Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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?tr. 22 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Er hat dann zwei volle Jahre gesonnen und gesonnen, i»n seine Schlappe wieder gnt zu machen, und die Frucht des zweijährigen Nachsinneiis ist der noch fanwscre Vorschlag zur „Statutenänderung", den er seiner diesjährigen Tagung verlegen will. Wir haben in der vorigen 'Nummer diese „Statutenänderung", die darauf hinausläust, all die kleineren Geineinden zu cntrechten .und das Wohl und Wehe der deutschen judenheit der weisen Erkenntnis einiger antokralischen Gemeindcvorständc anznvertrane», bereits charatkerisiert. Wir haben auch bereits den Brief des 2. I. G. B. znm Albdruck gebracht, ivorin cr sich gegenüber den Angriffe» verschiedener jüd. Organe zn rechtfertigten versucht und haben die Haltlosigkeit dieser Rechtfertigung nachge viesen. Tnrch einen glücklichen Zufall ist nun . eilt Schreiben an den Tag gekommen, das der T. I. G. B. an die größeren Gemeinden gerichtet hat und das tvie nichts geeignet ist, d'e wahren Absichten der Herren vont Vorstande zu charakterisieren. Das Schreiben, das die „Jüdische Rundschau" zum Abdruck bringt, lautet: Verehrlicher Vorstand! In unserem Rundschreiben v. 1-1. d. Mts. haben wir die Aufmerksamkeit der verchrlichen Vorstände auf einen Versuch Unberufener gelenkt, sich die Mandate für mittlere und kleinere Gemeinden zn verschaffen, um eine Reform zn verhindern, ohne auch nur Vorschläge und Begründung abzuwarten. Ohne den berechtigten Ansprüchen der kleinen Gemeinden etwas zu vergeben, beruhen unsere Vorschläge auf dem demokratischen Prinzip, indem sie au die Stelle der Geldbeiträge die vertretene Scelcnzahl als Maßstab für die Berechnung der Stimmen scheu und auf diese Weise der Bedeutung der einzelne» Gemeinde für Sie große Gesamtheit gerechter werde». Damit schon jetzt dieses Prinzip, so weit dies bei der ungünstigen Lage der geltenden Statuten i» schwachem Maße möglich ist, tvirksam sei, ist cs nötig, daß keine der größeren Gemeinden un- »crtrcten bleibe. Wir bitten Sic daher dringend, mit der Ernennung eines Vertreters ans Ihrer geschätzten Gemeinde selbst nicht zu zögern. Es wäre anßervrdcutlich zn bedauern, wenn Ihnen dies nicht möglich wäre. Für diesen unerwünschten Fall müssen wir Sie bitten, dem Ausschuß des D. I. G.-B. eine Blankovollmacht zur Verfügung zu stellen. Gerade damit in Zukunft dieser Ausweg überflüssig sei, limil cr dieses einzige Mal betreten werden. Wir wiederholen, daß uns ein eigener Vertreter Ihrer geschätzten Gemcindc viel willkommener ist. Um Unberufenen (!! Die Red.) die Gelegenheit zn weiteren Versuchen in dieser Angelegenheit (!!) abzuschneidcn, erscheint uns deren beschleunigte Erledigung erwünscht. Hochachtungsvoll D e r A n s s ch n ß d e s Dentsch -- Israelit. Ge »idindebundes, gcz. Prof. Dr. M. P h i l i p p s o n, Goschäftsführcnder Vorsitzender. Tas Schreiben, das vorsichtig gefaßt ist, besagt genug. Man gestatte uns ein paar Fragen: Warum hat der D. I. G. B. den Brief nur an die g r ö ß e r c n Gemeinden versandt? 4lbgcschcn davon, daß cs formell im höchsten Grade unzulässig ist, da doch auch die kleinen Gemeinden dein 2.. I. G. B. 