Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Frankfurter Israelitisches Fanrilienblatt. Seite 8. Frau Weil betrachtete mit Verwunderung das junge Mädchen, das saust so'ernst war und jetzt so heiter mit den Kindern, scherzte. „Fräulein 'Paula, als wir zusammen photographieren lernten, dachten wir nicht, daß Sie diesen Berns als Künstlerin betreiben würden. Ich habe rasch damit ausgehört, mir fehlte die Geduld." „Gnädige Frau, schon damals war meine Absicht, das Lichtbildern dereinst zu meiner Lebensaufgabe zu machen, ich mußte nur warten, bis mir das nötige Kapital zur Verfügung stand, da ich das Photographieren nicht als ein Handwerk, sondern als eine Kunst behandeln wollte." „Fräulein Paula, in nnserm Verein können Ivir Frauen wie Sie brauchen. Werden .Sie Mitglied vom Frauenwohl, darf ich Sie anmelden?" „Gnädige Frau, ich möchte doch verzichten, denn ich sympathisiere nicht mit den Bestrebungen des Frauenwohl. Wir können doch alles erreichen, >vas wir wollen und wozu 'wir Befähigung haben, ein Beispiel bin ich. Das geistige und materielle Proletariat in der Medizin, in der Jurisprudenz wächst beständig, ist cs nun unbedingt nötig, daß die Frauen dies noch vergrößern? Und die Politik" — sie zeigte lachend ihre weißen Zähne — „überlassen Sie.dies langweilige Gebiet doch den Männern; für alle Ihre übertriebenen Emanzipationsbestrebnngen werden Sic niemals eine rechtschaffene Hausfrau, eine gute Mutter, noch nicht eininal ein altes. Mädchen wie mich, das seine .Beschäftigung hat, erwärmen können, das ist, verzeihen Sie mir, für Frauen, die den geschäftigen Müßiggang lieben, und gern bekannt, berühmt werden.- Man liest doch seine Zeitung, Sie haben Rednerinnen, die ihre Ideale sehr hoch stecken, aber vernachlässigte Haushaltungen und ungezogene Kinder haben. Nein gnädige Frau, jede soll in ihrem Kreis wirken, wie sic kann; die auf eignen Füßen stehen will oder muß, soll lernen, wozu sie sich berufen fühlt, sie wird immer einen Wirkungskreis finden." Frau Weil erhob sich steif und sagte: „Ich kann Ihnen, jetzt die Unhaltbarkcit Ihrer veralteten Anschauungen nicht auseinandersetzen, hoffentlich entziehen Sic sich nicht ans die Dauer dem Fortschritt." Paula lachte und entgegncte: „Liebe Frau Doktor, erhalten Sie mir Ihr Wohlwollen, ich werde mich bemühen. Ihnen gute Bilder zu licseru, an denen Sie Freude haben." Frau Weil reichte Paula die Hand. Die Kinder, die inztvischen mit ihrem Kuchenpferd fertig geworden waren, grüßten, und Klärchen behauptete, das Photographieren habe gar nicht weh getan. Und so trennte man sich in leidlichem Frieden. (Fortsetzung folgt.) Salme Ostrava. Von Schlesinger-Silenski. Wie Saline Ostrava aus dem kleinen deutschen Provinzstädtchen, wo er zuletzt sich aufhielt, und von wo er mittels freundlicher polizeilicher Aufforderung abgeschoben wurde — voll Halls aus war er nämlich ein Kind deS heiligen Rußlands —, iil die nebelgraue, frostige Themsestadt gekommen war, wußte er selber nicht zu sagen. Ans einmal fand er sich mitten drin im wirbelnden Leben, in denl Kampf um Kampf. An einem nüchternen Morgen war's, als er hineinstarrte in die wie in farblose Schleier gehüllte Millionenstadt. Die Gestalten erschienen ihm schattenhaft, und in diesem Grau in Grau getauchten Getünimel verlor er sich wie ein kleiner, unbedeutender, nichtssagender Punkt. * Salme