Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fSfsr.. . .1 fit -- - —— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ‘ Kedaktio« und Geschäftsstelle: ' r ----—--- Jnsertionspreife: Äbonnementspreis vro Vierteljahr.- In Frank. Srsnkkurt s. IR., Die viergespaltene PetitzeUe.25 Pfg. furt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post Die Reklamezeile.100 „ abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Vetefou 10507. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— C___U > Herausgeber: Kalg Geis. , Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Ro. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 18. Taimis 5671 (14. 3«ü 1911) Rr. 38. Inhalt des Hauptvlattes. Artikel: Der X. Zionistenkongreß. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem; 2. Der Emigrationskongreß. — Brief aus Rußland. — Brief aus Palästina. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Hymen. — Eingesandt. — Wo ch en-Kalend er. — Fämilien - Nachrichten. Der X. Zionistenkongretz. — Rückblicke und Ausblicke. — Der X. Zionistenkongreß steht vor der Tür; nur noch vier Wochen trennen uns von ihm. Basel ist der Ort seiner Tagung, der 9. August der Tag seiner Erösfnung. Neun Kongresse haben getagt, der zehnte schickt sich eben an, zu tagen;— was haben uns die neun gebracht, was soll uns der zehnte bringen? Wie sah cs vor den Kongressen aus? Wie sah es vor Hcrzl oder gar vor Pinsker aus? Wollt . Ihr ein Bild davon haben, hier das Bild: Auf der einen Seite der H i mmel, aus der anderen Seite die Völker; vom Himmel allein — ohne eigenes Zutun — erwarteten alles Heil die Frommen, von der Gunst der Völker erwarteten es die sog. Aufgeklärt e n. Ein Juden Volk, — darin waren beide einig — gab es nicht mehr, nur noch eine Religionsgemeinschaft, eine Religionsgemeinschaft aus vielerlei Nationalitäten bestehend, aus jüdischen Franzosen, jüdischen Deutschen, jüdischen Engländern nsw. Es versteht sich, daß eine solche buntscheckig geartete Religionsgemeinschaft keine einheitliche Juden frage kannte, da cs keine einheitliche Lösung derselben gab und geben konnte; Rußland z. B. löst das Problem ganz anders als Frankreich und England wiederum weit anders als Deutschland. Das jüdische Volt war von der Lösung der Inden frage ausgcschaltet; die anderen und nicht die Inden hatten die Lösung zu vollziehen. Um aber die Lösung so günstig wie möglich zu gestalten, mußte man den anderen zu gefallen suchen. . Also „Gefallen" war die Parole. Gefallen — un d zwar einzig und allein durch Verbeugungen. — So war es im Leben, so auch in der Literatur. Gebückte, knechtisch kriechende Juden im Leben; gebückte, knechtisch kriechende Juden in der Literatur. Stolze, aufrech te Iud en gab es weder hiernach dort! So das Bild' Eine Religionsgemeinschaft ohne inneren Stolz und in der Mehrzahl ohne Glaube und Religion! Eine Religionsgemeinschaft mit allen prononzierten Merkmalen .eines einheitlichen Volkes und leiner Rasse! Ein sich bewußt verleugnendes Volk -einzig und allein zum Zweck der Ergatterung von zweifelhaften Rechten. Wir sagen „zweifelhaften", denn siehe! die Völker ließen sich nicht irreführen, sie alle erkannten, fühlten ünd wüßten, daß die Religionsgemeinschaft nichts anderes als e i n i n d i v i - duell geartetes Volk, ein Volk mit allen Merkinalen eincs uralten Volkes ist. Die Völker fühlte» es, und instinktiv arbeitete ihr alter, eingewurzelter Haß gegen dieses Volk, das ohne die physische Macht zu besitzen, sich so lange behauptet hatte. Sie wußten es, und zu ihrem alten Haß Paarte sich noch die Leugnung des Volkstum seitens der Inden. Die Bücklinge nützten nichts, im Gegenteil, sie schadeten ungemein. Und noch ein weiteres: Die Aufklärung führte die Völker nach überstandener Kosmopolitismusschwärmcrci zur Selbsterkenntnis, zuni Nationalismus. Der Nationalismus aber schärfte das Gefühl der Völker, zu unterscheiden zwischen Eigenem und Fremdem, — und die Kluft zwischen Juden und Nichtjuden wurde immer tiefer und die Lage der Juden immer schwieriger und unhaltbarer. Eine Organisation der Inden heit w a r d r i n g e n d geboten, — und sie kam auch, anfangs schüchtern, in der Gestalt der Alliance Jsraelite ^Universelle. Doch die Alliance war bloß eine Einigung einer Anzahl reicher jüdischer Philanthropen und nur