Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692738--06220-2701203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 4. Reanffad« gfraeHtffgö gamWenLVM. Nx. 22. rücksichtigt und eine Mitgliederversammlung ein-- berufen? Wenn ein Vorstand streikt, so hat er vor allem sein Amt in die Hände der Mitglieder znrückzngeben. — Es ist sehr bedauerlich, daß gerade Frankfurt, das im Judentum eine führende Stellung einnehmen will, sich den Anschein gibt, für Reinach einzutretcn. —> Die Deutsche Konferenz - Gemeinschaftsendet uns die telegraphische Mitteilung, baß die Frankfurter Mitglieder der Alliance ihren Wahlzettel direkt an die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft in Berlin, Or anienburgerstr. 42/43 einsenden mögen. Frankfurt a. M., 31. Mai. In der gestrigen Mitgliederversammlung des Centralvereins israelit. Gemeindemitglicder richtete Martin Levigard einen Appell an die Mitglieder, für die Berliner Liste cinzntreten. * Kandidatenliste. d er Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraölite Universelle für die Wahl am 4. Juni 1911. A. Mitglieder in Paris: 1. Charles Berr, 2. Albert Cahen, 3. Dr. R. Hirschberg, 4. Dr. Alexander Klein, Avocat, 8. Lucien Lazard, 6. Jsai Levaillant, 7. Narcisse Leven, 8. Israel Levi, 9. Alfred Levi, 10. Camille Lion, 11. I. Machiels, 12. Saul Merzbach, 13. Eugen Richtenberger, 14. MLitre Tchernoff, Avocat a la cour d'appellation. L. Mitglieder außerhalb Paris: 1. Dr. B. E. Asscher, Amsterdam, 2. Behor Effendi Aschkenazi, Mitglied des kaiserl. ottomanischen Senats, Konstantinopel, 3. Armand Bernheim, Mülhausen i. Elf., 4. Prof. Dr. Hermann Cohen, Geh. Regierungsrat, Marburg, 5. Rabbiner Dr. Feilchcnfeld, Posen, 6. Justizrat Max Fuchs, Notar, Berlin, 7. Hermann Gnmpertz, Hamburg, - 8. Stadtrat Leopold Guttmann, Beuthen, 9. Ritter D. von Gutmann, Wien, 10. B. H. Hartogensis, Baltimore, 11. Prof. Dr. Leop. Landau, Geh. Medizinalrat, 12. D. E. Lioni, Amsterdam, 13. Oberrabbiner Jsaac Lcvy, Bordeaux, 14. Rabb. Dr. Nobel, Frankfurt a. M., 15. Heinrich Oschinsky, Breslau, 16. Rabb. Dr. Rosenthal, Breslau, 17. Adolf Salomon, Bukarest, 18. Hermann Löb-Stern, Mannheim, 19. Hermann Wittner, Leipzig, Aus allSr Welt. Deutsches Reich. e. Berlin. Wie auf einer Versammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüd. Gemeinde", -Dr. Salomonsohn mitteilte, hat der Magistrat denjenigen Fleischern, die nicht unter Aufsicht stehen, afi 1. Juni das Schächten untersagt. Hiermit ist eine Frage in Bewegung gchracht worden, mit der sich zu beschäftigen Aufgabe der jüdischen Gemeindevereine ist. Die Organisation für hebräische Sprache und Kultur hätte auf Sonnabend Abend zu einer Versammlung eingeladen, und dem Rufe waren so viele gefolgt, daß der große Saal der Tiergartenhofs bis auf den letzten Platz besetzt war. Dr. Mossinsvhn-Jasfa sprach unter stürmischem Beifall über das neue jüdische Leben in Palästina. IHM folgten als Redner Dr. Schmarjah Lewin und Leo Motzkin und in der Diskussion Rabbiner Dr. Fink und Dr. Heinrich Löwe. Erst gegen 12tys Uhr erreichte die hochinteressante Bersmnmlung ihr Ende. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Der Börsenrat beschloß die Zuwendung von 1000 Kronen an den Luegerdenkmalfonds, trotzdem dieser Demagoge vor einigen Jahren in einer öffentlichen Rede die jüdischen Börsenbesucher Gauner und Betrüger nannte. Der schmachvolle Beschluß wurde — und das ist das Unglaublichste daran — von einem Gremium gefaßt, das f a st ausschließlich aus. Juden besteht. Anwesend waren außer denk Vorsitzenden 11 Juden und 2 Christen. Es stimmten für die Bewilligungen folgende jüdische Kreaturen: Gustav Sobolka, der dem Kmtusvorstande nahe steht, B- Popper, Jac-- ques Weiß- Adolf Landsb erger, Wiedmann, Moritz Stern, Alfons Fcldmann und der Täufling Maxime von Kras'ny. Doch in einem' Wien, dessen Kultus Vorstand „tjcfbetrübt an der Bahre des größten Mannes" steht, ist in Puncto „jüdische Ehre" das Charakterloseste charaktervoll. Budapest. Im Abgeordnetenhause kam Dienstag die Frage der Organisation der ungarländische» Juden zur Sprache. Ludwig O st f f y