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Neue jüdische Presse · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. fgEonffustex JjvaeWMes Igamilienblatt. Nr. 23 Es gibt aber ein sehr gelindes und bequemes Mittel, Mißbräuche unter ihnen abzustellen. Da sie nämlich alle, samt und sanders bis aus das letzte Höker- und Trödelweib jüdisch lesen können, so brauchte man nur einen ihnen verständlichen gedruckten Aufruf unter chuen zu verteilen, — und sie hätten sich ohne weiteres gefügt. Schlimmstenfalls läßt man den Rabbiner bitten, daß er in den Synagogen des Freitag abends und Samstag morgens durch den Schammes dem Volke verkünden lasse, dies und jenes habe fortab nicht mehr zu geschehen, und die Sache ist erledigt. Schwester Johanna. hätte nicht, nötig gehabt, einige Sekunden in Gefahr zu schweben, und sogar das Telephonieren nach der Polizei hätte man sich' ersparen können. Es scheint, man muß eine Bevölkerung zuerst verstehen und kennen lernen, wenn man unter chr mit Erfolg wirken will. Diese ganze Methode, die galizischen Juden als eine rohe, kulturunfähige Horde vor der Welt hinzustellen, während man über die eigenen Großtaten zu deren Hebung der Oesfentlichkcit berichtet, ist Wiener Frucht. In den Berichten der diversen Wiener Hilfsvercine für die galizischen Juden werden zwischen den Zeilen, aber recht handgreiflich und vernehmbar die jüdischen Unternehmer in Galizien als unehrlich und unzuverlässig, die jüdischen Arbeiter und Handwerker als aÄeitsschen, faul und unfähig hingestellt. Während man ihr Elend bejammert, sagt man ihnen alles erdenkliche Schlimme nach. Sie sind unmoralisch und unverbesserlich, und der Franz Josefs-Kai in Wien ist der einzig Berufene, sie ewig am Gängelband zu führen. DieWiener haben ein sehr reales und lebhaftes Interesse daran, Galizien vor der Welt anzuschwärzen, denn das Wiener System beruht darauf, Galizien in ewiger Abhängigkeit zu erhalten und jede Regung nach finanzieller und kommerzieller Selbständigkeit mit allen Mitteln zu unterdrücken: (Ich werde bei anderer Gelegenheit diese Frage eingehend beleuchten.) Das Unglück ist, daß alle im Auslande, die den Galiziern aufrichtig Helsen möchten, in dem Wahne leben, daß der einzige Weg nach Galizien über den Franz Josefs-Kai in Wien führe; darum lassen sich alle von den Wienern ins Schlepptau nehmen, sehen alles durch die Wiener Brllle und eignen sich die dortigen oberflächlichen und unaufrichtigen Urteile an, noch schlimmer, sie wiederholen sie gedankenlos und verlechen chnen Nachdruck. Darum sind alle „Aktionen" zugunsten der galizischen Juden unfruchtbar und unwirksam. * Zum Schluffe möchte ich noch auf den folgenden Pasius in dem Berichte Hinweisen: „Im kommenden Bereinsjahre hoffen wir, der großen geistigen 4kot der galizischen Jugend durch die erneute Ausnahme des Gedankens der Wandcrbibliokheken etwas begegnen zu können." Wer die von der jüdischen Jugend Galiziens herausgegebenen und gelesenen Zeitschriften wie „Haschachar", „Moriah", „Jüdisches Jahrbuch" (polnisch), „Peachim", „Hajarden" (hebräisch) n. a. liest, wird diesen Plan höchstens belächeln. Die genannten Zeitschriften können es in bezug auf Ausstattung und Inhalt mit den besten und vornehmsten ihrer Art in Europa aufnehmen. Und wenn man bedenkt, daß Herausgeber und Leser dieser Zeftschristen sich die Kosten hierfür meist von ihrem kümmerlichen Verdienst oder von dem kargen Taschengeld absparen, so wird man die Not der galizischen Jugend eher als alles andere. denn als eine geistige bezeichnen. Es gibt wohl kein Städtchen in Galizien, wo nicht die Jugend einen Lesevercin gegründet hätte; aber die Bücher, die dort begehrt werden, sind ganz andere, als die Frankfurter Damen vermeinen. Die große Masse