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Neue jüdische Presse · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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©eite 5$- 5it. 25 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nachgewiescn habe, daß, in Galizien Hilfe und Anregung von außen unbedingt notwendig und mit Dank anzunehmen sind. Dr. Heinrich Nicolaus Landau .. derz. Präsident des Kinderschutzvereines in Kolomea. Neues aus Pethach-Tikwah. Die Orangenkultur steigert von Jahr zu Jahr den Wohlstand unserer Kolonie. Im verflossenen Jahre Lvurden bereits 125 000 Kisten Orangen exportiert; nach drei Jahren dürfte die Zahl der zur Ausfuhr gelangenden Kisten V-> Will, erreichen, denn erst ein Viertel der Orangenbäume sind sruchtragend. Bei der letzten Ernte hatten die meisten Kolonisten die Früchte im voraus an arabische Großhändler zu äußerst günstigen Preisen —i durchschnittlich 3 Frs. pro Kiste. — verkauft. Diejenigen Kolonisten, die es vorgezogcn hatten, die Orangen in eigener Regie, bezw.' durch die Genossenschaft „Hapardes" nach dcni Ausland auszuführen, erzielten noch weit' höhere Erträge, obgleich in England, dem Hauptabsatzgebiet, vorübergehend ein bedeutender Preisrückgang zu verzeichnen war. Die verschiedenen -Versuche zur Erschließung neuer Absatzgebiete sind fast alle gelungen. Einzelne Bojarenbesitzer, die ihre Orangen nach Australien verkauften, erzielten Preise bis zu 14 Frs. pro Kiste, während der Durchschnittspreis für bessere Sorten in Liverpool ca. 6 Frs. betrug. Auch in Rußland, das den Zoll von 2,80 Rubel auf 1,80 Rubel pro Kiste herabgesetzt hat, wurde ein größeres Quantum vorteilhaft abgesetzt. Außer den Orangepflanzungeu bildet die Kultur des MandelbauMs die hauptsächlichste Erwerbsquelle 'von Pethach-Tikwah. Zurzeit sind 4000 Dunam — Reinertrag pro Dnnam 15 Frs. netto — mit Mandelbäumen bepflanzt. Diese Kultur erfordert weniger Sorgfalt und ist auch billiges als die Orangenkultur, da die künstliche Bewässerung sortfällt. Der Wohlstand von Pethach-Tikwah hat zur Folge, daß die Bevölkerung der Kolonie durch Zuzug von auswärts immer mehr zunimmt. Die Zahl der Einwohner beträgt jetzt 2200. Cs herrscht auch stets eine rege Bautätigkeit. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Handwerker und Krämer ansässig gemacht. Neuerdings ließen sich einige kaukasische Juden als Händler nieder. Die arabischen Landarbeiter aus den benachbarten Dörfern, die hier in großer Anzahl beschäftigt sind, kaufen ihren Bedarf in den Läden unserer Kolonie ein. Der Waad (Vorstand) sorgt in musterhafter Weise für die Aufrechterhaltung der ösfentlichcn Ordnung, für Anlage und Ausbesserung von öffentlichen Wegen, Brunnen usw. Vor kurzem wurde ein großer Motor zur Bewässerung der Bojaren für 20000 Frs. angeschafft und in Betrieb gesetzt. Die Anzahl der j ü di s che n L a n d a rbei te r ist leider im Vergleich zu den arabischen Arbeitern sehr gering. Doch ist in jüngster Zeit auch hierin ein gewisser Fortschritt wahrzunehnien. Seit kurzem' gibt es auch eine Anzahl jüdischer Arbeiterfamilien aus dem Jemen und aus Aleppo. Zurzeit werden auch Wohnhäuser für die jüdischen Arbeiter errichtet. An Schulanstalten befinden sich hier die von der Jca unterhaltene Volksschule nebst Kindergarten und die unter der Leitung der Frankfurter orthodoxen „Freien Vereinigung" stehende Talmud- Thora sür Knaben und Mädchen. Die Schule der Jca wird von 170, die Talmud-Thora von zirka 200 Schülern und Schülerinnen besucht. Demnächst wird hier noch eine dritte Unterrichtsanstalt eröffnet werden. Das von D'r. Grünhut in Jerusalem geleitete Waisenhaus wird nämlich hierher verlegt. Das neue Heim des Waisenhauses wird' auf dem 'Grundstück des Herrn Dr. S'alvendi (Karlsruhe) errichtet. An die Anstalt wird sich eine Äckerbauschule anschließen. „N. I. K." Aus aller WeLt. Deutsches Reich. Berlin. Unter Anwesenheit von etwa 70 Delegierten fand hier der Verbandstag des Verbandes der Vereine für jüd. Geschichte und Literaturin Deutschland statt. Dozent Dr. I. Elbogen erteilte den Bericht. Die Verhandlungen, die Justizrat Dr. Fedor Stern leitete, betrafen im wesentlichen Statutenänderungen und Verbesserung des Vortragswesens. Berlin. Dr. I. Ginsberg macht bekannt, daß er nur infolge Krankheit den Vorsitz in der .A. I. K. O. niedergelegt hat und seine Zusage von 50 000 Mark für das von der A. I. K. O. zu errichtende Bodenkauf- und Agrarkredit - Institut aufrecht erhält. Kommerzienrat Gerson Simon hat den Vorsitz übernommen. Trotz Dr. Ginsbergs Worte bleibt jedenfalls folgendes bestehen: Seine Reise mit Dr. Nossig nach London in Sachen des Agrarinstituts . war ergebnislos. Das in London veranstaltete Meeting war nur von wenigen Dutzend Menschen besucht,, und die Unterredungen mit dortigen prominenten Persönlichkeiten haben auch zu-nichts Greifbarem geführt. Die A. I. SP. iD. besteht jetzt bereits einige Jahre, und die Oeffentlichkeit hat von ihr nichts gesehen als Versprechungen. Wenn der Pessimismus der Oessentlichkeit .nicht berechtigt ist, dann möge die A. I. K. O. doch mal eine klare Rechnungsablage über die verflossene Zeit geben. Berlin. Das Ergebnis der Alliance-Wahlen liegt noch nicht vor, denn in Paris wird noch immer gezählt. Zu den bereits mitgeteilten Resultaten ist noch hinzuzufügen, daß auch Amerika sich Deutschland in der 'Ablehnung Reinachs angeschlossen hat. BreSlau. Das durch mehrere große Stiftungen (Simon Pfeffer s. A., Frau Geh. Sanitätsrat Altmann und Gebrüder Schottländer) ermöglichte S i echen heim ist im Rohbau vollendet. Die Eröfsnung der Anstalt, die für 25 Insassen bestimmt ist, dürfte nn Oktober erfolgen. Schwelm i. Wests. Auf Initiative Direktors Silberberg -Slhlem ist hier jüngst ein israelitisches Sand heim eröffnet worden, das außerschulpflichtige, in der Entwicklung zurückgebliebene Söhne wohlsituierter Familien unterrichten imd für den Gartenbau beruflich ausbilden soll. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Was ahnungsweise zu erwarten war, ist eingetreten: die Christlichsozialen haben eine eklatante Niederlage erlitten. Ihre Niederlage wird noch größer, wenn man in Erwägung zieht, daß sämtliche Größen der christlichsozialen Partei durchgefallen sind. Die Städter, sowie alles, was freiheitlich ist, atmen erlöst auf. Auch die Judenheit ist in gehobener Stimmung, obwohl sie von den Deutschfreihcitlichen sehr wenig zu erwarten hat. Die Nachrichten über die ' W a h l e n i n G a l i z i e n , wo jüdisch-nationale- Kandidaten ausgestellt sind, liegen noch nicht vor. In Drohobycz und S e m l a hat es blutige Szenen gegeben, die auf Antisemitismus zurückzuführen sind. Authentisches hierüber läßt