Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692739--06237-2701221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite L im Lande unb durch Las Land zu bringen, halten es-Kr unsere Pflicht, uns dieser neuen Verletzung der Rechte und Interessen der eingeborenen Juden gegenüber an Sie als den Chef der Regierung zu wenden und Sie zu bitten» unsere Beschwerden zu prüfen und die Maßregeln, zu ergreifen, damit das erwähnte Reglement nichtauf dje eingeborenen Juden zur Anwendung gelange." Jassy. Von gewissenlosen Agitatoren geschürt, nimmt die hiesige Bevölkerung seit einiger Zeit gegen die Juden eine bedrohliche Haltung ein. — Charakteristische für die Stimmung ist folgende Episode: Der Bürgermeister liest pm 26. d. Mts. den hochangesehcnen jüdischen Bankier Wachtel zu sich bescheiden und stellte ihn in erregtem Tone zur Rede, tveil sich die Juden in jüngster Zeit zuviel auf der Straße zeigten. Es wäre, so meinte der Bürgermeister, besser, wenn die Juden, da die Bevölkerung gegen sie so aufgeregt ist, in ihren Häusern blieben. Walatz. Alte Züge von der russischen Grenze bringen jüdische Flüchtlinge, die aus Furcht vor nahe bevorstehenden Pogromen die Heimat verlassen. In den letzten Tagen wurden aus Kiew, mehr als 50 der Schwarzen Hundert nach Bessarabien kommandiert, die namentlich in Kischinew ständige Komitees zur „Ermittelung von Ritnalmorden" bilden. Antisemitische Agitatoren durchziehen die Städte und Dörfer unter dem Schutze der Polizei und anderer Behörden und verbreiten Ansichtskarten, auf denen mit feuerroten Buchstaben geruckt ist: „Rechtgläubige Christen, russische Männer, erbarmt euch eurer Kinder, nehmet Mache an den Juden! Auf, schlaget die.Juden, bis es nicht einen einzigen Jiwen in Rußland gibt." Türkei. Saloniki. Der folgende Vorgang hat in der jüdischen Bevölkerung große Erregung hervorgerufcn: Die Leiterin der Alliance-Mädchenschule „Ecole Pvpulaire" forderte ihre Lehrerinnen und Schülerinnen auf, am Schewuos-Feste in die Schule zu kommen, um die neuen Kleider fertig zu machen, die sie anläßlich des Besuches des Sultans in Saloniki anlegen sollen. Die Lehrerinnen fügten sich dieser Anordnung — wie sie ausdrücklich! erklärten — gegen ihren eigenen Willen und gegen chre UeberzeNgung, da sie sonst befürchten müßten, Stellung und Existenz zu verlieren. Palästina. 'Jerusalem. Endlich einmal wieder ' erfreuliche Nachrichten! '" Die Wahl von 78 Wahlrnännern, deren Aufgabe es ist, einen Gerneindevorstand für dM hiesigen aschkenasischen Juden einznsetzen, hat unter regster Beteiligung stattgefunden. Damit wird der bisherigen Zerfahrenheit in den hiesigen Gemeind everhältnissen binnen kurzem ein Endölbereitet werden. Die Jüdische Zentralbibliothek hat von Z. L. Rabbinerson-Kiew eine wertvolle Sammlung alter hebräischer Druckwerke und Handschriften jerhatten. Aus Kiew ist ferner eine große Spende nach Palästina gekommen. Der dortige Großkaufmann Moses Halpern hat nämlich 30000 Frcs. für den Bau von Arbeiterhäusern in den jüdischen Kolonien gespendet. Amerika. Rew-Bork. Endlich hat sich Rußland dazu verstanden, den amerikanischen Juden für den Aufenthalt in Rußland die gleichen Rechte wie den anderen amerikanischen Bürgern zu gewähren. G feutffefon. © Hymen. Erzählung