Ostrava war, lvas sein Aenßeres betraf, ein prächtiger Mensch. Kräftig, breitschultrig, mit einem Charakterkopfe, trotz seiner etwas regellosen Züge, zll denen die grauen, kindlich blickenden Augen nicht hineinpassen wollten. Gelerilt hatte er viel; das heißt, überall etwas herumgenascht, von allen Wissenschaften etwas. Als ganz kleiner Junge besuchte er das Cheder. Was konnte denn sonst sein Vater, der mitten im Herzen Rußlands wohnende arme Thoraschrciber tun? Das dauerte so einige Jahre. Sein Vater, ein nicht gerade praktisch denkender Mensch, wollte ihn mit aller Gewalt in sein eigenes, mehr ideales als reales Gewerbe einführen; doch Jung-Saline widcrsetzte sich erst sanft» dann mit Ungestüm. Es war ihm einfach unmöglich, stundenlang zu sitzen und die gleichförniigen Buchstaben aneinander zu reihen. Und als eines Tages der unausbleibliche Ausiveisungsbefehl da ivar, überkain es den elfjährigen Knaben wie eine große, große Erleichterung. Er konnte es nicht begreifen, warum seine Mutter laut weinend znsammenstürtzte und sein Vater sich totenblaß auf den Streife» Pergament, den er zu beschreiben hatte, niederbeugte. Wie ein Echo kam es von den Lippen der jammernden Akuttcr, und wie ein Jauchzen ans der Brust des Knaben. Fort, fort, dachte er, und ein Schauer der Erwartung des Niegesehenen erfüllte ihn. Er fühlte nicht die brennende Liebe zur Scholle, hatte nicht die Empfindung des Eingewurzeltseins, verspürte nicht den bitteren Schmerz der Trennung von Menschen und gewohnten Gegenständen. Er sah nur die Entbehrungen, den Hunger, die Kälte. Ein unbestimmtes Sehnen nach Licht und Heiterkeit war in dem Knaben. Er hatte nie Frohsinn um sich gesehen, nie Menschen, die das Leben ruhig genießen. Und doch hatte er das Gefühl, daß es anders sein könnte, daß es da draußen eine schöne, große Welt gibt. Er hatte in sich den Gottesglauben, daß der Mensch nicht zum Jammer, sondern zur Freude geschaffen wurde. Es war in ihn: ein Durst nach Sonnenlicht, der umso wertiger erklärlich war, weil er in der Stickluft eines freudlosen Lebens aufwuchs. „Warum das Wehklageir der Mutter, die stille Verzweiflirng des Vaters? Was lassen sie denn hier zurück?" fragte sich der Knabe. „Die kleine, elende Lehmhütte, den rauchigen Ofen, den wackligen Tisch!" Er schaute auf den Vater hin, den die Sorge urn die Seinigen früh gealtert hatte, auf die noch immer schöne Mutter mit den sanften Augen, die zu fragen schienen: „Wohin?" Ist denn die Erde so klein, so begrenzt? Ist denn Rußland die ganze Welt, ist der Zar der allmächtige Gott, der sie von anderwärts auch forttreiben kann? Und ein Zorn erfüllte des Jungen Herz, ein Zorn, der den: Haß gegen die Verfolger wich. * An all dieses dachte jetzt Salme, wie er so da stand an das Brückengeländer gelehnt. Längst hatte er schon die Jugend hinter sich. Lange ist's her, daß er Pater und Mutter verloren, mit denen er alle Phasen des Umhergctricbcnseins, der Erniedrigungen und Beschämungen durchgemacht hatte. Kaum 'waren sie auf irgend einem Erdensleck aufgenomiuen worden, da hieß es schon wieder: „Ihr müsset gehen, denn Fremdlinge seid ihr!" Der Knabe lernte bei all dem viel und doch zu wenig, um cs zu irgend einer Fertigkeit zu bringen. Sein Hang 31111t Grübeln ließ ihn auch nicht lange bei einem Fache. Aber sein Grübeln war nicht düsterer Art. Trotzdem er früh