sich noch nicht Mitteilen, denn die offiziösen Berichte sind gefärbt. Rußland. Petersburg. Eine größere Anzahl Gemeindevorsteher hatten sich hier versammelt, um in Angelegenheit des im August in Wien stattfindenden jü d i s ch e n E m i g r a t i o n s k o n g r e s se s zn beraten. Interessant sind folgende Einzelheitenaus den Verhandlungen: Der Vorsteher der Kiewcr Gemeinde wies auf die Gleichgültigkeit der großen Masse dem Kongreß gegenüber hin; diese sei gewöhnt, alles den philanthropischen Organisationen („Jca" usw.) zu überlassen, und doch sei es besonders ihre Pflicht, sich ernst mit der Auswanderungsfrage zu beschäftigen. Der Vorsteher von Minsk erzählte, daß die dortigen sogenannten besseren Kreise sich nur wenig für das Los der zur Auswanderung Gezwungenen interessieren. Die Beratung dürfte den Erfolg zeitigen, die russische Judenheit für den Kongreß zu interessieren, denn alle Teilnehmer nehmen die Ueberzeugung von der ungemeinen Wichtigkeit dieses Kongresses gerade für die russische Judenheit mit nach Hause. Palästina. Jaffa. Wie das hiesige jüdische Jnsormationsbnreau mitteilt, bietet die Jca jüdischen 'Ansiedlern, die sich als Kolonisten niederlassen wollen, einige landwirtschaftliche Kenntnisse besitzen und über ein Kapital von 5000 Frs. verfügen, in Metuleh, Sichron-Jakob und Jennna Grund st ü ck e z u m Kauf an. Die Parzellen haben ein Flächenmaß von je 250 Dnnam und können auf 30>—40 jährige Abzahlung . erworben werden. Den Ansiedlern errichtet die Jca auf Wunsch auch ein Wohnhaus und Stallungen. Der Preis beträgt 70 Frs. pro Dunam, für das ganze Grundstück also ca. 17 500 Frs., und wenn noch ein Wohnhaus samt Stallungen erstellt wird, insgesamt 22 500 Frs. Als jährliche Teilzahlungssumme wären von den Kolonisten 6—700 Frs. zu entrichten. Der Barbetrag von 5000 Frs. ist für die Anschaffung von Arbeitsgeräten, Saatgut usw. erforderlich. G Fmillelm. 0 Hymen. Erzählung von Jacob' Levy. (Fortsetzung.) Schwere Tage folgten. Frau Dr. Weil hatte den Mädchen..in liebenswürdigster- Weise. ihre Hilfe angeboten, die " jedoch dankend ab gelehnt wurde. Paula blieb aus dem Geschäft und teilte sich »nt ihrer Schwester in der Pflege .ihrer Mutter. Edgar, ein etwa pierundzwanzigjähriger Jüngling mit rundem Gesicht, das gar nicht zu seinen hohen Redensarten passen wollte, war während des Tages auf der Redaktion der Zeitung Morgenröte und stellte sich nur mit schöner Regelinäßigkeit zu den Mahlzeiten ein. Eines Tages gab er seiner Schwester fünfzig Mark und sagte in bescheiden stolzem Ton: „Das ist das Honorar für einen fulminanten Artikel, der großes Aufsehen erregen wird." Er fand jedoch nicht nötig zu erklären, daß der fulminante Artikel eine feurige, allerdings sehr gut -stilisierte Reklame für ei» neues Wäschemittel war. Der alte Friedmann war zurückgekommen und schwieg sich über seine geschäftlichen Erfolge vorläufig aus. Er saß am Bette seiner Frau, war seinen Töchter» im Weg und ließ jeden Abend einige alte Männer zu sich kommen, mit denen er Schiur lernte. Nach einigen Wochen wurde die Krankheit der Frau Friedmann besser, und der Arzt konnte erklären, daß er seine häufigen Besuche nunmehr einstellen ..würde. Die Familie umringte ihn. Er wandte sich an Paula. ' „Die Genesung Ihrer Mutter wird ihren regelmäßigen, allerdings langsamen Verlauf nehmen. Es ist