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Neue jüdische Presse · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. für das Judentum gewirkt, — und, wir wären die letzten, die ihm dieses bestreiten wollten. Aber bei aller Hochachtung für die Person und Tätigkeit des greisen Oberrabbiners dürfen wir uns nicht verhehlen,, daß er auf der anderen Seite der Judcnhcit Englands manchen Schaden zug ef ü g t h a t, allerdings — wir beeilen uns, es zu versichern — zum größten Teil ohne seine Schuld, und selbst soweit er daran schuld ist, ist er cs viel mehr durch Unterlassung von Dingen, die er hätte tun sollen, als durch direkte Schädigungen. All die Mängel, die ein solches System hat, haben sich bei ihm deutlich gezeigt. Tie Institution des Obcrrabbinats sür ein ganzes Land kann gedeihlich und heilvoll sein, wenn in der Judenhcit des Landes ein reges Leben herrscht, wenn viele Intelligenzen im Ticnste des Judentums schaffen, und wenn so der Oberrabbiner eigentlich nur der repräsentative Leiter nach außen und autoritative Dirigent nach innen hin ist. Wo aber das Judentum so darniederliegt wie in England, wo die besten Köpfe der Judcnhcit sich auf allen Gebieten betätigen, nur nicht auf, dem jüdischen, da kann das Oberrabbinat leicht zu einerErtötung der noch vielleicht hier undda schlummernden Kräfte führen, zu der Errichtung einer 'diktatorischen, alle freiheitlichem Regungen erstickenden Gewalt. Dies ist — wir wollen cs frei heraussagcn — in England der Fall gewesen. Oberrabbincr Adler, dessen höchste Pflicht cs gewesen ist, sür die Heranziehung junger Intelligenzen und neuer Kräfte im jüdischen Leben zu sorgen, der kraft des ihn» anvcrtrauten unbeschränkten Einflusses und der ihn auszeichnendcn Tatkraft dieses zum guten Tech häche erreichen können, hat solches zu tun unterlassen; und diese Unterlassungssündeist der schwerste Vorwurf, den ihin die Geschichte bei Anerkennung all seiner sonstigen Verdienste wird machen müssen. Die schlimmste Folge davon war, daß die heutigen Rabbiner — Reverends — Englands, sowohl was ihr jüdisches Wissen als auch was ihr jüdisches Interesse betrifft, in ihrem überwiegenden Teile ein Bild bieten, das ebenso trostlos wie beschämend ist. Doch all dies gehört nun der Vergangenheit an. Oberrabbincr A d l c r ist alt und schwach — wie er selbst in seiner Eröffnungsansprache auf der Konferenz sagte —, und die englische Judenheit muß schon jetzt zu sorgen beginnen, wie es werden soll, - wenn er nicht inehr da sein wird. Oberrabbincr Adler hat es selbst der Konferenz zur Pflicht gemacht, schon jicht darüber zu beraten, eine Tatsache, die »mr geeignet ist, seine Gestalt höher erscheinen zu lassen. Die Konferenz hat darüber beraten, ist naturgemäß zu keinen Beschlüssen gekommen und hat eine Kommission zur Beratung dieser Frage gewählt. Doch schon jetzt machten sich nranche Stimmen bemerkbar, die mit dem Oberrabbmat überhaupt ein Eirde machen wollten. „Oberrabbincr Adler sei unser letzter Oberrabbiner!" rief der bekannte Lehrer des Londoner Rabbincrseminars, Dr. S. Da ich cs aus. Wir wollen jetzt zu dieser überaus schwierigen und folgenschwerer» Frage »wch keine definitive Stellung nehmen, obwohl, wie gesagt, die großen Schäden, die das Obcrrabbinat dem englischen Judentum zngefügt hat, uns von vornherein nicht sür semc Beibehaltung günstig stimmen. Jedoch bedarf die ganze Frage einer objektiven, vorurteilsfreien Erwägung, sodaß wir rwch ausführlich aus sie zurückkonnnca werden. Es ist jedenfalls erfreulich, daß die Konscrcnz schon jetzt begonnen hat, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, wie sic denn auch sonst manches Ersreulichc aufweist. So das Referat des Rabbiners Legal über: „Tie Renaissance der hebräischen Spr ach c", worin er sich für das Studium der hebräischen Literatur warm ausgesprochen hak. Darin wurde er von vielen unterstützt, — eh» erfreulicher Gegensatz zu dem weltfremden Verhalten gegenüber „Jwris bciwris" seitens der weltfremden russischen Rabbiner Englands aus der jüng- Frankfurter Israelitisches Fansilienblatt. stcn Konferenz —, aber. auch ' diejenigen, die Hebräisch -in erster Linie als unser religiöses Gut anschen, traten energisch für seine volle Beibehaltung als Gebetsprache und für den hebräischen'Unterricht in den Religionsschulen eilte Tatsache, die zu dem radikalen Vorgehen mancher unserer liberalen Assiinilanten in Deutschland in erfreulichem Gegensatz steht. Im großen ganzen zeigt die Konferenz, daß cs sich auch in der englischen Judenhcit zu regen beginnt, und daß auch die dortigen Reoercnds lebhafteres Interesse siir. das Judentum gewinne», Ivas ja bisher nur sehr wenig der Fall war. Aus diesem Grunde darf inan die Koirferenz im allgemeinen als recht erfrcul i ch bezeichnen. * . 