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Neue jüdische Presse · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Fit. 27 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. sen zu erzielen imd müßte es sehr bedauern, wenn ein Teil der Bürgerschaft abseits stehen werde." Frankfurt a. M., 4. Juli. In der heutigen Sitzung des Ausschusses der Israelit. Gemeinde würde wieder eine Anzahl interessanter (Angelegenhcitcn zur Kenntnis der Frankfurter jüdischen Oeffentlichkeit gebracht. Nach einem Berichte des Direktors Dr. Adler erhielten im vorigen - Jahre in Frankfurt an 22 Anstalten 1384 jüdische Knaben und Mädchen ordnungsgemäßen Religionsunterricht. Es waren dazu 197 Unterrichtsstunden erforderlich, und cs belief sich der Zuschuß der israelitischen Gemeinde zu den Kosten aus 9940 JL Die übrigen Kosten trägt die Stadt. Architekt Röpke ist beauftragt worden, den detaillierten Kostenanschlag für das Gemeindekrankenhaus, der ,1>/z Millionen Mark — exklusive Bauplatz — nicht übersteigen darf, bis zum 14. August einzureichen. Es soll bereits in diesem Jahre energisch an den Bau gegangen werden. .Es ist Vorsorge getroffen worden, daß an den Samstagen weder an noch in dem Bau gearbeitet wird. Der Etat der Realschule P h i l a n t h r o p i n für 1911/12 berechnet einen Fehlbetrag von 98 810 Mark. Dr. W. Hanauer beanstandete, daß der Vorstand nicht in einer gemeinsamen Sitzung die Tagesordnung des jüngst stattgchabtcn Gemeindctages besprochen habe. Wenn der Vorstand auch formell nicht dazu verpflichtet sei, so hätte doch die. Wichtigkeit des Gemeiudetages die Veranlassung dazu gebe» müssen. Oesterreich-Ungarn. Wie». Je näher der Termin für den auf Ende August anleraumte» Emigration skougrcß herannaht, desto mehr schwinden die Aussichten aus einen Erfolg und eine nachhaltige Wirkung seiner Beratungen. Zwei für die jüdische Wanderung sehr bedeutsame Organisationen, .der „Hilfsvcrcin der deutschen Juden" und die „Jca", werden sich an dem Kongreß nicht beteiligen. Nach dem Verlauf der Petersburger Konferenz zu urteilen, ist jedoch das Interesse in Rußland ein lebhaftes. Der Ingreß würde schon seinen Zweck erfüllen, wenn durch ihn die östliche Judenheit zu einer großzügig organisierten Selbsthilfe veranlaßt würde. Drohobhcz. Eine gemischte Kommission — Vertreter' der Staatsanwaltschaft von Strij, ein Gendarmerieoberst, ein Militärauditor und zwei Lembcrger Polizeibeainte — leiten die gerichtliche Untersuchung des Dtohobt) czer Blutbades. Die Zähl der Toten ist auf 27 gestiegen, drei ringen mit dem Tode. Es steht die Suspendierung des Bezirkskommissars Dr. Lyszkowski bevor, gegen den der sozialdemokratische Abgeordnete K l e - in e n s i.e w i c z die Anzeige wegen vorsätzlichen Mordes erstattet hat. Es wird behauptet, daß Lyszkowski, nachdem der Oberleutnant H ü t t l das Komniando „Fertig" gegeben ..hatte, Feuer kommandierte, worauf die Soldaten iu der Meinung, daß ihr Offizier eben Befehl gegeben habe, schossen. Das würde aber noch nicht erklären, wieso fünf Salven abgegeben wurden. Wie verlautet, sind zwei Soldaten verhaftet und nach Przcmysl äbgeführt worden.'Es wird ihnen zur'Last gelegt, daß sie nicht geschossen haben. Daraus würde hervorgehen, daß der .