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Neue jüdische Presse · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 26. Frankfurter Israelitisches Famrlienblatt. gration nicht mehr der Jca, dem Hilfsverein der deutschen Juden und den andern wohltätigen Organisationen überlassen werden dürfe, sondern, von den im Kongresse vereinigten organisierten Volksmassen überwacht werden sollte. Petersburg. Augenblicklich scheinen die Ausweisungen jüdischer Apothekerg c h i l f e n aktuell zu werde». Der geprüfte jüdische Apotheker darf überall im Reiche wohnen, und so haben Hunderte von jüdischen 'jungen Leuten das Apothekerexamen abgelegt. Natürlich kommen die ineisten im Apothekerberufe nicht unter und errichteten daher Drogerien oder wurden Angestellte solcher. Jetzt sind plötzlich sämtliche jüdischen Drogenbesitzer und deren Angestellte aus Kiew mit einer F r i st v o n nur acht Tagen ausgewiesen und damit etwa 1000 Seelen um ihre Existenz und um ihr Vermögen gebracht worden. — Die Wohnrechtsdrangsalierungen machen die Teilnahme der Juden an zahlreichen Kongressen unmöglich. So mußten jetzt die jüdischen Bibliothekare darauf verzichten, an dem Petersburger Kongresse der Bibliothekare teilzunehmen. Den jüdischen Delegierten ist daher nichts arwercs übrig geblieben, als einen Ausschuß zu bilden, der einen Kongreß der jüdischen Bibliothekare vorbereitet. Auch 90 Lehrern, die an den Kursen der „Gesellschaft zur Verbreitung von.Anfllärung unter den Juden" in Petersburg teilnehmen wollten, wurde der Aufenthalt in Petersburg unter sagt. Odessa. Anläßlich der Genesung des Herrn Moses Halpern sind,von Herrn Halpern selbst und seinen Familienangehörigen mehrere wohltätige Stiftungen in Kiew und in Palästina ins Leben gerufen worden. 'Herr Moses Halpern gründete ein groß angelegtes, den peinlichsten Forderungen der modernen Heilkunde und Hygiene entsprechendes Sanatorium für Lungenkranke. Sein Sohn Markus Halpern läßt im Anschluß an dieses Sanatorium eine H e i l a n st a l t für Nierenkranke errichten. In naher Zukunft soll auch das von der Familie Halpern gestiftete, für 30 Zöglinge berechnete Waisenhaus eröffnet werden. Das Waisenhaus soll nach dem Muster der besten europäischen Anstalten dieser Art geleitet werden. Wie bereits gemeldet, hat die Familie Halpern aus demselben Anlaß auch 30 000 Francs zur Errichtung von Wohnhäusern für -jüdische Arbeiter in den palästinenfischen Kolonien gespendet. Anerkennenswertes Interesse für Palästina hat auch Herr Z. L. R a b b i n e r s o h n, ein Schwiegersohn Halperns, bekundet, indem er 80 000 Frcs. zur Gründung einer Handwerkerschule in Jaffa spendete. Herr Rabbinersohn hat sich bereits behufs Verwirklichung dieses Planes mit dem zionistischen Paläsiinaamt in Verbindung gesetzt. Eine weitere.Spende des Herrn Rabbinersohn wurde der Stadt Kiew zuteil. Zur Errichtung billiger Wohnungen in Kiew für Arbeiter und Handwerker, ohne Unterschied der Religion und Nationalftät, spendete Herr Rabbinersohn 120 000 Rbl (Eine interkonfessionelle Stiftung in Rußland ist von einem Juden einfach unbegreiflich. D. Red.) Türket. Konktantinopel. „L'Aurore" bringt merkwürdige Nachrichten über die Alliance-Wahlen. So wird ihr aus Aleppo gemeldet, daß dort die Wahlen in einer Weise vorgcnommcn wurden, „die man weder gesetzmäßig noch den guten Sitten entsprechend bezeichnen kann" und wie sie sich dort früher niemals abgespielt haben. In Aleppo war bis zum 4. Juni dieses