Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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H--aKttoir imd Srankfurt s. in., JSixtt&Äjirrilie 7 Herefo« 10507. Herausgeber: Kaljz ch>eis. <r-:- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Viertelsahr: In Frank« furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— m -.....:- Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.. . 100 „ Platz» und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 4. Tanms 5671 (30. Juni 1911). Rr. 26. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: In einer Zeit der Entscheidung. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Die österreichischen Wahlen; 2. Zu den Wahlen in der Alliance. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Hymen. — Salme Ostrava. — Br iefkasten. — Barmizwohs. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. In einer Zeit der Entscheidung. Wir Juden, bcsinden uns gegenwärtig in einer Phase der Entscheidung: Für oder g e g e n d a s Judentum. Gar viele Zeitabschnitte der Entscheidung kennt die Geschichte der Völker; gar manche Zeitabschnitte der Entscheidung kennt auch die Geschichte Israels. Die Frage des Für oder Gegen das Dasein des eigenen, angestammten Volkes ist gar oft in Stunden der N o t an die Völker der Erde gestellt worden; die a n d e r e n zöger-- ten, wankte», und s o entschieden sie sich gegen ihre eigene Existenz und gingen unter; w i r aber, Juda, zögerten nicht, wankten nicht und hielten trotz allen und allein aus. Juda wollte, ja es konnte seinem ganzen Naturell nach nichts vom Untergang wissen. Schon am Beginn, im Entstehen, noch während Israel in den Kinderschuhen steckte, war ihm die Frage: Sein oder Nichtsein gestellt worden. Egypten war cs, Egypten mit seiner mächtigen Kultur einerseits und seiner starken Faust anderseits, das Israel zu verschlingen drohte; doch die Entscheidung ließ nicht lange auf sich Warten, sein von schiverein Truck gebeugter Nacken war noch steif genug, um der Kultur des Bedrückers zu trotzen, cs wollte unter allen Umständen seine Eigenart bewahren und zog cs daher vor, lieber in die Wüste zu Liehen, als länger d'ie Schmach der Sklaverei an den vollen Fleischtöpfen zu ertragen. Nun war Juda ein freies Volk geworden, cs kannte den Wert der Freiheit, es kannte den Wert seiner Kultur, — wenn auch nicht in ihrem vollen Umfang und ihrer ganzen Totalität. Und als cs seine Selbständigkeit cinzubüßcn begann, da trat ihm hintereinander die Versuchung der babylonischen, griechischen, römischen, spanischen Kulturen entgegen; doch Juda blieb fest, fest mitten in den Flammen der Inquisition, fest in der Vertreibung. Juda wandcrte ins Ghetto, es wurde ihm Luft und Licht genommen, doch an seiner Kultur, an seinem „Ich" hielt es standhaft fest. Ta kani die Aufklärung und die sogenannte Emanzipation mit ihr; Juda begann vom Rausch zu schwanken, doch nein, nicht Juda als solches, sondern die jugendlichen Schwärmer Judas, nicht alle etwa, nur Bruchteile der vom Kosmopolitismusdusel berauschten Jugend verloren das Gleichgewicht und begannen zu wanken. Ter Dusel jedoch ist etwas Vorübergehendes, und Ernüchterung löste ihn in der Regel gar bald ab. Aber auch ein Zustand des Wankens ist nicht ewiglich, der Wankende ist dem schließlichen und natürlichen Prozeß des Entweder-Oder unterworfen: entweder er wird gestärkt und bleibt aufrecht, oder er wird geschwächt und gestürzt. Tie Stunden des kleb erg angs, des Schwankens hat das jüdische Volk bereits hinters ich, und die Stunde der E n t s ch c i 0 u n g hat geschlagen: für die welken Blätter ist der Spätherbst bereits eingetretcn, für die noch grünen aber der Prozeß der - Verjüngung. Tie Zeiten des Weltbürgertums sind vorbei, die Völker sind erwacht und selbstbewußt geworden; ein jeder, auch die Wesenslosen, oie „Vielznvielen", die „Fabrikware der Statur", ein jeder will seine „Eigenart", sein „Ich" gewahrt wissen; auch die „roten Jnternaiionalcn" — mit Ausnahme der kosmopolitischen jüdischen Sozialisten — beginnen, dem Zwang der Verhältnisse gehorchend, nationale Tracht anznlegen. In. einer s olche n Zeit ist für die unbeschriebenen Blätter, für die „Weltbürger" kein Platz mehr vorhanden, und so müssen die „Lauen", die „halben" und Viertel-Menschen Farbe bekennen, und so müssen die „Ruch-Inden" eine Entscheidung treffen, tvohin sie eigentlich gehören; mit einem „Monotheismus" und „Kos mopol