Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692739--06236-2701220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28. Deik 3. Mra«kssrkr ZKvaeWWeS tzaMienNM. stchcii. Dies wärdi im letzten Jahre anders. In Amerika wurde das Parlament Lenwkratisch, es kamen noch andere Gründe hinzu, und der Kongreß beschloß, die Regierung zu ersuchen, den Vertrag mit Rußland zu lösen, falls das Verbot bestehen bliebe. Die russische Regierung sah, daß cs ernst wird, überzeugte sich, daß der Antisemitismus diesmal nicht in ihrem Interesse liege und ließ das Verbot fallen. Nun können amerikanische Juden Rußland, betreten, und da cs amerikanischen gestattet ist, wird Rußland sich bald dazu bequemen nüissen, dieses Recht auch den deutschen, österreichischen und englischen Juden zuzugestehen, vorausgesetzt, daß die betreffenden Regierungen mit genügender Energie darauf bestehen und die russische Regierung auch hier zur Ueberzeugung gelangt, daß in diesem Falle der Antisemitismus unwhnend ist. So bedeutet die Aufhebung des Verbotes für uns zweifelsohne einen Erfolg, über den wir uns freuen dürfen. Aber die Freude wird stark getrübt, wenn man bedenkt, welchen Händen das Los der russischen Judenheit anvertraut ist, wenn Man sieht, . daß ihr Schicksal von dem Interesse. einer Anzahl von Menschen abhängt, denen Recht und Sittlichkeit unbekannte Begriffe sind. Was bedeutet dieser furchtbaren Erkenntnis gegenüber der kleine, für unser Volksleben unbedeutende Erfolg? Nichts als ein Pünktchen Licht in einer grenzenlosen Finsternis, ein Pünktchen Licht, das die trostlose Nacht noch deutlicher empfinden läßt! * S. „Anormalitäten". In unserer Stadt tagte vergangenen Montag der „B und der g e s e tz e s t r e u e n j ü d is ch e n Lehrer Deutschland s". Man dürfte ein freudiges Gefühl empfinden beim Anblick einer stattlichen Zahl von Männern, die stets bestrebt sind, für die Verbreitung jüdischen Wissens und die Stärkung jüdischen Gefühls zu wirken. Und doch berührte die Tagung den denkenden Betrachter, dessen Horizont nicht von engen Parteiinteressen eingeengt ist, der einest Blick hat für die ganze große jüdische Gesamtheit, mit einer gewissen Traurigkeit. Wir sind nicht die einzigen, die dieses Gefühl empfanden; uns dünkt, auch viele auf der Tagung selbst haben es gefühlt,' und es war der Vertreter des Vorstandes der Israel. Religionsgesellschaft selbst, der diesem Gefühl Ausdruck verlieh, indem er in seiner Begrüßung sagte: Sowohl die Israel. Retigiousg esellschaft wie auch der Buiid gesetzestreuer Lehrer sind beide Anormalitäten. In der Tat, cs sind anormale Zustände, wenn große jüdische Genieinden und große jüdische Organisationen sich von ihren Volksgenossen trennen, um ihren religiösen Uekerzeugungen leben zu können. Doch es genügt nicht, Anormalitäten zu konstatieren, man muß auch — und' dies vor allem — ihre Ursachen erkennen. Wer trägt Schuld an solchen Anormalitäten? Wir geben gewiß zu, daß früher ein gewisser Zwang zu solcher Trennung bestand, daß vielleicht der „Bund jüdischer gesetzestrcucr Lehrer" manchen Grund hatte, sich vom Gesamtverbande jüdischer Lehrer Deutschlands zu trennen,, obwohl es zahlreiche gesetzestreue Lehrer gibt, die wohl dem Verbände angehören, Aber mögen die Getrennten recht haben oder nicht — eine Frage, die wir jetzt nicht entscheiden wollen —, jedenfalls müssen sie sich bewußt bleiben, daß die Trennung auf alle Fälle eben eine Anormalität ist, ein ungesunder und unschöner Zustand. Denn erst wenn sie sich dessen voll und ganz bewußt sind, wer? den sie bestrebt sehr können, die Trennung selbst, wo sie ihrer Ueberzeugung nach eintrcten .Muß, auf ein Minimum zu redstzieren. Wir glauben, daß, wenn die, Mitglieder des „Bundes" von der Gefährlichkeit und Anormalität des Trennungsprinzips überzeugt wären, es wohl Möglich wäre, gewisse Verbin- . dungspunktemit dem Gejamtverbände der jüdischen Lehrer zu finden und in einer gewissen Konnexion mit ihm, der doch die große Majorität der