Jahres noch niemals jemand aufgefordert worden, Stimmzettel für eine Alliance-Wahl abzugeben; an diesem Tage erschien Bass an, der Direktor der Allianceschulen, gefolgt von einem Bedienten, der eine geschlossene Wahlurne mit dem Siegel der Mliance trug, in den Wohnungen der Alliance-Mitglieder und forderte sie auf, den von ihm mitgebrachten Stimmzettel in die Urne zu werfen. So wurden in Aleppo die Alliancewahlen gemacht. Ferner wird aus Cairo, wo bisher fast keine Alliance-Mitglieder waren, berichtet, daß Somech, der Direktor der dortigen Alliance- Schulen, sämtlichen An ge st eilten dieser Schulen den Befehl erteilte, Mitglied derAlliancezuwerden, und dann von ihnen den offiziellen Stimmzettel abgebcn ließ. L'Anrore meint ironisch, Reinach habe der Alliance einen großen Dienst geleistet, denn sie verdanke ihm eine große Anzahl neuer Mitglieder. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht großer Jubel, daß diese seit langer Zeit schwebende Angelegenheit zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt worden ist. Man setzt in weiten Kreisen große Hoffnungen auf die Tätigkeit des neuen Waad, der berufen ist, der trostlosen Zerfahrenheit in den hiesigen Gemeindeverhältnissen ein Ende zu machen und insbesondere auch die Berufung eines Oberrahbiners der Aschkcnasim in die Wege zu leiten. Die Oberrabbincrstelle ist bekanntlich seit dem Tode R. Samuel Salants unbesetzt. Palästina. Jerusalem. Am 13. d. M. nahm das von den Angehörigen aller aschkenasischen Gemeinden gewählte Kollegium der 80 Wahlmänncr die Wahl des neuen Gemein bevor st an des (Waad-Hair) vor. Es wurden in geheimer Abstiin mung 23 Männer aus den verschiedenen Lands Mannschaften zu Mitgliedern des Waad-Hair gewählt. Hymen. Erzählung von Jacob L e v y. (Fortsetzung.) Frau Weil hatte bei Frau Dr. Baum Besuch gemacht, um sie für ihre Bestrebungen, für ihren Verein zu gewinnen, und da passierte ihr das Unerwartete, das; die junge Frau sie, die bekannte Führerin, für die gleichen Bestrebungen, jedoch auf ganz anderen Grundlagen gewinnen wollte. Diese hörte ruhig die Ausführungen der Frau Weil an, dann aber bat sie um Aufmerksamkeit für ihre Entgegnung. „Frau Doktor, ich bin mit Ihren Msichte» vollkommen einverstanden, wenn Sic diese einschränken. Wenn heute die Frauen etwas leisten, wirb es gerne und rückhaltlos anerkannt. Meine Schwester ist Klavierlehrern: und anerkannte Pianistin. Ihren Ruf verdankt sie ihren Leistungen. Sie unterstützte ihr Talent, indem sie mit eisernem Fleiß ihren Studien oblag. Sie sehen, daß meine Schwester die Frauenfrage in anerkennender Weise gelöst hat; wenn sie keine Künstlerin mangels des göttlichen Funkens hätte Iverden können, so hätte ihr Fleiß und ihre Ausdauer sie in Stand gesetzt, eine tüchtige Lehrerin zu werden. Nun hatte sie allerdings Zeit und Mittel, ihrer Muse zu leben, und jetzt begegnen und trennen sich unsere Begriffe. Gnädige Frau, wir als Juden haben nach meiner Ansicht die Pflicht, vor allem für unsere Glaubensgenossinnen zu sorgen, denn wenn wir cs nicht tun, — von anderer Seite geschieht cs sicher nicht. In den Wohnungen der Bedürftigen sind so viele Heranwachsende Mädchen, die eine führende und helfende Hand glücklich machen könnte. Jetzt ist der Wunsch 'der armen Mädchen, Gehülfin in einem großen Geschäft, einem Warenhaus zu werden, aber ist dies die Krone des Anzustrebenden? Wenn wir diese Mädchen ausbilben könnten, soweit sie Talent baben, wenn wir anderen, die