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Neue jüdische Presse · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ 4 ♦ . j- ~ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Viertelsahr:. In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert, im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4——_______———» KedaKttsn und chefchLftsstelle: ' Frankfurt a. M.. fltritSe 7 15 efefon 10507. H»em«sgever: SalL cheis. Jnfertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. uMer Ro. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 29. Siwan 5671 (16. Juni 1911). Nr. 24. Inhalt LeS HauptblatteS. Attikel: Deutsch-israelitischer Gemeindetag. — Ausden Ereigniffen des Tages: 1. Zeichen der Zeit; st. Begriffsverwirrung; 3. Das Schicksal Judas und seiner Kulturträger. — Generalversammlung des .istabbinerverbandes in Deutschland. — Zu dem Artikel: Die Tätigkeit der Frankfurter „Weiblichen Fürsorge'" in Galizien. — Aus aller Well. — Feuilleton: Hymem — Wochen-Kalender. — Familienn ach richten. Deutsch-israelitischer Gemeindetag. Ter XII. deutsch-isarelitische Gemeindetag — er tagte unter Cent Vorsitze Sanitätsrats Tr. 2 ttrN- Berlin bei Anwesenheit von etwa 300 Mandatsiiihabern, die über 800 Stimmen oci> traten — hat die Anträge des Ausschusses des T. I. G. B. in den Orkus versenkt, von wo aus sie. hoffentlich nimmer wieder anftauchen werden. Der Äusschuß, der befürchten mußte, für seine Anträge nicht einmal die einfache Majorität zu erlangen, zog es vor, es überhaupt nicht .z u r Ab st im in u n g ko m men zu lasse n, sondern beantragte Vertagung unter lleberweisung des Entwurfes an eine 15gliederigc Kommission. Die Versammlung zeigte.ihr Mitgefühl für die Schmerzendes Ausschusses, indem sie diesen.. Anträge mit 470 gegen •326. Stimmen annahm und so deur Entivurf ein ehrenhaftes Begräbnis gewährte. Tie Debatte bot einige interessante Momente. Eröffnet wurde sie durch den Reigen der Vertreter der Großgenreinden, die offen oder versteckt für den Fall der Zlblehnung der Satzungsänderung mit ihrem Austritt drächten. Tie Herren werden über den geringen Eindruck, den ihre Drohung auf die Opposition machte, etwas erstaunt gewesen sein. Die, Redner der Opposition, die Herren Dr. Friedmann-Glogau, Dr. Klee-Berlin und M. dl. L o c b - Frankfurt begnügten sich damit, diesen Einschüchterungsversuch fcstzunageln, und Herr M. A. Loeb benutzte die Gelegenheit, einmal die großen Opfer, die angeblich die G r o ß g e m c i n d e n in dem Gcmeindcbund für die K l e i n g e m c i n d e n bringen, ziffernmäßig f estzust ell eu,. Er enthüllte der staunenden Welt, daß der Gemeindcbund für die Kleingemeinden volle Mk. 20,000 aufwcndc, wovon diese selbst durch ihre Beiträge Mk. 10,000 aufbrächten. Er zeigte ferner, daß die „ungeheuren" Opfer der Großgemeinde Berlin in einem Beitrag von ganzen Mk. 12,000 beständen, wogegen der Gemeindebund aber allein mehr für das Archiv der Juden und ähnliche Aufgaben ausgäbe, welche Ausgaben zu bestreiten bei Nichtbestehen des Bundes Ehrenpflicht der Gemeinde Berlin wäre. _ Auch die Begründung, daß das demokrat i sch e P r i n zi p die Satzungsänderung fordere, wurde von den oben erwähnten Herren in die rechte Beleuchtung gerückt.. Herr Dr. Klee wies darauf hin, daß erst die Gemeindevertretungen selbst auf demokratischer Grundlage gewählt werden müßten, da. sonst dieselben. Kliquen, die heute in den großen Gemeinden die Macht in Händen hätten, den Gemeindebund beherrschen würden. Und Herr M. A. Loeb fragte mit Recht, ob das demokratische Prinzip vielleicht darin bestünde, daß sämtliche Stimmen, die z. B. der Gemeinde Frankfurt znstündeu, von einem einzigen, natürlich liberalen Herrn vertreten würden und so die kolossale konservative Minderheit unvertretcn bliebe? Ein besonders eifriger Verteidiger erstand dem Ausschuß in Herrn Landtagsabgeordneten Tr. Cohn- Dessau, aberder- Ausschuß wird bei dieses Herrn Rede wohl gedacht haben: „Gott behüte mich vor meinen Freunden". Dieser Herr, dessen provozierendes und anmaßendes Auftreten in umgekehrtem Verhältnis zu dem geistigen Gehalt seiner Rede stand, legte nämlich die wahren Beweggründe, die den Ausschuß zu seinen Anträgen veranlaßt haben, offen, inccm er zugab, daß cs sich um, eine reine Machtfrage, sowie darum handle, die bösen Zionisten und „Hyperorthodoxen" herauszudrängcn. Große Heiterkeit erregte der Herr mit seiner Behauptung, daß