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Neue jüdische Presse · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Was die Wanderbibliotheken betrifft, so sind wir nicht so unpraktisch und planlos, wie uns der Artikel darstellt. An der Zusaniincnstellung der Bücherlistcn für die Bibliotheken arbeiteten: für die wenigen deutschen Bücher, die wir schickten, eine in Deutschland geborene und erzogene Frau, für die polnischen ein polnischer Schulmann unter Zuhilfenahme des Katalogs einer polnischen Volksbibliothek; für die hebräischen und Jargonschriften ein jüdischer Gelehrter aus Warschau. Die Zusammenstellung scheint dem Geschmack des Landes entsprochen zu haben, denn es sind uns seither schon zwei Gesuche um Ueberlassung von Wanderbibliotheken zugegangen, die wir zurückstellten, denn erstens fehlen uns im Augenblick die Mittel, um sie berücksichtigen zu können, und dann wollen wir abwarten, ob die drei verschickten Bibliotheken auch wirklich wandern. Wir hatten nämlich vor einigen Jahren schon einem Verein in Galizien für 100 JL Bücher geschickt mit dem Ersuchen, uns über die Benutzung usw. Nachricht zu geben und sie gegen Austausch einer andern Serie weiter „wandern" zu lassen, — wir haben aber nie mehr etwas von dem Verein noch von den Büchern gehört. Es erübrigt nur noch, mit einem Wort der Franz-Josefs-Quai-Halluzinativnen zu erwähnen, die dem Artikel eine Art von geheimnisvollem Hintergrund geben. Warum hat man denn nicht bei dem „liebenswürdigen Einsender" des Jahresberichtes in Frankfurt angcfragt, ob der Vorstand des Vereins Weibliche Fürsorge in Wirklichkeit seine Direktion aus Wien und vom Franz- Josefs-Quai bekommt? Wer in Frankfurt lebt und am Vereinslcben Interesse hat, weiß, daß der Verein Weibliche Fürsorge seinen Weg stelbständig geht. Wir haben keine besonderen Beziehungen zu Wiener Vereinen und bedauern das sogar im Interesse der Zusammenarbeit. Zum Schluß unserer Berichtigungen können wir unseren Freunde und Mitglieder nur bitten, uns treu zu bleiben, uns ihr Vertrauen nicht zu entziehen und uns weiter zu helfen, unserer großen und schweren Aufgabe in Osteuropa wie bisher still und bestimmt nachzugehen. Wie schwer sie ist, läßt sich an dem Geist und dem Ton, des in Frage stehenden Artikels ermessen. Hochachtungsvoll der Vorstand des Vereins „Weibliche Fürsorge." Frankfurt a. M., 14. Juni 1911. Anmerkung der Redaktion: Wir schätzen die unermüdliche, selbstlose Tätigkeit der Wcibl. Fürsorge sehr hoch. Trotzdem oder gerade deswegen hielten wir es für unsere Pflicht, einem objektiv gehaltenen Artikel aus Galizien, aufgebaut auf Grundlage des gedruckten Jahresberichts der Weiblichen Fürsorge über deren Wirken in Galizien, nicht die Aufnahme zu versagen; besonders, da der Verfasser durch seine glänzend geschrieene Broschüre gegen Theodor Lessing als ein scharfer, aber gerecht und sachlich denkender Kritiker bekannt geworden ist. Aus aller Wett.' Deutsches Reich. Berlin. Schneller als Zangwills „Jto", die wenigstens noch im engen Rahmen gewisse Aufgaben ausführt, ist die ,M. I. K.-O" auf den toten Punkt gelangt. Dr. Ginsberg, der Vorsitzende der „A. I. K.