Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 5. Wenn uns zum Vorwurf gemacht wird, daß wir zwei von Paris vorgeschlagene deutsche Kandidaten in Süddeutschland abgelehnt haben, so haben wir wiederholt erklärt, daß wir uns zu diesem Schritt durchaus nicht aus persönlichen, sondern aus prinzipiellen Gründen genötigt gesehen haben. Diese Berichtigung war unerläßlich, um zu verhüten, daß die deutsch: Jüdenheit durch wahrheilswidrige und böswillige Mitteilungen über den Gang des gegenwärtigen Wahlkampfes fernerhin getäuscht wird. Deutsche Kvnfercnzgcmcinschft der Alliance Jsraelite Universelle. Der Vorsitzende. ‘ Max Fuchs, Jüstizrat und Notar. Berlin, den 21. Mai 1911.*) Brief aus Ungarn. Vom Hintergrund der katholischen Volksversammlung hebt sich ganz harmonisch die Rede des Kultusministers Graf Johann Zichy ab. Unter dröhnender Beifallskundgebung aller Dunkelmänner des Parlaments — und es ist dort zum Tappen finster — verkündet er, daß i,t Ungarn feilte andre Kultur und keilte andre Wissenschaft als die rein christliche geduldet werden ka'nn! Da wir nun auf unserem beschränkten Erdenfleck feine Zcusanbeter, Molochdiener, Konsucianer und Buddhisten zählen, gibt dieses moderne Krcuzerrittertum das erste offene Signal zum Kampfe gegen uns! Und daß sein Wort nicht Schall und Rauch ist,, dafür liesert die Statistik die Illustration. Von den 2i/4 Millionen Kronen, die den konfessionellen Mittelschulen gegeben werden, bekommt das zweiköpfische ungarische „Israel" im Ganzen 0,62«/o. Also um 4,42o/o weniger, als es verhältnismäßig fordern könnte. Der wahrhaft liberale Parteiführer Julius Justh, schleudert dem Minister ins Gesicht, daß er sich nun schon seit l1/* Jahren vergeblich abmühc, einer Lehrerin einen Posten zn verschaffen. Sie wird in der neuen Aera konsequent abgewiesen, weil ihr Stammbaum nicht auf der ungarischen Pustha gediehen ist .... . Die von Budapest sind einfach unverbesserlich. Sie flöten die längstverklungenen Geigermelvdicn mit falschem Ansatz nach und Erwarten von der reformatorischen Galvanisierung die Wiederbelebung ihrer absterbenden Elemente. Jetzt halten sie schon bei der Mädchen ko n f irma ti o n. 50V Stück weißgekleidete Zukunftsstammütter wurden ihrer jüdischen Prädestination entzogen. Es war eine Komödie von der exquisitesten Sorte, den langen Zug zu bewundern, der sich in die größte Synagoge Europas schlängelte, um dort für drei gctöte Stunden: Judentümelei zu spielen. Ein naiver Stiefelflicker meinte: „Das Judentum im Budapcster Westettd muß totkrank sein, wenn schon die Aiädchen dafür Tillim sagen. . . . In der Bewegung des orthodoxen Landesverbandes ist eine Stauung eingctreten. Man steht vor einem toten Punkt. Tic Zentrale in Budapest hat Angst vor unbefugte Elemente, die als Mitglieder der „Machsike Hadas" mit der Zeit in die Lage kommen könnten, den festen Bau der orthodoxen Autonomie, der setzt nach automatisch hirarichischen System aufgeweckt ist, in die Luft zu spreitgen. Kleinliche Eifersüchtelei hält die Geister gebannt und die Kräst gefesselt. Ter geniale Manu ist iwch imnier nicht erstanden, der die tausendfachen Möglichkeiten in segenbringende Autorität auslöscu konnte. Zioni. