Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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«r. 24 Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. rüstet, jüdischer zu werden, und darum nicht mehr gewillt ist, den assimilatorischen Tendenzen ihrer Führer blindlings zu folgen. Ties ist die große Lehre, die wir der Tagung entnehmen sollten, wir nicht so sehr — wir wußten es seit langem — als die Leitung des D. I. G. B. Die wichtigste Frage, die sich aus der Tggung ergibt, ist die nach der Haltung und weiteren Tätigkeit d er Leiter de s Bundes. Tie Geschichte — pflegt man oft zu sagen — ist die Lehrmeistcrin der Menschen! „Aber nur der Klugen" Pflegte der große C a r l y l e 1 stets hinzuzusetzen. Wenn die Leiter des T. I. G. B. zu diesen Klugen zählen wollen, dann sollten sie die Lehre, die chnen die Tagung erteilt, beachten. Bisher haben sie das Umgekehrte getan; haben geglaubt, sich darüber hinwegsetzcn und eigenmächtig das Los der deutschen Judenhiet bestimmen zu können. Und auch jetzt hat es noch den Anschein, als ob sie nicht von dieser Haltung abkommen wällten. Was bedeutete sonst die ErUärung der Vertreter der Großgemeinden auf der Tagung, daß diese im Falle der Ablehnung des Entwurfes aus dem T. I. G. B. ltuszutreten gedenken? Zollten die Großgemeinden dies wirklich tun, dann würden 'sie die Haltung schmollender Bübchen einnehmen, die böse in der Ecke zürnen, wenn man ihre Launen nicht befriedigt. Wir würden natürlich einen solchen Austritt auf tas lebhafteste bedauern; aber es war falsch kalkuliert, wenn man rechnete, durch diese Trohung die Haltung der Gegner des Entwurfs auf dem Gemeindetag umzuändern. Auch ihnen würde es leid tun, wenn die Großgemeinden schmollend zur Seite treten wollten. Aber das Interesse der jüdischen Gesamtheit ist viel zu heilig, als daß sie um dieser Drohung willen dem Entwürfe hätten zustimmen können. Endlich aber mögen dach die Letter der Großgemeinden bedenken, daß ein solcher Austritt ihnen ebenso schaden würde wie den lleinen Gemeinden, ja noch mehr. Tenn für die kleinen Gemeinden würde es nur einen, materiellen Schaden bedeuten, den man leicht wieder gut machen kann, für sie selbst würde es eine schwere moralische Diskreditierung sein. Nun, wir hoffen auch, daß die Trohung nur Drohung bleibt. Wir können es verstehen, daß dje Letter des D. I. G. B., die ja eben auch die Letter der Großgemeinden sind, ttl einer Stunde der Verbitterung und der Gereiztheit sich zu einer solchen Erllärung haben hinreißen lassen. Wenn sie sich die Angelegenheit ruhig überlegen werden, dann werden sie selbst das Törichte -und Gefährliche eines solchen Schrittes erkennen. Und — last not least — wird denn nicht ihr jüdisches Gewissen ihnen das Unerhörte eines etwaigen Austritts vor Augen führen? Wäre es darum nicht für die Leiter des T. I. G. B. besser, sowohl für die jüdische Gesamtheit wie für sie selbst, wäre es nicht edler, vornehmer, feiner und nicht auch llüger, lieber das Unrechte ihres bisherigen Verhaltens cinzusehen und anstatt ohnmächtig gegen die Sttömung zu kämpfen, freudig und siegesbewußt sich ihr anzuschließen? . . . * 2. Begriffsverwirrung. Es gäbe für den Ergründer der menschlichen Seele als auch den Erforscher des sozialen Lebens keine interessantere Aufgabe, als cinnial jene Untersuchung durchzuführen, die ihre Ergebnisse in einem Werke niederlegen würde, das den Tüel führen müßte: „Die B egriffs» erwirrung des Judentums des 19. und 20. Jahrhunderts". Es würden hei einer solchen Untersuchung Resultate zutage kommen, wie sie überraschender und interessanter gar nicht sein könnten. Bor allem Wörde man die unglaubliche Taffache wahrnehmen, daß dieselben Menschen, die sonst im Leben zu den iittelligentesten und klarsten Köpfen zählen, alle Fähigkeit zu logischer