- O." (Allg. Jüd. Kolonisations-Organisation), hat sein Amt niedcrgclegt, nachdem Dr. N o s s i g s, des Gründers und Geschäftsführers der Organisation, Bemühungen, für die geplante Parzellicrungsbank Geld zu bekommen fruchtlos ausgefallen sind. Ob die gegenwärtige Krise, die eigentlich keine Krise, sondern, ein Versagen aller Bemühungen, die Organisation aktionsfähig zu machen, ist, überwunden wird, dürfte sehr bezweifelt werden. Bei „Jto" und „A. I. K.-O." dieselbe Lehre: eine Organisation, die sich nicht auf der Masse, sondern auf die Gnade der Plutokratie hin aufbauen will, ist nicht lebensfähig. Berlin. Bei den jüngsten Alliancewahlen erhielt von 7090 bei dem deutschen Büro eingegangenen Stimmen die x Liste der deutschen Konserenzge- Meinschast 6024 Stimmen. In Marburg, wo Geheimyat Cohen für Reinach eintuat, entfiel nur 1 Stimme auf diesen und in Leipzig, dessen Rabbiner Porges gegen die Erklärung der deutschen Konferenzgemeinschaft einen Protest erließ, entfielen von 90 Stimmen keine 10 auf Reinach Auch Hol l a n d, Schweiz und Rumänien dürften durchwegs den Namen Reinachs von der Liste gestrichen haben. In Oesterreich-Ungarn und England sind ja bekanntlich Sonderorganisationen und daher keine Alliancemitglieder. Interessant ist, daß bei allen bisherigen Alliancewahlen das Maximum der abgegebenen Stimmen etwa 5000 war, und diesmal Frankfurter Israelitisches Familienblatt. hat Deutschland allein 7000 aufgebracht. Die Alliance hat etwa 22 000 Mitglieder. Hannover. Kürzlich fand eine Aufs ichtsrats-Sitzung der Land- und Lehrguts-Gesellschaft statt, der bekannten Gründung der Alexander und Fannh Simon'schen Stiftung, die junge Jsraelllen zur Landwirtschaft ausbildet und zu diesem Zweck das Lehrgut Steinhorst bei Celle (Provinz Hannover) betreibt. Von Aufsichtsrats-Mitgliedern, die der Verwaltung der Simon'schen Stiftung nicht angchören, waren anwesend Rittergutspächtcr Dohrn, Prof. Marburg -Berlin und Rentier Brandt- Berlin. Der Geschäftsführer, Dr. Katz-Hannover, berichtete über den Stand des Unternehmens. Es wurde beschlossen, für den Neubau des Lehrlingshauses, welches noch 'vor Wi.itcr bezogen werden soll, 40000 JL zu bewilligen. Der Neubau des Wirtschaftshofcs wird in etwa zwei Monaten zu Ende geführt sein. In Verbindung mit den neuen Gebäuden kommen auch wiederum verschiedene neue Maschinen zur Aufstellung, sodaß Steinhorst in jeder Hinsicht die Ausgaben eines modernen Lehrgutcs erfüllen kan». Auf dem Gebiet der M o o r k u l t u r, für das seit der letzten Kaiserrebe großes Interesse herrscht, ist bekanntlich die Gesellschaft schon seit Beginn ihres Arbeitens tätig, und cs gelangt 1911 ein beträchtlicher Teil unseres Moores zur endgültigen Fertigstellung. Die diesjährigen Aufforstungsarbciten sind gut gelungen. Die Felder standen im ersten Frühjähr prächtig, leiden aber jetzt, wie die ganze Gegend, unter der furchtbaren .Dürre, sodaß hieraus leider unserer Gesellschaft erhebliche Verluste erwachsen. — Ueber die Ausbildung der Lehrlinge herrschte allerseits große Zufriedenheit. Es ist eine Freude zu sehen, wie die jüdischen Knaben und Jünglinge, die größtenteils Städten entstammen, unter dem Einfluß des gesunden Milieus und der landwirtschaftlichen Tätigkeit. an Kraft, Geschicklichkeit