Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692737--06205-2701186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MlW M 11t. 21 des Imnftfnriet IsmMWm fammtttffes. lieber die „Rameusfrage" iu Rußland. Bei den Russen hät der Name eine große Bedeutung. Da wird das Kind nach einem Heiligen benannt, da existiert der sog. Namenstag, dessen Bedeutung schon dadurch bewiesen ist, daß am Namenstag des Zaren die Schulen und Geschäfte geschlossen werden müssen. Die" Namensfrage ist aber in Rußland noch mehr, sie ist ein Problem im wahren Sinne des Wortes, und daß es, besonders i n R u ßland, keinen Wahn gibt, bei dem der Jude vergessen würde, ist selbstverständlich. Und welche Scherereien sind für den russischen Juden mit diesem „Problem" verbunden! Jedes Kind mutz bald - nach seiner Geburt ü. die Metrik mit seinem Namen und Vaternamen eingeschrieben werden. Dies besorgt bei den Jrcden der Kronrabbiner. Das Unglück ist nun, daß diese Kronrabbiner an kleineren Orten furchtbar unwissend und ungebildet sind und ein Kind mit einem russischen Namen nicht einschreiben wollen. Ja, noch mehr: oft weigern sie sich, einen biblischen Namen einznschreiben, etwa einen Namen wie Jakob, Moses, Joseph. Sie motivieren es damit, daß diese Namen Lei den Russen auch existieren und machen daraus künstliche Namen wie Jänkel, Moschka, Jessel. Natürlich liegt die Schuld auch oft an den Eltern, die darauf bestehen, daß ihre Kinder derartige Namen erhalten. 9kun würde ja dies nichts schaden, wenn nicht folgende Unannehmlichkeiten entstehen könnten: Sagen wir, ein jüdischer Schüler absolviert das Gymnasium und reicht seine Metrik und sein Abgangszeugnis in die Universität ein. Hier wird mui konstatiert, daß er in die Metrik als „Moschka Jankolewitsch" eingeschrieben ist, während er im Zeugnis so heißt, wie man ihn im Umgang nennt, nämlich „Moesci Jäkowlewitsch." (Moisei ist der russische Name für Moses.) Wegen dieses „Widerspruches" wird er in die Universität nicht ausgenommen. Solche und andere Mlle kommen tagtäglich vor. Bei allen ist noch der Fall mit dem Rechtsanwalt Brodski in Erinnerung, der nach der Metrik Aron hieß, sich aber in die Duma unter dem Namen Arkadius hat wählen lassen, weswegen ihm solche Scherereien gemacht wurden, daß er auf seine Wahl verzichten mußte. Bor kurzem ist folgendes vorgekommen: Der Rabbiner von Kischinew, Zirelsohn, wurde dem Gericht übergeben, weil er beim Eingänge in sein Haus ein Schildchen mit der Aufschrift „Ljew Zirelsohn" angebracht hatte. Jedenfalls heißt er in der Metrik „Leib." Der russische Name „Ljew" entspricht dabei dem jüdischen Namen „Lerb" ebenso wie der deutsche Name „Leo." Solche Mlle könnte man eine unzählige Menge anführen. Aber - die russischen Juden sind härtere Plagen Und Scherereien gewöhnt, und so können sie diese Unannehmlichkeiten noch ertragen. Sie helfen sich einfach dadurch, daß sie nun ihre Kinder mit solchen Namen benennen, die keiner Veränderung bediirfen, sie schreiben in die Metrik nicht ncehr „Leib" sondern „Ljew", nicht „Jankel" sondern „Jakob," nicht „Moschka" sondern „Moisei." Die wachsende Bildung bei den russischen Juden erleichtert mir diese Art der „Lösung" der Namensfrage. Kurz ' und gut, die nichtige Frage wäre der Erwähnung garnicht wert, wenn nicht folgendes eingetreten wäre: In der Synode, der 'höchsten geistlichen Institution Rußlands, hatte sich eine Kommission gebildet, die die Frage zu untersuchen hatte, ob die Judendas Recht haben, christliche Namen zu tragen. Es klingt komisch, aber es ist so: die griechisch-orthodoxe Geistlichkeit beschäftigt sich mit jüdischen Angelegenheiten! 