itismns" l äß t si ch h e utzntage nicht mehr die Zugehörigkeit zum Judentum begründen, das jüdische Volk verlangt mehr, viel mehr. Für Weltbürger ist also jetzt nirgends Platz zn finden, weder bei uns Inden noch bei den anderen! Eigentlich begann der Prozeß der Entscheidung schon vor fü ns Jahrzehnten, als Heß sein „Rom und Jerusalem" geschrieben hatte; allein die endgiltigc Entscheidung wurde immer hiunnsgejchoben, die „Weltbürger", die die Führerschaft der Jndenheit dank der Kurzsichtigkeit der Orthodoxie und der Lässigkeit d c r b r e i t c n M a s s e n an sich gerissen hatten, behielten die Führerschaft noch weiter bei. Gar mancher der weltbürgerlichen Führer begann, dem Truck der Verhältnisse, dem stetigen Umsichgreifen des Nationalismus gehorchend, sich national zu gebärden, freilich nicht etwa j ü d i s ch - national, sondern national französisch, d e n t s chp o l n i s ch nsw. Tic Nationaljuden knirschten die Zähne ob dieses schändlichen Zustandes, doch sie schwiegen, sie waren unorganisiert und mußten schweigen. Nun aber haben die Nationaljnden sich die nötigen Organisationen geschaffen und beginnen, sich gegen das Joch der „Weltbürger" und gegen die fremden „Moschkes" aufzubäumen, und so sehen wir den Kampf auf der ganzen Linie wüten; hier wird ein Kampf gegen den Atheisten und französischen Moschke Re in ach geführt, dort gegen den deutschen Moschke Geiger, anderswo gegen die polnischen Moschkes F e u e r st c i n und L ö w e n st c i n. Gewiß wäre es besser gcivesen, wenn man sich der „Weltbürger" und der im Dienste Fremder stehenden „Moschkes" ohne Kampf entledigen könnte; leider sind die Moschkes „Kleber", sie suchen sich krampfhaft mit den skrupellosesten Mitteln zn behaupten, und wenn Reinach durch Stimmenkauf*) und dergleichen Machenschaften seine Stellung zn halten sucht, so probieren Jakob Feuerstein und Löwcnstcin, durch Blutvergießen ihre Acmtchen zu behalten. Kämpfen doch die „Moschkes" nicht für P r i n z i p i e n, sondern für ihren lieben Vorteil, — sogar Reinachder prinzipienvotlste unter ihnen, hat cs jüngst in seinem Rückzngsschreibcn bewiesen, daß es ihm ans Prinzipien wenig ankommt. Kurzum, die Stunde der „Weltbürger" nnd und „Moschkes" hat geschlagen, sie müssen und werden auch abziehen. All ihre verruchten Treibereien, alle ihre Gewaltakte können den Prozeß ihrer Beseitigung nur beschleunigen. Unser w a r n c n d e r Ruf richtet sich h c u t c a n u ns e r e F ü h r e r, die, wenn sic auch, ihrem jüdischen Gefühl nach zn urteilen, dem Judentum wohlwollender gegenüberstehen, doch ihre Hand helfend den „Moschkes" reichen. Lasset Euer törichtes Spiel, Ihr Kurzsichtigen. — Retten w erdet Ihr d i e s e K r e a t u r e n doch nicht! Alles, was Ihr auszurichte n v e r m ö g e t, ist, selbst mit i h n e n i n der Versenkung rühmlos unterzug ehen. .; : Ans den Ereignissen des Tages. 1. Die österreichischen Wahlen. Die Wahlen in Oesterreich sind vorbei, die unmittelbare Aufregung, in die sie die Mitbeteiligten versetzt haben, hat sich gelegt, und fiic den objektiven Beurteiler ist es möglich, sowohl das Fazit als auch die Lehre aus ihnen zu ziehen. Das Fazit ist — wozu es zu bemänteln und krampfhaft zn verschleiern suchen —, rein äußerlich betrachtet, nicht glänzend z n n e n n e n. Der „Jüdische Klich", der mit soviel Begeiste-!>rung begründet wurde, auf den wir alle so stolz — und mit Recht stolz— waren, war und ist nicht niehr. Sein Obmann, der bewährte Tr. 2 t r a n ch e r, ist nun noch sein einziges Mitglied. Von vier national-jüdischen Abgeordneten, die im alten Parlament saßen, kehrt nur ein einziger zurück, und selbst einem so glühenden Juden und trefflichen Redner wie Adolf Stand, ist cs nicht gelungen, sich ein Mandat zu holen. Und auch der Wahlausfall bei den übrigen Parteien ist — so sehr er vom allgemeinen Stanvpunkt aus zu begrüßen ist — für uns Juden nicht glänzend. Daß die Häupter der korrumpierten Ehristlich-Sozialcn samt und sonders gefallen sind, darf uns wohl ein Lächeln der Freude entlocken, wenn auch nur berechtigter Schadenfreude; im großen ganzen aber bedeutet es für uns keinen großen Unterschied, ob die Ehristlich- Sozialcn einige Tntzend Sitze verloren haben — an die Deutsch - R a t i o n a l e n. Mögen diese sonst auch freiheitlicher und ehrlicher sein als die gewissenlose Trabantenschar Luegers, in ihrer Stel- , *) Siehe Artikel: Tic Wahlen in der Alliance, . ' '