Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich«Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— * K-daKki-n und HefchLftssterre: Frankfurt a. m., trage 7 H-refo« 10507. Herausgeber: Salg Heis. - ... Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . 25Psg. Die Reklamezeile ........ . ioo „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankstrrt a. SR. unter No. 4864. ' - 9. Jahrgang. . Donnerstag, den 5. 8i>van 5671 (1. Jnni 1911). Rr. 22. Inhalt deS Hauptblattes. Artikel: Die Tätigkeit der Frankfurter „Weiblichen Fürsorge" in Galizien. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Eine moralische Vernichtung; 2. Die „Statutenänderung" des D. I G. B. und ihr Zweck. — Zu den Wahlen in der Alliance; —Aus aller Welt. — Feuilleton: Zwei Lügen. — Wo ch en-Kalen der.—Familiennachrichten. Die Tätigkeit der Frankfurter „Weiblichen Fürsorge" in Galizien. Von Binjamin Segel (Lemberg). Vor einiger Zeit sandte mir ein Herr aus Frankfurt a. M. den letzten Jahresbericht des dortigen Vereins „Weibliche Fürsorge". Der liebenswürdige Einsender machte mich besonders auf Seite 18 des Heftes aufmerksam. Ich ließ michaber trotzdem nicht dazu verleiten, diese Stelle zuerst zu lesen, sondern ging die Schrift vom Anfang an durch. Es war für mich eine wahrhaft erhebende Lektüre, denn ich ersah daraus, daß der alte jüdische Gei st, der den Frauen eine so bedeutsame Rolle im lieben der praktischen Nächstenliebe zuwies, von neuem zu erwachen beg i n n t und — ausgerüstet mit den Mitteln der modernen Kultur sowie mit dem Verständnis für die Bedürfnisse des modernen Lebens — tapfer auf die soziale Arena tritt. Endlich kam' ich zu der oniinösen Seite 18, und gleich die ersten paar Zeilen erfüllten mich mit umso größerer 'Freude, denn ich las dort: „Der Fortgang unserer Arbeit in Galizien ist ein sehr erfreülicher." Das ist leider kein ganz einwandfreies Deutsch, — aber schon allein die Tatsache, daß der Frankfurter Verein in Galizien „arbeitet", mußte mein Herz höher schlagen "lassen. Wer - weiß - es besser als ein Eingeborener, der jahrelang der Beobachtung und Erforschung dev sozialen und ökonomischen Lage seiner Brüder in Galizien gewidmet, der das Land nach allen Richtungen hin durchstreift hat und die verlorensten Nester kennt, — wer weiß cs besser als er, wie bftter not uns Arbeit tut! Und von wem könnten wir in Galizien besser arbeiten lernen, als von unseren Brüdern und -Schwestern in Deuts ch? land? Ach, meine Freude war nicht von langer Dauer. Die Lektüre der drei folgenden-Seiten erregte in mir mehrfache Bedenken, die ich hier vortragen möchte/ in der Ucberzeugung, daß sie unseren so wohlwollenden Freundinnen und Freunden in Frankfurt nur willkommen sein werden. Und gerade im jetzigen Zeitpunkt halte ich es für umso wichtiger, alle meine Bedenken frei und ungeschminkt herauszusagen, als man im, Auslande vor kurzem eine große Hilfsatkion zugunsten der galizischen Juden eingeleitet hat und. — wie es sich herausstellt — die schweren Fehler, welche die Initiatoren dieser Aktion in dieser kurzen Spanne Zeit begangen haben,, derselben Quelle entstammen, wie all das, was mir Anlaß zu den folgenden Ausführungen gibt. V * * Zunächst muß es auffallen, daß der Verein „Weibliche Fürsorge" sich zum Tätigkeitsfeld in Galizien die Städte Drohobycz, Kolomea, Stanislau und Tarnopol auserkoren hat. Diese vier Städte gehören nämlich zu den reichsten in Galizien; namentlich Drohobycz, die Millionär- und Protzenstadt, müßte sogar in Deutschland oder Frankreich als sehr reich gelten. Aber auch die drei anderen. sind sehr wohlhabend, und chre jüdischen Gemeinden vermögen und sind verpflichtet, alle Wohlfahrtseinrichtungen aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Doch rund um diese reichen Großstädte heruni lagern zahlreiche kleine Gemeinden, deren Einwohner — insbesondere die jüdischen — schwer mit Not und Elend ringen, deren Säfte, von jenen Städten ausgesogen werden, und für die ein lvenig Luft und Licht das Heil bedeutet. Hier ist der Hebel anzulegen! Hier muß das Werk der sozialen Fürsorge ansetzen. Hier hat man weder die Mittel noch die Muße, noch verfügt man hier über die entsprechenden Kräfte, sich selber helfen zu können. Es ist nur auf Unkenntnis der Verhältnisse