'als vollberechtigte Mitglieder angehören, wäre das nicht ein Zeichen, dasdie ganze Äendcrung nur zum Vorteil der großen und Schaden der kleinen G e »i e i n d e n gemacht werden soll? Ferner: Wer sind denn diese Nnberttfelten, von denen der 2. I. G. B. sowohl in seinem Vorschläge zur Statutenänderung, wie auch in seinem vorlvöchentlichen Schreiben undin diesem Briefe zn sprechen nicht niüde wird? Sind etwa damit all die gemeint, die cs lvagen, den Herren vom Vorstände' ciitgcgenzutretcn? Soll unberufen hier gleichbedeutend mit unbequem sein? Möge doch der 2- I. G. B. genau erklären, wen er als diese Unberufenen bezeichnet. Und endlich: Warum mahnt denn der 2. I. G. B. so sehr zur Eile? Warum ist denn die „beschleunigte Criedignng" so sehr „erwünscht"? Doch hierauf finden wir die Antwort im Briefe selbst: „Um Unberufenen die Gelegenheit zu weiteren Versuchen in dieser Angelegenheit abzuschneidcn"; hier liegt des Pudels Kern; mau muß nur diesen diplomatischen Ausdruck verstehen; ins gewöhnliche Tentsch übertragen, heißt es:. Um „hyperorthodoxen und zionistischen" Organen die Möglichkeit zn nehmen, ans die Angelegenheit ihren Ei-nfluß auszuüken, mit „hyperorthodoxen und zionistischen" Agitatoren es unmöglich zu machen, eine B e w e g uMg gegen d i e „2 t a t u t e n ä n d c r it tt g" z u e-n t f a ch e tt, um mit einem Worte eine starke Opposition v'on vornherein zu v crhrn'dern. Tch Herren vom 2. I. Gl B. müsseu^doch sehr um ihre „Statutenänderung" besorgt,Zein, tvcnn sie so sehr auf die „beschleunigte Erledigung der Angelegenheit" drängen und so -Zehr die Kritik scheuen. Es ist nun die Sache der „llnberitfenen", d. h. all derer, denen das Wohl der deutschen Judenheit am Herzen liegt,, den Herren vom 2. I. G. B. einen Strich durch die Rechnung zn machen und dafür zu sorgen; 'daß .es dem Vorstände auf der diesjährigen Tagung nicht besser ergeht wie auf der vor zwei Jahren. Bor allem aber richten wir an die.»-.^leinen Gemeinden unseren Appell. Es -liegt in ihrer Hand, den Gewaltstreich des D. Z '.- G . B. zu verhindern. Tuii sic dies, dann werden sie sich ein Verdienst um hie gesamte.. deutsche Judenheit eriverben; -tun sie es nicht,' nun, dann verdienen sie das Los, das ifjitcit. - der 2. I. G. B. bestimmen Ivill. :» Zu den Wahlen in der AMance. Bekenittniffe einer schönen Seele. Zum ersten Male iiP'fier 50 jährigen Geschichte der Alliance hielt die-Pariser Zentrale es für nötig, in der Schweif einen Alliancetag zn veranstalten. Eine ungeheuerliche demokratische Tat seitens, der Pariser: Selbstherrscher i— und nur verständlich in dergewaltigen .Not, da es gilt, Rcinach zn retten.' Doch d i e R e t t u n g m i ß l a n g im Schweizer Land. Der sonst so schlaue Generalsekretär, der sic vollführen sollte, stolperte auf dem ihm ungewohnten Bode» der öffentlichen Verantwortung, und er mußte ohne die Resolution in der Tasche nach Paris znrnckfcchren. V";,. Auch er — Bigart ^-r.. ist heute ein G e - richtet er vor dem Forum, der jüdischen Ocffentlichkcit. Gerichtet nicht mir durch den ganzen Geist, der aus seinen Worten, sprach, vielmehr besonders durch die ihm unbedacht entschlüpften Bekenntnisse. » Bigart bekannte, d a s; e r s.e l b st d i e B erbe e i t n n g der den n n ztatarischen Rede des 78 jährigen Alliance-Präsidenten Leven über den Zionismus in der P a r i s e r und. K o n st a n t in v p e l c r Presse veranlaßt habe. Eine Tat, -die jedes Wort, das. inan darüber verlieren