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Neue jüdische Presse · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26. Frankfurter Israelitisches' Fannlienblatk. Seite 3. wird? Naive Frage! Ueber Reiyachs Wahl entscheidet nicht die'wahre Stimmung der Wähler, euch nicht die wahre Zahl der Stimmen, sondern der Wille der Herren des Pariser Zentralkomitees. PÜPt Brief aus Ungarn. Tie große Redeschlacht im ungarischen Parlament ist vorbei. Sie hat, >vie nicht anders zu erwarten war, mit dem m o r a l i s ch c n S i c g des Liberalismus geendet. Doch in Wirklichkeit triumphiert die rohe Gewalt der Reaktion, die die eiserne Organisation hinter sich hat. Tic politischen Juden des Parlaments haben sich Ücgnügt, gute Wörtchen zu erzählen. Wir haben eben im Parlament trotz unserer 900,000 Juden nicht einen j ü d isch cn P oliti ker; nicht einen einzigen Mann, der mit dem tiefen Blick für däs Bedürfnis unserer Volksmasse den heiligen Ernst des Pflichtbcwußtscins verbände. Umgekehrt: Samuel Bakonyi benutzt sein brillantes Rednertalcnt, um gegen die jüdische Orthodoxie zu hetzen. Ter Minister spricht von der Förderung der christlichen Kultur; andere Politiker von dem Neberhandnchnlen des jüdischen „Tachlcsgeistes"; alle von dem Zurückdämmen der destruktiven jüdischen Unkultur; da erhebt sich der Jude Bakonyi und stellt die Orthodoxie als den wahren Gottseibeiuns des ungarischen Staatslebens hin. Einen Lichtblitz in dieser dunklen Zeit bedeuten die Reden zweier katholischer Pfarrer, die im ungarischen Parlament sitzen. Der eine, N i ch t c r, wendete sich im Tone tiefster Entrüstung gegen die russischen Greuel und forderte die diplomatische Intervention der ungarischen Regierung zu ihrer Beendigung; der zweite, Johann Hock,' geißelte in flammenden Worten das antisemitische Bolksvcrhetzen der klerikalen Bolkspartei. Man sollte meinen, daß bei der gegenwärtigen, den Juden so ungünstigen innerpolitischen Situation die Idee des „jüdischen Landesv o lks v crb and cs" verwirklicht wer> den müßte. Alles war fertig: der Plan, die Vorarbeit, der Ausschuß, Männer der großen Gemeinde — wie Tr. Grauer von: Pestcr Vorstand, und Franz M c z e y, der jüdische Nnitaricr, der vom Verband die Erfüllung seines Traumes der Zw'angsvercinigung der „jüdischen Konfession" crivartete — trugen Bausteine herbei, und Kahal Pest gab den großen Bcratnngssaal der Gemeinde her, von dessen Wänden die Ahncngalcrie der getauften Mannen gcspenstcrhaft in den Raum starrt. Toch cs kam anders, als man crivartete. Der politische Jude Paul Forkas, der für seine Popularität innerhalb der Regierungspartei erbebte, und Szabolcsi, der vom neuen Morgcuschein das Ende seiner finsteren Golusarbcit befürchtete, schlossen die kampsbercite Koalition der wahrsten Judäamagyaren. Ihnen stand zur Seite die „liberale" Presse, die sich gegen den auferstandcnen „jüdischen Klerikalismns" anstcmmte, — und das Kleeblatt hat' gesiegt . . . „Wir haben sür eine Zeit," so hieß cs "in der Tonart der siegesbewußten Bcrbandsverdcrbcr, „die Regung des jüdisch-nationalen Geistes, der nur den Antisemitismus herausbeschwörcn kann, unmöglich gemacht!" .... Zioui. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Breslau. Der Verband der Synagogengemeinden der Regierungsbezirke Breslau und L i e g n i tz hielt hier irnter dem Borsitze des Geh. Jnstizrats W o l l st e i n seine H a u p t v e r s a m m l u it g ao. Die Versammlung wurde jedoch zwei Stunden nach ihrer Eröffnung jäh unterbrochen: Jnstizrat L c d e r m a n n - Hirschberg, der noch kurz vorgesprochen hatte, sank, von e i n c m chlagansall getroffen, tot hin. Die Debatte hatte sich grade mit der Organisation der Wanderarmenfürsorge beschäftigt, gegen die Wilh. Frey Han-Breslau schwere Bedenken geltend gemacht hatte, lind mußte nun infolge der ungeheuren Aufregung geschlossen werden. Der zu Anfang der Sitzung verlesene Bericht gab das Bild einer vielseitigen Tätigkeit: Beihilfen zu de» Lebensversicherungsprämien der Gemcindcbeamten, Entsendung von Predigern und Hilfsvorbetern zu den hohen Feiertagen, Inspektion des Religionsunterrichtes, Wanderbibliothek, FortbildungSkursns für Rcligionslehrer lisw. Fessenheim i. L.