-Oberleutnant entgegen seiner Aussage Feuer kommandierte. Es ist auch festgestcllt worden, daß ein Polizeibeamter zwei Herren, die vor dem militärischen Kordon den Platz passierten, zurief: „Meine Herren, gehen Sic sofort weg! Es wird gleich geschossen werden!" Der Advokat Dr. Aberbach, der als Vertrauensmann der Zionisten im Wahllokal anwesend .war, wurde von Dr. Lyszkowski verhaftet, weil er nicht mit d em Rücken zur Wahlurne sitzen wollte. Eigentümlich berührt die Anordnung der Lcmbcrger Statthalterei, die die Militärassistenz nicht nur nicht zurückgezogen, sondern sogar durch Maschinengewehrabteilungen verstärkt hat. . Dr. Loewenstein, der das Mandat niedcrgclegt hat, wird nicht mehr kandidieren. Drohobhcz. An Justizminister Hachenburg er ist vom hiesigen Hilfskomitee folgendes Telegramm abgcschickt worden:. Der hiesige Handwerker Alter Montag, der nach glaubwürdiger Aussage vieler Zeugen am 19. Juni während des Wahlaktes vom Kommissär Lysz k o w s k i ohne Ursache mit blanke m 'Säbel verletzt wurde, und der deswegen den Lyszkowski gerichtlich verklagt hat, wurde vorgestern im Aufträge des Bezirkshauptmannes von 'Gendarmen v e r h a f - tet.'und'in Ketten dem- Gerichte eingeliefert. -. Bezirkshauptmann Piatkiewicz und Kommissär Lyszkowski b ee i n f fuf feit in empören de r We i fe den Gang der gerichtlichen Untersuchung. Es herrscht zufolge des brutalen Vorgehens des Bezirkshauptmanns allgemeine Erbitterung, die Regierung aber will trotz zahlreicher Memoranden und mündlicher Vorstellungen - mehrerer Deputationen uichM zur jgffipffgg gnordnen. Die Bevölkerung besindet sich unter der terroristischen Herrschaft des offenbar rachesuchenden Bezirkshauptmannes. Der Bezirkshauptmann führt förmliche Untersuchungen gegen die ihn belastenden Personen und überreicht dann die mit den Wahlhyänen aufgenommenen Protokolle der Staatsanwaltschaft zur.Amtshandlung gegen alle ihm unbequemen Zeugen. Die Drohobhczer Deputation hat dieses Vorgehen im Memorandum pn die Ministerien vorausgesagt. Leider will die Zentralregierung die Bürgerschaft gegen die Willkür jener zwei berüchtigten Beamten nicht in Schutz nehmen. Wir erwarten von Euerer Exzellenz als oberstem Chef i,der Justiz Mhilfe im Sinne der von der Drohobyczer Deputation überreichten Memoranden. Dr. Rosenberg, Dr. Fridmann, Dr. Pachtmann, Tr. Hdrowitz, Dr. Alexandrowicz, Dr. Prechowicz, Dr. Holubowski. Czernowitz. Bukowina er Landtag — In der heutigen Sitzung vernahm man bk Nachklänge zur Aushebung der Propinationen. Anläßlich der Debatte über ein Gesetz bezüglich der cndgiltigen Finalisierung der Propinativnsangelegenheiten ergriffen Abg. Dr. Straucher und Abg. Fokschaner namens des jüdischen Klubs das Wort, um namentlich gegen einige Härten des Gesetzes -bezüglich der S ch a n k st e u e r b e m e s s u n g Stellung zu nehmen. Während Dr. F o k s ch a n e r sich nsit der Form des Gesetzes befaßte, ging Dr. Straucher auf die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes, ein, wies auf das furchtbare Elend hin, in welchem sich zahlreiche jüdische Familien befinden und appellierte an das Haus, Mittel zu suchen, um diesen! Uebel abzuhelfen. Er widerlegte namentlich trefflich die Ausführungen des Mg- Dr. Onciul. Schließlich wurden nach längerer Debatte die vom Abg. Dr. Fokschaner namens des jüdischen Klubs eingebrachten Resolutionen auf Einberufung einer §tt q u etc in S achen d er S cha n ksteu erbeiness u n g einstimmig angenommen. Erwähnenswert ist noch die Rede des Mg.