Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Fortgang unserer Arbeit in Galizien ein sehr erfreuliches ist, laßt doch der Bericht auf eine sehr fühlbare Weise dnrchschinunern, baß dic g alizisch en Juden nie dazu heranreifen werden, ans eigener Kraft solche Institutionen zu schaffen und „Eingeborene" mit Erfolg an ihnen wirken zu lassen. Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht etwa uni hohe Akademien unö Universitäten, sondern unt einfache Kindergärten! Aber nicht einmal dazu sind die galizischen Juden nach Meinung des Berichtes fähig. Mit leisem, feinen Tadel wird geklagt: „So wünscht man jetzt, daß die Kindergärtnerinnen Polinnen sind, und es.besteht die Anregung, polnische Hilfskräfte den deutschen gleichwertig ansbilden zu lassen." Und in „diesem Verhalten" wird „Chauvinismus" gewittert. Diese „Polinnen" oder „polnische Hilfskräfte" sind natürlich galizische jüdische Mädchen, .und ihnen wird mü sehr bemerklichem Naserümpfen folgendes Zeugnis ausgestellt: „Vorläufig aber sind die beiden Kindergarten, die einheimische Kräfte angestellt haben, weniger gut versorgt geblieben." Wer ein solch abfälliges Urteil ausspricht und in die Welt hinausposaunt, hat die Pflicht, cs sehr genau ^zu begründen. Hat der Verfasser des Berichtes denn nicht bedacht, wie sich die kleinen Schulgewaltigcn in Galizien freuen würden, wenn sie diesen Bericht zur Hand bekämen! „Was? Ihr verlangt, daß wir euch die Pforten der Schule angelwett öffnen und dasselbe Recht zum Unterrichten einräwncu sollen ivie den Polinnen und Rutheninnen?" würden sie zu den Jüdinnen sprechen, die seit Jahren vergebens unt die Gleichbercchttgung auf dem Gebiete der Schule käinpfcn. „Seht her, >vas eure eigenen Glaubens- und Stauuncsgenossinnen, Ivas eure Wohltäterinnen und Beschützerinnen von euch, sagen: Nicht eimnal zu Kindergärtnerinnen finden sie euch geeignet. Ihr habt eben nicht den inneren Beruf zu solch Mein' Tun m euch. Das steht hier schwarz auf weiß." Die galizischen Judenmädchcn könnten freilich einwenden, daß vor 10 Jahren die christliche» Lehrerinnen ttr Berlin von ihren dortigen jüdischen Kolleginnen ganz genau dasselbe in öffentlicher Versammlung behaupteten, daß übrigens die anttsemüischen Angehörigen eines jeglichen Berufszweiges dasselbe von ihren jüdischen Mitbewerbern behaupten, wie cs schon der selige Atta Troll getan hat. Allein, das würde den galizischen Jüdinnen nichts nützen, denn .sie hätten nun eimnal ein gewichtiges Zeugnis aus jüdischem Munde gegen sich. Diese bedauernswerten galizischen Juden haben es wahrlich schwer, es allen ihren Wohltätern recht zu machen. In jedem Jahresbericht der .Baron Hirsch-Stiftung, die ihren Sitz in Wien hat und in Galizien ein paar Dutzend Volksschüler unterhält, kami man eindringliche Ermahnungen an die Juden lesen, sic sollen ja nur eifrig sich bemühen, die Landessprache zu erlernen, von deren Unkenntnis all chr Unheil komme,, und deren Erlernung sie aus allem Elend erlösen werde. Zu diesem Zweck habe der große Phllanchrop ja eine stattliche Anzahl von Millionen bestimmt. Nun kommen die Kleinen aus dem Kindergarten in die Volksschule; wenn sie im erstcreu ausschließlich! Deutsch gesprochen haben, wttd chncn die Erlernung der ohnehin nicht leichten polnischen Sprache sehr große Schwierig-' ketten bereiten. Es ist darum sehr zweckmäßig, daß die Kindergarten von Lehrerinnen geleitet werden, die des Polnischen mächttg sind. Bei Frankfurterimicn ist das nicht der Fall. Daher bemüht man sich, Galizierimicn für diesen Beruf ausbildcn zu lassen. Das wird jedoch ttr Frankfurt als „Chauvinismus" aufgcfaßt. Was ist da zu machen? (Schluß folgt.) Aus Äen Ereignissen des Tages. 