zum Zweck der Verteidigung der Ehre und der Rechte Judas in der Diaspora. An ein Zentrum Judas außerhalb der Diaspora, an ein 5z e i m dachte Cremieux, der Gründer der Alliance, nicht; vielleicht, weil die Möglichkeit der Schaffung eines eigenen Heimes noch Picht vor ihm offen lag; vielleicht, weil er sich mit der Diaspora abgefunden hatte; wie dem auch sei, eines steht fest, daß für Cremieux das Diasporadasein nicht der Inbegriff von (Bücklingen und Rückgratlos i g k c i t war. Cremieux war der erste, dem ein lebendiges Gefühl für jüdische Ehre inncwohnte, und der zur Verteidigung dieser jüdischen Ehre eine Organisation schuf. . „ Was aber noch fehlte, tvar die Erweckung dieses Gefühls in den breiten jüdischen Massen und die Schaffung einer M a s s e n o r g a n i - sation zur Verteidigung derselben. Allein um dieses bewerkstelligen zu können, mußte man zunächst den Massen die Einsicht von der Hoffnungslosigkeit der Diaspora sowie von der Unerläßlich keit eines Heimes und der Möglichkeit des Errichtens desselben beibringen.; Dies versuchte zunächst Pinsker, ihm jfolgte H e r z l mit der Schaffung der zionistischen Organisation und dann die Männer, die das große Erbe Herzls angetreten haben. Was ist nun aus diesem Gebiete seit dem Entstehen des Zionismus erreicht worden? Gar viel, sehr viel. Abgesehen von der großen und stolzen Organisation, die der Zionismus in sich verkörpert, indem er Tausende und abermals Tausende von bewußten, stolzen Juden unter seiner Fahntz führt,, ist es eine feststehende Tatsache, daß der weit größte Teil der Judenheit dank dem zionistischen Gedanken von einem gewissen jüdischen Stolz erfüllt wird. Fast alle jüdischen Organisationen sind mehr oder minder von diesem Geiste getragen. Wenn Organisationen, wie der „Verband der deutschen Juden", der die Einheit der deutschen Judenheit darstellt, ihre Rechte als Juden kräftig verfechten, so ist cs Zionismus. Wenn stolze Reden über Judentum und Judenheit gar häufig von assimilierten Juden geführt werden, so ist das ein Produft des Zionismus. Wenn Juden für Ehre kämpfen und sterben, so ist der Zionismus schuld daran! Wenn liberale, weit links stehende Männer einen Reinach mit Ingrimm bekämpfen, so ist es ein Ausfluß des Zionismus. Wenn heute wieder Neologe zur Tradition zurückkehren, so ist das eine Folge des Zionismus. Und wenn überhaupt die Anschauungen von und über den Gehalt des Judentums jetzt so häufig aufeinander prallen — ein Zeichen des -Lebens —, so ist es wiederum der Zionismus, der neue, mächtige Impulse erweckt hat. (Fortsetzung folgt.) Aus den Ereignissen des Tages. 1. Die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die besten unseres Volkes von jenem großen Gedanken ergriffen wurden, die Regeneration Israels in seinem Lande hcrbeizuführen, da gab es — wie überall — Uneinigkeiten und Verschiedenheiten in den Anschauungen der einzelnen, wie man diesen Gedanken am besten verwirklichen könne. Aber in einem stimmten sie alle überein: in der Sehnsucht, Zion, Jerusalem z n m Mittelpunkte des neuen j ü d i - s ch e n Gei st e sl e b e ns z u m a ch e n. Das jüdische Geistesleben der Diaspora, das zerstreut und zerrissen, halt- und bodenlos in den Lüften schwebte, sollte geeint und konzentriert werden, sollte ein neues Zentrum erhalten in Palästina. Und Tausenden von begeisterten Jünglingen und idealen Männern schwebte das uralt-heilige, ewigerhebende Ideal vor, das schon unsere Propheten so mächtig beseelte, und dem sie Ausdruck verliehen haben in jenen stolzen, erhebenden, siegesbewußten und adlerbeschwingten Worten: „Und von Zion wird die Lehre ausgchcn und das Wort Gottes von Jerusalem!" Von diesem großen Ideale beseelt, vollbrachte der große Idealist Chasanowitz seine große Tat und spendete seine Bibliothek zum Fundamente einer jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem. Die Tat war groß, aber sie blieb allein. Es kamen noch hier und da neue Bücher hinzu, daß aber diese Bibliothek wirklich zur jüdischen Nationalbibliothek werden sollte, davon war sie noch weit entfernt'. Man hörte von ihr wenig, und schier wurde sie bei vielen vergessen. Ta starb Baron David Ginsburg und seine große, unschätzbare Riesenbibliothekeine der bedeutendsten an jüdischen Werken, blieb ohne Herrn, ohne einen Besitzer, der von ihr