des Volkes liest jüdisch, das bekanntlich eine überaus reichhaltige und mannigfache Literatur aufweist, die Gebildeten lesen hebräisch. Wollte man diesem LeseundBildungsbedürfnis, welches wohl mit der Not, aber nicht mit der geistigen, kämpft, z u H i l f c kommen, so müßte nmn diesen Vereinen ein paar hundert Exemplare von Weiß' „Dor, dor wetz o r s ch o w", von Halevys „Dorot harischonim", von Luzzattos und Rapoports Briefen, von dcn Ausgabeit der „Bibliotiheka gedauloh" oder von Pen besten Werken der Jargonschriftsteller zum Geschenk machen. Diejenigen, die genügend deutsch verstehen, um deutsche Bücher zu lesen, haben keinen Mangel daran. Ich kenne einen Wiener Buchhändler, der jedes Jahr an die 300 Exemplare von Graetz nach Galizien verkauft. Die Juden haben ferner ein Bedürfnis nach polnischen Büchern und Broschüren, aus denen sic ihre nächste Umwelt und was darin vorgcht, kennen lernen, uni. nicht wie Blinde herumzulappen. Kann eine in Frankfurt a. M. zusammengestellie Wanderbibliothek den galizischen Juden all das bieten? * * * Es ist erhebend, zu sehen, daß das jüdische Solidaritätsgefühl immer weitere Kreise zieht" und mit lebendiger Schwungkraft nach den entlegensten Regionen ausgreift. Bedauerlich ist es jedoch, daß hierbei soviel Kräfte und Mittel nutzlos vergeudet werden, weil nur das gute Herz in Funktion tritt, ohne daß der llare, überlegende, planmäßig denkende Kopf zu Rate gezogen wird. „Was nützt mir das jüdische Herz, wenn kein jüdischer Kops dabei ist?" sagt ein jüdisches Sprichwort.*) Aus den Ereignisse« des Tages. 1. Christliche und jüdische Judophobie". Als vor nunmehr fast 30 Jahren Dr. Pinsker sein Keines, großes Büchlein „Autoemanzipation" schrieb, führte er einen neuen Begriff ein: den Begriff der „I ud'op h o b i e". Jeder Europäer, sagte Pinsler, empfindet, ob bewußt oder unbewußt, ein Gefühl der Abneigung, oft sogar des' Hasses gegen den Juden. Dieses Gefühl der „Judophobie" ist durch jahrhundertelange Züchtung und Vererbung' zu einer unauslöschlichen, unveräußerlichen seelischen Disposition des Europäers geworden. Als Pinsker damals diese Wahrheit der Welt verkündete, da lachten manche; und diejenigen unserer missionspredigenden Kosmopoliten, die davon vernahmen, waren entsetzt. Heute haben die meisten von uns die kühne Behauptung Pinslers als einfache Erfahrungstatsache erkannt, heute ist vielen die Ueberzeugung von der instinktiven Judenfeindschaft des Ariers zum Gemeinplätze geworden, heute dürfen wir -diese Wahrheit hier aussprechen, ohne zu befürchten, von der weiten Oeffcntlichkeit verlacht zu lverdcn. Wir sprechen sie hier heute aus, weil eine Nachricht sie uns wieder zum Bewußtsein gebracht hat, weil wir die Behauptung» die Pinsker deduktiv abgeleitet, an einem drastischen Beispiel induktiv beweisen wollen. Und als Beispiel diene uns eine politische Partei, die von allen Parteien in der Welt ihrer Natur nach die am wenigsten judenscindliche ist: die liberalc Partei Englands. England ist das Land, in dessen Kirchen jeden Sonntag für die Juden gebetet wird, in dem die Bezeichnung „ein Sohn des auscrwählten Volkes" als Ehrenname gilt, das wie kein anderes Land die jüdische Bibel hochhält, und dessen beste Männer Bewunderer, Verehrer des Judentums waren. Die liberale Partei Englands müßte also doppelt judensreundlich sein. Nun, direkt judenfeindlich ist sie ja auch nie gewesen, konnte sie zur Zeit Eduards gar nicht sein. Aber ab undzu, bei scheinbar unwichtigen Angelegenheiten konlint ihre ivahre Gesinnung zum *) In dem ersten Teil dieses Artikels lies Spalte 3: Brutstätten des Elends, und Spalte 4, letzter Absatz: einige Dutzend Volksschulen. Ausdruck, die nicht etiva pöbelhafter, koher Judenhaß ist, sondern nur Instinktive