1. Eine moralische Vernichtung. Wenn Menschen in hitziges Gefecht entbrannt sind, Pflegen sie cs mit der Moral nicht so Frarckfttrter ZsüteMsHes Famrlienblatk. genau zu nehmen, und pflegt man auch ihnen eine gewisse Nachsicht zuteil werden zu lassen. Aber auch im hitzigsten Kampfe gibt cs eine Grenze, über die hinaus die Moral zu verletzen, unmoralisch ist. Und diese Grenze überschritten zu haben, ist der schwerste Borwurf vielleicht, den man neben unzähligen anderen! gegen die leitenden Pariser Mitglieder des Zentralkomitees der Alttancc Jsraalitc erheben muß. Doch lassen wir die Tatsachen ihre beredte Sprache selbst führen. Unsere Leser kennen zur Genüge die Anschauungen über Juden und Judentum, die Herr Salomon Rcinach fett Jahrzehnten in Wort und Schrift mit fanattschem Eifer verficht, Anschauungen, die an dieser Stelle schon oft genug von uns und von Herrn R e i n a ch selbst gekennzeichnet worden sind. Wir haben auch oft genug au dieser Stelle Herrn Rein ach deswegen angegriffen, aber stets haben wir bei unseren Angriffen vorausgesetzt, daß wir cs mit cineni Manne zu tun haben, dem Vcrstcllung-und Verleugnung seiner Meinungen etwas Frcmdes sind. Wir nmsscn cingcstehen, wir haben uns getäuscht. Und uns über unsere Täuschung aufgeklärt zu' haben, ist das Verdienst des Herrn Rcinach selbst. Bor kurzer Zeit richtete er an ein elsässischcs jüdisches Blatt, das sich seiner, trotzdem cs von cineni Rabbiner redigiert wird, annahm, eine Zuschrift, die zu bezeichnend für den Charakter Salomon Reinachs ist, als daß lvir sie hier nicht wicdcrgebcn sollten. Sie lautet: „Ich habe gesagt, daß ich die Speise-Vorschriften als Uebcrlebtheit der Vergangenheit betrachten und eine innere Emanzipation des Judentums fordern würde, ich habe dies mit viel mehr Einzelheiten in meinem Werke: „Kulten, Mythen und Religionen" gesagt. Mer indem ich diese Meinung ausdrückte, habe ich es niemals so aufgcfaßt, um sie Jemand aufzudrängen, daß cs so sei, und es ist eine Unaufrichtigkeit zu behaupten, daß ich die Jugend der Alliance-Schulen vom Judentum oder auch nur von seinen Ritualgebräncheu abwendig machen lvolltc. S. Reinach." Als wir diese Zeilen lasen, ntußteu lvir lachen; lachen über die Naivität und — sagen lvir recht milde — Unbefangenheit Salomoir Reinachs, der es für möglich hält, die große weite jüdische Ocffcntlichkeit mit solchen plumpen Mitteln zu täuschen. Denn sie ist in der Tat plump, diese Zuschrift. Hält uns Salomon Reinach wirklich nur fiir dumme Schuljungen, die man überreden kann, daß ein Mensch Anschauungen seit Jahrzehnten mit Feuereifer vertreten könnte, ohne die Absicht zu haben, seine Mitmenschen zu denselben Anschauungen zu bekehren, daß ein Mensch, der sett Jahren aller Welt als seine heilige Pflicht ausposannt, si"ir die Emanzipation des Judentums von seinen dreistdummen Ritualgcbräuchen zu kämpfen, nun die Jugend der Schulen, die chm unterstehen, nicht von- „diesen Ritualgebräuchcn abwendig «lachen wollte"? Unaufrichtigkeit nennt es Salomon Rcinach, ihm solches zuzumuten. Unaufrichtigkeit, Herr Reinach? Wagen Sie das Wort in den Mund zu nehmen? Auf wessen Sette ist die Unaufrichtigkeit, auf der unseren, die lvir von Ihnen nur das behaupteten, weffen Sic sich seit Jahren rühmen, oder auf der Ihren, die Sic eine Vergangenheit von 26 Jahren verleugnen lvollen? Verleugnen, ja, denn lvir glauben cs nicht, und kein Mensch mit gesundem Menschenverstand wird es glauben, was Salomon Rcinach in dieser Zuschrift behauptet. Die ganze Sache ist ein Manöver, ein stiückzugsmtttcl, um den wankenden Sessel eines Vizepräsidenten der Alliance noch im' letzten Momente zu retten. Es muß schlimm bestellt sein mit Herrn Reinach, ivenn er zu einem solchen Büttel greifen muß. Ob es seine Wirkung haben wird oder nicht, ist für die moralische Wirkung dieser Zuschrift - gleichgiltig. Wir glauben aber, daß ein Mann mit hohem Ehrgefühl und starken moralisch en Oualitätcn lieber zehnmal sein ihm Teuerstes aufgeben wird, als v ersuchen zu wollen, Behauptungen flufzustellen, die man bcyn besten Willen nicht