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Neue jüdische Presse · 1911-06-09 · Heft 23 (9.6.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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H-daLkt-il Md HefchLftsstetts: Frankfurt L. Itt., JB a n q c Jl *r n g e 7 Helefo« 10507. —-i x e Herausgeber: Oaltz cheis. 9. Jahrgang. Freitag, den 13. 8iivan 5671 (9. Juni 1911). Rr. 23. ir-:-- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In-, und' Ausland' Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ____ —. -, Jnsertionspreise: Die viergespaüene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Reklamezeile ......... 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt kn Frankfurt a. M. unter Ro. 4864. ' Das in der heutigen Nummer beginnende Feuilleton „fiymen“ Erzählung von Jacob Levh wird besonders das Interesse unserer Leserinnen fesseln, denn cs beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit sich die jüdische Frau mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen darf, wenn sie eine jüdische Ehegattin und Mutter bleiben will. Jnhatt des HarrMlattes. Artikel: Die Tätigkeit der Frankfurter „Weiblichen Fürsorge" in Galizien. — Aus den Ereignissen des,Tages: 1. Christliche und jüdische „Judophobie"; 2. Antisemitismus aus Jnteressenpolitik; 3. Anormalitäten: — Aus aller Welt. — Feuilleton: Hymen. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Eingesandt. Die Tätigkeit der Frankfurter „Weibliche» Fürsorge" in Galizien. Von Binjamin Segel (Lemberg). (Schluß.) Allein die Sache hat noch eine andere Seite. Die jüdischen Mädchen in 'Galizien leiden furchtbar unter dem Mangel an Beschäftigung und fallen ■ darum Mädchenhändlern und anderen Schwindlern zum Opfer. 'In demselben Bericht, von dem hier die Rede ist, lese ich, daß zum Zwecke Des M ädchenschutzes in Czernowitz eine Bahnhofs Mission eingerichtet wurde, „aus Mitteln, die uns glücklicherweise noch von Herrn Charles Hallgarten zur Verfügung gestellt worden sind". Nebenbei bemerkt: hinausgcworfcneS Geld! Einer so reichen Gemeinde wie Czernowitz brauchte Charles Hallgarten keine Mittel zur Verfügung zu stellen. In den letzten Wochen wurde dort zu Wählzwecken sicher zwanzigmal so viel vergeudet, als die gedachten Mittet betragen. Der selige Hallgarten hatte eine offene, aber keine ,sehr glückliche Hand. Für die „Sozialistischen Monatshefte" hatte er seinerzeit 5000 Mark gespendet, wofiir ihm die Genossen noch nach dem Tode Steine ins Grab nachwarfen. Hätte er eine solche Summe fiir einen jüdischliterarischen Zweck gespendet, man hätte ihn in allen jüdischen Blättern als den ersten Mäcen gefeiert. Mich will es bedünken, daß es wichtiger ist, jüdischen Mädchen ehrenhaften Erwerb zu verschaffen, als Bahnhofsmissionen einzurichten. Die Kindergärten eröffnen den galizischen Jüdinnen ein neues, sehr nützliches und ehrenhaftes Tätigkeitsgebiet, auf dem sie besser als durch sämtliche Bahnhofsmissionen vor Verführung geschützt sind. Die jüdischen Mädchen m Deutschland haben dieses gottlob nicht nötig. Ist es nun Sache der Wohltäterinnen, ihren galizischen Schützlingen im voraus die Befähigung . hierzu abzusprechen und ihre Bestrebungen als Chauvinismus zu verdächtigen? Wir wissen in Galizien sehr wohl, wie tvcit wir auf allen Gebieten hinter den Deutschen zurück' sind, und wir wollen gern und eifrig lernen. Wir sind jedem Lehrer dankbar für alles, was er uns bringt. Aber wenn der Lehrer zu mir spricht: Ich lehre dich wohl, aber wisse', daß dir der innere Beruf fehlt, daß du es an Tüchtigkeit und Festigkeit nie wirst mit mir und meinesgleichen ausnehmen können, so ist der Lehrer mein Freund nicht. Die galizischen Juden wissen wohl, daß sie viele Dinge nicht können, aber sie hoffen, sie über, kurz oder lang zu erlernen.' Sie wissen, daß dieses bei anderen Leuten auch einmal der Fall gewesen ist. So waren z. B. die Chemie und .die Orientalistik noch am Anfänge des 19. Jahr-! Hunderts spezifisch „französische" Wissenschaften. Liebig mußte nach Paris gehen, um Chemie zu studieren, und Mohl, Oppert und Munk mußten dasselbe tun, um sich in der Kenntnis der orientalischen Sprachen zu vervollkommnen. Und gerade in diesen beiden Wissenschaften sind die Deutschen heutzutage Meister. Darum brauchen die galizischen Juden die Hoffnung nicht ganz aufzugeben, in der tiefen und sublimen Wissenschaff des Kindergartenwesens es auch noch einmal zu etwas