Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Frankfurter ZMaeMDes FamklfenbkaK. Seite 3. die Zionisten bereits einen Staat geschaffen, haben sie eigene Postinarken und Gerichtshöfe, gingen sie mit eigenen Fahnen herum und erkennten nicht mehr die türkische Regierung an. Es ist natürlich, das; ein türkischer Politiker den Zionismus scharf niigrcifen muß, wenn er ihm in dieser Weise dargestcllt wird. Dann kann und muß er — wird eilt Mensch mit gesundem Menschenverstand sagen — sich über die wirklichen Absichten des Zionismus vergewissern. Er kann und muß! Gewiß. Aber dafür haben diese Staatsmänner keine Zeit, es gibt so viel Jntriguen zu spinnen, so Geheimbünde zu, schließen, daß man sich wirklich nicht die Zeit nimmt, solche Dinge selbst zu studieren. Man hört, was andere sagen und spricht dann. Und die anderen sagen viel und oft. Nicht nur F r e s c o . und Genossen können sich nicht genug tun in Denunzieren und Entstclleu des Zionismus, auch von anderer Seite, die noch weitaus mehr Einfluß hat, sorgt man dafür, den türkischen Abgeordneten, und Ministern ein Granen vor dieser gefährlichen Bewegung einzuflößen. Wer diese andere Seite ist, darauf läßt ein Artikel schließen, den die „Times", das führende englische Blatt, vor kurzem aus der Feder seines Konstantinopelcr Korrespondenten gebracht hat, und in dem gleichfalls von der „Staatsgcfährlichkeit" des Zionismtls gesprochen wird. Nun hat zwar Präsident W'olffsohn in der „Times" eine energische Erwiderung gegen diese Beschuldigungen veröffentlicht, aber damit alleiit ist es nicht genug. Das einzige wirksame Mittel gegen die Denunziation ist die unablässige Bemühung,, gegenüber den Entstellungen das wahre Wesen des Zionismus innerhalb des türkischen Volkes darzustellcn. Es liegt ein gewisser Vorwurf gegen die zionistische Parteileitung in der Tatsache, daß von all den türkischen Politikern, die sich bisher — meist gegnerisch — über den Zionismus geäußert haben, kein einziger fast mit seinen wirklichen Zielen vertraut war, daß der vorige Minister des Innern ihn sogar mit der A. K. D. verwechseln konnte. Durch zionistische, energische und umsichtige Vertreter in Konstantinopel, durch Verbindungen mit den türkischen Blättern, durch die Verbreitung französisch und türkisch geschriebener Flugblätter und Darstellungen über den Zionismus, durch all diese und andere Mittel muß es mit der Zeit gelingen, die falschen Vorstellungen, die so vielfach in der Türkei gehegt werden, zu zerstreuen. Und damit würde endgültig die Abneigung der meisten heutigen Gegner des Zionismus im türkischen Parlament überwunden werden können, eine Abneigung, die, wenn auch jetzt noch nicht sehr gefährlich, doch sehr unangenehm und störend ist und später zu einer wirklichen Gefahr werden kann. wenn diese Neneinführmtg unumgänglich ist, als Bicaire einen offiziell anerkannten Rabbiner aus ihrer Mitte wählen müssen. Gegen die Person Schakis kann niemand ctlvas einwenden, er ist ein kluger, frommer Mann, in jüdischen Schriften sehr bewandert. In seiner grenzenlosen Bescheidenheit hat er sich erst nach langem Zögern dazu entschlossen, dieses Amt probeweise auf sich zu nehmen. Das wissen die Chachamim ganz genau, der Kampf ist also hauptsächlich gegen den Großrabbiner gerichtet. Ein hiesiges spaniolisches Blatt, das durch seine Bekämpfung des Zionisntus auch in Deutschland bekannt geworden ist und das, wenn auch tricht offiziell, als Organ des Großrabbiners gilt, zog nach seiner Gewohnheit mit scharfer, gehässiger Feder gegen die Chachamim ins Feld. In einem Schreibett erklärte der Mcdschliß-rnchani, seine religiöse Tätigkeit in der Gemeinde solange einzustcllen, bis in allen hiesigen jüdischen Zeitungen von Seilen des Großrabbinats und des Gemeinderats veröffentlicht sein wird, daß sie mit dcit schmähenden Ausführungen des Blattes nichts gentein haben. Nach einem Artikel im „Jeune-Turque" von gestern hätte der Gemeinderat seine Entrüstung gegen die beleidigenden Artikel des spaniolischen Blattes ausgedrückt und den Großrabbiner anfgefordert, zwecks Schlichtung des Konflikts eine Nationalversammlung einzuberufen, vor der auch der' Redakteur der genannten Zeitung sich zu verantworten haben werde. Der Mcdschliß-rnchani sei gleichzeitig ersucht worden, einstweileit seine religiöse Funktion wieder aufzunehmen. K. Der Konflikt zwischen dem Äkedschlitz rnchani und dem Grotzrabbiner. Konstantinopel, 18. Mai. Seit einiger Zeit gärt es hier wieder. Dicsinal sind es die Chachamim, Mitglieder des Mcdschliß-ruchani, des geistlichen Rates, die von sich hören lassen. Nachdem sic Jahrzehnte lang widerstandslos der Autorität des Großrabbiners sich gefügt hatten, rafften sie sich auf einmal auf, ihre ihnen gesetzlich Ankommenden Rechte zitr Gcltttng zu bringen, tun somit auch ihr Prestige zu heben. Zu diesem Zwecke vereittigten sich die . zwanzig Rabbiner im Stillen und harrten des Zeitpunktes, der Ocffentlichkcit ihre durch die Einigung erlangte Macht zu zeigen. Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Der Großrabbiner, dcnt die Bürde seines Amtes manchmal zu schwer wird, ernannte I i z ch a k Schake zu seinem Vertreter, zum sogen. Bicaire, ohne vorher mit dem Medschliß-ruchani, wie cs sich geziemt hätte, zu beraten. Gegen diese Eigenmächtigkeit protestierten die Chachamim ganz euer gisch.. Sie wollten erstens die von dem ökumenischen Patriarchate kopierte Einrichtung des Bieaires nicht zulassen. Zwestens, meinten sie, hätte man, Der Wahlkampf in der Alliance. Die Antwort der Deutschen Konferenzgemeinschaft. Auf das in unserer vorigen Nummer veröffentlichte Schreiben des Pariser Zentralkomitees hat die Deutsche Konferenzgemeinschast unter dem 15. Mai ausführlich geantwortet. Der Brief stellt fest, daß die Pariser Sitzung voiu 3. Mai den deutschen Forderungen nicht allein i» keine», Punkt Rechnung getragen hat, sondern überdies noch drei deutsche Kandidaten aus der ursprünglich auf 36 festgesetzten Liste gestrichen hat, „weil die kurze Zeit bis zum Wahltcrmin eine Verständigung über drei neue Kandidaten nicht mehr gestatte." Es wird noch einmal der Wunsch ausgesprochen, bei der Prüfung der aus allen Weltteilen in Paris einlaufendcn Wahlzettel durch einige deutsche Mitglieder vertreten zu sein. Sodann beleuchtet der Brief die Gründe, die die Pariser Zentrale für das Verbleiben Reinachs anführt. Es heißt da u. a.: „In unsern Angen b edeute t es e inc Verletzung der Pflichten der Alliance, wenn einer ihrer Leiter durch völlig unbegründete Anklagen Millionen von Juden wegen ihrer religiösen llebcrzcugung in den Augen der gesamten nichtjüdischen Welt als rückständige Menschen hinstcllt. Die Leiter und Vertreter der Alliance haben die Aufgabe: Juden zu verteidigen, nicht anzuklagen; haben die Pflicht, Zwistigkeiten ausznglcichen, nicht Zwietracht unter unsere Glaubensgenossen zn säen. Es muß zum Schade» der Allgemeinheit füllen, wenn eine agressive Stellung der Leiter zur Folge hat, daß jüdische Institutionen und Bewegungen — mögen sie unsere volle Zustimmung haben oder nicht —, von der Miance öffentlich und geheim bekäinpft werden." „Und müßte es uns nicht schon unsere Würde verbieten, einen Mann an der Spitze unserer jüdischeit Bereinigung zn sehen, dessen Aeußerungen über Juden und Judentum dieselben sind wie die unserer Feinde und der Renegaten, die gern eine wissenschaftliche Begründung für ihren Abfall vergeben?" „Sehr befremdend wirkt. auf uns die Bemerkung unseres Herrn Präsidenten, daß Herr Rcinach Mitbegründer der I. C.-A. ist. Wie uns bekannt ist, hat Baron Hirsch allein das Kapital für die I. C.--A. gestiftet, und bloß der Umstand, daß Herr Rcinach vielleicht in seiner Eigenschaft als Mitglied des Aussichtsrats die Stiftungsurkunde mitnnterzeichuct hat, dürfte unserer Ansicht nach kein genügender .Grund sein, Herrn Rekkiach. als Mitbegründer der I. C.-A. anzusehen. Die Deutsche Konferenzgeinciitschaft sucht nun die Frage zu beantworten, wieso das Unbegreifliche möglich ist, daß ein Mann von den Anschauungen Reinachs sich für berechtigt hallt, an der Spitze einer jüdischen Organisation zu stehen und findet nur die folgende Antwort als die einzig möglich^: „Herr Rcinach ist ein erklärter Feind aller überlieferte» Religionen und betrachtet es als seine Aufgabe, die nach seiner Ansicht noch zurückgebliebene fanatische Welt aufzuklären und eines Besseren zu belehren. Bon diesem Eifer durchdrungen, würde Herr Rcinach gewiß ebensogut den Kampf gegen andere überlieferte Religionen anfnehmeii, würde man es nur ermöglichen, seinen „Aufklärnngskanipf" von einer prominenten Stelle aus ztt führen." Der Brief konstatiert zum Schluß, daß die erste Anregung zur Ablehnung