9hm hat die Kommission ihre Arbeit beendigt und die Frage verneinend beantwortet. Es sei' hier auf zwei Reden, die in der Kommission gehalten wurden, hingewiesen. Zunächst auf die des-Professors der St. Petersburger geistlichen Akademie Glubokowski, der der Meinung ist, daß die Juden keinen Grund haben, christliche Namen zu tragen, da es in der Bibel allein über 2800 Namen gibt. Vom Standpunkt der jüdischen Religion sei es garnicht einerlei, welchen Namen ein Jude trage. Nur ungläubige und zu ihrer Religion indifferente Juden erlauben sich, christliche 9kamen zu tragen. Die letzte Rabbinerkonserenz habe sich im gleichen Sinne ausgesprochen. Außerdem sei jeder christliche Name ein Symbol des einen oder des anderen Heiligen, weshalb kein gläubiger Jirde einen christlichen Namen tragen dürfe. Also sprach Rabbi Glubokowski. Er hat an die Juden ein Wort gerichtet, das diese weder in der Bibel noch im Talmud noch in irgend einem anderen jüdischen Gesetzbuche*) finden werden, ein Wort, welches wohl noch kein Rabbiner an seine Gemeinde gerichtet hat. Woher er' seine Wissenschaft geschöpft hat, bleibt ein Rätsel. Was die *) Man findet diese Ansicht ja. D. Redakt. Rabbinerkonferenz anbetrifft, so schreibt eine hiesige jüdische Zeitung, daß seine Worte vo» der Wahrheit ein wenig abweichen. Die Rabbinerkonferenz habe nur bestimmt,, daß wenn ein Jude in der Metrik sowohl einen jüdischen als auch einen russischen Namen trägt, der jüdische Name als der Hauptname gelten solle. Mit anderen Worten, die Rabbinerkonferenz hat sich nicht gegen den Gebrauch christlicher Namen ausgesprochen,-sondern sie hat nur den jüdischen Namen einen Vorzug gegeben. Was aber die symbolische Bedeutung der christlichen Rainen anbetrifft, so möge Herr Prof. Glubokowski uns Juden selber dafür sorgen lassen. Um ihm aber zu beweisen, wie logisch er geredet hat, will ich nur darauf Hinweisen, daß die Juden sich dann nicht einmal solche Rainen aneignen dürfen wie Isaak, Jakob nsw., denn es gibt auch Heilige, die Jakob und Isaak heißen. Die andere bemerkenswerte Rede ist die eines anderen Professors der geistlichen Akademie zn Petersburg, Troizki. Dieser ist der Meinung, daß die Juden alle Namen tragen dürfen, da es in Wirklichkeit gar keine christliche Namen gebe. Es gibt nur jüdische und heidnische Namen. Das Christentum hat diese Namen übernoinmen, aber die Namen sind durchaus nicht christlicher Wstammnng. Außerdem, meinte Troizki, werden die gemeinsamen 9kamen bei Christen und Juden eine Näherung 'zwischen denselben bewirken. Die erste Meinung Troizkis wird niemand bezweifeln,' seine zweite Annalstne ist aber zu lächerlich, als daß sich damit aufzuhalten lohnte. Es ist nicht ersichtlich, auf'welche Namen die Synode ihre Bestimmung ausbreiten will. Auf solche Namen wie Moses und Jakob —: wohl kaum, obwohl cs cucch solche Heilige gibt. Mer man darf nicht vergessen, daß Namen wie- Iwan und Semjou (deutsch: Johannes und Simon), welche für echtrussische Namen gelten, auch jüdischen Ursprungs sind. Uebrigens, ist es nicht einerlei? Hat denn die Bestimmung der Synode etwa eine größere Bedeutung als die ganze „Namensfrage?" Das „Problem" ist nichtig, und die Bestimmung noch nichtiger! Wenn ich den Leser mit der Frage bekannt machen wollte, so geschah es nur, um ihm zu zeigen, wie man sich in Rußland den Kopf darüber zerbricht, auf welche Weise man dem Antisemitismus Ausdruck geben soll. Leo Kadinsky. ~ in eleganter Form, aus neuesten Stof fern ~ Für Herren.. zu 91k. 37, 30, 33, 35, 38, 40, 43, 45, 50-85 Für Jünglinge. . .zu Bk. 33, 35, 38, 30, 33, 35, 38, 40, 45-50 Für Knaben.zu Hk. 16, 18, 30, 33, 35, 38, 30, 33, 35—45 r fertige Anzüge : ~ : in einfacher Ausführung, aus soliden Stoffen* Für Herren. zn 91k. 14, 16, 18, 30, 33, 35 Für Jünglinge. .zu 91k. 10, 13. 14, 16, 18, 30 Für Knaben. zu 91k. 3, 4, 5, 6, 7 bis 15 Wir fertige! dis Adlige smgrösstea -VeU seihst aaa.trrefch3!&oelas aaGhertreffeae lieistuagsfählgheit. fasere Auswahl ist hesvorragead. Eisgang v. &eaheitea täglich. Verkauf zu billigen, festen Freisen, welche mit deutlichen. Zahlen anf jedem Kleidungsstücke vermerkt sind. Gustav Carsch L Co. Spezialhaus für Herren- .und Knaben-Kleidung MeMraueastrasee 3-10 Frankfurt a./39. Sana Srime 17. Filiale in Höchst a. M.: Königsteinerstrasse 5.