Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. lung zu uns Juden unterscheiden sie sich gar nicht. Als Antisemiten stehen sie den Geßmann, Pattai und Genossen nicht viel nach. Für die skandalöse Resolution Schmidt, die für den Besuch der Juden an den Hochschulen eine Prozentnorm einführen wollte, haben auch die Deutsch- Nationalen gestimmt. So kann uns also diese Verschiebung im neuen Parlament ziemlich glcichgiltig sein. Ja, daß die Sozialdemokraten eine Anzahl Sitze an die Deutsch-Nationalen verloren haben, bedeutet für uns eine unmittelbare S ch ädigung; denn wenn auch diese Partei, deren Oberhäupter fast ausnahmslos getaufte oder religionslose Judenstämmlingc sind, keineswegs etwa philosemitisch ist, so ist cs ihr doch durch ihren ganzen Charakter unmöglich, offen für antisemitische Maßnahmen cinzutrcten. Und dieser traurige Ausgang hat seinen tragischen Abschluß gefunden in der Tragödie von Drohobycz. Man sieht: Ter Ausfall der österreichischen Wahlen erscheint auf den ersten Blick für uns Juden u ngünstig. Und dennoch wird der tiefer blickende Betrachter manches finden, das diesen ungünstigen Ausgang mildert, ja chm fast seinen ungünstigen Charakter nimmt. Tic Zahl der Stimmen, die die zionistischen Kandidaten erreicht haben, ist gegen die vorige Wahl um das Toppelte gestiegen. Dies bedeutet einen Erfolg, über den wir uns aufrichtig freuen dürfen. Ja, schließlich wiegt dieser Erfolg die Niederlage in der Gewinnung -von Mandaten vollständig auf; denn bei der Beurtellung der österreichischen Wahlen darf man nie vergessen, daß für die Zionisten die ganze Landespolitik nur ein Mittel zum Zweck ist, nur eine der Aufgaben, die sie verrichten, nicht der Zweck und nicht die einzige Aufgabe der Partei. Wir waren und sind stets der Ansicht, daß die Beteiligung an der inneren Politik nicht nur cm Recht, sondern eine uirabweisbare Pflicht ist, unabweisbar sowohl aus allgemein-jüdischen wie aus rein zionistischen Pärtciintercssen, und der Erfolg, den die Beteiligung an der Landespolitik der Bewegung gebracht hat, gibt uns nur recht. Wer hei alledem darf man eben nicht vergessen, daß die Zionisten nicht in der innerpolitischen Arbeit aufgehen dürfen, daß diese für sie nur ein Mittel sein soll, die österreichische Judcichcit der nationalen Idee zuzuführcu und — was nur eine Folge davon ist — ihre Leitung nationalen Führern anzuvcrtrauen. Behält man dies im Auge, dann erkennt man, daß cs den Zionisten mehr als allen anderen Parteien auf die Z a h l der Stinimen, die für sie abgegeben werden, ankommt: daß darum die Vermehrung der Stimmenzahl um das Toppelte einen großen Erfolg bedeutet. Und' nun noch ein Blick auf die Lehre n, die uns die österreichischen Wahlen erteilen. Dem Betrachter, der die Wahlvorbereitungen der national-jüdischen Parteien verfolgt hat, hat sich diesmal ein höchst unerfreuliches Schauspiel geboten. Las ihn manchmal entnmtigen und beschämen konnte: die betrübende Uneinigkeit und Zänkerei innerhalb der zionistischen Reihen. Uneinigkeit ist zwar ein alter Fehler unseres Volkes, der uns unser Land, unser Reich, unseren Tempel gekostet hat und' durch die Jahrhunderte hindurch nicht geschwunden ist. Dies darf man als mildernden Umstand ansehen. Nichtsdestoweniger können wir uns nicht vcrwchrcn, cs auszusprechcn, daß diese verwirrende Uneinigkeit und kleinliche Zänkerei, wie sie die diesmaligen Wählen begleitet haken, für die österreichischen Zionisten einen Makel bedeutet. Die national-jüdische Partei, die ja auch mit Anspannung all chrer Kräfte nur wenig erreichen kann, die von außen und innen so bekämpft wird', wie keine zweite Partei, hat doppelten uiid hundertfachen Grund, geschlossen und einig aufzutreten. Statt dessen — in Galizien Zionisten, Poale-Zion, offizielle Kandidaten, nicht-offizielle Kandidaten, in Bukowina Nationalpartei und Volksratspartei, Straucher und Kellner, Mahler und Brunner, kurz und gut, überall Streit, Zank und