2. Ei« historisches Dokument. In Rußland ist dieser Tage ein cjgenartizcr Protest erschienen, ein Protest, der späteren. Zeiten noch als unvergleichliches historisches Dokument des Kulturstandes des großen Zarenreiches dienen wird: der Protest der russis ch c »i Rabbinergegen dasRitualmordmärchc n. 297 Rabbiner und 13 chassidische Rab¬ bis haben sich zusaimnengcfuilden, um diesen mit chrem Hcrzblutc geschriebenen Protest in die Welt hinauszuscichen. Man möchte sich an den Kopf fassen, möchte an der Höhe unserer heutigen Kultur zu zweifeln beginnen, wem» man diesen Protest sicht. Im 20. Jahrhundert müsse.» jüdische Rabbiner gegen das Ritualmordmärchcn protestieren! Und doch ist cs so. Wenigsteils ist Grund, Gelegenheit zu solchem Proteste vorhanden. Unsere Leser iverde» wohl noch den Fall mit den» K i c w e r Knaben Juzschinski vor Augen haben, der erst vor wenigen Wochen stattfand und schier zil einem Pogrome geführt hätte, wenn Stolypin ein Pogrom gerade jetzt nicht ungelegen gewesen wäre. Ob zwingende diotivcndigkeit zun» Proteste vorhandci» war, könnte man bez>veifcln. Der praktisch cErsolg wird gleich Null sei»»; dies zeigt sich schon jetzt; die russischen Blätter, n»it Ausnahme einiger lvcniger Provinzzcitungen, bringen ihn gar nicht zum Abdruck. Und Ivir wissen ilicht, ob es picht vornehmer gewesen wäre, diese seit Jahrhundertci» immer iviedcr aufgetischte Lüge überhaupt keines Wortes der Widerlegung zu würdigen. -Es gibt eben Anschuldigungen, auf die zu erwidern eine Selbstcrniedrigmlg bedeutet. Vielleicht wäre cs also besser gewesen, diesen Protest nicht in die . Welt zu senden; nun, da es schon geschehen ist, müssen aber diejenigen, die ihn veranlaßt haben, auch dafürsorgen, daß er zur Kenntnis der Welt gelangt, nicht nur in Rußland, sondern ii» ganz Europa. Dadurch würde man ivcnigstens hier und da ein Gefühl des Abscheus gegen das korrumpierte Zarenland wachrufen. Jedenfalls aber bleibt der Protest ein geschichtliches Dokument, wie es beredter gar nicht sein kann. Und. wenn unsere Nachkommen in künftigen Jahrhunderten glücklich in ihrem Lande leben, und den Begriff dieses grausigen Ritualmordmärchens gar nicht mehr kennen werden, dann wird ihnen dieser Protest ein Bi!d geben von den furchtbaren Leiden ihrer Vorfahren, und zornerfüllt werden sie dann noch ihren Fluch entsenden diesem Barbarenstaatc, in dem ein solcher Protest möglich war . . . Zum Artikel: Die Tätigkeit -er Frankfurter „Weibliche« Fürsorge" in Galizien. Es ist nicht hierder Raum für eine erschöpfende Polemik mit Herrn Binjaniin Segel, der übrigens in manchem ganz richtige Ansichten äußerte. Ich sehe mich jedoch speziell veranlaßt, die auf den Kolomeaer Kindergarten bczughabende» Stellen zu berichtigen. Bor allem, möge Herr.Segel noch einige Seiten iveitcr im Jahresberichte blättern, da findet er unter den Ausgaben keinen Heller für Kolomea und mutz zum Schlüsse koiilmen, daß die wahrhaft dankenswerte Arbeit der „Weiblichen Fürsorge" auf Anregung und anderweitige hochherzige Wthilse sich beschränkte. Seine Ansichten über Ausgaben einer Bolkskindcrgärtnerii» „kleinen Kindern die Naschen zu Nr. 25 putzen, sie Spiele zu lehren, mit ihnen 'zu singen", würde l»ur beweisen, daß er entweder überhaupt noch keinen richtig geleiteten Volks kindergarten gesehen hat oder sich — über Wesen und Zweck eines Volks lindergartens. und dessen erzieherische und kulturelle Wirkung nicht nur 'auf die Kinder, sondern auch auf die'Eltern.