Rechtem zu bringen. Vor 50 Jahren durften alle Judenfeinde mit Emphase darauf Hinweisen, daß die Juden keine Fähigkeiten zur bildenden Kunst cm den Tag gelegt hätten. Und aM Ende sind einige der größten Maler und Plastiker der Gegenwart just in der Mitte der Juden erstanden, und nicht wenige gerade unter den so geringgeschätzten galizischen Juden. Diese mögen sich also einbilden, daß ihre Töchter noch einmal die hohe Kunst erlernen werden, kleinen Kindern die Näschen zu putzen, sic Spiele zu lehren und Lieder mit ihnen zu singen — trotz des Pessimismus ihrer Frankfurter Wohltäter. Gute Kindergärtensind für die große Masse der galizischen Juden das erste und dringendste Bedürfnis. Dieses zu erfüllen war die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der obgedachten Baron Hirsch-Stiftung. Nur die Ignoranz und Stümperei des in Wien residierenden Kuratoriums, verbunden mit dessen Lieblosigkeit den galizischen. Juden gegenüber, bewirkte, daß man das Geld des Philanthropen zur Gründung von Volksschulen verwendete — was die Pflicht des Landes ist — und so dem Landesfonds einige Hunderttausend Kronen erspart, ohne daß die Schulen bis auf den heutigen Tag im Volke Wurzel zu fassen vermocht hätten. Allein die Kindergärten müßten den örtlichen Bedürfnissen angepaßt werden, die Kinder frühzeitig in der Landessprache unterrichtet und zugleich a ns gesprochen jüdisch erzogen sein, d. h. den Kleinen die häusliche religiöse Erziehung in veredelter, ästhetischer Form darbieten. Nur so werden sie das Vertrauen der Massen gewinnen und das vielgescholtene Cheder ersetzen. Solche Kindergärten sind mindestens 150 nötig, die Kräfte müffen im Lande, den besonderen Bedürfnissen entsprechend, in einer eigens zu errichtenden Anstalt nach sorgfältiger Auswahl ausgebildet werden. Das kann natürlich nicht Aufgabe eines über so geringe Mittel verfügenden Vereines wie die „Weibliche Fürsorge" sein, aber das große Verdienst der Anregung könnte sich letzterer erwerben. * Zu meinem großen Bedauern muß ich noch von einem anderen Punkte aus die Stellungnahme des Berichts einer Kritik unterziehen. Schwester Johanna, der man „voll Vertrauen die Reorganisation und Leitung des Krankenhauses in Drohobycz" (einer der reichsten und verschwenderischsten Städte in Europa) überlassen hat, schildert im homerischen Stil die heroischen Kämpfe, die sie mit der rohen, niedrigen, unzivilisierten Masse der dortigen Juden zu bestehen hatte, um ein wenig westeuropäischen Geist in die Spitalordnung hineinzubringcn. „Die Leute aus der Umgebung des Spitals waren gelvohnt, zu jeder Tag- und Nachtzeit ein- und anszugehen . . . Am Samstag kam man mit Betten und allem möglichen und machte es sich im Garten bequem. Ich ordnete Besuchsstunden an und ließ nur solche Leute vor, die tatsächlich Verwandte im Spital hatten. Natürlich war man damit nicht zufrieden, eine Menge versammelte sich vor dem Tore, warf mit Steinen, schimpfte und drohte, mich zu erschlagen . . . Herr Dr. Hasfner kam - und wollte an die Polizei telephonieren, aber ich bat, dieses zu unterlassen; den» wenn sie sehen, wenn mich das nicht geniert.. Aehnliche Berichte habe ich aus Dentsch-Ostafrika, ans Australien und den Gebieten, wo Wilde und Menschenfresser wohnen, gelesen. Es überlänft einen kalt, wenn man an die Gefahren denkt, denen die heldenmütige Schwester Johanna so tapfer die Stirn bot, um das westeuropäische Prinzip der Ordnung hochzuhalten, und man begreift, „was das bedeutet, welche Energie und welcher gute Wille dazu gehört, einen solchen Feldzug gegen Unkultur zu unternehmen", wie der Bericht stolz hervorhebt. Tatsächlich ist es aber noch nie vorgekommen, daß der jüdische Mob in Galizien jemanden erschlagen oder ihm auch nur ein Haar gekrümmt hätte. Das sind die gutmütigsten, lenkbarsten und gelehrigsten Menschen von der Welt. Man muß nur wissen, wie zu ihnen zu reden. In Deutschland gibt es überhaupt keinen jüdischen Mob, und einen Deutschen befremdet es, wenn er Juden sieht, die keine Kommerzienräte und keine höheren Töchter oder mindestens wohlsituierte, gelassene Kleinbürger sind'. Es ist überhaupt in Deutschland nicht möglich, eine zu hunderten oder gar zu tausenden zählende Masscnansammlung von Juden und Jüdinnen zu sehen, wobei die Maffenpsyche in Funktion tritt. Daher die ganz schiefe und verständnislose Behandlung der Judenmassen.

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