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin.- Bei der Abstimmung über die einzelnen Paragraphen des Vcrfassungs- und Wahlgesetzes für Elsaß-Lothringen wandte sich im Reichstage der konservative Abgeordnete Winkler dagegen, daß ein Vertreter der jüdischen Konsistorien in die erste Kammer komme, da nur die evangelische und die katholische Kirche als Konsession anerkannt sind. — Bei der Abstimmung wurde gegen die konservativen Stimmen der jüdische Vertreter aufrecht erhalten. *) Hinzngefügt sei hier, daß die Nachricht über die Tagung des NürnbergerLokalkomitees . in der Form, wie sie verschiedene jüdische Blätter brachten, gleichfalls ein W a h 1 m a n ö v e r war. Herr A. Grünbauin, Mitglied des Nürnberger Lokalkomitces, hat diesen Blättern eine Berichtigung zugesandt. Es kann nicht scharf genug gerügt werden, daß vereinzelte Persönlichkeiten in der deutschen Jüdenheit — so.Geh. Hofrat Dr. Josephthal- Nüruberg — zu Paris halten und . so die schlagende Hand noch untertänigstküssen. D. Redakt.. frankfurter AsraelltiskyeS Fanrklienblatt. Oesterreich-llrrgar». Budapest. Bei der Fahnenweihe des k a t h 0schen Landesverbandes herrschte bei Anwesenheit zweier gewesener Minister und der großen Aristokratie wahre Pogrom luft. Es wurde offen zum" Totschlag gegen die Juden gehetzt. Die 5000 köpfige Masse erfaßte ein Beifallssturm. Die Polizei fand sich, da sic die Oberströmung kennt, nicht befugt, einzuschrciten. Die nächste Zukunft läßt trübe Tage erwarten. Zioni. Koste! (Mähren).. Der Wahlkampf für den Reichsrat erreicht allenthdlben seinen Höhepunkt. In jüdischen Kreisen sieht man dem Wahlausgänge in dem Wahlbezirke Mkolsburg-Göding mit großem Interesse entgegen. In diesem Bezirke, welcher bisher von dem getauften Juden Prof. Josef Redlich vertreten war, kandidiert nämlich Lucian Brunner mit jüdisch-nationalem Programm. Ungeachtet der großen Schwierigkeiten, denen im „deutsch-liberalen" Mähten ein jüdischnationaler Kandidat begreiflicher Weise begegnen muß, ist für die jüd.-nationale Partei begründete Aussicht vorhanden, den Renegaten Redlich zu schlagen. Wie es scheint, besinnen sich die jüdischen Wähler, die in diesem deutschen Wahlbezirke ungefähr 30«/o der Wähler ausmachen, a l lmäylich darauf, daß es für sie eine Schmach bedeutet, den schnöden Abfall vom Inden tu me mit der Verleihung eines Mandats zu belohnen. In Nikols bürg. Koste!, Ung.-Brod, Ung.-Hradisch und Pohrlitz hat bereits die jüdische Wählerschaft für Lucian Brunner Stellung genommen. Würde dies auch in den anderen Gemeinden geschehen, könnte in Anbetracht der zu erivartenden Stimmenzersplitterung — Christlichsvziale, Deutschnationale, Sozialdemokraten, Wirtschaftspartci — mit der Wahl Brunners gerechnet werden. Rußland. Kiew. Dadurch.daß die offiziöse „Kiewljanin" trotz ihrer antisemitischen Richtung die Ritual mordhetze verurteilt und die Behörden bisher offensichUich das Ausbrechen eines Progromes verhinderten, hat sich die Furcht der jüdischen Bevölkerung etwas gelegt. Die Haltung der Behörden ist vielleicht damit zu erklären, daß für die nächsten Monate hier der Besuch des Zaren erwartet wird. Türket. Konstantinopel. In der Kammer gab es — hcrvorgerufen durch Ru h i - ül - H