Überlegung unb klarem Nachdenken verlieren, sowie es sich um jüdische Tinge handelt, eine Erscheinung, die wie ein Räffel erscheinen muß. Man hat ja zmar beretts erkannt, daß Menschen ein seelisches Toppelleben führen können; man hat aber noch nie gehört, daß 'Menschen auch ein geistiges Toppelleben zu leben imstande sind. Vielleicht würde das Beispiel des westeuropäischen Judentums auch diese Möglichkeit beweisen. Wie dem auch sei, wir beabsichtigen nicht, heute allgemeine Deduktionen über diese Begriffsverwirrung anzustellen, sondern ein markantes, bezeichnendes Beispiel für sie anzuführen, ein Beispiel, das uns die Erörterung über die vor einigen Tagen in Berlin stattgefundene Rabbinerkonferenz bietet. Im Mittelpunkt der Tagesordnung der Konferenz stand die Frage des sogenannten Be-to s der Rabbiner. Es handelt sich um das Recht des Rabbiners, in religiösen Fragen in ihren Gemeinden das Vetorecht gegen etivaige Beschlüsse des Vorstandes zu besitzen. Tie gesetzestteuen und auch manche liberale Rabbiner nehmen dieses Recht für sich ttl Anspruch, die Leitung des D. I. G. B. weigerte sich, dieses Recht in ihren Bestimmungen anzucrkennen. So war die Sachlage schon vor zwei Jahren. Inzwischen hatte eine Kommission einen Kompromißantrag ausgearbeitet, der den Rabbmern einige Zugeständnisse macht, im übrigen aber das Bestimmungsrecht in religiösen Dingen der Gemeinde, d. h. dem Borstande zuerkennt. Tie Rabbinerkonfercnz hatte zu diesem Kompromiß Stellung zu nehmen; sie tat es, indem sie mit 47 gegen 32 Stimmen sich für die volle Beanspruchung des Vetorechtes erklärte. Schon vorher gingen in der Presse lebhafte Erörterungen über diese Frage voraus, die eben von der Begriffsverwirrung ein schlagendes Beispiel liefern. Die ganze Frage wurde zu einen! Kampfe zwischen der „jüdischen Geistlichkeit" und der weltlichen Tcmokratie aufgebauscht, also ein richtiger Kampf zwischen Staat und Kirche in Miniatur. Viel Tinte wurde über diesen Kampf vergossen, viele Gemüter gingen in Erregung, manches-Wort wurde geredet, und niemand mertte das Unsinnige, das Lächerliche in der ganzen Sache. Tie Rabbiner sind zu der jüdischen Geistlichkeit geworden, die ftir den Klerikalismus kämpft! Allerdings, ttefer konnte das Rabbinertum in Teuffchland nie sinken, als indem es mit der klerikalen Geistlichkeit identifiziert wurde! Teuffche Rabbiner! Wenn wir an das Wort denken, dann ziehl das ganze Bild des jüdischen Verfalls im letzten Jahrhundert an uns vorbei. Wo sind die Zeiten, da der Rabbiner nicht Theologe war, sondern Priester, nicht Prediger, sondern Berater, nicht Seelsorger, sondern Lehrer, nicht Beamter, sondern Führet! Was war der Rabbiner einst, was ist er heute! Alles hat man chm ja genommen; politisch hat er nichts zu sagen, sozial hat er nichts zu bestimmen,.um die Verwaltung darf er sich nicht kümmern, die Vertretung der Gemeinde besorgen andere, und geblieben ist ihm nur das einzige religiöse Gebiet. Und da kommen sie nun und wollen ihm auch dies nehmen. Ja, wenn der Rabbiner religiös nichts mehr zu bestimmen hat, was soll dann seine Aufgabe sein? Wenn er auch religiös sich dem Willen seiner „Vorgesetzten" fügen muß, auch religiös nur „Beamter" des Vorstandes ist, ja dann, dann ist alles schließlich nur Komödie, nur Karrikatur, nur Farce. Und man wirft es den Rabbinern vor, daß sie für ihr Vetorecht kämpfen! Wirft ihnen vor, daß sie wenigstens noch einige Selbständigkeit wahren wollen, daß sie, die einst in allem Führer waren, nun noch auf ihrem ureigensten Gebiet Selbstbestimmer bleiben wollen! Tics ist nicht eine „Geistlichkeit", die für den Klerikalismus kämpft, denn das Judentum kennt keine „Geistlichkeit", kennt sie nicht, weil cs gar nicht das ist, was man gewöhnlich Religion zu nennen pflegt. Wehe chm und wehe den