Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ztr. 27 Welt, wie kann ich lügen!" — Gerade so ist die Verteidigung Jakob Fromers. Sagt man ihm, daß sein Artikel in der „Zukunft" niederträchtig war, so erwidert er: „Wenn ich einmal etwas für gut, gerecht und wahr erkannt habe, dann strebe ich ihm nach, gleichpiel ob ich dabei zu Schaden komme, daran zugrunde gehe!" Wirft man chm vor, er habe Len AEkel in tzer „Zukunft aus Persönlichem Vorteil geschrieben, so erwidert er: „Der Geist der biblischen Propheten widerstrebt meiner Natur. In allem, was sie denken und tun, sind sic stets nur auf einen Vorteil bedacht — auf ein diesseitiges oder jenseitiges Heil. Mein Gott aber ist die nutz- und schrankenlose Erkenntnis, und mein Wahlspruch lautet: Lab veritas, pereat mundus!" In diesem Tone führt Jakob Fromer seine Apologie weiter, seitenlang, unaufhörlich, bis er die Spitze in der abstoßenden Geschmacklosigkeit erreicht, sich mit den großen Märtyrern der Menschheit, die für Recht und Wahrheit chr Leben ließen, zu vergleichen. Man lasse doch nur die Reche der Namen an sich vorbeiziehen: Jesaia, Jeremias, Sokrates, Jesus, Spinoza und — Jakob Fromer. Es wäre ein guter Witz, über den man lachen könnte, wäre man nicht empört über diese Arroganz. Damit schließt die Apologie, allerdings nicht, bevor unser „Held" noch weit und breit seinen Plan seiner Realkonkordanz des Talmuds — von dem wissenschaftlichen Werte des Werkes Hat sich die Oeffentlichkeit schon überzeugen können; mit welchem Erfolg, ist bekannt — auseinandergesetzt hat. * So die Apologie Jakob Fromers. Klug gemacht, und wird dennoch nichts erreichen. Denn cs ist Jakob Fromers Klugheit, die sie geboren. „Klugheit — sagt einmal Anatole France — „ist eine schöne Sache, wenn sie zur Basis einen Charakter hat. Klugheit ohne Charakter ist für mich abstoßend!" Darum nützt auch Jakob Fromer seine Klugheü nichts, und seine Apologie ist wertlos. Wer sie mit Vorsicht liest, wird sein Urteil über Jakob Fromer nur verstärkt finden, wer sie ahnungslos liest, wird vielleicht für eine Weile in die Falle stürzen, aber bald von seinem Irrtum bekehrt werden. (Es ist schon manchem so ergangen.) Für uns ist Jakob Fromer ein erledigier Fall. Wir wünschen niemandem, in die gestellte Schlinge hineinzufallen. Aus Le» Ereignisse« -es Tages. Die Aulturfrase im Zionismus. Es gibt eine alle, gute Bauernregel: Wenn man ein Gespenst sieht, soll man fest danach zugreifen. Man wird dann sehen, daß das Gespenst gar keins ist Der zionistischen Bewegung war die Kultnrfrage bisher ein Gespenst. Die Zeitungen hüteten sich, darüber zu schreiben; die Rü»ner wagten nicht, davon zu sprechen, und die Führer taten so, als ob sie gar nicht existierte. Wenn auf den Kongressen jemand das Wort Kultur in den Mund nahm, so erbleichten die Delegierten, die Zuhörer wurden erregt, und das Präsidium suchte krampfhaft nach Mitteln, um das unbequeme Problem wieder zu verscheuchen. Kurz und gut: man fürchtete sich vor der Kulturfrage, ebenso ängstlich-gespannt und unruhig-zitternd wie vor einem Gespenst. Die Folgen waren traurige: Aus allzugroßer Furcht tat man nichts in dieser Richtung; man arbeitete politisch, sozial, kolonisatorisch, agitatorisch, nur nicht kulturell. Man untersuchte die Grundlagen und Ziele des Zionismus vom politischen, sozialen, wirtschaftlichen, nationalen Standpunkt ans, nur nicht vom kulturellen. Wer es dennoch tat, galt als Nörgler, als Störenfried, als Outsider. Das Fazit war ein klägliches: Der Zionismus leistete so wenig, so absolut nichts au '■ kulturellem Gübiete, daß die Gründung einer speziellen Organisation