jüdischen Lehrer Deutschlands darstellt, zu verharren. Warum soll sozial keine Einheit bestehen? Könnten .. nicht beispielsweise die Pensions- und Jnvalidenkassen gemeinsanr sein, könnten nicht beide Verbände sich einen in der Vertretung gemeinsamer Interessen, wie jetzt z. B., da die Lehrer im D. I. G. B. eine Vertretung verlangen? Wir denken dabei nicht nur an die praktischen Interessen, wie z. B. daß eine gemeinsame Kasse mehr leisten könnte als zwei getrennte, daß durch ein gemeinsames Auftreten inehr erreicht würde als bei getrenntem Vorgehen. Wir haben vielmehr vor allein die ideelle,: Folgen einer solchen teilweisen Einigung im Auge, die' ideellen Folgen, die darin bestehen, daß dadurch immerhin eine gewisse Verbindung erhalten bleibt, und der Riß nicht beide Teile so scharf Kennt, daß dir Einheit des Volkes gebrochen wird. Wir können hier natürlich keine bestimmten einzelnen Vorschläge machen, aber wjr sind überzeugt, daß sich vieles! in dieser Richtung erreichen ließe, wenn nur die Leiter des „Bundes" von derselben Gesinnung erfüllt sein würden. Dies aber erachten wir als ihre heilige Pflicht gegenüber der gesamten jüdischen Gemeinschaft, Seien die Gründe, die zur Trennung führten, welche auch immer, mögen doch diejenigen, die sich getrennt haben, bedenken, welche Gefahren der Schritt in sich birgt, bedenken, daß vje vitalen Interessen ganz Israels in Frage stehen, bedenken, daß die Interessen der Gemeinschaft stets denen der einzelnen Teile vorangehen. Diese Gesinnung zu hegen ist der Wünsch, den wir dem „Bunde der gesetzestreuen jüdischen Lehrer Deutschlands" für seine weitere Tätigkeit mitgeben. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Wie bei der Pariser Alliance, so scheint man nun auch bei der Leitung des Deutsch- Israelit. - Gemeindebundcs das Mittel gebrauchen zu wollen, einen Druck auf die öffentliche jüdische Meinung ausznüben. Denn anders ist die Nachricht, daß der Ausschuß infolge der von „zionistischer" und „orthodoxer" Seite betriebenen Agitation „amtsmüde" geworden sei und sich daher der D. I. G.-B. „in einer ernsten, seinen Bestand bedrohenden Krise" befinde, nicht zu verstehen. Daß man die bösen Zionisten und die bösen Orthodoxen zum Gransigmachen aus der Rumpelkammer hervorholt/ ist selbstverständlich; mit diesem Schreckmittel interessiert inan selbst Kreise, die sich ihres Judentums nicht einmal am Jomkippur mehr erinnern. Ob es aber von einer neutralen Leitmig anständig ist, eine Gegnerschaft durch Rücktrittsandrohungen und Anschwärzung der Opposition unwirksam machen zu wollen, das ist eine andere Frage. T Berlin. In Deutschland hat, wie wir erfahren, die überwiegende Mehrheit der Alliancemitglieder für die Kandidaten der Deutschen Konferenzgemein scha ft gestimmt. Ueber das Wahlresultat in den anderen Ländern wird man erst nach mehreren Wochen Genaues erfahren können. Das Zentralkomitee in Paris hat es in dieser Hinsicht nicht eilig, da „man erst die Waylresultate aus entfernten Orten wie Shanghai abwarten müsse." (In Shanghai mögen wohl ein halbes Dutzend Alliancemitglieder sein). Wahrscheinlich haben die in der vorigen Nummer näher bezeichneten Wahlmachenschaften im Orient den „Erfolg" gehabt, daß Reinach „gewählt" ist. Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit ist es aber nun, eine genaue Prüfung der Gesetzmäßigkeit aller abgegebenen , Stimmen mit Entschiedenheit zu fordern. Berlin. Sonntag vormittag 10 Uhr beginnt Kurfürstenstraße 116 dev 12. Deutsch-Israel. Gemeindetag mit folgender Tagesordnung: 1. Konstituierung. 2. Bericht, 3. Der Entwurf eines Reichsversicherungsgesetzes für Angestellte, 4. Satzungsänderungen. Bezüglich der Satzungsänderungen hat der Ausschuß des Verbandes der Syuagogen- Gemeinden des Reg.-Bez. P-osen beschlossen, die vorgeschlagene Aenderung des' 8 13 abznlehnen. Dagegen schlägt der Borstand des Verbandes der Synagogen-Gemeinden des Reg.