das Gute vom Bösen unterscheiden gelernt hatte, war in ihm eine gewisse stark entwickelte Lust zum Leben. Auch das Kämpfen, das Ringen, das Jagen nach etwas, dem er keinen Rainen geben konnte, erfüllte ihn mit Lust: Etwas ähnliches muß der Jäger enrpfinden, der einem Edelwild nachjagt. Bei ihm war's auch ein Jagen, es war bei ihm kein Erschlaffen der Kräfte. Die Anspannung stählte und kräftigte den unbeugsamen Mut, den Willen des nunmehr, dreißigjährigen Mannes. Er hatte nichts erreicht, was die Menschen erreichen nennen. Weder Weib noch Kind, nicht Hans und Hof.. Wie oft war es, daß Salme keinen Unterschlupf hatte. Er sah dann auf diejenigen, die in geordneten Verhältnissen lebten, die bei ihren Mitmenschen Achtung erworben, und das gab ihm einen gewaltigen Ruck in die Höhe. Er machte es so wie der kühne Schwimmer. Nur nicht nntertauchen, nicht sinken, nur schwimmen, bis das gesegnete Eiland erreicht ist. „Sieh da, Salme Ostrava," hörte er plötzlich sich angerufen. „Wollen Sie etwa Bekanntschaft mit dem Wässer machen!" und der Sprecher — ein Mann von ungefähr 40 Jahren, groß wie ein Recke, mit einem Gesicht, das den semitischen Ursprung besonders durch die dunklen Augen und die kühn gebogene Nase, hervortreten ließ — zeigte hinab auf die sich stoßenden Wellen des Wassers. Der Angesprochene blickte aus, und als er dem jungen Mann forschend ins Gesicht gesehen hatte, rief er freudig, ihm die Hand reichend, aus: „Eisenberger, welch' gütiges Geschick führt sic mir in den Weg?" „Kommen Sie erst von hier weg!" erwiderte dieser statt einer Antwort. „Ich weiß eine Pension, wo solche Luftmenschen, — verzeihen Sie diese Benennung — liebevoll aufgenommen werden, und dort beantworten Sie meine Fragen!"- In Whitechapel, in jenem Stadtteil, den. man einen Staat im Staate nennen könnte, finden wir kurze Zeit später in einem ziemlich geräumigen und mit Geschmack eingerichteten Zimmer Salme Ostrava und Dr. Eisenberger an einem Tische sitzen. Dr. Eisenberger sah teilnehmend auf seinen Gast, der seinen Leidensweg, seine vielen bitteren Enttäuschungen ohne phrasenhafte Uebertreibnng schilderte. Eisenberger, ein geschätzter und bekannter Arzt, von Geburt ein Deutscher, hatte Salme Ostrava noch 'während seiner Studienzeit in Berlin kennen gelernt. Ein Reisedrang führte ihn in die größten Städte Europas, bis er endlich in London Hält gemacht und sich mitten unter den ansaewanderten russischen Juden, deren mannigfache Schicksale er auf seinen Reisen Gelegenheit hatte kennen zu lernen, niederließ. Er hatte sich ein behagliches Heim gegründet, das bald der Sammelpunkt der besten Elemente dieses Viertels wurde. Seine Gattin, eine junge, gebildete Deutsche voll Idealismus und Herzensgüte,' teilte ganz die Ansichten, heuen er huldigte und unterstützte ihn in allen seinen Plänen, die dahin führten, den Ausgewanderten nicht nur seine ärztliche Hilfe zuteil werden zu lassen, sondern sie auch in sozialer Hinsicht zu fördern. „Sie fragten mich," begann Dr. Eisenberger das Gespräch wieder, nachdem es für einige Minuten gestockt hatte, „welch' Geschick mich Ihnen in den Weg geführt hat. Nun, Sie wissen doch, es gehört zu meinen Schwächen, ein bischen die Vorsehung 'pielen zu wollen, und -wenn es mir nur halbwegs mein Beruf erlaubt, durchstreife ich die Riesenstadt. Und es gelingt mir oft, L-chissbrüchige und besonders solche, welche die bekannte» Seelenfängcr, die hier ihre Zentrale haben, in ihre Netze zu locken suchen, nnserm Judentume und dem Leben zu' erhalten. Sie meine», lieber Freund, dazu braucht man - ganz gewaltige Geldinittel und' einen nngcheuren Aufwand von Zeit; mit Nichten! nur Geduld und kein mutloses Rufgeben. 