tvies den Minister auf die Unordnung und Rechtsunsicherheit hin, die in der. Organisation des Ungar. Judentums herrschen. Das Gesetz kenne nur ein.Judentum, — und doch gebe es in Ungarn zwei, drei, selbst vier Arten von Juden. Der Unterrichtsminister müsse das ungarische Judentum anhalten, ein allgemeines Organisationsstatut ins Leben zu rufen, das' es als Einheit dem Staate gegenübersteNt. \ Unterrichtsminister Graf Stefan Tis za erwiderte daraus folgendes: Wenn schon unmittelbar vor meiner Rede die Frage der Organisation der ungarländischen Juden zur Sprache kam, muß auch ich meine unmaßgebliche Meinung äußexn, die dahin geht, baß die heutigen Zustände wirklich unhaltbar sind und daß diese unbedingt geregelt werden müssen, und zwar deshalb, damit endlich eine Verantwortliche Leitung vorhanden sei, die über einen entsprechenden .Rechtskreis verfügt und Verantwortlichkeit besitzt, derzufolge. die staatliche Kontrolle und Intervention eine wirkungsvolle werden kann. Es ist auch deshalb notwendig, damit wenigstens ein. Schritt in der Richtung geschehe, daß die heutige Qualifizierung eipe richtigere werde. Ich weiß sehr wohl, daß dies einen sehnlichen Wunsch aller auf einem höheren Niveau stehenden Mitglieder der ungarischen Judenschaft bildet. Niemand will chr eine Autonomie geben, die dem Wohle und den Intentionen des ungarischen Judentums nicht entsprechen würde, aber gerade deshalb — und damit schließe ich dieses Thema — kann bei der Feststellung der autonomen Organisation des ungarischen Judentums jene bedauerliche Tatsache nicht außer acht gelassen werdendaß die Judenschast in mindestens zwei sich hassende Lager gespalten ist, die, wie ich befürchte, in eine einheitliche, lebensfähige Autonomie nicht hineingezwängt werden können.' Darin liegt die praktische Schwierigkeit. Deshalb aber darf die Frage nicht ad calendas graecas vertagt werden, sondern es muß bei der Lösung derselben auch damit gerechnet werden. ' Budapest. 131 Männer, 91 Frauen und 20 Kinder unter 7 Jahren, die sich taufen ließen, in Summa 242 Taufen, wurden 1910 der israelitischen Kultusgemeinde zur Kenntnis gebracht. In Wirklichkeit ist die Zahl der Taufen noch größer, da dieser Schritt häufig verheimlicht wird. In Marmaros-Szigeth vollzog im Beisein einer 3000köpfigen chassidischen Menge Rabbi Teitelbaum am jüdischen Friedhof eine Trauung. Es wütet dort eine verheerende Scharlach-Epidemie, und deshalb beschloß die jüdische Masse, dem Vernichter nach einer alten Sitte entgegenzutreten. Man sammelte einige hindert Kronen als Mitgift für ein armes Waisenmädchen, das dadurch in die Lage kam, einen taubstmnmen Handwerker zu heiraten, und vollzog die Trauung am' Friedhof. Zioni. Großbritannien. London. Das kommende Sonntagsruhegesetz wird, wie man aus den Kommissionsbeschlüssen ersehen kann, eine große Schädigung der Sabbatbeobachtung im Gefolge haben. Man nimmt mehr Rücksichten auf die christlichen Konkurrenten der jüdischen Geschäftsleutedie in ihren Protesten nur von dem nackten Konkurrenzinteresse, geleitet werden, als auf Recht und Billigkeit. Man wird es wahrscheinlich den Stadtverwaltungen überlassen, ob sie den Geschäften, die am Samstag geschlossen haben, am Sonntag einige Verkaufsstunden gestatten, — und dabei wird für die Juden meist auch eine Verweigerung der dann gesetzlich zulässigen wenigen Stunden herauskommen. Tausende jüdische Geschäftsleute des hiesigen Ostends z. 33.,- die am Sonntag ihren Hauptverdienst hatten, werden so Der Sabbätentweihung in die Arme getrieben werden! London. Im Ostend wurde der G r u n d st e i n zu dem Jüdischen Bolkstheater, für das bereits fast sämtliche 12,000 Aktien ä ein Pfund Sterling abgesetzt. sind, gelegt. Rußland. Petersburg. In loser.Nebeneinanderfolge seien heute einige russische Knlturb.ilbche-n aus beinMeignissen devrletztenTage, gegeben: Der Jelninsche: Landrat umzingelte mit einer Abteilung Polizisten die Station Potschinsk der Riga- Oerl-Bahn und nahm d r e i T a g e h i n d u r ch eine Untersuchung des Wohnrechts sämtlicher Juden vor. Verschiedene Juden flohen, andere wurden erfaßt und ausgewiesen. In Riga