für hebräische Sprache und Shiltur" nötig wurde. Die kulturellen Schöpfungen in Palästina geschahen alle ohne.direkte Mitwirkung und Leitung der zionistischen Organisation, und die Zionisten selbst bekamen es satt, tets nur von Schekolim und Parteifonds, . von Judennot und Judenschmerz zu hören; sie.sehnten sich nach neuen, lebendigen Werten, und da ic solche nicht erhielten, verloren sie zum Teil das Jnteresie an der Bewegung oder fielen ganz ab. Man hat (heute erkannt, daß der bisherige Weg in der BehaMung, — richtiger ^gesagt in der Nichtbehandlung — der Kulturfrage der denkbar verfehlteste lpar. Versuchen wir cs also Inders. Befolgen wir die alte Bauernregel, fassen wir das Gespenst mutig an; es wäre doch wunderbar, .wenn es nicht in Schall und Rauch verfließen würde. Was will denn eigentlich der Zionismus? Gar nichts weiter, als eine Regenerierung, eine Verjüngung, eine Renaissance des jüdischen Volkslebens herbeizuführen. In Palästina. Versteht sich, weil nur da eben ein wirklich normales Volksleben sich entwickeln kann. Das Baseler Programm ist nicht.der innere Kern des Zionismus, es stellt. nur den Ausdruck der praktisch erreichbaren Forderungen dar. Das Baseler Programm ist nicht Voraussetzung, sondern Folge des zionistischen Ideals. Weil wir eben die Erneuerung unseres Volkslebens, seine Gestaltung zu einem normalen Leben erstreben, und weil wir überzeugt sind, daß dies im Goluth unmöglich und nur in Palästina möglich ist, deswegen wollen wir Palästina als Heimstätte für das jüdische Volk erwerben. Daraus folgt also, daß die Kulturarbeit nicht nur auch eine Aufgabe des Zionismus ist, sondern eigentlich die Aufgabe, für die alle anderen nur Mittel sind. Wer darum sagt, der Zionismus müsse sich darauf beschränken, zu organisieren und zu kolonisieren, der behält .das Wort bei und wirft den Geist fort, der behält den Körper bei und nimmt ihm die Seele, der hat von dem Wesen des Zionismus seine Ahnung. 'Somit wäre das eine fcstgcstellt, daß die Kulturarbeit — theoretisch betrachtet — die Hauptaufgabe des Zionismus, praktisch angesehen eine seiner Hauptaufgaben ist. Bleibt nur die andere Frage offen — und die bildete bisher die harte Nuß der ganzen Sache, um derentwillen man sie ganz beisette.schob —, wie der Zionismus kulturell arbeiten soll. Auch diese Frage ist bei ruhiger Betrachtung höchst einfach und klar. Was ist das Prinzip des Zionismus? Nichts weiter als die Anschauung, daß wir Juden eine Nation wiealle Nationen sind. Well wir eben wissen, daß wir eine Nation sind und well wir wissen, daß eine Nation für die Dauer nur bestehen und normal leben kann in einem eigenen Lande, deswegen wollen wir Palästina als Heimstätte des jüdischen Volkes erwerben. Daraus folgt also, daß der Zionismus als die Basis der Einheit aller Juden den jüdischen Nationalismus ansieht. Also sieht er jeden Juden als Juden an, der als Jude geboren ist und Jude bleiben will. Auf die Kultur angewendet, heißt das aber, daß für den Zionismus all das jüdische Kultur heißt, was auf derGrundlagedes jüdischen Nationalismus basiert. Mithin hat er all die kulturellen Unternehmungen zu fördern und zu unterstützen, die auf dem jüdischen Nationalismus basieren. All dies ist so einfach und klar wie das gewöhnlichste Rechenexempel. Wer es nicht zugibt, der versteht, entweder nicht den Zionismus und ist darum kein Zionist, oder aber er erkennt nicht .den Nationalismus als einigende Basis aller Juden an, und dünn ist er erst recht kein Zionist. So oder so, wer den >nicht als Zionisten anerkennt, der jüdisch-national gesinnt-ist und südisch-national arbeitet, hat nicht