'Auch sollen Sie nicht glauben, daß ich so ganz interesselos bin. Meine Schützlinge machen für mich Propaganda, sie sind für mich die Stufen, auf denen ich zur Berühmtheit hinaufsteigen will." Er lächelte bei dieser Bemerkung, die er mit einer leisen Ironie gegen sich selber anssprach. Doch Salme Ostrava sah tiefer und drückte dein edlen Mann gerührt die Hand. „Da nehmen Sie eine Zigarre", — und der Tw. schob seinem Gaste die gefüllte Tasche hin, „rauch?» Sie an, und dann sagen Sie mir Ihre Pläne." „Pläne," erwiderte dieser, „ich habe keine! Was kann überhaupt so ein vaterlandsloser, umhergeworje» ner, in halb Europa nmhergejagter Jude für Plage schmieden? Selbst meine Papiere, die ich zu meiner Legitimation bei mir führe, gleichen einem Posscitspiel. In Rußland geboren, von dort gejagt, und so ging's lveitcr fort im tollen Wirbeltanz, und doch! — können Sie es verstehen — ist in mir kein Atom von Schopenhaucrischem Pessimismus!" »Das ist's ja eben," begann Dr. Eisenberger - nach einigen Minuten des Nachdenkens das Gespräch wieder, „was uns, das kleine Häuflein Menschen, allen Gewalten zum Trutz erhält. Wir müssen uns in jeder Lebenslage zu erhalten wissen, jeden Fußbreit, jede Spanne Erde uns ausnützen, jede Mimckc unseres Lebens zu einem Ewigkeitsgedanken ausdehnen, nur so kann auch der Einzelne dem Gesanrtwohl ein dienendes und schaffendes Glied werdest. Sie, Ostrava, mit Ihrem Talente, alle Dinge gleich zu erfassen, kommen mir eigentlich jetzt sehr gelegen. Ich brauche einen solchen ruhigdenkenden, sich nicht überhastenden Kopf zur Verwirklichung eines Planes» den ich schon jahrelang mit mir herumtrage." Und nun entwickelte Dr. Eisenberger vor seinem Gaste seine Ideen, die wie ein feingefügter Bau zueinander paßen. „Ith will nichts anderes," sagte er, „als dem unsauberen Getriebe der Missionäre einen Hemmschuh setzen. Wenn sie auch hier in London eine geringe Ausbeute haben, doch auch diese dürfen wir ihnen nicht lassen. Allerdings ist dies nur ein Privatunternehmen, wir sind nur zwei gegen viele, aber Sie wissen, mit kleinen Steinen wird ein Werk begonnen. — Also schlagen Sie ein und werden Sie mein Verbündeter!" * Einige Jahre sind seitdem verflossen. Salme Ostrava ist kein Umhergetriebener mehr. Er hat sich, unterstützt von seinem Freunde, in eine Stellung emporgeschwungen, die ihn zu einem angesehenen Manne in Whitechapel macht. Ei» treues Weib und eine liebliche Kinderschar verschönern ihm das Leben, und so oft er seinen bedürftigen Brüdern, die die gastliche Stätte aufsuchen, seine hilfreiche Hand bietet, denkt er an die graue Morgenstunde an der Thcmsebrücke, wo er wohl wie ein Ausgestvßener, aber nicht wie ein Verzweifelter gestanden. „Fit-sure" Pincenez doublö. 14 k Goldauflage. Mk. 7.50, Nickel Mk. 5 50. Operngl. Feldst.. nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, Pincenez; Spezialweickstätte für Optik, Mechanik, Elektro» technik. Physikalische Lehrmittel. „I. SB. Albert» Inh. 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