jedoch notwendig, daß die Patientin sich noch sehr schont und im laommer * einige Wochen in gesunder Gebirgsluft zubringt." Als er sich entfernt hatte, sagte der Vater: „Ich werde mit dem Doktor überlegen, wohin Eure Mutter gehen soll, keinesfalls kann sie allein reisen." Grete meinte: „Lieber Vater, haben wir denn Geld dafür?" Der Vater kratzte sich den Kopf. Edgar brummte etwas Undeutliches von. seinen Aussichten. Da erhob sich Paula.' „Ich will einmal etwas sagen, was ich überlegt habe, und zur Ausführung bringen werde. Es kann so nicht weitergehen, das Einkommen von Vater ist zn unregelmäßig. Ich eröffne ein photographisches Atelier." Ihre Zuhörer sahen sie starr an. Edgar lachte und sagte: ,Mnd, dazu gehört Geld, außerdem kann man sich heutzutage so billig photographieren lassen, daß wohl nichts daran verdient wird." Paula entgegnet«: „Ich habe meinen Chef um Rat gefragt, der billigt nicht nur meinen Plan, sondern leiht mir das nötige Kapital zinsfrei ans unbestimmte Zeit, ich kann es zurückzahlen, wie ich ivill. Und ich beabsichtige nicht, billige Bilder zu liefern, sondern teure, aber künstlerische, wie man sie hier nicht kennt. Ihr lvißt, daß ich die Technik vollkommen beherrsche, und das Künstlerische, nun, ich habe ja auch malen und zeichnen gelernt. Und Dich Edgar, bitte ich, einmal ein Mann zu sein und mich wenigstens zu Beginn meines Unternehmens zu unterstützen." Edgar sprang auf und umfaßte seine Schwester. „Ob ich Dich unterstütze! Du wirst staunen, welche Reklame ich von Stapel lassen werde." Sie lächelte. „Daran halten wir noch nicht. Erst kommt der prosaische Teil, die Einrichtung." Jetzt kam erst der Vater zu Wort. Er sprach kopfschüttelnd: „Kind, Du hast Großes vor. Der alte, vorsichtige Herr Kurz streckt Dir das Kapital vor, irrst Du Dich nicht?" „Nein, Vater. Er kennt mich fünf Jahre lang und hat volles Vertrauen zu mir. önr leiht mir bis zu zehntausend Mark zinsfrei, ich kann sie in beliebigen Raten zurückerstatten." Errötend fuhr sie fort: „Ich darf gar nicht erzählen, wie er mich gelobt hat." „Nun, Kind, ich wünsche Dir Gottes Segen. Selbstverständlich bin ich Dir behilflich, wie ich nur kann." „Ich danke Dir, lieber Vater, aber ich Möchte Dich doch nicht in Anspruch nehinen. Und wie 'ich es beabsichtige, kannst Du mir gar nicht helfen." „Gut, Paula, wie Du ivillst." Gleichen ergriff ihre Hand. „Paula, Du brauchst doch nicht von uns fortzuziehen?" - „Nein, Liebling, ich kann auch Deine Pflege nicht entbehren." Edgar aber rief: „Beginne, aber richtig, elegant, vornehm, schneidig. Du hast ja Mammon genug." III. Frau Doktor Weil wurde eifrige Besucherin des Frauenwohls. Die ersten Mate war es ihr schwer, ihre Lieblinge auf einige Stunden zu verlassen. Als sie aber sah, daß die Kinder von der alten Lina vorzüglich und gewissenhaft besorgt wurden, beruhigte sie sich und wurde nach und nach eine eifrige Frauenrechtlerin. Sie nahm das süße Gift des Beifalls anläßlich einer kleinen Rede in einer Diskussion mit Wonne auf und erzählte ihrem Maim, daß sie unbedingt staatsrechtlichen Unterricht nehmen müsse. „Ich weiß so gar nichts von den Rechten und Pflichten der Volksvertreter in den Parlamenten, und wenn ich die Frauen darüber unterrichten soll, muß ich selbst die Materie vollkommen beherrschen."

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