al id i aus Jerusalem — am 16. Mai eine zi0nistische Debatte. Auch die türkische Kammer hat ihre Hetzer gegen die Juden, die mit Hirngespinsten operieren. Doch wurde den Hetzern gebührend erwidert. So rief Hafis Ibrahim aus: „Jetzt wiederholt man dieselben Dinge schon zum fünfzehnten Male. Es ist geradezu lächerlich sich fortwährend mit derartigen Hirngespinsten zu beschäftigen. Wir verfügen über eine Million Soldaten und wenden 18 Millionen Ltq. für unsere Armee auf. Sollen wir uns da vor 100 000 Juden fürchten, die mit ihren Familien nach Palästina gckominen sind? Das ist einfach zum Lachen!" Herausgegriffen seien auch die Aussührungcn des Deputierten Wlahvff Effendi. Nachdem er von dem Mangel an Industrie und von dem stutzen der Einwanderung für das Türkische Reich gesprochen hatte, fuhr er fort: „Nach arabischen und jüdsichen Angaben sind in Syrien 90000 Juden, 80000 Christen und 524 000 muselmanische Araber ansässig. Die Mehrzahl der Juden sind Osmanen. Sie haben niemandem Land weggcnommen, sondern unbebautes Land fruchtbar gemacht. Sie haben zur Vermehrung der Steuern und der Staatseinnahmen bei ge tragen. Sie führen die Industrie und den Ackerbau mit modernen Mitteln ein. Die Steuern von Rischon le Zion sind von 30 aus 3320 Ltq. gestiegen, die von Petach Tikwah von 10 auf 2630 Ltq. usw. Der Bodenpreis, der erst 25 Piaster per Dunam betrug, stieg auf 250 Piaster. Deshalb ist die Einwanderung zu schützen. Die Lage der arabischen und jüdischen Kolonisten ist dieselbe: sie sind alle Brüder. Es ist an 1>er Zeit, ben Verleumdern ein Ende zu machend Durch solche Intrigen wurde Dschavid Bej zur Demission gezwungen. (Lärm.) Gewisse Blatter greifen die Juden ungercchterweise an und wollen nur Zwietracht säen zwischen Türken, Juden und Christen. Diese .sind brüderlich vereint, was man auch sagen möge, und unsere bekannten Feinde, das sind die Feudalherren in der Provinz." In seiner Rede am Schluß der Generaldebatte kam auch Halil Bej., der Minister des Innern, . auf den. Zionismus zu sprechen,; Die Regierung wolle .«Wt am die Nchionalitätei< an dix Reti- Nr. 21. gionen und an .die Sprache» der verschiedenen Elemente rühren. Was den Zionismus betreffe, so werde sie verhindern, daß Ansamütlungen fremder Juden in irgend einem Teile des Reiches eigene politische Ziele verfolgen. — Das ist sehr diplomatisch nichtssagend ausgedrückt. Bulgarien. Sofia. Die Juden Bulgariens haben beschlossen, sich an den Wahlen für die in einigen Monaten stattfindende große Nationalversammlung mit eignen Kandidaten zu beteiligen. Die Regierung steht diesen Bestrebungen sehr sympathisch gegenüber. Die jüdischen Kandidaten sind Karl Herbst und John D a v i d L e v i. Palästina. Jaffa. In dem neuen jüdischen Stadtviertel Tcl-Awiw fand die Grundsteinlegung der Synagoge statt. Etwa 1000 Personen hatten sich zu dieser Feier eingesunden. S. D. L e v 0 n t i 11, Direktor der A. P. C., hielt eine Ansprache über die nationale Bedeutung der Synagoge im Judentum. SchriftstellerMordechai LenHillelHakohen verlas die Bauurkunde. Die eigentliche Grundsteinlegung wurde von Oberrabbiner A. I. Kuk und dem Rabbiner der Chassidimgcmeinde vollzogen. Eine hierauf vorgenommette Sammlnng