würde.. in ihrer Charakterisierung schwächen würde. Was aber nicht versäumt sei, das sei/ aus Bigarts Worten noch einige Aussprüche hier herzusetzen. ..Eremieux war der Begründer und langjährige Präsident der Alliance. Nuii, Crsmieux hiat sierne Kinder taufen lassen.. Trotzdem Heck cr dem Judentum die größten Dienste geleistet." Also, selbst wenn man ‘ seine Kinder lausen läßt, darf man nach Bigarts Ansicht Führer in Israel sein. Nebenbei bemerkt : wir wissen wohl, daß Ersmieuxs Kinder sich taufe» ließen; — behauptet Herr Bigart, daß Eremieux sie taufen ließ? „Rcinach hat vielleicht das jüdischste Herz in Paris. Er will, daß die Juden vorwärtskommcn. . .Warum ' will er das Ritnalgeseh nicht? Weil, sagt Rcinach,. die Inden dadurch in ihrem Fortkommen behindert,: werden." Schade, daß Bigart nicht auch gleich: in Ziffern umgesetzt hat, was das jüdische Herz des Millionärs .Rcinach bisher in greifbaren. Zahlen geleistet hat! Denn das ist doch das, jüdische Herz, das nian manchmal sonst ganz ajüdischen Herren nachzurühmen pflegt. Aber . selbst wenn Rcinach dieses jüdische Herz haben sollte, ihm damit das Recht zuznschreiben, das Judentum zu bekämpfen und zu veruiiglimvf.cn; — eine solche Logik kann doch nur Kovfschüttcln erregen! Aber lassen wir Herrn Bigart, der voni Judentum lebt, auch weiter fürs Judentum so leben und denken, wie's ihm beliebt, Bei anderen Vorgesetzten wird er ivohl auch anders tanzen köniien. Paris ist absolutistisch-despotisch! „Paris ist absolutistisch-despotisch!" also rief Dozent Dr. I ahn d a ans, der von Berlin nach Basel geeilt war, um Bigart entgegenzntrcten. „Die Wahlen im Jahre 1008 wurden bis zum Oktober aufgeschoben, um Zeit für Aufstellung der Liste zu gewinnen. Und dann hat man erst aus dem Aufgeschoben ein Aufgehoben gemacht. Man hat sich in Paris'einfach über die Statuten h i»w eg gesetzt! ' „Nach den Statuten darf niemand länger als drei Jahre Präsident sein, dann muß er wenigstens für ein Jahr zurücktretcii. Man hat sich an diesen Paragraphen nie gehalten. Das ganze Zentral k o in i t e e steht auf i l l e g a l e m B o d e n." Man begreift nach diesen Feststellungen Dr. Jahndas Reinachs großen Widerwillen gegen das geschriebene Wort und sein Kämpfen für eine vergangenheitslose Zukunft; — doch das eine möge sich Herr Rcinach gesagt sein lassen, daß solcherlei Handel» nur auf dem Boden des Despotismus oder des N i h i l i s m n s entstehen kann, nie aber auf dem der Menschenwürde und der Gerechtigkeit. Wenn heute Rcinach und. seine Helfershelfer den Ruf nach gerechte Handhabung der Statuten als deutschen Chauvinismus zn vcrlenmlbc» suchen, so bleiben sie ihrer Devise treu: Mach t geht vor R c ch t! Wahlmanöver. Wie uns der Kandidat der Deutschen Konferenzgemeinschast Kommandant Armand Lipmann- Vcrsailles mitteilt, hat er seine Kandidatur zurückgezogen. Dies ist nach unseren Informationen geschehen, weil ihm Herr Bigart die von Deutschland ausgehende Aktion a l s eine d e n t s ch n a t i o n a l i - stische hingesteilt hat. Es kommt Herrn Bigart auf eine Unrichtigkeit mehr oder weniger nicht an. Die deutsche .Konserenzgemcinschaft hat an Lipmans Stelle Obcrrabbiner Jsaac Levy-Bordeaux nominiert. Aus K » » st a » t i n o p c l wird der „N. I. K." berichtet, daß dort mit den bedenklichsten Mittel ii „gearbeitet" wird. Massenhaft werden die