-Bez. Oppeln folgende Aenderung des 8 13 vor: Gemeinden von 100 000 Seelen und darüber erhalten 50 Stimmen, von 100 000 bis 20000 Seelen 30 Stimmen, von 20000 bis 5000 Seelen 10 Stimmen, von 5000 bis 2000 Seelen 'S Stimmen, von 2000 bis 300 Seelen 3 Stimmen, von 300 Seelen und darunter 1 Stimme. Die Seelenzahl der Filialgemeinden wird der der Hauptgemeinde zugezählt. Es verbleibt bei den den Gemeindeverbänden nach Z. 1 a. a. O. zngebilligten 10 Stimmen. Großbritannien. London. Trotz starker Reklame war das Meeting der „Jea" nur von einigen Dutzend Menschen besucht. Le o p. Josef präsidierte. Bon Berlin waren Dr. Nossig n. Dr. I. Ginsburg herübergekomme». Rußland. Petersburg. Verschiedenes. — Der sinnländische Senat hat beschlossen, bei der Regierung vorstellig zu werden, daß sie das Schachtverbot aufhebe. , Der Redakteur der Kiewer Zeitung „Zweiköpfiger Adler" erhielt eine Strafe von 300 Rubel wegen eines Ritualmord-Artikels. Während des Gottesdienstes in der Synagoge zu Kaszmir entstand blinder Feuerlärm, und die Folge davon war, daß 20 Personen zertreten wurden, mehrere lebensgefährlich. —, Der bekannte, in Paris lebende russische Schriftsteller Amsitheatrow fordert, durch die „Rjetsch" die russischen Schriftsteller auf, gemeinsam gegen die Ritnalmordbechnldignng zu protestieren. Warschau. Schlimmer wie sonst hat diesmal die Saison der Brände eingesetzt. Es ist ja leider ganz selbstverständlich, daß jeden Sommer einige jüdische Städte infolge ihres leichten Holzfachwerks abbrennen; aber die Nachrichten, die bereits jetzt über durch Feuer vernichtete Orte eingetroffen sind, übertreffen weit das liebliche. In Szagor (Kownoer Gouv.) sind innerhalb zweier Stunden 315 Häuser, die von etwa 600 jüdischen Familien bewohnt waren, bis auf den Grund hernntergebrannt. Das Städtchen Jlita (Suwalker Gouv.) ist gänzlich abgebrannt. Letzten Samstag wurden in Mir (Minsker Gouv.) mehr als 600 Häuser ein Raub der Flammen. Auch daS Städtchen Pusche lat ist niedergebrannt. Rumänien. Bukarest. Dr. Adolf Stern, Präsident der Vereinigung der eingeborenen Juden, überreichte dem Ministerpräsidenten Carp folgende Adresse: „Das neue Reglement für die privaten Kommissions- und Speditionsbüros bestimmt, daß diejenigen, welche derartige Büros eröffnen, Rumänen oder Naturalisierte ein müssen. Diese Maßnahme bedeutet einen neuen Schlag für die eingeborenen Fndendie, entgegen den alten Gebräuchen und Gesetzen des Landes, als einfache Fremde betrachtet und als solche nicht bloß von den bürgerlichen und öffentlichen Rechten, sondern auch von einer Menge von Beschäftigungen ferngehalten werden. Wir glaubten, daß wir eine Verbesserung des den eingeborenen Juden gegenüber adoptierten Systems erhoffen bürsten. Wir seheir aber mit Schmerz, daß die Maßregeln, durch welche den Juden die Mittel des Lebensunterhaltes beschränkt werden, fortgesetzt werden. Die unerschütterliche Ueberzeugung der eingeborenen Juden, sowie aller derjenigen, welche die Judenfrage ohne Partellichkeit oder Feindschaft studieren, ist, daß die für die eingeborenen Juden geschaffene Lage nicht bloß mit dem Geiste der Gerechtigkeit in Widerspruch steht, sondern auch dem Lande zum Schaden gereicht. Unter dem Borwande der Nationalisierung des Handels, der Industrie und der Gewerbe hat man begonnen, durch Gesetze und Reglements nach und nach die Juden ans diesen Zweigen der Tätigkeit herauszuziehen, sie, die zur Hebung der Kultur und der Volkswirtschaft beigetragen haben und in mächtiger Weise beizutragen vermögen. Die Politik der Ausschließung der eingeborenen Juden — wir scheuen uns nicht, es zu sagen, weil wir es jederzeit beweisen können — ist, unserer Ansicht nach, eine antinationale Politik, weil ihrethalben wirtschaftlich-kulturelle Energien und Intelligenzendie nichts anderes verlangen, als sich in den Dienst des Landes zu stellen, beseitigt werden. Wir Unterzeichneten Vertreter der .Bereinigung der eingeborenen Juden"- die den Zweck hat, die öffentliche Meinung über die Judenfrage aufzuklären und diese Frage auf den Weg der Lösung