von Jacvb Levy. L Der viel beschäftigte Arzt Dr. Weil kam abends zu später Stunde aus der Praxis nach! Hause. Es war ein unangenehmer Novembertag gewesen. Den Wolken entströmte ein kalter Regen, und der stoßweise einsctzende Sturm durchschauerte die Menschen, die sich auf den Straßen der Unbill der Witterung üussetzen mußten. Einen angenehmen Kontrast mit den triefenden Gassen bot das behaglich! durchwärmte Wohnzimmer, in das der Doktor eintrat, nachdem er sich umgekleidet hatte. Bei seinem Kntritt erhob sich seine schöne, blonde Frau und eilte lebhaft auf ihn zu. „dlber Bfcatiwlfnfj&gp UfffflftteriSwi Heinrich, ich.' hörte doch Deinen Wagen nicht,". Er lachte und umschlang sie zärtlich dann sagte er: „Ich, ließ den Wagen zehn Schritte vor dem Hause halten, damit Du ihn nicht hörst. Du sollst mir nicht durch den zugigen Gang, durch den Vorgarten entgegen kommen. Du würdest Dich zu leicht erkälten." Sie wand' sich! schmollend aus seinem Ar»: und erwiderte: „Ich will das nicht. Wenn Du kommst, nnlst ich! dabei fein und mich überzeugen, .daß Du Deine Ordnung und Bequemlichlichkeit hast. Versprich mir, nicht wieder heimlich zu kommen." Der Doktor, «in Manu in der Mitte der dreißiger, mit gutmütigem, klugen Gesicht, seufzte mit verstelltem Ernst und sagte: „Gegen Deine Tyrannei kann ich! nicht kämpfen. Ich gebe Dir das Versprechen unter der Bedingung, daß Du in Deiner leichten Hauskleidung nicht au den Wagen kommst, sondern muh! in meinem Zimmer erwartest." „Gut, Brummbär, ich. verspreche es Dir, und jetzt wollen wir zu den Kindern gehen, spater erzähle ich Dir auch einiges." . Das Ehepaar ging auf den Fußspitzen iii das Schlafzimmer der Kinder. Die junge Frau drückte auf den Knopf, und ein winziges Glühlämpchen, durch roten Schleier gedämpft, erhellte matt das Gemach: In Bettchen nebeneinander lag ein Mädchen von ungefähr zwei und ein Knabe von etwa vier Jahren, beide friedlich! atmend, mit der Röte der Gesundheit auf den runden Bäckchen. Die Eltern genossen eine Weile den herzerquickenden Anblick, dann küßte der Vater vorsichtig die Kinder auf die Stirn. Im Zimmer war inzwischen der Tisch gedeckt, und die alte Köchin, die schon bei des Doktors Eltern ihres Amtes gewaltet und nicht leiden konnte, wenn das Essen kalt wurde, klopfte vorsichtig an die Tür. „Aha" sagte er, „Linas Signal. Komm Berta." Rach dein Nachtessen lehnte er sich behaglich ins Sophia zurück und sprach sich eine Zigarre anzündcn: „Es ist hier so behaglich, ich. wünsche, daß die ganze Stadt gesund sei, so daß heute abend niemand einen Arzt nötig hat." Seine Frau meinte, „das ist auch! mein Wunsch, denn ich habe Dir viel Neues zu erzählen. Heute Nachmittag loar Frau Rechtsanwalt Manuel bei mir. Du kennst doch die temperamentvolle junge Dame. Sie flog auf mich zu, Ergriff meine beiden Hände und ries: »Beste Frau Doktor, man sieht Sie ja niemals, sperrt Ihr Mann Sie ein?" Ich lachte und zeigte auf die Heiden Kleinen, die auf dem Teppich spielten. »Hier ist meine Entschuldigung." „Nein", sprudelte sie weiter. „Das geht nicht. Sie müssen sich nns anschfteßen nnd Mitglied des Vereins Frauenwohl werden. Heute, wo der Kampf um die heiligsten Rechte der Frauen entbrannt ist, darf keine Frau von Geist und Herz zürückstehen. Kommen