anders als Unwahrheite n nenneu kann . * Nr. 22 Wie der Herr, so der Diener; lote der Bize- Präsident,' so der Sekretär; lvie Salomon Reinach, so Jacques Bigart. Auch Jacques Bigart zittert, auch ihm ist die tiefgehende Entrüstung gegen die Alliance, die lveite Kreise der Jndenheit ergriffen hat/ in die Glieder gefahren; und der Herr Sekretär hat in seinem Schreck vergessen, daß, angestellte Beamte einer Partei neutral zu bleiben haben, und hat noch versucht zu retten, was zu retten ist. So ist er denn nach Basel gefahren und hat dort sowohl im Komitee, der Schweizer Alliance-Mitglieder sowie in einer öffentlichen Versammlung gesprochen. Was er gesagt hat und Ivie er cs gesagt hat, können unsere Leser ans unserenc Berichte entnehmen. Eine Tatsache sei nur erwähnt. In der öffentlichen Versamnilung hat Herr Jacques Bigart, von Herrn Dr. Iahudah-Berlin in die Enge getrieben, zugeben »müssen, daß er Exemplare des „T e m p s" und des „F i g a r o", mit den Berichten über die Rede, die Herr Leven vor zwei Jahren an die in Paris weilenden jungtürkischen Parlamentarier gehalten, und in der er den Zionismus verleumdet hat, an verschiedene türkische Polttiker versandt hat. Das wäre noch nichts Merkwürdiges. Daß die Alliance bereits soweit chrc Würde vergessen hat, um zu dcnt häßlichen Mittel der Denunziation zu greifen, wußten wir schon lange. Aber der Zufall wollte cs, daß gerade wenige Wochen vorher in einem Schreiben des Zentralkomitees an Präsident Wolfs-, sohn, das auch von Herrn Bigart unterzeichnet wurde — wir haben den Brief seinerzeit abgedrnckt — dasselbe versichert hat, daß die Alliance „nicht den geringsten Versuch gemacht habe, seine Tätigkeit zu durchkreuzen". Wie stehen die beiden' Erklärungen in Einklang? Das Pariser Konritce wird uns doch hoffentlich nicht einreden wollen — was bei schier kalten Stirn schon möglich wäre, — daß Herr Bigart die Exeniplarc aus eigener Initiative als Privatmann an befreundete türkische Staatsmänner' versandt hat. Es muß also wohl etwas nicht stimmen in den beiden Erklärungen. Welche die falsche ist, daran zweifelt wohl keiner unserer Leser. Und' damit ist die Sache erledigt. Moralisch aber steht diese Angelegenheit auf derselben Stufe wie die Erklärung des Herrn Reinach. Während wir dies schreiben, werden schon die Vorbereitungen zu den Wahlen in der Alliance getroffen. Ihren Ausgang kann bei der mehrere Wochen währenden Zählung der Stimmen niemand bestimmen. Mer, wer auch faktisch siegen mag, Paris oder Berlin, die eigentliche Schlacht 'ist schon geschlagen und der eigentliche Sieg schon errungen: niag auch Paris seine Liste durchbringen, moralisch ist es für immer vernichtet Wenn jemals Wahrheit gegen Unwahrheit, Recht gegen Unrecht, Ehrlichkeit gegen Unehrlichkeit gekämpft haben, so war cs in diesem Kampfe. Und cs müßte doch recht schlinmi mit der Wahrheit in der Welt bestellt sein, wenn nicht die D. K. G. in diesem Kampfe siegen würde! 2. Die „Statutenänderung" des D. I. G. B. und ihr Zweck. Es ist schlimm, ein Unrecht zu begehen; cs ist aber noch schlimmer,, ein begangenes Unrecht, nicht eingestehen zu wollen; und es ist sehr schlimm,, ein zu begehendes Unrecht nicht als solches zugcben zu wollen. Den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund trifft der dreifache Vorwurf, ein Unrecht begangen zu haben, dieses begangene Unrecht nicht zugebcn zu wollen und etti neues Unrecht, das er begehen will, als Recht hinstcllen zu wollen. Der D. I. G. B. hat vor zwei Jahren auf seiner Tagung jene famosen Reformvorschlägc gemacht, die dem deutschen Judentum unheilvollen Schaden zugefügt hätten; er ist infolge der richtigen Einsicht der Mehrheit der Tagung daran verhindert worden, dieses Unrecht zu begehen; anstatt es zuzugeben, hat er noch bitter über diese Unberufenen geklagt, die. die Annahme der Reformvorschläge ^glücklicherweise verhütet haben.