- L e s s a n zu dieser Frage. Er erklärte unumwunden, daß er als Mannaus dem Volke bezeugen kann, daß den arnren Schänkern schweres Unrecht geschieht, daß sie sich in den elendsten Verhältnissen befinden. Die Besteueurng sei eine ungerechte und wird sehr parteiisch gehandhäbt, die ärmeren Schänker werden mit de» höchsten Steuern belegt. Er sprach sich daher auch für die Schaffung einer Remcdur auf diesem Gebiete aus. Frankreich. Paris. Anr I. Juli fand hier unter dem Vorsitze F. P h i l i p p s o n' s - Brüssel die Generalversammlung der Jewish C o l o n i z a t i o n Association („I c a") statt. Es waren anwesend: L. C o h e n , P. E r r e r a (Brüssel), H. G. L'o u s a d a, Claude G. Ai o n t e - ^ßi o r e (London), Dr. IA. Netter, E. Netter (Berlin), S a l o m o n R e i n a ch und .James S i - m o n (Berlin) und die leitenden Beamten der Gesellschaft. Dem Bericht des Vorsitzenden sei folgendes entnommen: Die Kolonien in Argentinien bedecken V/s Millionen Hektar Land, . auf denen am 30. September 1940 21115 Seelen wohnten (1903 waren cs erst 7711 Seelen). Diese Bevölkerung besteht aus 2103 Kolonistcnfamilicn, 4205 anderen Familien. Der Viehbestand beträgt 180000 Stück. Der Wert der 1909 eingebrachten Ernte betrug über 8 Millionen Frcs. Die Kolonisten haben bis jetzt 538 000 Doll, also über 2 Mill. Nt., an Jahrcsrenten an die Gesellschaft znrückgezahlt. In 50 Schulen unterrichten 155 Lehrer 3538 Schüler und Schülerinnen. Alles Beweise einer günstigen Entwicklung. Niederlande. Amsterdam. Unter Anwesenheit von 50 Delegierten und zahlreichen Mitgliedern fand hier am »2. Juli eine Versammlung der Alliance Jsräelite Universelle (Abteilung: Nicderland) statt. Es' sprach, auch Bigart, der Generalsekretär der Alliance. Er wiederholte das in Basel Gesagte. Ihm erwiderte Oberrabbiner Wagenaar-Arnheim. Bigart habe der Versammlung nur Phrasen geboten. Eine unparteiische Untersuchung der Zustände in den Allianceschulen werde das Gegenteil des seinerzeit veröffentlichten Jnspektionsbcrichtes erweisen. - Redner warf der Leitung vor, daß sic aus das Angebot von Dr. Aahuda, der ein Referat halten wollte, nicht eingegangen sei. Man habe demselben den Zutritt zu dem Saale verboten, nur weil Herr Bigart es so wünschte. Der Eindruck dieser. Rede.war derart, daß Machielse die Zusicherung gab, daß er sich im Komitee Central dafür einsetzen werde, daß eine neue Jnspektionskomniission ausgesendet werde, wegen deren Mitglieder niemand etwas einwenden könne. Bigart erklärte, daß alle Beschuldigungen unwahr Wären, aber er gäbe zu, daß Äntebi, der Leiter des Schnlwerkes im Orient, viel Schuld trüge. Das Zentralkomitee würde Ihn am liebsten seines Postens entheben,, aber es seien gerade die Rabbiner und alle Juden in Jerusalem, die das nicht wünschen. (?) Daß diese Mitteilungen nach den Ausführungen des Oberrabbiners Wagenaar von der Versammlung mit großer Skepsis Ausgenommen wurde, braucht nicht erst hcrvorgehoben zu werden. Palästina. Jaffa. Hier und in Jaffa rüstet man sich eifrig für die P a läst i n a äu s ste l l u n g in Basel anläßlich deS Zionistenkongresses. Das Ansstellnugskomitce in Jaffa hat bereits zahlreiche Gegenstände für die Ausstellung erhalten. Viele Kolonisten haben Proben ihrer Bodenerzeugnisse gesandt. Aus den verschiedenen Schulen gehen Lehrmittel und sonstiges interessantes Material ein. Die Kunst-Gewerbeschule „Bczalel" in Jerusalem wird durch eine besonders reichhaltige und wertvolle Sammlung von Teppichen, Schnitzereien und Filigranarbeiten vertreten sein. G Jettillefon. © Hymen. Erzählung von' Jacob Levy. lFortsetzung.) Zwei Jahre waren vergangen. Frau Doktor Weil war eine bekannte Größe geworden. Sie