für sich und für ihre Angehörigen Geld verdienen müssen, Gelegenheit schaffen, einen Beruf gründlich zu erlernen und daß sie während ihrer Lehrzeit keinen Mangel leiben, dann haben wir für die Frauenfrage das beste geleistet. Nicht jedes Mädchen kann Künstlerin oder Bürogehilfin werden, auch nicht Klcidermacherin. Und manch armes Mädchen, das bei unausgesetzter Arbeit mit der Nadel oder mit der Feder an Bleichsucht dahinsiecht, würde gesund und kräftig, wenn sie Köchin, Kindergärtnerin werben könnte. Diese Berufe — um nur wenige zu nennen sind doch ehrenwert und sicher erstrebenswert für arme Mädchen. Wenn Sie so für die körperlich und geistig darbende jüdische weibliche Fugend Ivirken wolle», arbeite ich gerne mit Ihnen, die Mädchen, die von chren gut situierten Eltern behütet werden, brauchen unsere Hilfe nicht. Wenn Sie aber ferner nur für das Allgcineinc sich bemühen, bann muß ich Ihnen meine Unterstützung versagen und allein, nach meiner Idee arbeiten, bis ich Ivohlwolleude Freundinnen finde, die mir helfen." Frau Weil erhob sich und sagte: „Wir arbeiten für das Gemeinwohl, und ich denke, wenn wir die Fraueuftagc im allgemeinen lösen, so ist für unsere Frauen ebenfalls gesorgt. Auf irgend eine Sonderabmachung kann ich nicht cinaehen, und ich werde warten, bis Ihr Pflichtgefühl Sie zu uns führt." * ( Frau Baum entgeguete artig, aber bestimmt: „Ich glaube, geehrte Frau, daß ich das Pflichtqefühl der jüdischen Frau richtig auffasse. Es geschieht den anderen Frauen wirklich kein Abbruch, wenn die Jüdinnen für ihre Schwestern sorgen." Frau Weil reichte ihr die - Fingerspitzen und entfernte sich, förmlich grüßend. — Nach ' einigen Monaten kam Lina zurück, willkommen geheißen auch von Frau Weil, die ihren Mann zuerst ersuchte, die alte Person, die an Respekt es ermangeln ließ, nicht wieder aufzunehmcn, jedoch bald ihren Widerstand aufgab, angeblich, weil die Kinder sich so sehr auf Lina freuen. Lina sagte: „Herr Heinrich, bie Herzchen seh'n nicht gut aus." „Ja Lina, sic wären erkältet, aber jetzt sorgen Sic ja wieder dafür." „Gewiß, Herr Heinrich/ ich bin wieder da." Und sie war wieder da. Die Kinder bekamen ihre Pflege wieder, wie früher, und Frau Weil konnte -sich ihren gesellschaftlichen Pflichten nach Herzenslust widmen. . IV. Eines Tages sagte Frau Weil zu ihren: Mann: „Lieber Heinrich, mit Lina geht es doch nicht mehr/ die Kinder sprechen so häßlich. Ich fragte sie heute Mittag, habt Ihr schon gegessen, da antwortete mir der Junge: Oßer." Er lachte herzlich, dann jedoch erwiderte er seiner Frau: „Du mußt Dich mehr mit bei: Kindern befassen und sie nicht nur Lina überlassen. Aber Du solltest auch Lina mit in Euren Klub nehmen, sic ist ja auch ein unterdrücktes, entrechtetes Weib. Dort lernt sie dann auch richtiges Deutsch und außerdem noch alles das, was ihr .an Bildung nrangelt." Frau Weil ivandto beleidigt den Kopf-und bat Lina, bei den Kinberir keine hebräischen Ausdrücke zu gebrauchen. . . Dann fuhr sie fort: „Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen noch sage», daß man nicht nötig hat, in der Unterhaltung jüdische Worte anznwcnden, um zu zeigen, daß man ein guter Jude ist. Wenn ein Andersgläubiger diese hört, wird er mißtrauisch, weil er glauben muß, daß die ihn: fremden Worte ihn: cttvas verheimlichen solle». Also nicht tvahr, liebe Lina, Sie versprechen unr, diese Ausdrücke nicht nur bei den Kindern nicht mehr zu gebrauchen, sondern sich diese überhaupt