des Herrn Rcinach von liberaler Seite ausgegangen ist. „Denn wenn anck, die Liberale» nicht in jeder Hinsicht mit den Vertretern strengster Observanz"' im Judentum einverstanden sein können, — darin sind aber Liberale wie -Konservative unbedingt einer Meinung, daß nämlich das Judentum in seinen Grundprinzipien erhalten blcibeit muß, und daß das Judentum in religiöser und ethischer Hinsicht noch Kraft und Leben besitzt, um die Menschheit zu jenem religiösen und sittlichen Ideal zu erziehen, für das wir Inden schon seit vielen Jahrhunderten käntpfen und bluten." Der Brief ist unterzeichnet von Jnstizrat M a x Fuchs und Geh. Medizinalrat Prof. Dr. L. L a n d a u. * - Erklärung. . In verschiedenen jüdischen Zeitttngen gelangte eine atts Berlin herrührendc Korrespondenz zutn Jlbdruck, in der .über den Wahlkantpf zwischen dem Komitee Zentral der Alliance in Paris und der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft einige Mitteilungen gemacht werden, die geeignet sind, die Leser über die wahre Sachlage Irre zu führen und daher einer Berichtigting bedürfen. 1. Es ist nicht richtig, daß die ganze Aktion gegeit Paris nur unter Leitung der Herren Geheimrat Landau und Dr. Ja hu da geführt wird. Eine ganze Reihe von Mitgliedern des hiesigen Lokal-Komitees beteiligt sich ununterbrochen in gleicher 'aufopferungsvoller Weise an unseren Sitzungen und Beratungen über die schtvcbcnde Wahlfrage. 2. Es ist nicht richtig, daß Herr Tr. Jahn da das Amt eines Geschäftsführers der D. K. -G. übernommen hat. Wahr ist nur: daß unser bisheriger Geschäftsführer seine Demission aus dem Grunde eingereicht hat, weil ihn seine beruflichen Pflichten daran hindern, das ihm von uns anvertrattte Amt mit der Energie zu versehen, die die jetzige Zeit erfordert. 8. Es ist nicht wahr, daß wir in Paris Zionisten als unsere Kandidaten aufgestellt habett. Wie uns versichert wurde, gehört kein einziger unserer Kandidaten der zionistischen Partei an. Eilte grobe Unwahrheit ist es, wenn gesagt wird, unsere Pariser Kandidaten behMpten, wir hätteit ihre Namen mißbraucht. Wir haben keinen einzigen von diesen Kandidaten ohne vorher eingeholte attsdrückliche Einwilligung ausgestellt. Wahr ist nur: daß einer unserer französischen Kandidatett. der eine hohe soziale Stellttng einnimmt und guter, treuer jüdischer Gesinnung ist, aus Betreibcit des Sekretärs der Alliance Herrn B i g a r t sich gedrängt fühlte, uns gegenüber seine Bedenken gegen seine Kandidatur auszusprechen, tveil der Herr Sekretär ihnt unsere ganze Aktion als eine deutsch-nationalistische bezeichnet hübe. Die Behauptung, daß eiitige ttnsercr Pariser Kandidaten nicht einmal der israelitischen Kultttsgemeinde angehören, ist itur daztt angetan, in Deutschland die Auffassung zu verbreiten, als seien die betr. Herren konfessionslos, was aber durchatts nicht der Fall ist, weil cs in Frankreich bekanntlich seit der Trennung von Kirche und Staat keine anerkannten Kultnsgemcinden gibt, und cs jedem Inden freisteht, einer Kultttsgemeinde anzngehörcn oder nicht. Diese offenbare Irreführung der ösfentlichen Meinung in Deutschland kann nicht scharf genug gerügt werden; umsomehr, als zwei unserer Kandidatett sogar koitservativer Richtung sind. Zur. Charakerisicrung der von Paris ans gegen uns betriebenen Agitation wollen wir hervorheben, daß unsere Bewegung in Deutschland bald als deutsch-nationalistische, bald als zionistische, und wenn es paßt, als orthodoxe hingestellt wird, — alles lediglich zu dein Zweck, unr diese Bewegung zu diskretieren, die in Deutschland wie im Auslände erfreulicherweise immer toeitcrc Kreise ergreift. 4. Es ist nicht wahr, daß wir die Vertretung der ottomanischen Judcnheit im Komitee Zentral in unserer Liste ausgeschaltct haben. Wahr ist vielmehr, daß wir an Stelle des von Paris ausgestellten Herrn Isaac Fernandez das Mitglied des Kaiserlich Ottomanischen Senats Be hör E f f e n d i A s ch k e n a z i in die Liste der Kandidaten aufgenommeit haben. Diese von Paris aus in Deutschland verbreitete Behauptung .geht darauf zurück, daß eine frühere, noch im Borbereitungsstadium befindliche Kandidatenliste durch Indiskretion nach Paris übermittelt wurde. Die Herren in Paris haben es nicht einmal für nötig gehalten, uns anznfragen, ob die ihnen zugegangene Liste bereits als feststehend zn - betrachten sei. '