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Neue jüdische Presse · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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(’---—-!-—I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Vierteljahr: In Frank» furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— —--:- SranKfurt s. M„ JßanB6)lriiß« 7 ^efefon 10507. Aerausgeber: Saltz H>eis. . -:- Jnsertionspreife: Sie viergespaltene Petitzeile.... . 25 Psg. Sie Reklamezeile. . ioo „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Ro. 4884. ' —i—; Freitag, Le» 27. 8i^M 5671 (23. Juni 9. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. . : Ar tikel: Ein entscheidender Moment I — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Das englische Oberrähbsnat und seine Folgen; 2. Einhistorisches Dokument '— Zum Artikel: Die Tätigkeit der Frankfurter „Weiblichen Fürsorge" in Galizien. — Neues aus Pethach- Tikwah. — Aus aller Welt. — Feuilleton: fymen. — KunstundLiteratür.—Wochena len der. — Spenden. — Familiennach richten. Ein entscheidender Moment! . ' In keiner zweiten Stadt Deutschlands hat sich .'die Judenheit seit Jahrzehnten in einer solch' 'einflußreichen Position befunden wie bei uns in Frankfurt. Und sie hat sich diese Position in 'ehrlicher Arbeit für Wissenschaft, Handel und Wandel und in großzügigster Opferfähigkeit siir das Allgemeinwohl zu Recht erworben. Und wenn Frankfurt heute auf allen Gebieten eine der bedeutendsten Städte Deutschlands ist, so verdankt 'es 'das zum nicht unerheblichen Teile seinen jüdische» Bürgern. : . T i c s e s A n s e h e n n u n s o l l dicFrankfurter Judenheit einbüßen, cinbüßen in dem Moment, da Frankfurt durch jüdisches Geld den letzten Stein zu seiner Größe legen ivill. Tie wissenschaftlichen Institute Frankfurts, Stätten der freien Forschung und der freien Gesinnung, sollen, um als Universität ausgebaut zu werden, der preußischen Re- . giyrung unterstellt werden. Hatsichdie Frankfurter Bürgerschaft in ihrer Gesamtheit, hat sich im besonderen auch deren. jüdischer Bestandteil überlegt, was das bedeutet? Das bedeutet, daß die Universität, zu der bis jetzt hauptsächlich jüdisches Geld gestiftet worden ist und deren für ihre Begründung noch erforderliches Geld auch nur von Juden aufgebracht werden wird, wie andere preußische Universitäten jüdischen Gelehrten — und mögen sie noch so bedeutend sein — die Anstellung versagt und so uns Juden zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Baronin Wilhelm von Rothschild hat — sicherem Vernehmen nach —, als. sie zur Zeichnung aufgefordert wurde, die Garantie verlangt, daß wenigstens an dieser von jüdischem Gelde gestifteten. Universität die Parität gewahrt werde. Diese Garantie konnte ihr nicht gegeben werden, und so hat sie als charaktervoller Mensch und Jude nicht gezeichnet. Doch hier genügt nicht die Handlung eines Einzelnen, hier muß die jüd. Gesamtheit Frankfurts ohne Rücksicht auf ihre politischen und religiösen Anschauungen^ eine einmütige Gesinnung zeigen und ein Machtwort sprechen. Tie Zeit drängt! Die Frankfurter Universitätssragc steht vor ihrer Entscheidung. Nur wenn alle Frankfurter jüdischen Organisationen und alle Frankfurter jüdischen Männer von Namen und Charakter sich sofort vereinigen zu einer gemeinsamen! öffentlichen Kundgebung, kann verhütet werden, daß die Frankfurter Judenheit in oie passive Rolle der.. Juden der anderen preußischen Großstädte hineingedrängt wird und so den Glanz ihrer Stellung durch :die Schuld einer charakterschwachen Untätigkeit.verliert. - * Nichts liegt. uns ferner, als gegen, die Idee der Schaffung einer Universität in Frankfurt, die auch uns Frankfurter Juden in ideeller und materieller Hinsicht zahlreiche Vorteile bieten wird, kämpfen zu wollen. Was wir aber im Interesse unserer Ehre fordern müssen, ist die Aufstellung von Kautelen, die es der Stadt Frankfurt ermöglichen, den freisinnigen Geist auch. bei der Universität und ihren Einrichtungen zu' betätigen, den sie bei allen übrigen der allgemeinen Bildung und oem Gemcinwohlc. dienenden Institutionen von altersher gezeigt hat. Als Juden müssen wir verlangen, daß die B esetz un g an ch d er ord entlich en P r ofessuren einzig und allein von der Frage der Würdigkeit, der wissenschaftlichen Fähigkeit abhängig sei, nicht aber von der Konfession oder dem politischen Bekenntnis des Bewerbers. Wir verlangen natürlich nicht, daß Frankfurt zu einer Sammelstätte oder Zuchtanstalt von jüdischen Professoren gestempelt