Abneigung, unbewußte Feindseligkeit, eben das, was Pinsker „Judophobie" nannte. Tie Angelegenheit, an der dies zum Ausdruck kam, war das Gesetz 'über die Sonntagsruhe. Unsere Leser wissen zur Genüge, wie lange sich schon die öffentliche jüdische Meinung mit diesem Gesetz beschäftigt, das rigoros durchgeführt, einen unabsehbaren Schaden für die jüdische Bevölkerung des „Eastends" Londons bedeutet. Es besteht auch in der Tat nicht der geringste vernünftige Grund, die Juden Whitechapels, die eine Stadt für sich bilden und streng den Samstag halten, zur Schließung ihrer Geschäfte am Sonntag zwingen zu wollen; kein vernünftiger Grund sagen wir, außer — nun, außer der „Judophobie". Solange Eduard regierte, der Eduard, dessen intime Freunde Juden waren, wurde denn auch den Juden Whitechapels gestattet, Sonntags ihre Geschäfte zu öffnen. Ties war für sic ein Glück und für die nichtjüdische Bevölkerung kein Schaden. Seitdem aber Eduard gestorben und König Georg den Thron bestiegen, der Georg, dem man eine „kühle" Gesinnung, gegenüber den Juden nachsagt, scheint auch die Gesinnung der liberalen Regierung und der liberalen Partei um einige Grade gesunken zu sein. So beginnt nmn denn, mit der Gewährung der Gcschäftsöffnung am Sonntag ein Ende zu machen, und wie der Draht meldet, sind in der p ai r l a m e n t a r i - scheu Kommission zur Beratung dieses Gesetzes bereits wesentliche Einschränkungen vorgeimmmen worden; vorerst wesentliche Einschränkungen, natürlich, mit einem Male alles zu .verbieten, ist nicht gut nwglich, den Uebcrgang muß man wahren; aber der Anfang ist gemacht, auf das Ende wird man nicht lange zu warten brauchen. Und die Juden? Was tun die? werden vielleicht manche unserer Leser fragen. Nun, die Whitechapeler Juden können nichts tun, und die englischen Juden wollen nichts tun. Was sollte auch den englischen Juden sein armer Bruder in Whitechapel ll'immern? Man erinnert sich ja noch der merkivürdigen Aussage des Oberrabbincrs Adler über das „Get", die einzig und allein erfolgte, um den eingewanderten Juden einen Schlag zu versetzen. Man kann also nicht gut erwarten, daß etwas von dieser Seite geschieht. Ties aber macht die Nachricht noch trauriger. Und der Grund dieser Indifferenz, dieser Abneigung? Nun, wäre es nicht möglich, daß die Krankheit der „Judophobie" ansteckend ist? Haken vielleicht die westeuropäischen Juden durch die enge Berührung mit ihren arischen Mitbürgern die Krankheit übernommen? Wer weiß, vielleicht tritt bald ein neuer Pinsker auf, der von der „Judophobie" der westeuropäischen Juden gegenüber den osteuropäischen sprechen wird. Wer das jüdische Leben Westeuropas genau kennt, dem wird cs vielleicht gar nicht so unniöglich erscheinen. Empirisches Tatsachenmaterial ist allzureichlich vorhanden ... * 2. Antisemitismus aus Jntereffenpolitik. Es gibt Antisemiten aus vernunftgemäßer Ueberzeugung, und die sind Narren; es gibt Antisemiten aus geschäftlichem Interesse, und die sind Gauner; die russische Regierung zählt zweifelsohne zu den letzteren. Daß es so ist, zeigt ein Ereignis, das für uns Juden ebenso erfreulich wie für die russische Regierung symptomatisch ist: die Zulassung a m c r i k a n i s ch e r Juden nach Rußland. Wie man weiß, durften bisher amerikanische Juden Rußland nicht betreten; die amerikanische Regierung bemühte sich schon seit vielen Fahren, die russische Regierung zur Aufhebung dieser skand-alösen Bestimmung zu veranlassen — ohne Erfolg. Die russische Regierung wußte eben, daß sie von Seiten Amerikas nichts zu beftirchten hat, wenn sie die Bestimmung nicht aufhebt, sie hatte also kein Interesse daran, von ihrem Antisemitismus zu lassen, und' so blieb das Verbot be-

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