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Neue jüdische Presse · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IlrarrLfirrker i—-» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank» furt a. M. Mk. 1.— fr« ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: .Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— «, - 9 KedaKttorr imd Hefchäftssterk Srankfurt a. m.. LLrrrssstrrrtzs 7 %ettUn 10507. Herausgeber: Aalg H»eis. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Budtndlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Ro. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 11. Tamus 5671 (7. Juli 1911). Rr. 27. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken. — Aus den Ereigniffen des Tages: Die Kultur frage im Zionismus. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Hymen. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Ans der Welt der Gedanken. Von B e n - K o h e l e t h. IX. Jakob Fromers Apologie.*) Jakob Fromer ist 43 Jahre alt und hat seine Lebensgeschichte geschrieben. Das muß wohl einen besonderen Grund haben. Denn man schreibt nicht die Geschichte seines Lebens, zuniat wenn man 43 Jahre alt, ohne Zweck. Wenn jemand es tut, dann muß seine Lebensgeschichte entweder sehr belehrend oder sehr interessant sein. Nun belehrend, — Jakob Fromer wird wohl selbst nicht sagen wollen, sein Buch sei sehr belehrend. Die Geschichte eines armen Bachurs, der fromm war und unfromm wurde, der nichts war und etwas wurde, ich wüßte nicht, was au diesem Alltagsfall belehrend sein sollte-. Also interessant? Ich werde dem Buche auch dieses Prädikat nicht erteilen. Die Geschichte eines Handwerkslehrlings, der es zu etwas bringt, ist mindestens ebenso interessant. Und was die Schilderung des Ghettos, die Jakob Fromer im ersten Teile des Buches entlvirft, betrifft, ihretwegen das Buch zu schreiben, hat sich wirklich nicht gelohnt. Was dürfte also denn das Motiv sein? Ich glaube, Jakob Fromer hat es Jean Jacques Rousseau nachmachen wollen und schrieb seine „Ghetto-Dämmerung" (übrigens ein ganz unpassender Titel) mit demselben Zwecke, wie der große Säufer seine „Confessions". Diese hatten bekanntlich einen doppelten Zweck: die Rechtfertigung seiner selbst und die Anklage seiner Feinde. Dasselbe wollte auch Jakob Fromer: sich rechtfertigen und seine Feinde anklagen. Allerdings besteht zwischen beiden Büchern ein Unterschied. Jean Jacques hatte wirklich! Feinde, die ihn verfolgten — zumindestens hatte er Grund, cs zu glauben —, und Jakob Fromer hat keine Feinde. Und ferner, der große Genfer schrieb sein Buch als eine Beichte mit dem Herzblut seines Herzens, daher wirkt es mit elementarer Gewalt; Jakob Fromer hingegen hat von sich nichts zu beichten — denn er ist ein Engel, nur die anderen, d. h. die Juden, sind Teufel —, und er schrieb sein Buch aus wohlerwogenen Interessen, daher wirkt es unangenehm und abstoßend. Doch ich will den Vergleich nicht weiter fortsetzen. Er bedeutet eine ebenso große Herabsetzung des grollen Rousseau wie eine unverdiente Ehrung des kleinen Fromer. *) Ghetto-Dämmerung. Eine Lebensgeschichte von Jakob Fromer. Berlin, Schuster & Löffler, 1911. 212 s: 3 Mk. brosch. Eine Apologie soll das Buch sein, Apologie in eigener Sache. Das muß man von vornherein wissen, uni sich von dem Buche nicht betören zu lassen. Denn es ist als Apologie gut geschrieben — gut geschrieben heißt hier klug geschrieben — und macht der „praktischen Vernunft" Jakob Fromers alle Ehre. Wer an das Buch herantritt, ohne Jakob Fromer zu kennen, ohne das Bild dieses Mannes schon vor Augen zu haben, wird zweifelsohne nach Beendigung seiner Lektüre Fromer für einen Helden, Idealisten, Märtyrer und Apostel halten. Wer aber schon vorher weiß, was er von Jakob Fromer zu halten hat und das Buch nur liest, wie man die Verteidigung eines Angeklagten liest, wird seine Meinung über ihn durch das Buch nur verstärkt finden. Sehen wir uns genauer die Apologie an. Der erste Teil, der. schon vor Jahren unverändert erschienen ist, handelt von der Jugend unseres „Helden". In Lodz geboren, genoß er eine Erziehung wie die. meisten jüdischen Knaben in Rußland. Diese gute Gelegenheit benutzte Jakob Fromer, um ein Bild vom Ghetto zu entwerfen, ein Bild, das ebenso gehässig wie unwahrscheinlich ist. Gehässig, weil er krampfhaft bcniüht ist, all den „Fanatismus", die „Verblendung" und „Unmenschlichkeit" der russischen fronimen Juden in den grellsten Farben darzustellen, sodaß es dem nichtsahnenden