteht, nichts für kulturelle Besttebungtzn aus der Parteikasse zü geben, und hiermit komme ich znm Thema zurück: er kann weder dem hebräischen Gymnasium noch der Tachkemoni-S.chule eine Subvention gewähren. Wie der-erwähnte Artikel meint, soll er beide unterstützen: dies ist ein Ding der Unmöglichkeit» kein gesetzestreuer Jude kann auf solch einen Kauf — eine Unterstützung der Tachkemoni - Schule für eine Unterstützung d.es Gymnasnmis — entgehen. Will der Zionismus die ganze Judenheit umfassen, so kann er nur die, absolute Neutralität gelten *) Der Vergleich mit einem Angeklagte» erscheint uns nicht anwendbar; denn Dr. Mossinsohn dürste kein Interesse daran haben, seine, Anschauungen vor der ^Öffentlichkeit meinem anderen Lichte Hu geben» D. Mdaktion»

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