Spaltung. Unmittelbaren, greifbaren Schaden Hat dies glücklicherweise Frankfurter Israelitisches Familienblatt. inr großen ganzen diesmal nicht zur Folge gehabt, wenn auch die Niederlage Brunners in der Bukowina nicht zum wenigsten durch die sinnlose Kandidatur und die verdammenswerte Agitation der Volksratspartei verursacht worden ist. Aber sieht man von diesem einen Falle ab, so wird man die anderen Niederlagen zionistischer Kandidaten nicht unmittelbar auf Konto dieser Uneinigkeit zu setzen haben. Dafür aber ° ist der moralische Schaden um so größer. Nach außenhin schadet cs dem Ansehen der Partei, nach innen .hin wird in die Massen Verwirrung getragen. All die Uneinigkeit könnte vernrieden werden, wenn die streitenden Parteien mehr Blick und Rücksicht für die Gesaintheit hätten, wenn die leitenden Persönlichkeiten in ihrem Handeln stets dessen bewußt blieben, daß sie selbst nur Diener der heiligen Sache sind, für die sie streiten, nicht aber die Sache ein Mittel für ihre eigenen Zwecke ist, und wenn endlich eine feste,, mit hoher Autorität aus'ge stattete Z entral instanz da wäre. Niemals .hat sich der Mangel einer solchen Instanz so empfindlich bemerkbar gemacht wie diesmal. Die natürliche Behörde wäre selbstverständlich das Engere Aktions-Komitee; aber wie cs scheint, besitzt dieses nicht genügend Autorität oder nicht genügende Energie, um in diese inneren Zwistigkeiten vermittelnd eingrcifcn zu können, und so ist cs dringend notwendig, daß künftighin die österreichische Judenheit besonders bei solch folgenschweren Aktionen sich eine obere Leitung schaffe, der alle — aber auch alle — sich zu fügen hätten. Wie unerläßlich eine solche Behörde ist, wie gefährlich es ist, wenn sie fehlt, dies ist die eine große Lehre, die uns die österreichischen Wählen ertcllen. Tie andere bezieht sich nicht auf uns selbst, sondern auf unsere jüdischen Gegner. Diese andere Lehre wurde uns erteilt in einer Weise, wie sie nachdrücklicher und schrecklicher nicht sein kann, wurde uns erteilt durch das Blut der Opfer in Drohobycz; cs ist die Lehre, die wir schon kannten, und die uns hier nur nochmals cingeprägt wurde, von der Niedertracht und Gewissenlosigkeit unserer jüdischen Assimilanten.- In keinem Lande tritt,die jüdische Assimilation in gemeineren Formen auf. als in Halb-Asien. Persönliche Niedertracht und polnische Gewissenlosigkeit haben sich im galizischen Assimilantentum in harmonischer Weise vereinigt. Aber trotzdem hatten wir es niemals für nröglich gehalten, was jetzt geschehen ist, daß diese feigen Streber und Verräter sich unterstehen würden, wenn cs sein muß, ihre Brüder kaltblütig niedcrknallen zu lassen. Denn daran kann kein Zweifel mehr bestehen, daß die Katastrophe in Drohobycz in erster Linie das Werk der jüdischen Assimilanten ist, das Werk der Löwenstein und Feuerstein. Wir wollen keineswegs den Vorfall an sich überschätzen, wollen nicht gleich in sentimentale Jeremiaden und flammende Tiraden darüber ausbrechen, daß 23 Juden in Drohobycz gefallen sind; denn lvir glauben, daß 23 Opfer in cincni solchen Kampfe, wie wir ihn führen, nur eine Episode fein können. Aber diese Episode hat — und dies ist ihre Bedeutung — den ganzen Abgrund der bodenlosen Gemeinheit unserer polnischen Majofisjudcn in Galizien gezeigt, hat uns ihr wahres, anckclniäs Antlitz enthüllt. Jetzt wissen wir, mit wem wir cs zu tun haben, wissen lvir auch, daß kein Mittel zu. kräftig, kein Schlag zu rücksichtslos ist, den wir ihnen versetzen können. Wenn Menschen fähig sind. Las Blut ihrer Volksgenossen ruhig fließen zu lassen, wo es ihr persönlicher Vorteil erheischt, dann gibt cs ihnen gegenüber keinen Pardon, dann können wir es auch nicht mißbilligen, wenn die Wiener zionistische Studentenschaft den Initiator der ganzen Sache, den. Präsidenten der Dobrohyczer Gemeinde, Feuerstein, einfach beschimpft und verprügelt hat. Feige Hunde kann man nur mit der Peitsche behandeln. Ter Vorfall in Dobrohycz