nach Herrn ReinachS Ansicht so „rückständigen Inden" zü Mitgliedern der Alliance „ernannt", indem man ihnen sagt, sie können einen Beitrag zahle», wenn sie wollen, oder auch nicht. Als Gegenleistung werden sie zur Wahl Reinachs verpflichtet. Gleichzeitig werden in den Listen dieser neugebackenen Wähler von Angestellten der Alliance die Namen des Justizrats Fuchs und des GeheimratS Landau mit der Begründung gestrichen, man müsse an ihrer Stelle ortsansässige Kandidaten anfstcllc». Natürlich sind diese Kandidaten völlig aussichtslos, da sie nur Stimmen in dem jeweiligen Wahlort erhalten. Aber der Zweck wird erreicht, den Paris bekämpfenden Herren Stimmen zu entziehen. Auch wird verbreitet, die D. K.-Ä. wolle sich vermittels der Wahlen lediglich der in Paris angelegten Gelder der A. I. U. bemächtigen. In andern Städten wagt man nicht, die deutsche Liste zn lvählen, weil man Grund hat, die Entziehung der Subventionen für die Schule» der Jca, deren Vertreter sz. B. Herr Astruc in Rumänien) gleichzeitig Vertreter der A, I. U. sind, zn befürchten, falls nicht „richtig" gewählt wird. Ferner teilt die „5t. I. K." mit, daß die Pariser Zentrale einen Ukas erlassen hat, ivonach :— entgegen den bisherigen Gepflogenheiten — unterschriebene Wahlzettel als ungültig betrachtet werden; e i n M i t t c l, die W a h l m a ch e z n erleichtern! Selbstredend sind unterschriebene Stimmzettel v o l l k o m m e n g i l t i g. Letzte Nachrichten. Nürnberg. Hier fand eine von hiesigen Mitgliedern der Alliance einberufene Versammlnng statt. Es waren 300 Personen anwesend, trotzdem das Lokalkomikce in einem Rundschreiben zum Fernbleiben von der Versanrmlnng aufgefordert hatte. Dr. I a h »das Referat wurde mit stürmischem Beifall ausgenommen und in einer Resolution der Protest gegen Reinachs Wiederwahl und Bigarts pflichtwiorige Wahlkampagne und das Vertrauen zu Berlin e i n st i m m i g ausgesprochen. Die 4t ü r n b c r g e r K n n d g e b n n g i st d e shalb 'so b cd c n tn n gs v o l l, weil Nürnberg der H a n p t s i h der Pariser Parteigänger ist und das Lokalkomitee alles getan hat, die Anfklärnng der össentlichen Meinung zu verhindern. F r a n k f u r t a. M., 30. Mai. Das hiesige Lokalkomitee beschloß, wie es uns mitteilt, in seiner Sitzung vom 24. Mai, einstimmig, „das von der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft in der Angelegenheit der Ergänzung des Zentralkomitees beobachtete Verfahren auf das sch ärsste zu mißbilligen und Verwahrung gegen dasselbe einznlegen." Auf unsere Erkundigung nach dem Grunde derDifferenzen zlvischen Frankfurt und Berlin wurde, uns die Mitteilung, daß das Frankfurter Lokalkomitee stets selber die Wahlzcttel an seine, Mitglieder versandt hat und in der direkten Versendung von Berlin — ohne daß Berlin es um seine Ansicht gefragt und ohne daß es zu der Wahlfrage Stellung genommen hat — eine Kompetenz- Überschreitung Berlins sieht. Die Tatsache der Versendung der Wahlzettel nach Frankfurt, war dem Lokalkomitee schon vor zwei Wochen b e k a nti t, und ist es unter diesen 'Umständen cigentünilich, daß man erst hart vor dem Wahlakt störend eingreist und damit eo ipso für die Pariser Liste — also für Rcinach — eintritt. Uebrigens, wenn die Frankfurter Herren so sehr auf ihr Recht, bestehen, — warum haben Sie denn nicht auch das Recht ihrer Mitglieder: btz-