abzugewöhuen." Lina versprach cs und sagte feierlich: „Die Herzchen hören bei mir oßer noch ein Wort jüdisch, chaswescholem." — Paula Friedman» hatte ihr photographisches Atelier eröffnet. Das Rundschreiben, bas sie versandte, die Anzeigen in den Zeitungen Ware:: von ihrem Bruder verfaßt, und hatten den Erfolg, das; das neue Atelier von Angehörigen ails den ersten Kreisen besucht wurde. Die junge Photographin tvar nicht billig, sie lieferte aber Bilder in einer Vollendung, wie sie dort noch nicht angefertigt Ware». Sie hatten lalle, wie in einer Besprechung des größten Blattes stand, eine persönliche Note: das Handwerksmäßige war ganz ausgcschaltet, jedes Bild war ein Kunstwerk. Edgar w:irdc seiner Schwester eine vorzügliche Hilfe. Er ging ihr mit Feuereifer zur Hand und versicherte, die Photographie sei sein richtiger Beruf, er hätte ihn endlich entdeckt. Paula hütete sich jedoch, ihn: die verantwortungsvolle Stellung zu geben, die er anstrebte. Sic sagte ihn: mit klaren, kurzen Worten, baß sie ihn nur als.kaufmännische Stütze verwenden könne, damit sie sich ihrer Kunst, der Aufnahme und der Fertigstellung der Bilder widmen könne, daß er im Atelier kein Wörtchen zu sage:: habe. Edgar bedachte sich nicht lauge und erklärte sich mit dieser Scheidung einverstanden. Er sei gleichfalls Künstler in kaufmännischen Angelegenheiten, besoirders im feineren Reklamemachen und was damit zusamnrenhängt, und so würde er seine Schwester aufs beste ergänzen. Und so schritt das Unternehmen langsam, aber sicher voran. . . . Eines schönen Tages erschien Fra» Dr. Weil mit den Kinderchen bei Paula Friedmann, die den Besuch in ihren: eleganten Ziinmer freundlich cnrpfing. „Liebes Fräulein Paula, nehmen Sie unch und die Kinder auf, es soll ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann werden." „Gerne, Frau Doktor, konunen Sie bitte mit >:ach oben." Und "der Fahrstuhl brachte die Gesellschaft im Nu zum Atelier im Dachgeschoß. „Fräulein Paula, wäre nicht ein hübsches Bildchen die Kinder in: Boot oder ans einer Schaukel, ich danebenstchcud?" „Nein, gnädige Frau, eines wäre so unwahr tvie das andere; — wir sind jetzt in: Winter. Ihr Herr Gemahl soll sich an Ihnen und den Kindern freuen und nicht auf eine gewöhnliche Staffage blicken. Lassen Sie unch, bitte, machen, lvcn» Ihnen das Bild nicht gefällt, sollen Sie es nicht nehmen." Und sic lud die Frau Doktor ein, auf einen: Stuhl Platz zu nehmen, vor den: sic ein großes Eisbärenfell breitete. „Kommt Liebchen." Sie zog den: Mädchei: das Kleidchen aus, sodaß der Hals und die nackten Acrmchen herausschimmerten. Sie setzte die Kleine zu Füßen ihrer Mutter auf das Fell und gab ihr ein Bilderbuch in die Hand. Den Knaben stellte sie daneben, der sollte mit ins Bilderbuch schauen. „So, Ihr Kinder, wenn cs pfeift, dann guckt aufmerksam auf diesen Kasten, da springt ein Pferdchen heraus. Frau Doktor, bitte ruhig." Der Pfiff erklang, die Kinder blickten erwartungsvoll^ nach 'der Kamera — es war vollendet. „Gnädige Frau, die Aufnahme ist gelungen." Frau Weil war außerordentlich erstaunt darüber, sonst war es niemals ohne verschiedene Sitzungen und Tränen gegangen. „ „Fräulein, es ist aber kein Pferdchen gekommen." *■ „Nein, liebes Kind, es war faul, aber hier ist es," und sie gab den Kindern ein Knchenpscrd. Sie sagte lächelnd: . „Man muß den Kindern iinmer die Wahrheit sagen, Notlügen sind nicht gestattet."

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