alles geistige Leben im Judentum sich bei den Liberalen befände, und ohne die Liberalen das Judentum geistig tot mim. Diesem so anmaßend auftretenden Herrn Landtagsabgcordneteu mußte es auch passieren, daß er einen hübschen Reinfall erlebte. Ilm zu illustrieren, wie notwendig die Aenderung des § 13 wäre, erzählte er, wie sich auch so ein Hyperorthodoxer.das Mandat der Gemeinde Ballenstedt erschlichen habe, und wie die Gemeinde auf die Aufforderung der Gemeinde Dessau hin, ihr das Mandat zu übertragen, sofort dem betr. Herrn das Mandat entzogen habe. Ter betreffende Herr war nun zum Pech des Herrn- Abgeordneten Herr M. A. Loeb, und dieser konnte zum Gaudium der Zuhörer einen Briefvorleseu, in dem die Gemeinde Ballenstedt ihn um Rückgabe des Mandates bat, weil die Gemeinde Dessau um das Mandat gebeten habe und sie, da sie von der Cohn-Oppenheimscheu Stiftung ° abhängig sei, die Aufsordcriing Dessaus nicht, abschlägig bescheiden könnte, wenngleich eine Vertretung durch Herrn Loeb mehr ihren Intentionen entspräche. Herr Tr. Cohn glaubte sich mit der billigen Bemerkung aus der Affäre ziehen zu können, daß er Herrn Loeb um das Vertrauen der Gemeinde Ballenstedt nicht beneide. . Ter Gemeindetag hat gezeigt, daß es sich in der deutschen Judenhcit mächtig regt. Bor zehn Jahren wäre ein solcher Gemeindetag nicht denkbar gewesen; damals konnten die Herren „oben" alles machen; — heute aber ist zu einschneidenden Aenderungen die Zustimmung der breiten Massen, die, wie der Gemeindetag bewiesen, in den traditionell und in den national Gesinnten ihre Freunde sehen, notwendig, und Schreckworte wie „Zionisten" und ,„Hyperorthodoxe" vermögen nichts mehr auszurichten. Will diie liberale Jud'enheit die Macht behalten, muß sie zum mindesten jüdischnation.nl werden. Aus den Ereigniffen -es Tages. 1. Zeichen der Zeit. „Tempora mutautur" . . . wird wohl mancher „Führer" der deutschen Judenheit sich seufzend gesagt haben, als er die Stätte verließ, an der der T eutsch-Israelitisch e Gellt eindebund seine 12. Tagung abgehalten hatte. Tempora mutantur wird wohl die Leitung des D. I. G. B. empört ausgerufen haben, als sie den 12. Gemeindetag mit einem kläglichen Fiasko geschlossen hatte. Und sie wird wahr gesprochen haben. Ja, die Zeiten haben sich geändert, gewaltig geändert. Was vor 20 Jahren noch Spielerei war, ist heute unmöglich. Tie moderne Judenheit ist in Wandlung begriffen. Sie macht einen Regenerations- Prozeß durch. Ein solcher Prozeß läuft nicht ohne Schmerzen ab für manche. In erster Linie für unsere liberalen Führer. Die Assimilation hat in den letzten Tagen zwei Niederlagen erhalten, die moralischen Todesstößen gleichkommen. Am 4. Juni die Wahlen in der Alliance, am 11. Juni die Tagung des T. I. G. B. Tie Wahlen der Alliance haben die französische Assimilation moralisch vernichtet. Die Tagung des D. I. G. B. hat der bei weitem jüdischeren deutschen Assimilation eine schwere Niederlage gebracht. Wie unsere Leser dem Berichte entnehmen können, hat der 12. Gemeinndctag mit einer völligen Niederlage der Leitung des T. I. G. B. geendet. Ihre vorgeschlagene Satzungsänderung ist zwar nicht direkt abgelehnt worden, weil die Leitung es nicht zur dlbstimmung kommen ließ, sondern ist einer Kommission überwiesen worden und hat damit — wie der Korrespondent der „Franks. Ztg." treffend bemerkt — ein „Begräbnis erster Klasse" gefunden. Auch in den anderen Beschlüssen, so in der Annahme des Antrags L o eb-Frankfurt betreffs Schließung des Büros des D. I- G- B. am Sabbat, hat die Opposition gesiegt. - So ist denn der geplante Gewaltstreich glücklich — über alles Erwarten glücklich — verhindert worden. Hierfür gebührt all denen, die sich darum eifrig bemüht haben, gebührt den Wortführern der Opposition — in erster Linie Justizrat Friedmann-Glogau, Tr. Klee- Berlin und M. A.. Loeb- Frankfurt — der warme Tank der gesamten, deutschen Judenheit. Tic Ueberweisung des Entwurfes an eine Kommission bedeutet, wie gesagt, ein schonendes Begräbnis und wird keine weiteren Folgen haben. Somit wäre die Sache erledigt? . Nicht doch! Zeitereignisse sind oft von größerer Bedeutung der Lehren wegen, die sie erteilen, als der eigentlichen Folgen, die sie nach sich ziehen. Auch die Tagung des D. I. G. B. zählt zu diesen Zeitereignissen. Sie hat unwiderleglich bewiesen, daß die deutsche Judenheit sich

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