und Persönlichkeit gewinnen. Der erste ausgcbildete Lehrling wurde in diesem Frühjahr entlassen und fand Stellung bei einem süddeutschen Landwirt. N e u a u f n a h M en von Lehrlingen finden zunr Herbst statt. Es können dann, nach Vollendung des neuen Lehrlingshauses, noch acht junge Leute Stellung finden. Bekanntlich schließt die Gesellschaft mehrjährige Verträge ab, in denen sie sich zur Erteilung einer guten landwirtschaftlichen praktischen und allgemeinen Ausbildung verpflichtet, ebenso zur Aufnahme der Lehrlinge in den Haushalt. Die dagegen von den Eltern der Lehrlinge zu leistende Vergütung wird im Einzclfallc festgesetzt. —i Für Lehtlingszwecke in Steinhorst hat der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands für 1911/12 wiederum 3000 JL bewilligt. — Anmeldungen von Lehrlingen sind zu richten an die Alexander und Fanny Simon'schc Stiftung. Hannover, Hansahaus. Oesterreich-Ungar». Wien. Das Resultat der Dienstag stattgehabten R e i ch s r a t s w -a h l e n ist die Niederlage der Christlich-Sozialen. Von den jüdischen Abgeordneten ist nur Dr. Straucher iM ersten Mahlgang wiederg e w/i h l t worden. Luzian Brunner kommt in Suczanm in Stich Mahl mit dem christlichsozialen Gruschha- I» der Wiener Leopoldstadt erhielt der zionistische Zählkandidat Stricker 729 Stimmen. Budapest. Das Kapital von 4»/« . Millionen Kronen des Ungar. Israelit. Schulfonds bringt 1Ä0 250 Kr. Zinsen, zu welchem Betrag noch jährlich 60 000 Kr. vom Staate kommen. Von diesen 240 000 Kr. erhält nun die Orthodoxie 14 000 Kronen für ihre Zcntralkanzlei und 10000 Kr. für Schulen und den gesamten Rest die Neologie. Diese schreiende Ungerechtigkeit besteht bereits seit 40 Jahren, — und dabei mußte es nach der finanziellen Leistungsfähigkeit eher umgekehrt sein. — Der Oberstuhlrichtcr des Bezirkes Mäd hat sich auf Grund des Gesctzartikcls 40 von 1879, wonach er das Recht hat, Arbeitslose als Vagabunden auszuweiscn, ein unglaub liches Stückchen geleistet. Er hat nämlich 42 Schüler der Ieschiwah in Mäd wegen Mangels an Existenzmitteln aus dem Bezirke ausgewiesen. Es ist natürlich sofort der Beschwerdeweg beschritten worden. — Der Vorfall weist aber wieder einmal auf die trostlose Lage huirderter Jeschiwah- Schüler hin, eine Schmach für die Orthodoxie Ungarns. Ezernotvitz. Am 7. Juni traten die jüdischen Land tag sab geordneten — cs sind zehn — zu einer Konferenz zusammen, in der zur Bildung des jüdischen Klubs und den damit zusammenhängenden Fragen endgiltig Stellung genommen werden sollte. Die Beratung hatte im wesentlichen das folgende Ergebnis: Sämtliche jüdische Landtagsabgeordnete verpflichten sich rückhaltlos, dem Klub Nr. 24. beizutreten. Professor Kellner tritt von der Reichsratskandidatur in Czernowitz-Ost — dem Wahlbezirk Dr. Strauchers — zurück. Das jüdische Landcsausschußmandat wird von Dr. Wender (Ersatzmann Dr. Straucher) besetzt. Großbritannien. London. Im Ostend fand eine große Protest Versammlung gegen das Sonntagsruhe-Gesetz statt, das, wenn cs von dem Parlament in seiner jetzigen Form angenommen würde, den Juden die Beobachtung des Sabbats sehr erschweren würde. Es wurde einstimmig die folgende Resolution gefaßt: „Wir, die