Sie jetzt mit in die Versammlung!" Ich zeigte wiederum stumm auf die Kinder. „Ach", rief sie ungeduldig, „ich habe auch kleine Kinoer, die sind beim Mädchen gut aufgehoben. Ziehen Sie sich an!" Nun Heinrich, bei Lina sind ja die Kleine:: aufs beste beaufsichtigt, ich folgte —, schwach nne ich bin — der -Versuchcrin und ging mit in das „Frauenwohl." Ihr Mann lachte und bemerkte: „Liebe Berta, Du brauchst nicht so zerknirscht dreinzublicken, so schlimm ist es doch nicht." „Gewiß, aber es kommt leider noch schlimmer, höre nur weiter. Also wir kommen in den Verein in ein Zimmer, in dem vielleicht zwanzig Damen saßen, Frau Manuel führte mich an einen langen Tisch, nnd stellte mich einer ernsten Dame vor. Diese war Fräulein Doktor Maaßen, die berühmte Rednerin für uns arme, entrechtete unb geknechtete Weiber. Ich erstarb in Ehrfurcht und wollte mich zurückziehen, aber Frau Manuel, die zum Vorstand gehört, zog mich an ihre Seite, und ich saß mit im Areopäg." Sie machte tief aufatmend eine Pause. Ihr Mann, der belustigt zugehjört, fragte „Nun weiter?" „Also weiter. Ich hörte vieles, das ich nicht verstanden habe. Als ich aber den Reden entnahm, daß es einen Kämpf gegen unsere männlichen Unterdrücker gilt, daß 'wir unsere heiligsten Rächte, als da sind: aktives und passives Wahlrecht, Freigabe sämtlicher gelehrten Berufe nnd dergleichen fordern, da begriff ich überhaupt nicht, wie wir so lange ohne diese schpnen Dinge. existieren konnten, und ich ließ mich als Mitglied cinschreiben. Und da Du auch ein männlicher Unterdrücker bist, nimm Dich in acht. Ich fordere meine Rechte von Dir." Sie machte eine allerliebste Gebärde der Drohung und stimmte dann in das Lachen ihres Mannes ein. „Nun aber im Ernst. Auf das Drängen der Frau Rechtsanwalt Manuel wurde ich Mitglied, erklärte aber, daß ich nicht persönlich mitkämpfen könne, da ich mich ganz und gar meinen Kindern widmen müsse. Die Gemahlin eines .vielbefchjäftigten Arztes hdbe auch sonst, noch Pflichten, um ihrem Mann das Heim angenehm zu gestalten. Wenn die Kinder «wer größer seien, der mütter- . Nr. 23. lichcn Pflege nicht mehr bedürfen, dann wolle ich mutig' mitstreiten, insofern unsere Ziele bis dahin noch nicht erreicht sind. Jetzt aber kommt das Schreckliche. Ms ich diese Ansicht, von ehrlichstem Willen beseelt, der Fräulein Maaßen und der Frau Manuel auseinandersctzte, achtete ich nicht darauf, daß mir alle Damen zuhörtcn, und lote ich fertig war, sagte mir Fräulein Doktor, ich sei eine geborene Redneri», und sie könnten nicht auf mich verzichte». Ich solle nur kommen, wenn ick) gut Zeit hätte, mein Pflichtgcfüht würde mich schon ganz zu ihnen führen. Und ich wurde schwach und sagte zu." Ihr Mann sagte freundlich: „Liebe Berta, ich habe durchaus nichts dagegen, wenn Du tätiges Mitglied des „Frauemvohl" wirst. Es schadet durchaus nichts, Ivenn dort eine gebildete Dame, die zugleich pflichtgetreue Mutter itiib Hausfrau ist, auch z» Wort kommt. Und daß Du. nicht die Zahl unserer Glanbeiisgeiwssiniw» vergrößerst, die durch ihre Neberschivenglichkeitcn sich unliebsam hervortun, des bin ^ich bei Dir sicher. Und ich gönne Dir die Zerstreiiuug. Du wirst dort so vieles scheu und hören, das >Dir das ruhige Heim, Deine Welt, in der Du Herrscherin