das Recht, sich Zionist zu nennen. Tut er es nnlogischcrweise doch, so schadet er sich und dem Zionismus. Was folgt aus alledem praktisch? Daß der Zionismus religiös neutral bleiben muß. Neutral, richtig verstanden. Es gibt nämlich überall eine zweifache Neutralität: einmal, indem man nichts tut, und das andere Mal, indem man alles tut. Der Zionismus kann neutral sein, indem er beispielsweise keine Schule : in Palästina unterstützt, was dumm, sinnlos und gefährlich ist. Oder er kann neutral sein, indem er alle Schulen, die auf nationaler Grundlage basieren, unterstützt, was vernünfttg, segensreich und einzig möglich ist. Aus all diesen Erwägungen heraus bedauern wir es lebhaft, daß das Aktionskomitee in seiner letzten Sitzung auf .Antrag des „Misrachi" beschlossen hat, die Subvention von 1000Mqrk, die es. dem Hebräisch enGymnasium aus den Geldern - des Kulturfonds bewilligt hat, rückgängig zu machen oder vielmehr — was dem Sinne nach dasselbe ist — durch Privatspenden zu ersetzen. Dadurch würde der Zionismus eben jene Art von Neutralität bewahren, dienichts tut. Die Folge würde sein, daß sich das neue nationalkulturelle jüdischeLeben inPalästina ohne seine Mithilfe, ohne seine Leitung entwick eln würde, und Ler Fall wäre möglich, daß es sich in einer Richtung entwickeln würde, die gegen den Zionismus gerichtet ist. Diese Neutralität ist unmöglich! Was wir fordern, ist,.daß der Zionismus alle nationalen Institutionen in Palästina unterstützt, sowohl das Gymnasium wie den „T a ch k e m o n i". Der religiösen Richtung gegenüber hat er neutral zu.bleiben. Die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß sich dort in Palästina, dem Lande unserer Zukunft, ein. Leben entwickle, das nicht nur jüdisch-national, sondern auch jüdisch-religiös ist, diese wichtige Aufgabe fällt nicht der zionistischen Gesamtbewegung zu, sondern einer auf dem Boden des traditionellen Judentums beruhenden Fraktion des Zionismus, einem „Misrachi", allerdings einem ,Misrachi", der in wirklich zionistischem und jüdisch-religiösem Sinne geleitet würde und nicht Prinzipien der Trennungsorth odoxic im Zionismus verfechten wollte. Der 10. Kongreß wird endlich einmal zur Kulturfrage-Stellung nehmen müssen, und nach dem Beschlüsse des Aktionskomitees wird er es auch in ergiebiger Weise tun. Er wird da nicht nur die Frage erörtern, sondern auch zu Beschlüssen kommen müssen. Wir sind überzeugt, daß diese Beschlüsse nur in der Richtung liegen können, wie wir sie soeben skizziert haben. Allerdings wird cs einige — wir betonen: nur einige — geben, die damit unzufrieden sein werden und manche — wir betonen nur manche —, die vielleicht in diesem Falle aus der zioni stischen Bewegung aus treten würden. Dies würde nur gut sein. Denn diejenigen, die es tun würden, wären nur solche, die eigentlich gar keine Zionisten sind. Für den Zionismus wäre aber dann freie Bahn geschaffen, kulturell sich zu betätigen, und was er so lange versäumt hat,, endlich einmal nachzuholen. Aus aller Wey. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Oberbürgermeister A d i ck e s hat in der Stadtvcrordnetenverfainmlung in der Debatte über das Universitätsprojekt auch eine speziell uns Juden interessierende Aeußerung getan. Er sagte nämlich: „Die Beiträge, die mir bisher gegeben wurden, sind, ich kann es hier wohl getrost sagen, nur zu einem' minimalen Teil aus jüdischen Krisen. In antisemitischen Blättern sind die merkwürdigsten Theorien auf gestellt und behauptet worden. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß es hoffentlich gelingt,, eine Verständigung mit den jüdischen.Krei»