zurückzuführen, wenn Frauen undMünner, die begeisterten; Herzens und guten Willens kräftig Hand anlegen möchten, um ihren galizischen Glaubensgenossen den Weg zu einer besseren Zukunft zu bahnen, ihre Arbeit in Drohobycz beginnen oder in Tarnopol. . . * 2 ie Unkenntnis der Wirklichkeit und der ta'tsäch lichen materiell en und geistigen Bedürfnisse der Juden Galiziens ist überhaupt die Ursache der merkwürdigen Erscheinung, daß alle von auswärts unternommenen „Aktionen" zur Zlbhilfe der galizischen Judennot, über die so viel geschrieben und debattiert wird, fruchtlos im S,ande verlaufen und sich allmählich das Vorurteil herausbildet, den galizischen Juden sei überhaupt nicht zu helfen, denn sie seien „indolent", .„unfähig" und Gott weiß, was sonst. Indolenz uno Unfähigkeit sind hier freilich im Spiel, nur muß man sie ganz anderswo suchen als auf Seiten des galizischen Gesamtju»entums. Ich weiß nicht, wer den Verein „Weibliche Fürsorge" zu dem hochherzigen Entschluß angeleitet hat, seine so wertvolle Arbeit auch ans ^aUzien auszudehnen; aber wer immer es' gewesen sein. wag — seine edlen Absichten in allen Ehrey —, viel Sachkenntnis hat er dabei nicht: an den Tag gelegt. Und ich, kann es ihm .nicht einmal verübeln. Auf drei oder vier Reisen durch ein Land, wobei man sich in einem halben Dutzend Ortschaften je einen - halben Tag aufhält . und mit: Personen: aus: der- „Intelligenz" konferiert, kann man selbst eine Provinz, deren Verhältnisse einfach und Üar zu übersehen sind, nicht kennen lernen, geschweige ein Land wie Galizien, dessen wirtschaftliche und politische Lage außerordentlich verworren ist, und wo die entgegengesetzten Verhältnisse dicht nebeneinander existieren. So bildet z. B. dieses an Rohstoffen so überaus reiche und an Kapital so überaus arme Land ökonomisch keine Einheit, sondern es zerfällt infolge seiner drückenden finanziellen und kommerziellen Abhängigkeit von Westösterreich in eine Reche von Provinzen, die von einander sehr verschieden sind. Ich begreife sehr wohl, daß Persönlichkeiten, die von Wohltätigkeitsdrang beseelt sind (und insbesondere Damen) und es eilig haben, diesen Drang zu befriedigen; es verschmähen, erst mit dem kalten Verstand zu Rate gehen, sondern ihrem warmen Herzen folgen und dort aufs Geratewohl Hand anlegen, wo ihnen das Elend in seiner schreiendsten Form entgegentritt. Wenn jemand aber nach Galizien reist, so besucht er zunächst die auf der Karte oder auf seiner Eisenbahnroute bezeichneten Städte. Das sind natürlich die größten und bekanntesten im Lander z. B. Drohobycz, Tarnopol, Kolomea, Stanislau. Und natürlich findet man hier, wie in allen reichen und großen Städten der Welt, auch sehr viel Elend, das nach Mhllfe schreit. Der kalte Verstand und eine gediegene Kenntnis des Landes würden freilich gebieten, nach den abseits gelegenen Nestern zu gehen, z. B. nach Kozowa," Bükaczowcze, Perchinsko, Bialykämien, Stratyn, Podhorce, Zalozce, Zorow, und wie sie sonst alle heißen, die Ruhestätten des Elendes undder Unwissenheit. Hier ist die Not hoffnungslos Md hilflos, denn' sie umfaßt die ganze Gemeinde, die „Reichsten" haben hier kaum wovon zu leben, und der alle Zeit und Kraft absorbierende Kampf ums Dasein läßt keinem auch nur die geringste Muße übrig, an die Verbesserung des Loses der Aermeren und Aermsten zu denken. Wenn irgendwo Hilfe nottut, so ist das hier der Fall. In den reichen Industrie- und Handelszentren darf man es getrost den steinreichen Gemeindemitgliedern überlassen, chre Pflicht den Armen gegenüber zu erfüllen. Einen Bau fängt man von unten an und nicht von dem First. Wenn Man einige der kleinen, armen und verlassenen Gemeinden mit guten Institutionen sozialer Fürsorge ausstattet, so darf man erwarten, daß die großen und reichen, die es sich doch wahrlich leisten können, mit jenen in Wettbewerb treten und .schon aus Ehrgefühl bei sich ähnliches — und zwar aus eigenen Mitteln — einführen werden. * Die Unkenntnis der Verhältnisse und der wirklichen Bedürfnisse des jüdischen Volkes in Galizien äußert sich noch auf eine andere Weise in dem Jahresbericht des Vereines „Weibliche Fürsorge", und zwar in einem noch fchmerzlicherem Gegensatz zn dem guten Willen, von dem die.- Leitung beseelt - ist, : Obgleich nämlich „der