wird aber denen, die ihn verursacht haben, teuer , zu stehen kommen. . Nr. 26 Jeder Tropfen Blut; der dort vergossen wurde, führt dem Zionismus Hunderte von Anhängern zu. Es war eine gefährliche Saat, die Drohobycz' Majofisjuden gesät haben. Es wird nicht mehr lange dauern, und' aus dieser Saat wird die Generation erstehen, die sie sanrt und sonders zu Boden strecken wird. * * * 2. Zu den Wahlen in der Alliance. Ein elsässisches jüdisches Blatt, das, trotzdem der Geist eines Rabbiners in ihm herrscht, sich nicht geschämt hat, als einziges jüdisches Blatt in Deutschland für Salomon Reinach einzutreten, meldet in einem Telegramme aus Paris, daß Salomon Reinach mit einerMajorität von 1 500 Stimmen gewählt sei. Wir wissen nicht, ob diese Nachricht wahr ist; vielleicht soll sie nur einen „Ballon d'essay" darstellen, um sich darüber zu vergewissern, wie die jüdische Oeffentlichkeit eine etwaige Wähl Rcinachs aufnehmen wird; sei dem wie es sei, jedenfalls müssen die Führer im Kämpfe gegen Reinach schon jetzt mit der Eventualität seiner Wiederwahl rechnen und sich darüber llar werden, was dann geschehen soll. Es mag manchen naiven Beurteiler verwundern, daß man mit einer solchen Eventualität rechnen muß; denn nach den Abstimmungen der Alliancewähler in Westeuropa und' Amerika scheint es ausgeschlossen, - daß Reinach wiedergewählt wird. Aber es hieße die Geriebenheit und Geschicklichkeit des gewiegten Sekretärs der Alliance unterschätzen, wollte man darauf vertrauen, daß sich ja die Majorität der Alliancemitglieder gegen Reinach erklärt hat. „Wählen zu machen" versteht auch Herr Bigart, versteht er dank der ihn auszeichnenden Skrupellosigkeit und Schlauheit ausgezeichnet. Unsere Leser wissen bereits (s. unseren Artikel: Zu den Wahlen in der Alliance), welche unerhörten Mittel Bigart aufgewandt hat, um im Orient Tausende von Stimmen für seinen gesinnungsverwandten Herrn zu erzielen, welch' skandalöse Manipulationen er gebraucht hat, um der Päriser Liste zum Siege zu verhelfen. Unter diesen Umständen muß man also sehr stark mit der Möglichkeit der Wiederwahl Reinachs rechnen. Fragt sich nur, was dann geschehen soll? Uns ist es ganz klar; aber bei manchen, die den Kampf gegen Reinach mitgcmacht haben, scheint schon all ihre Energie aufgebraucht zu sein, und so halten wir cs für notwendig, hier darauf einzugehen. Was geschehen soll? Nun, was anders als weiter kämpfen? Soll man nun, nachdem es soviel Mühe gekostet und soviel Sturm erregt hat, einfach feige nachgebrn, weil Bigarts Skrupellosigkeit über die Ehrlichkeit der-Gegner gesiegt hat? Wäre es nicht einfach wahnwitzig, nun allen Kampf zu beenden, weil dank so und so vieler ungültiger Stimmen Reinach gewählt wird! Denn daran zweifle niemand, -Laß, falls Reichnach gewählt wird, seine Wähl falsch und ungiltig ist. Wäre es nicht doppelte Feigheit seitens der Leiter der Opposition, wenn sie sich damit zufrieden geben wollten? Wir glauben auch, daß dies niemals der Fall sein wird, und daß die vereinzelten Stimmen, die voreilig nur ja zum Frieden Mahnen, nicht die Ansicht der Leiter der D. K. G. darstellen. Es wäre daher falsch spekuliert, wenn die Herren in Paris meinen, daß alles beendet sein wird, falls sie Reinachs Wähl durchsetzen und wir fürchten, daß diese Spekulation sowohl chnen als auch der Alliance noch sehr schaden wird. Sei man sich im Zentralbureau der Alliance llar, daß die Wiederwahl Reinachs die Wiedereröffnung des alten Kanrpfes bedeutet, der diesmal noch drohendere Formen annehmcn kann. Falls .also die Nachricht des elsässischen Blattes' nur einen Ballon d'essay seitens des Pariser Komitees darstellt, möge er dazu dienen, sie von dem wahren Stand der jüdischen Meinung in Deutschland auszullären. Es wäre sehr dumm, wenn man in Paris noch unbedingt Reinachs Wähl durchsetzen wollte, man täte dort klüger daran, nachzugeben. Doch — wird uns mancher Leser fragen —- was Ikann Paris dazu, wenn Reinach gewählt