werde. Im Gegenteil: es darf unseres Erachtens nichts geschehen, was der etwaigen Universität die spöttisch gebrauchte Bezeichnung „jüdische Universität" anheften könnte. Wir wünschen daher keineswegs, daß „im Interesse der Parität" von zwei Bewerbern der Jude dem Nichtjuden vorgezogen werde, weil zufällig die Berhältniszahl der Konfessionen bei den Fakultäten nicht gewahrt ist; vielmehr verlangen wir — und zwar mit dem Nachdruck, zu. dem uns unser gutes Bürgertum berechtigt —, daß die städtischen Behörden bei den Verhandlungen mit der Regierung auf einer unzweideutigen Klausel bestehen, die eine Benachteiligung jüdischer Dozenten um ihrer Konfession willen verhütet und die Vermeidung von Böswilligkeiten von Seiten der bei der .Besetzung den Ausschlag gebenden Fakultäten gewährleistet. Kann die Stadt derartige im Interesse des Ansehens und der Ehre der Judenheit, sowie aller vorurteilsfrei denkenden Menschen unerläßliche Sicherheitsvorkehrungen bei der Regierung nicht durchsetzen, daun müssen wir Juden unsere Unter-, stützung versagen, dann sollen die das Geld geben, deren Kreise die Aemter und die Würden der Universität erhalten werden. Diese unsere Mahnworte an alle vorurteilsfrei denkenden Elemente Frankfurts seien siir unsere jüdischen Bürger das Signal zur Sammlung, zur raschen, zielbewußten Tat. Es gilt, in den nächsten Tagen einen Zusammenschluß . aller Frankfurter jüdischen Organisationen, aller denkenden Menschen, für die die Universitätsfrage unter Berücksichtigung der die Judenheit tangierenden Momente auch nur von Interesse ist, zum Enttvnrs eines Planes znsammenzuführen, der unsere Stellung als Juden dem Problem der Frankfurter Uni- 1911). Rr. 25. versität gegenüber in unv erkennbarer Weise zum Ausdruck bringt. Den. Stadtverordneten, deni Magistrate und nicht in letzter Linse dem Herrn Oberbürgermeister ist unser berechtigtes Verlangen mit aller Bestimmtheit" zu unterbreiten und die Erllärung abzugeben, daß, falls die staatsbürgerlichen Rechte an der zu schaffenden Universität nicht gewährleistet werden, von jüdischer Seite kein Pfennig für den notwendigen Gründungsfonds gegeben wird, wir aber auch gegen jede Steuer ankämpfen werden, die etwa künftighin zwecks Unterhaltung der Universität erforderlich sein sollte. Unsere Parole muß also lauten: „W »Rechte dort auch Leistungen; wo keine Rechte dort auch keine Leistungen. Ans den Ereignissen des Tages. 1. Das englische Lberrabbinat and seine Folgen. Es ist einer der unheilvollsten Mißstände des modernen Judentums, daß einzelne Persönlichkeiten in ihm meist zuviel Einfluß haben, oftmals sogar alles bedeuten. Während überall die Völker begonnen haben, ihre Schicksale selbst zu bestimmen und sie nicht den Händen einzelner Führer zu überlassen, ist es bei uns meist so, daß die Massen sich um nichts kümmern und die wichtigsten jüdischen Interessen einzelnen anvertrauen. Solange diese einzelnen wirklich hervorragende Persönlichkeiten sind, sind oie Schäden und Nachteile dieses Systems nicht so sehr in die Augen springend; fehlt aber ein solcher Mann, dann erst merken auch diejenigen, die sonst diesen Zustand für gut hielten, das Unheilvolle und Gefährliche des Systems. Es ist dieser Prozeß des allmählichen Erkcnnens, den weite Kreise der englischen Judcnheit jetzt durchmachen; es ist die bange Sorge und Furcht, die diese Erkenntnis mir sich bringt, die den Grnndton der in voriger Woche stattgefundenen Konferenz der englischen Rabbiner bildet. Tas religiöse Leben der englischen Judenhcit, bis vor wenigen Jahren das gesamte jüd. Leben Englands, stellte bis heute eigentlich nur ein Mann dar: Oberrabbiner A o l e r. Tie völlige Indifferenz siir alles Jüdische seitens der englischen Judenheit einerseits, die gesetzliche Sanktionierung als Oberhaupt der englischen Judenheit andererseits und — last not least — die Intelligenz und Tatkraft des Oberrabbiners Adler haben ihm einen Einfluß und eine Stellung innerhalb der englischen Judenheit verschafft, die der eines unbeschränkten Diktators gleich kam. Nun hat zweifelsohne Oberrabbiner Adler viel Segensreiches und Verdienstliches für das englische Judentum vollbracht — daß die konservative Richtung bis heute in der englischen Judenheit vorherrschend geblieben ist, darf in erster Linie als sein Verdienst gelten—, hat zweifelsohne - seine ganze Krast in den Dienst seiner äußerst schwierigen Stellung gestellt, hat gewiß mit ehrlicher Liebe und wahrem Interesse

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