wurden etwa 3 00 j irdische H andwerker ansgewiesen, weil sie sich einem legalen Streik angeschlossen und damit ihren Beruf, der ihnen das Wohnrecht gibt, unterbrochen hatten. In Astrachan wurden sämtliche dreizehn Juden, die sich als Sterne zum Abitnricntcne x a 11t e n meldeten, grundlos z u r ü ck g e w i e s e „. Der Gouverneur von Moskau hat dem Jsprawnik von Serp'uchow eine Rüge erteilt und den dortigen Pristaw b e st r a f t, tveil sie eiirem Juden, der außerhalb des Ansiedlungsrayons kein Wohnrecht hat, in Serpuchow einen zweistündige» Aufenthalt gestatteten. Senator Neidhart hat Generalmajor Sedwedjew, Mitglied des Petersburger Stadtrats, wegen Äestechungsannahme angeklagt Er habe von dem' Juden H i r s ch f e l d 1700 Rubel genommen und daraufhin veranlaßt, daß die Petersburger jüdische Gemeinde ein an ihren Friedhof grenzendes Stückchen 'Land genehmigt erhielt. Petersburg. Die angesehensten Schriftsteller beabsichtigen, eine Protestkundgebung gegen die Ritualmordhetze in den Zeitungen zu veröffentlichen. Zwei Lüge«. Skizze aus dem jüdischen Leben der russischen Hauptstadt. Dem Aickenken seiner unvergeßlichen Schtvester Engenie. gewidmet von Leo Kadinsky-St. Petersburg. Es war ein schwüler Maienabend. Die Sonne ging Dem UntergMge entgegen und hatte den wolkenfreien Himmel mit einem grellen Purpur bedeckt. Ihre letzten Strahlen spiegelten sich im klaren Wasser der stolz dahtnfließenden Newa und ließen die goldenen Spitzen, die das Gitter des am Ufer des Flusses gelegenen Sommergartens zieren, erglänzen. Ein leiser Lusthauch, bewegte die Aeste der Bäume. Ein hagerer Gärtner, mit dem Aussehen 'eines Schwindsüchtigen begoß die Rosen und Tulpen, die in einem kreisrunden Beete, das.mitten im weiten Rasen' gelegen war,, wuchsen und einen angenelstnen Duft verbreiteten. Ai» Ufer rollten Equipagen vorbei. Int Garten drängten .sich, noch die Spaziergänger. Die herannahende Dunkelheit zerstreute sie allmählich, und nur einige saßen noch auf den Bänken, zu beiden Seiten der Gartenallce und warteten, bis der Gärtner sein Glöcklein erschallen ließ, eine höfliche Bitte, den Garten zu verlassen. Auf einer der Bänke unterhielten sich! ein Student und ein junges Mädchen. Sie hatten sich anscheinend erst eben kennen gelernt. Das Fräulein war, ihrer ziemlich einfachen Kleidung nach, zu urteilen, eine Hörerin der Kurse oder, wie man in Rußland zu sagen pflegt, eine „Kursistin." IN Wem bleichen, von einem feinen rosigen Schimmer bedeckten Gesichte verrieten tiefliegende dunkle Augen viel Leben. Ihr schwarzes Haar, von einem leichten Strohhüt bedeckt, wallte in Locken fast bis auf die Schultern herab, und ein feines Lächeln schwebte. beim' Sprechen ans ihren Lippen. Der Student, in der bekannten Uniform -der rufsischen Hörer der Universität, mit blauen Streifen und goldenen Knöpfen, hielt einen Spazierstock in der Hand, den er während seines Gesprächs hin und her pendeln ließ. Bon Zeit zu Zeit näherte er seine Hand dem' Schild seiner Mütze, der bekannten Studentenmütze mit blauem Raiäie, als wollte er sie tiefer auf die Stirn schieben. Es war zu einer Zeit, als die Unruhdn in den Hochschulen wieder einmal in voller Blüte waren. Was natürlicher, als daß sich zwischen den beiden ein lebhaftes Gespräch über dieses Thema entspann: . . . „Sv geht es schon über einen Monat her," sprach der Student, „und es vergeht kein Tag, an welchem' in der Universität nicht eine Anzahl von Studenten verhaftet wird... Es erscheint ja als eine Komödie, wenn man bedenkt, wofür die Verhaftungen vorgenommen werden. Bei einem Freunde von mir wurden bei der Haussuchung einige Briefe gefunden» die er von seinen Eltern erhalten hatte. . . Die Briefe, die wahrscheinlich Fragen über Wetter, Wohnung, Kleidung und ähnliche politische Probleme behandelten, wurden konfisziert, er selbst wurde verhaftet, und wenn .er morgen auf Befehl des Ministers aus der Universität ausgeschlossen wird, so soll es mich garnicht wundern. . ." „Denken Sie sich einmal," unterbrach ihn das Fräulein, „wofür bei uns eine Kursistjn verhaftet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.