Rabbinen, wenn sie zu „Geistlichen" würden! Man kann gar nicht höher die „Begriffsverwirrung" steigern, kann gar. nicht krasser die völlige Unkenntnis des Judentums bekunden, als indem mau die Rabbiner zu „Geistlichen" werden läßt und ihrem Kampfe um ihr Vetorecht den Anschein eines Eintretens für den Klerikalismus gibt. ' Nun, die Majorität des deutschen Räbbinertums hat die Kraft und den Mut besessen, arr ihrem unveräußerlichen Rechte festzuhalten und den Kampf fortführen zu wollen. Ties ist für die Majorität ebenso rühmlich, wie es für die Mttrorität unschön ist, ihr Recht feig aufgeven zu wollen. Wir hoffen bestimmt, daß vie Rabbiner in dem Kampfe um ihr Recht siegen werden; hoffen es nicht nur in ihrem Interesse, sondern in dem des Judentums. Denn wird ihnen noch dieses letzte Recht genommen, so würde dies ihren endgültigen Fall bedeuten, würde für alle Zukunft ihnen die Möglichkeit nehmen, das Rabbinertum in Teuffchland wieder zu heben und zu regenerieren. «r 3. Das Schicksal Judas und seiner Kulturgüter. Wir Juden, das Pariavolk der Menschheit, denen die Geschichte sonst nur Grund zum Klagen und Weinen gibt, wir Juden haben nur einen Trost; nur eine Freude Mietet uns die Geschichte: wenn wir sehen, wie unsere ideellen Güter immer mehr und mehr zum eisernen Besitz der gesamten Menschheit werden. Uns selbst verfolgt und bedrückt man, uns beschimpft, beschmutzt, vergewaltigt und mordet man, aber unsere Ideen akzeptiert man, nolens volens, denn ohne sie ist aller Fortschritt unmöglich. Wir wollen nicht etwa in jenen Gedankengang so vieler unserer „mosaischen Glaubensgenossen" verfallen, wollen unsere Leser gar nicht etwa in' die sentimentale Stimmung missionspredigender, alle Welt an die Brust drückenoer israelitischer Kosmopoliten versetzen; aber mir glauben, daß auch der stolze, nationalgesinnte Jude sich freuen darf, wenn er sieht,- wie jüdische Ideale Siege erringen. : ' In Frankfurt a. M. wurde diese Woche ein „Verband für internationale Verst ä n d i g un g" gegründet, dem hervorragende Männer ans verschiedenen Kreiseir und Lagern angehören. Diese Gründung ist nicht eine vereinzelte Episode, sondern nur ein Symptom jener großen Bewegung, die nach und nach die ganze zivilisierte Menschheit erfaßt und die Herbeiführung des ewigen Friedens zu ihrem Ideale erhebt. Ewiger Friede! Welchem jüdischen Ohre klingt dieses Wort nicht vertraut? Wessen Juden Gedanken schweifen nicht zu jenen großen Idealisten der Vergangenheit, zu einem Amos, Jesaia, Jeremia, zu jenen großen Juden, die dieses Ideal der Welt verkündeten zu einer Zett, da der Gedanke eines ewigen Friedens, beit größten unter den Menschen unfaßbar erschien? Was heute erst die Kulturmenschheit nach und nach begreift, unsere Propheten sprachen davon vor 3000 Jahren. Es liegt etwas Gewaltiges, etwas Erhebendes und Befreiendes in dieser Tatsache. Und dieses ist kein Ausnahmefall, es ist das Charakteristikum unserer Kultur und unseres Geistes. Was wir der Welt gaben, waren nicht ästhetische Schnörkel, äußere Moden/ gesellschaftliche Feinheiten,' waren auch nicht gefühlsmäßige Schwärmereien und schönheitsdurstige Phantasien, über die das Rad der Zeit bald hinwcggcht, sondern es waren absolute Werte, ewige Ideale, unzerstörbare Ideen. Was Judäas Geist geschaffen hat, trägt den Stempel des Absoluten an sich. Ist cs nicht ein Gigantenvolk, das solches schuf? Freilich, die heute unsere Ideale akzeptieren, wollen es n i ch t wissen, daß sie von uns empfangen, geben es meist als das Ihrige aus. Tics ist nuii einmal unser Schicksal bisher gewesen. Physisch geknechtet, moralisch vergewaltigt und g e i st i g bestohlen. Mer geistiger Diebstahl ist eben eigentlich unmöglich. Ter Dieb allerdings erlangt es, aber der Besitzer verliert es nicht. Weil die anderen unsere Ideale