— nicht den richtigen Begriff gemacht hat. Ich. Jade den Herrn Verfasser höflichst in den Volks kmdergarte»» in Kvlomea ein, insbesondcre Zur Zeit der Aufnahme, damit er sich die ärinsten, ganz verwahrlosten, schmutzigen Kinder ansicht, welche von einem Bade. n»»r von» Hörensagen etwas ivissen, weit ihre arme Mutter' tagsüber als Verkäuferin oder Höckerin »nit Mühe einige Kreuzer für das -tägliche Brod zusammenbringt. Unter 20000 Juden, welche Kvlomea beivohnen, gibt es kaum 100 Familien, die man wohlhabend nennen kann und kaum 2000 Personen, die ohne Sorge 'um das Auskommen leben können. Nun möge- Herr Segel ausrechnen, ivas die „reichen" Kolomeaer Juden tun können. Wichtiger ist aber der Umstand, daß .den» Gros der Bevölkerung, welches von nichts anderen» als dem schmutzigen Ehcdcr weiß, heute noch das Verständnis für rationelle Kinderpflege und Erziehung und somit für die Erhaltung eines Volks lindergartens fehlt. - Und diesem Umstande, sowie dem Umstande, daß in Galizien überhaupt., kamn 8 Volks kindergarten und nur 2 Aus- Lilduilgsstellci» sür Kindergärtnerinnen vorhanden sind, ist es znzuschreibcn,' daß „die beiden Kindergärten mit den einheimischen Kräften weniger gut versorgt geblieben." Wir sind deshalb zu besonderem Danke der „Weiblichen Fürsorge" Und deren hochgeschätzter Präsidentin verpflichtet für die tatkräftige Mit- Hilfe beim Gründen üiib der Erhaltung unseres Bolkskindergartens, in ivelchem 40 der ärmsten Kinder bereits, das dritte Jahr auferzogcn werden, und für die Eiiipfehluug unserer ausgezcichncte» Kindergärtnerin, unter deren Leitung wir versuchen, einheimische Kräfte auszubilden, ivobei wir hinzufügen, daß dieselbe — obwohl Frankfurtern!' —. ganz leidlich das Polnische in Worb und Schrift erlernt hat und in dieser Sprache mit den Kindern spricht und. singt, wir jedoch leider nicht imstande waren —; wie cs unser und ihr eigener Wunsch ist —, bis jetzt einen auch nur annähernd vollwertigen Ersatz für dieselbe heranzuzichen. Wenn aber die galizischen Schulgewaltigcn an Herrn Segel mit Fragen »»»»d Apostrophierungen h-rantrctcn, möge er sic getrost nach Kvlomea schicken, wo sowohl der polnische als auch der ruthenische Bolkskindergartcn eben nach Muster des jüdischen gegründet und geführt werden. Herr Segel wird auch zugeben, daß es viel richtiger ist, vor allem in Kolomea, Tarnow, Tarnopol die Gründung eines jüdischen Volkskindcrgartcns zu nntcrstützcn, wenn er — sich an die Schwierigkeiten erinnert, nrit welchen die Allianz in Belz erst vor 2 Jahren; bei der Gründung der Schule zu kämpsen hatte. Die arme . orthodoxe jüdische Bevölkerung, welche starr an das Chedcr hält, muß für V o l k s kindergärtcn herangebildet werden, und hiezu ist heute noch kein Material in den angeführten 7 Nestern des Herrn Segel und ähnlichen Orten vorhanden. Auch in Kolomea usw. sind noch Schwierigkeiten — nicht nur materieller Art — für die Erhaltung dieser segensreichen Institution zu überwinden, und erst nach; einigen Jahren des Prosperierens solcher Muster - Kindergärten , könnte man zuerst Kinder ans den kleinen Städten in diese größeren Anstalten aufnebnren und dann' zur Gründung von Bolkskindergärten in den Städtchen und. Marktflecken schreiten. Denn wie eine solche Idee segensreich weiter fortwirkt, beweist der Umstand, daß seit Gründung des unentgeltlichen Volks kindergartens für die Acrmsten. den etwas bemittelteren Klassen, kleinen Kaufmannsstand usw. bei uns das Verständnis für diese Art der Kindercrziehung derart aufgegangcn »st, daß der Wunsch vielfach la»»t tvurde, inan möge hier noch auch eine als Privatunterilehmci» für zahlende' Kinder bestimmte Derartige Anstalt gründe»! I» Galizien ivärcn wohl nicht blvs 150 Kindergärten nötig, wie Verfasser meint, sortdern noch viel mehr. Soll mau aber ein Saatkorn, welches so teuer ist und nur mit so viel Schwierigkeiten aufgezogen iverdcn kann, in einen ganz unvorbereitete» oder noch sterilen Boden senken, wo cs unfehlbar noch jetzt zu Grunde gehen muß, — wenn ma»» so geeigneten u»»d dankbaren Boden findet ivic Kolomea? Für dieses keimfähige Saatkorn und Mithilfe bei dessen Entwicklung verdient die „Weibliche Fürsorge" in Frankfurt wohl eine bessere Anerkcnnnng, als sie die Kritik des Herrn Segel gab. Betreffs der iveitcrcn Ausführungen verweise ich den Herrn .Verfasser auf die vor 3 Jahren in mehreren deutschen Blättern von mir veröffentlichten Artikel „Galizischcr Juden Not und Abwehr", in welchen ich zwar in mancher Beziehung mit ih»n ganz übcreinstimmc, mit Nachdruck aber

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