für den Bausands der Synagoge ergab ca. 2000 Frcs. Tie südwestlich von Ramleh, in der Nähe von Jamnia (dem alten Jabneh) gelegene jüdische Kolonie E k r 0 n, die ca. 300 Seelen zählt, hat seit kurzem eine moderne Wasscrleitun g, - die sämtliche Haushaltungen mit gutem Trinkwasser Versorgt. Auch ein össentlicher .Brunnen ist in der Haupstraße der Kolonie eingerichtet worden. Amerika. New-Aork. Die wirtschaftliche Krise im Ostend hat nicht nur zahllose jüdische Arbeitslose zur Folge, sondern auch große Erfolge der Mission. Das jüdische Viertel ist von den Missionären .geradezu belagert. Jeder Tag bringt neue Fälle der Seelenfängerei; und es ist charakteristisch für die Zustände, daß cs besonders kleine Kinder sind, deren sich die verschiedensten Abteilungen der katholischen oder evangelischen Mission bemächtigen. Die Arbeit der Missionäre, der im letzten April zweihundert Personen anheimgesallen sind, vollzieht sich ä la Pastor- Rassel unter dem Teckinantel der Judcnfreundschaft. Gegen diese neueste Plage haben sich die Kehillah, die zionistischen Vereine und die „Urning Womcn's Hebrcw Association" zu gemeinsamer Abtccl-te vereinigt. In der Nachbarschaft aller Missionsquartiere sind „Hcbrew Schools for Childrcn" errichtet worden. Die aus jungen Mädchen bestehende „Altneuland Auxiliary" hält öffentliche Versammlungen im „Universitt) Settlement," dent Hauptsitz der Mission, ab und klärt die Kinder über die ihnen drohenden Gefahren ans. Es ist auch bereits gelungen, der Mission zahlreiche Kinder zu entreißen und sic den Eltern wieder zuzuführcn. Die Rabbiner sind ersucht worden, von der Kanzel herab die jüdischen Mütter zur bessern Beaufsichtigung ihrer Kinder zu ermahnen. Rew-Nor/. Einem Besicht des Handelsdepartements über die wirtschaftliche Lage der ein - gew and erteil Juden entnehmen wir folgendes: 1904—08 kamen 403 772 Juden an. Gegenwärtig ' gibt cs in Vewyork sechs, ausschließlich von Juden bewohnte Stadtteile. In Chicago leben 50 000 Jttden mit Jargon als Umgangssprache. Cleveland, Philadelphia, Baltimore, Cincinnati usw. haben heute eine große jüdische Bevölkerung. Hittsichtlich der Berufe nahmen die Inden den wichtigsten Platz in dem Schneidcrgewcrbe und dem Handel mit fertigen Kleidern ein. In . der letzten Zeit jedoch hat sich dieses Verhältnis stark verschoben. Heute kommt auf. 'je 100 italienische Schneiderinnen bloßeine jüdische. Heilte wird die. Klciderkonfcktion zum größten Teile von Italienerinnen als Heimarbeit betrieben. Hingegen ist die'Zigarettcnfabrikation fast ausschließlich Heimarbeit jüdischer Mädchen und Frauen. In Cleveland ist die Hauptbeschäftigung der Juden der Kleiderhändel und die Zigarrenfabrikation. I» Pittsburg gab cs im Jahre 1909 200 jüdische Motorführcr und Tramway-Kondukteure. Bon 1000 ails Rußland eingewanderten jüdischen Familien liegen Aeußernngen über ihr Hausbudget vor. Sie verdienen alle mit Ausnahme von 5 Familien 10 bis 30 Dollars die Woche. Der' Verdienst der Frauen in den jüdischen Familien ist sehr gering. Die jüdischen Familien bewohnint durchschnittlich vier Räume, so daß jeder Raum dyrMchuittlich -von- 2 Personen , bewohnt wird; trotzdem sind die gesundheitlichen Verhältnisse gute.