Leser vor diesen russischen Juden einfach gruseln muß. Unwahrscheinlich aber ist die Schilderung, weil Fromcr Tinge erzählt, die selbst jemand, der niemals das Ghetto gesehen hat, unmöglich glauben wird. Jemand, der das Ghetto kennt, — und auch ich zähle zu ihnen — wird! über diese Schilderung lachen. Ich will nicht Jakob Fromer offen der bewußten Lüge zeihen, weil ich kein Tatsachenmaterial zu einer solch schweren Beschuldigung habe. Aber wenn er mir erzählt, daß die Ghettojungen zum großen Teil Mitglieder einer gut organisierten Diebesbande waren, an deren Spitze ein „alter, ehrwürdig aussehender Mann stand, der den Namen Reb Mosche Ganeiv führte, fleißig die Synagoge besuchte uni» für fromm und wohltätig galt", dann scheue ich mich nicht zu sagen, daß ich ihm kein Wort davon glaube. Und wenn er das Cheder folgendermaßen schildert: „Auf dem nackten Fußboden hockten die Kinder dicht nebeneinander, schwatzend oder weinend. Bor einem langen Tisch stand eine Reihe von Kindern. Vor jcdeni lag ein hebräisches Alphabetbuch, aus dem sic der Reihe nach vorlasen. Ter Melammed ging um den Tisch! herum und bearbeitete fortwährend die entblößten (!!) Hinterteile der Kinder mit einem dicken Riemen" ... so nehme ich keinen Anstand, zu erklären, daß ich auch davon — ich will mich recht vorsichtig ausdrücken, denn mit Anklagen ist Fromer schnell bei der Hand — kein Wort glaube. Oder wenn er gar den Melammed als einen Mann beschreibt, dessen „schmutziges Gesicht von einem wilden, struppigen roten Bart umrahmt war, und aus dessen Augen ein unheimliches, fieberhaftes Feuer flackerte", so zögere ich wieder keinen Augenblick, zu erklären, daß diese Schilderung wohl für einen Räuber, wie er in der Buffalo Bill-Literatur dargestellt wird, recht gut paßt, für einen Melammed aber — ich will wieder recht vorsichtig sein — ziemlich unwahrscheinlich ist. Es genüge mit diesen Beispielen. Ter Leser wird aus chnen schon ersehen können, welchen objektiven Wert diese Ghettoschilderung hat. Doch kehren wir zu unserem „Helden" zurück. Er war — wie natürlich — schon mit fünf Jahren von einem starken, übertriebenen Gerechtigkeitssinn durchdrungen (der zweite Tell des Buches beweist schlagend, wie sehr dies noch bei dem erwachsenen Fromer zutrifft!), war mit sieben Jahren imstande — ein wahres Wunderkind —, alles, was er im Schulchan-Aruch und in „der unübersehbaren Schar von Kommentaren und Glossen" dazu gelesen und gehört hatte, im (man höre und staune!) genauen Wortlaut herzusagen, lernte — ich übergehe die übrigen Selbstzeugnisse von der Genialität unseres Helden — „aufgeklärte" Bachurim kennen, begann Romane zu lesen, war nrit 14 Jahren überzeugter "Anhänger von Spinoza und hatte damit schon seinen Gott verloren. Es folgt nun die ausführliche Schilderung all der Leiden und Seelenqualen unseres „Helden", bis er als 16jähriger mit einer 30jährigen Frau (!!) verheiratet wurde. Ich wage nicht, direkt zu behaupten, baß ich das nicht glaube, schließlich muß er das Alter seiner Frau besser wissen als ich; aber nichtsdestoweniger gestatte ich mir doch, meinem leisen Zweifel an diesem im Ghetto unerhörten Paare Ausdruck zu verleihen. Aber es sei, wie es sei, nach einem Jahre verließ unser „Held" Rußland, — er war inzwischen in Berlin gewesen und per Schub zurückgeschickt worden — und ging nach Krakau, dann nach Oswiecim, Bielitz, wo er Unterricht erteilte und sich selbst für das Abiturientenexamen vorbereitete, wurde endlich in die Breslauer Universität ausgenommen, studierte semitische Sprachwissenschaft und kam endlich als Bibliothekar der jüdischen Gemeinde nach Berlin. Hier gelangt sein Sinnen und Trachten über die Judensrage zum Abschluß, und das Ergebnis legte er in seinem bekannten Artikel in der „Zukunft" nieder. Nun folgte die Entlassung aus seinem Amte, seine Klage gegen die Berliner Gemeinde, all dieses ist ja zu bekannt, tim nochmals hier geschildert zu iverden. Dieser Teil ist aber psychologisch der interessanteste des Buches. Hier setzt die eigentliche Apologie ein. Worin besteht sie? Nun, die Methode ist sehr einfach. Ich habe einmal von einem Dieb gehört, der sich vor Gericht selbst verteidigte. Sagte ein Zeuge aus: „Ich weiß, daß er gestohlen hat," so sprang er auf und rief: „Ich bin der ehrlichste Mensch in der Welt, wie kann ich stehlen?" Sagte ihm der Vorsitzende: „Mer die Zeugen bekunden es doch; Du lügst also," so schrie er: „Ich bin doch der wahrhaftigste Mensch in der

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