hatte sich so nach und nach von den häusliche» Sorgen emanzipiert, war ei» wichtiges Vorstandsmitglied ihres Vereins geworden und hielt auch anderswo Vorträge, um die Frauenbewegung allgemein zu machen. Daß die Haushaltung, das häusliche Behagen darunter, litt, daß ihr Mann sich ihr entfremdete, beachtete sie nicht. Die Kinder, denen die Mama sonst alles war, mußten lernen, sich mit ihren kleinen Angelegenheiten an das Dienstpersonal zu wenden, wenn der Vater nicht zu Hause' war, da ihre Mutter keine Zeit mehr für sie hatte und den kindliche» Freuden und Sorgen verständnislos, ohne Interesse gcgenüberstand. Lina, die sehr leidend geworden war, wohnte schon längst bei ihrem Bruder, und so war das einzig Dauernde, Feststehende im Hause Weil der Wechsel der Dienstboten geworden. Die Folge davon war die langsam fortschreitende, körperliche und geistige Verwilderung der Kinder. Mit tiefem Schmerz sah der Doktor den Verfall seiner Familie, ohne ihn anfhalten zu können, bis Lina, die ihn einer ärztlichen Konsultation wegen einmal besuchte, ihm' den einzigen Weg zeigte, es zu bessern. „Herr Heinrich, Sie müssen eine gebildete Dame ins Haus nehmen, die für die Künder zu sorgen hat, die kein Dienstbote ist." »Liebe Lina, das wird meine Frau niemals zugeben." ,^herr Heinrich, Ihre Frau wird. sofort. damit einverstanden sein, ihren Rechten geschieht damit kein Abbruch. Im Gegenteil, sie wird glauben, die neue Person zu sich hinüberziehen zu können und an ihr eine Stütze für ihre Torheiten zu bekommen. Seien Sic klug. Sprechen Sie von einer Hilfe, einer Gouvernante für die Kinder, und Ihre Frau wird von selbst eine Dame Vorschlägen. Aber suchen Sw selbst die Passende, es ist nicht leicht, diese zu finden." Lina, die Menschenkenneri», kannte ihre Leute. Alsder Doktor seiner Frau, davon sprach, meinte sie: „Lieber Heinrich, ich wollte Dir dies schon längst Vorschlägen. Ich hätte eben jetzt'eine gute Erzieherin für die Kinder, eine Studentin, die einige Jahre als Gouvernante' Geld verdienen will, um dann ihre Studie» vollenden zu können." „Nein, Berta. Ich wünsche keine Dame, die noch so sehr jung ist, außerdem soll cs eine religiöse Jüdin sein. Sie soll hausnrütterliche Eigenschaften mit einem guten Herzen verbinden und die nötige Bildung besitzen, die eine Genossin in einer gebildeten Familie haben muß. Was ihr dann noch fehlt, >vird sie sich bei Dir aneignen." Berta sah ihren Mann mißtrauisch an. Da er jedoch'ernst blieb, erwidert sie: „Gut, suche Du eine Passende Dame, ich ordne mich Dir und Deinen Wünschen unter." Der Doktor war seines - Erfolges nicht froh, er hatte gehofft, daß seine Frau auf ihre größte Pflicht nicht verzichten würde. Jetzt galt es für ihn, zu suchen, —. und er hatte Glück. Ein Kollege war gestorben, und dessen Witwe beabsichtigte, einen Wirkungskreis zu suchen. Die kinderlose, etwa vierzigjährige Frau, deren Angehörigen .weit im Osten der Monarchie wohnten, besuchte den ihren Mann befreundeten Doktor Weil,, um ihn um Rät und Hülfe zu bitten. Die Dame sagte ihm iu klaren Worten, welche Stellung sie wünschte: „Ich möchte eine kranke Hausfrau in einem großen Hauswesen unterstützen, ihre Pflichten ganz übernehmen. Auch wäre mir sehr lieb, die.Pflege und Erziehung mutterloser Kmder zu leiten." Weil, dem die ruhige Dame mit ihren festen Ansichten sehr sympathisch war, botihr,, kurz entschlossen, Stellung in seinent Hause an. Er

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