bist, doppelt kostbar scheinen läßt." „Als ob es dessen bedürfte! Aber einige Stunden tverdc ich doch dein „Fraiienlvohl" opfern, wenn — ja, ivenn ich diese meinen Kindern entziehen darf." „Gewiß darfst Du das, Liebchen: Die Kleinen sind bei Lina so gut aufgehoben, daß Du sic ohne Sorgen einige Stunden allein lassen darfst." „Gut, ich werde cs probieren. Selbstredend bin ich wieder zu Hause, wenn die Kinder ihr Mcndbrot bekommen und schlafen gelegt werden. Die Freude, die rosigen Körperchen zu baden nnd ins Bett zu bringe», sic vor dem Schlafengehen zu herzen und zu küssen, möchte ich nicht entbehren, auch wenn dadurch unsere Sklaverei noch einige Stunde» länger dauern sollte." Sie stimmte in das herzhafte Lachen ihres Mannes mit ein. Das Mcndbrot war eben zu Ende, da tönte die Klingel. (Fortsetzung folgt.) „Fit-sure" Pincenez doublch 14 k Goldauflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst., nur Veste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, Pincenez; Speztalwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel. „I. 8B. Albert, Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr.-u. Weißftauenstr. n. Tel. 7254, Amt I." DDeutsches Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermit- PTPfttllTtelungen, Recherchen n. Auskünfte vivUUI y 5 Hk, a Gewissenhafte Aus- Instttut führung u. strengste Diskretion als Fra^lgtf mehijähriger Polizeiu. Kriminal- — Tel. 11391. beamte gesichert. Kaiser Friedrich Quelle ■ ■ Ottenbach a. X. —— ■ Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Frledrloh Stahl, Frankfurt a, M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 n. 714. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 10. Juni (= 14. Siwani: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 50 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 35 Min., in Berlin 9 Uhr 27 Mn. Wocheimbschnitt: No sau. —> Die Dienste der Leviten beim Tragen der Stistshütte, als diese zum Weiterziehen abgebrochen wurde. Das Dienstalter der Leviten ist vom 30. bis zum 50. Lebensjahre bestimmt. —. Aussätzige und andere „Unreine" sollen außerhalb des Lagers bleiben: —. Wer „Untreue" begeht an den Heiligtümern Gottes, hat Ersatz zu leiste» und ein Sühnopfer zu bringen. —i Verfahren gegen das treulose Eheweibs —> Der „Nasir" oder Enthaltsame. Gott zu Ehren meidet er Weingenuß oder sonstiges berauschendes Getränk, läßt sein Haar frei wachsen und berührt keinen Toten. Das Nasirgelübde kann sich auf 'Jahre hinaus erstrecken, mindestens aber auf 30 Tage. Wird die Nasirperiodc durch Berührung einer Leiche unterbrochen, so verfällt die bereits beobachtete Zeit. Der Nasir schert sich, Lringt ein Opfer. 3feibe§ auch mit einiger Abänderung am Schlüsse, der regelrecht verlaufenen Enthaltsamkeitsperiode. (Nach dem Talmud ist ein Nasir gelüb de überhaupt nicht löblich!) —> Die Pflicht des Priestersegens (Jeworechecho usw., bei uns „Duchcnen" genannt). —, Den Schluß der Sidra bildet die Aufzahlung der Einweihungsopfer der Stistshütte. Offenbacber Druckluft -Hnlage Telefon 123. Ottenbach a. H. Telefon 123. Unfibertroffene bewährteste Tapplchrslnfpnnp. s Caf6 Constabler 8^dgÄ£Sf s O Oesolitftsleltung: Cafetler Willi Leufen. U

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.