-Els. Seit Menschengedenken herrschte hier das beste Einvernehmen zwischen Juden und Katholiken. Dieses Einvernehmen ist nun durch den nach hier strafversetzten Pfarrer Frohb e r g e r gestört worden. Er donnerte von der Kanzel 'herab auf die Juden und forderte seine Pfarrkinder auf, nichts mehr bei den Inden zu kaufen. Auch sollten die Dienstmädchen den Dienst bei den Inden verlassen, sonst würde er ihnen die Absolution verweigern. Die hiesigen Juden loandten sich in ihrer Not an die schon öfters betvährte Hilfe des Konsistorialrats Aron D nrlach -Straßburg. Herr Durlach nahm sich der Sache sofort an und suchte beim Bischof um Audienz nach. Der Bischof, Dr. Fritzen, empfing ihn sehr freundlich, sagte, cs freue ihn sehr, daß er nicht die öffentlichen Blätter benützt und auch nicht den Bcschwerdeloeg beschritten habe und versprach, das Nötige zu veranlassen. Wirklich erhielt einige Tage später der Pfarrer eine Vorladung nach Straßbnrg, und er verpflichtete sich dort, seine antisemitische Agitation von jetzt ab zic uilterlassen. Saarbrücken. Die Zentralarmenkasse für die Rheinprovinz und Birkenfeld hatte hier V e r s a m m l n n g. In Vertretung des verhinderten Vorsitzenden hielt Sekretär C h a i m das Referat mit dem Erfolge, daß Trier mit 'einem Jahresbeiträge von 300 Mark beigetreten ist. Auch die Gemeindevertretung Saarbrücken beabsichtigt ihren Anschluß mit einem Jahresbeiträge von 809 JL Von kleineren Gemeinden aus den: Trierer bezw. Lothringischen Bezirke haben sich Illingen, Forbach, Saargemünd und Saarburg ängeschlossen; auch Diedenhosen arbeitet schon lange mit Metz und Metz wiederum' init der C ö l n e r Zentralärmenkasse zusammen. Nur Straßburg ist noch immer nicht organisiert, sobald dies gelungen ist, wird die Reform der Wauderarmenfürsorge im Südwcsten des Reiches zum Abschluß gelangen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Für die Opfer von Drohobycz fanden auch hier Traueru n d P r o t e st k u n d g e b u n g e n statt. Am 24. dss. Mts. versammelten sich die j ü d i s ch n a t i o » a l c n Studenten und zogen nach der Versammlung in einem zwei tausendköpfigen Zuge nach der Universität. Am gleichen Tage hatte die Zion. Arbeiterorganisation unter Beteiligung von etwa 1000 Menschen eine Versammlung. Auch der jüd. Ratio n a l v c r e i n für O e st e r r e i ch hatte — und zwar am 25. dss. Mts. — eine Monstreversammlung veranstaltet, zu der sich der größte Saal Wiens als zu klei'n erwies. Czernowllz, 27. Juni. Gestern fand im Jüdischen Hause eine T r a u c r k n n d g e b n n g für die Opfer von Drohobyc z statt. Es sprachen n. a. Dr. S t r a u ch e r und Dr. K a ß n e r. Ueber die Wahlmache in Drohobycz teilte Dr. Katzner folgenden eklatanten Fall mit: Dem Minister des Innern wurde die Photographie eines Hauses vorgelegt, in dem n n r 3 P e r s o n e n wohnen, die Wählerliste aber 84 Namen aufführt.. Drohobycz. Die Nachricht von dem D r o h o b y c z e r Massenmord gelegentlich der am 19. Juni stattgehabten Rcichsratswahlcu, hat der Telegraph bereits durch alle Länder getragen. Die näheren Umstände sind jedoch meist einseitig -gefärbt, um die Greueltat zu verkleinern, sie seien daher hier in objektiver Weise geschildert. Zu dem Wahlakte waren von den oppositionellen Parteien tvedcr Kommissionsmitglieder noch Vertrauensmänner zugclassen worden. Der berüchtigte Wahlmacher Jakob Feuerstein, der Vorsteher unserer Kultusgemeinde ist, hatte mit Hunderten Wahlhyänen das Wahllokal belagert und in Besitz genommen. Sodann umzingelten Infanterie, Husaren und Gensdarmen die Parkanlagen, in denen das Wahllokal liegt. Tausende von Wählern lagerten vor dem Parke, und nur mit Mühe war es möglich, zum Wahllokal zu gelangen. Und wer Einlaß fand, mußte deni unter dem Schutze des Wahlkommissärs stehenden Feuerstein den Stimmzettel vorzeigen. Die Stimmzettel wurden den Wählern von den gedungenen Agitatoren aus der Hand gerissen, die abgegebenen Stimmzettel zum größten Teil vor den Augen der Wähler nmgetauscht in die Nockärmel gesteckt. Dann fließ Feuer-; stein das Wahllokal sür volle zwei Stunden absperren und nur seine Wahlhyänen mit den falschen Legitimationen durch die Hintertür herein. Angesichtsdessen drängten die erregten Wähler gegen das Wahllokal. Mit einemmal wurden mehrere Salven