jüdischen Geistlichen verschiedener Distrikte Londons, haben uns mit jüdischen Kauf-- lcuten in der Philpot - strect - Synagoge versammelt und stimmen alle darin überein, daß das Sonntagsruhe-Gesetz den jüdischen Kpufleuten, die den Samstsag beobachten, große Schädigungen schaffen, sowie die religiösen Gefühle der gesamten jüdischen Bevölkerung beleidigen wird. Wir hoffen, daß die Regierung solche. Aendcrungen machen wird, d(aß weder die Listen; noch die Religion der Juden leiden wird. Rußland. Petersburg. Infolge Beschlusses der heiligen Synode hat das Ministerium den Kronrabbinern mitgeteilt, daß Juden keine christlichen Namen tragen dürfen. Es wird interessant sein, zu hören, was christliche und was jüdische Namen sind. — Rabbiner L. Zirelsohn- Kischinew hat einen Protest der Rabbiner Rußlands gegen die Blutbeschuldigüng veröffentlicht, der 310 Unterschriften trägt. Warschau. Wie verlautet, wird der Gerer Rebbe, Rabbi Awrohom Mordechai, nach Palästina fahren, um sich persönlich über die Verteilung der Chalukah zu informieren. Die Herren Jakob Wojdislawski, Moses Ahron Wiener-Lodz) Leiser Minz und Mendel Rosenstrauch-Warschau werden ihn begleiten. Palästina. Jerusalem. Recht Beh und Said Veh, die beiden Abgeordneten Jerusalems, erhielten von einer Reihe angesehener arabischer Wähler Zuschriften und Telegramme, die gegen ihre judenfeindlichen Reden im Parlament protestieren, den großen Nutzen der jüdischen Kolonisation hervorheben und es als sehr unheilvoll bezeichnen, wenn die jüdischen Ansiedlungen in Palästina durch antisemitische Umtriebe in ihrer Entwicklung gehemmt werden sollten. — Aus Haifa wird gemeldet: Vor einigen Wochen wurde in der Nähe einer jüdischen Kolonie ein Wächter erschossen und bald darauf ein alter Kolonist schwer verwundet. Am 25. Mai überfielen wiederuin 10 Fellachen einen Wächter der Kolonie Phule und schossen mehrmals auf ihn. Der Ueberfallene verteidigte sich und traf mit einem Revolverschuß einen seiner Angreifer. Die Polizei aus Nazareth und Haifa intervenierte sofort, -um den in solchen Fällen gewöhnlich ausbrechenden Streit zwischen den Nachbardörfern zu verhindern. — Radikale Abhilfe wird jedoch nur .dann geschaffen werden können, wenn der gefährlichen provokatorischen Arbeit und der Verhetzung der einheimischen Bevölkerung gegen die Europäer ein Ende gemacht wird. Hoffentlich gelingt dies der Regierung, die doch das ernste Bestreben hat, Ruhe und Frieden im Lande aufrecht zu erhalten. Amerika. New-Nork. Die Nachricht, daß Rußland die . Paßbeschränkuugen gegen amerikanische Judew, .. die Rußland zu - geschäftlichen -Zwecken besuchen, aufgehoben hat, wird, vom Staatsdepartement in Washington dementiert. Montreal (Kanada). Die Regierung hat wtedemm verfügt, daß das Gesetz, bas Asiaten die Einwanderung verbietet, auch aus Juden seine Anwendung findet, da diese.— aus Asien stammen. G 4MMm. © Hymen. Erzählung von Jacob Levy. U. Der Arzt erhob sich; und mit einem bedauernden Blick auf den gemütlichen Tisch begab er sich in sein Zimmer. Dort stand ein etwa fünfundzwanzigjähriges Mädchen, das lebhaft auf ihn zuschritt. „Ach Herr Doktor, ich muß Sie bitten.

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