ohne vorherige Ermahnung auf Befehl der Kommissäre Lyszkowski und Sebolawski auf die angesannnelte Wählermasse abgefeuert. Es blieben am Platze 23 Tote, 29 Verwundete — in der Mehrheit Juden — liegen. Trotzdem keine Wähler mehr am Platze waren, führte die Kommission die Wahlen mit gedungenen Wahlhyänen, die mehrmals abstimmtcn, weiter. Drohobycz. Die entstellten Darstellungen der polnischen Presse über die blutigen Ereignisse des 19. Juni sind in die allgemeine Presse übergegangen und geben überall Anlaß zu unrichtigen Betrachtungen der Vorfälle. Es muß deshalb festgcstellt werden, daß die Situation zu der Zeit, als das Militär die fünf Salven abgab, durchaus nicht so gefährlich war, daß man zu solchen Maßregeln schreiten mußte. Ferner bestand die demonstrierende Menge nicht aus Zionisten allein, sondern aus Polen, Jtuthenen und Juden, wie sich denn auch unter den Toten Angehörige dieser drei Nationen befänden. Die Unruhestifter waren ebenfalls keine Inden, sondern Arbeiter aus Boryslaw und Tustanowicce. Ferner ist sichergestellt worden, daß vor dem Schießen, das auf Befehl des Bezirkshanptmanns erfolgte, keinerlei Ermahnung an die ans Männern, Frauen und Kindern bestehende Menge gerichtet lvurde. Drohobycz. Eine Versammlung von Richtern, Rechtsanwälten und angesehenen Bürgern sandte folgendes Telegramm an den Minister des Innern: „Die blutigen Vorfälle, welche sich am' 19. Ä., am Tage der Reichsratswahl, in Drohobycz abgespielt haben und die unrichtigen Berichte sowie die infolge der bekannten Vorfälle herrschende allgemeine Erregung gaben den Anlaß zu einer Zusammenkunft eines großen Teiles der hiesigen Rechtsanwälte und Richter znm Zwecke der Beratung über die zu unternehmenden Schritte, die allgemeine Erregung zu beruhigen und die infolge des angerichteten Blutbades entstandene Not zu lindern. In dieser Versammlung wurde auf Grund der eigenen Wahrnehmung ehrenhafter und glaubwürdiger Zeugen festgestellt, daß wohl vormittags, vor '11 Uhr, eine wegen der vorgefallencn Wahlmißbräuche aufgeregte Menge gegen das Militär agressiv vorging, daß jedoch die Feuersalve erst gegen 3 Uhr nachmittags abgegeben wurde, also zu einer Zeit, da die Demonstranten bereits beruhigt waren und sich zumeist Neugieriege, darunter Frauen und Kinder, vor dem Wahllokal an gesammelt hatten, die sich ganz ruhig verhielten. Die angcsammelte Menge wurde vor Mgabe der S ch ü s s c w e d e r g e w a r n t, noch Machte man de n Versuch, sie z»' zer st reuen, daher zur Anrichtung des Blutbades keine Veranlassung vorhanden war. Wir sind überzeugt, daß eine Beruhigung der erregten Gemüter nur dadurch herbcizuführen möglich wäre, wenn die festgcstcllten Tatsachen einer objektiven Untersuchung unterzogen und eine Bestrafung der Schuldtragenden vorgenommen wird." Das Telegramm trägt sechzig Unterschriften. Radautz. Die Niederlage des Zionisten Luzian Brunner bei der R e i ch s r a t s - S t i ch w a h l ist nur durch einen unglaublichen Terrorismus möglih geworden. Bei einer ehrlichen Wahl wäre er glatt gewählt tvorden. Die Dinge, die sich hier abspielten, spotten jeder Beschreibung. Eine regelrechte Wahlkommission gab es überhaupt nicht, denn die Gewalthaber wollte» unter sich sein. Sie ließen die Vertrauensmänner der Parteien nicht iit das Wahllokal und taten, ivas sie wollten, erklärten Stimme» für giltig oder ungiltig, wie cs gerade in ihrem Interesse lag. Die Wähler wurden in unerhörter Weise drangsaliert, nian nahm Verhaftungen vor, drohte mit Amtsentsetzung und -Versetzung nsw. Das Resultat der hiesigen Wahl hat man dem Bruderkampfe im zionistischen Lager, besonders Professor K e l l n e r - Czernowitz, seiner Gefolgschaft und deren Protege, Prof. Mahler, zu verdanken. Denn hätte man dem offiziellen zionistischen Kandidaten Brunner nicht Mahler, der keine Aussicht hatte und nur 700 Stimmen erhielt, als Gegenkandidaten gegenübergestellt, so wäre Brnnnet im ersten Wahlgange gewählt worden. Rußland. Petersburg. Dem Berichte über die hiesige Beratung betreffs des in Wien stattfindenden jüdischenE Migrationskongress es ist noch folgendes hinzüzufügen: Die Konferenz sprach sich einmütig dahin aus, daß die Regelung der jüdischen Emi-

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